Die Erfinder des Heavy Metal sind vielfältiger und feinsinniger als gedacht. Ihr sechstes Album markiert ihren musikalischen Höhepunkt, mit viel Abwechslungsreichtum und den schärfsten Gitarrenriffs.
Als ich vor einigen Jahren wieder die alten Platten herauskramte, die ich als Jugendlicher gehört hatte, gab es einige Überraschungen, mit denen ich so nicht gerechnet hätte. Ich muss dazu sagen, dass es zu Beginn der 80er Jahre offenbar zu einem Schnitt in meinen Hörgewohnheiten gekommen war, im Zuge dessen ich vieles, was mir in den 70ern als hoch und heilig galt, aussortierte. Dazu gehörte so ziemlich die gesamte Hardrock-Abteilung meiner Plattensammlung; angefangen von AC/DC und Black Sabbath über Deep Purple und Led Zeppelin bis hin zu Nazareth, Rainbow und Uriah Heep.
Stattdessen begann ich (ähem) „Jazz“ zu hören (oder was ich dafür hielt): George Benson, Lee Ritenour, Spyro Gyra, Mezzoforte und diesen ganzen Rotz, den ich inzwischen überhaupt nicht mehr (oder nur noch in homöopathischen Dosen) ertragen kann. Das war auch die Zeit, wo in meinem Freundes- und Bekanntenkreis auf einmal viele damit anfingen, Bier zu verschmähen und sich stattdessen Weinkenner-Attitüden zuzulegen.
Dem Himmel sei Dank, dass ich über neue Leute zur Indie-Szene kam; was musikalisch auch so etwas wie ein back to the roots für mich war. Zurück zu den Anfängen meiner frühen Leidenschaft für den Beat der 60er, dem Glamrock der 70er und allem, was mit Songs, Stimmen und guten Melodien zu tun hat. Damit verband sich auch eine bestimmte Herangehensweise ans Musikmachen, bei der es wieder stärker um Intuition und Spontaneität ging, anstatt Verkopftheit und Virtuosität. Gitarre einstöpseln und los! Rock'n'Roll! Jazz ist für Angeber!
Black Sabbath war die Überraschung
Wie auch schon der Punkrock ab Mitte der 70er Jahre, war die Indie-Bewegung der 80er in weiten Teilen ein Sixties-Revival gewesen. Das führt jetzt aber in eine ganz andere Richtung. Worauf ich eigentlich hinaus wollte, ist, dass ich irgendwann – noch gar nicht so lange her – Lust verspürte, mal wieder meine alten Hardrock-Scheiben anzuhören. Dabei musste ich leider feststellen, dass vieles davon, meiner Meinung nach, gar nicht gut gealtert ist.
Das meiste von Deep Purple zum Beispiel. Oder Uriah Heep – ganz schlimm! Dagegen sind AC/DC, gerade in ihrer Anfangszeit mit Bon Scott, der absolute Knüller. Rainbow wiederum kann ich bis auf wenige Ausnahmen wie „Catch the Rainbow“ oder „Temple of the King“ von ihrem Debütalbum auch nicht mehr hören. Dasselbe giit für die Schottenrocker von Nazareth. Wobei ich ihre Version von Joni Mitchells „This Flight Tonight“ nach wie vor ganz großartig finde.
Led Zeppelin hatte ganz am Anfang auch viele gute Sachen, die mir nach wie vor sehr gefallen. Allerdings wurden ihre Scheiben, für mein Dafürhalten, schon bald immer durchwachsener. Das gilt, meiner Meinung nach, auch für ihr hochgelobtes viertes Album. Die große Überraschung war für mich jedoch Black Sabbath. Als die Erfinder des Heavy Metal hatte ich sie recht grobschlächtig und musikalisch wenig gehaltvoll in Erinnerung. Ein großer Irrtum, wie sich herausstellen sollte.
Ausflug in softere musikalische Grenzgebiete
Beim Wiederhören wurde ich mir erst so richtig über deren Vielfältigkeit, ja geradezu Feinsinnigkeit klar. Black Sabbath und feinsinnig? Ja, doch! Nicht erst seit der Ballade „Changes“ und dem Instrumentalstück „Laguna Sunrise“ von ihrem Album „Vol. 4“, sondern auch schon mit dem angejazzten „Planet Caravan“ von ihrer zweiten Scheibe und dem psych-folkigen „Solitude“ von ihrer dritten, haben die vier Engländer gezeigt, dass sie auch anders können.
Und wenn man sich auf ihrem 1974er-Album „Sabbath Bloody Sabbath“ etwa das Instrumentalstück „Fluff“ anhört oder bestimmte Passagen des Titelsongs, dann kann man das eigentlich gar nicht anders nennen. Überhaupt ist ihnen mit der Scheibe – geradezu aus Versehen – ihr bis dahin reifstes Album gelungen. Und das, obwohl interne Querelen und der allgemeine Überdruss, der aus jahrelangem Tourneeleben und damit verbunden Alkohol- und Drogenexzessen resultierte, die Band an den Rand des Abgrunds geführt hatte.
Apropos Alkohol: Davon war bei den Studioaufnahmen wohl auch reichlich im Spiel gewesen. In einem Interview erinnert sich Yes-Keyboarder Rick Wakeman, der als Gastmusiker mitwirkte, dass es im Studio eine Bar gab, die rund um die Uhr geöffnet hatte. Als er dort ankam, war die Band schon völlig hinüber. Der Tontechnikassistent war der Einzige, der noch halbwegs ansprechbar war. Wakeman, der, nach eigenen Angaben, ebenfalls schon mit beträchtlicher Schlagseite im Studio eingelaufen war, tüftelte sodann im Alleingang seine Parts aus und spielte sie ein.
Ein Feuerwerk an rattenscharfen Rockriffs
Während „Sabbath Bloody Sabbath“, entgegen des martialischen Titels, in weiten Teilen wie ein Ausflug in softere musikalische Grenzgebiete klingt – das finale „Spiral Architect“ wartet mit Akustikgitarren-Intro und opulentem Streicherarrangement auf und könnte direkt einer der Rockopern von The Who entsprungen sein –, kehren Black Sabbath mit dem Nachfolger „Sabotage“ von 1975, der jetzt im Juli sein 50. Jubiläum hat, wieder in ihre angestammten Gefilde zurück.
Schon beim Opener „Hole in the Sky“ lassen sich die Heavy-Rocker aus Birmingham nicht lumpen. Aber das ist alles noch gar nichts gegen das, was da noch kommt. Zuerst aber bricht das Stück urplötzlich ab, und es erklingt, wie aus dem Nichts, eine leise Akustikeinlage mit zwei Spanischen Gitarren. Nicht lange und dann werden auch diese ebenso unvermittelt abgewürgt, als mit einem Schlag das tonnenschwere Riff von „Symptom of the Universe“ losbricht. Hallelujah! Der Hammer des Thor könnte nicht härter einschlagen. Eines der schärfsten Rockriffs ever!
Überhaupt brennt Gitarrist Tony Iommi auf der sechsten Sabbath-Scheibe ein wahres Feuerwerk an rattenscharfen Gitarrenriffs ab. Dazu bestehen die meisten Stücke aus mehreren Teilen und verändern sich im Verlauf noch einmal grundlegend. Wie etwa das eben erwähnte „Symptom of the Universe“, das hintenraus in eine jazzige Akustiksession mündet. Oder das Stück „Megalomania“, aus dessen langen, behäbigen Vorspiel sich in ein driviges Rockriff herausschält, das irgendwie an Ted Nugents „Cat Scratch Fever“ erinnert.
Letztes klassisches Sabbath-Album
Und auch auf der zweiten Seite geht’s erst mal so weiter: „Thrill of It All“ beginnt zunächst mit einem schleppenden Intro, das schon bald von einem groovigen, typischen Sabbath-Riff abgelöst wird, welches wiederum in einen geradezu glam-rockigen Teil übergeht, bei dessen Synthie-Sound ich immer an „Fox on the Run“ von Sweet denken muss. Bei dem darauf folgenden „Supertzar“ wird’s dann regelrecht sakral, wofür ein Gastauftritt des English Chamber Choir sorgt. So etwas habe ich von Black Sabbath auch noch nicht gehört, denen ja eigentlich ein gewisser Hang zum Satanismus nachgesagt wird.
Dabei hat kaum eine andere Band größere Kreuze um den Hals getragen – und nicht einmal verkehrt herum, wie es sich für ordentliche Satanisten ziemen würde. Aber vielleicht sind sie ja auch gar keine richtigen Teufelsanbeter. Am Ende war das bloß so eine Masche, um sich von der Konkurrenz abzuheben und sich ein einprägsames, unverwechselbares Image zu geben. Wie dem auch sei. In der Rückschau darf „Sabotage“ jedenfalls als musikalischer Höhepunkt und gleichzeitig als letztes klassisches Sabbath-Album gelten.
Auf den nachfolgenden Alben wurde ihre Musik – bis auf wenige Ausnahmen – immer beliebiger und hob sich kaum mehr vom allgemeinen Hardrock-Gedöns ab. 1978 kam Frontmann Ozzy Osbourne seinem Rauswurf zuvor und kehrte der Band seinerseits den Rücken. Im Zuge seiner anschließenden Solokarriere wuchs er endgültig zu einem der mächtigsten Monsters of Rock heran. Seine ehemaligen Mitstreiter ließen sich davon jedoch nicht beeindrucken und verpflichteten erst Ex-Rainbow-Sänger Ronnie James Dio und dann Ex-Deep-Purple-Röhre Ian Gillan.
Umbesetzungen und Wiedervereinigung
Gegen Mitte der 80er Jahre brach die Band durch den Ausstieg von Drummer Bill Ward und etwas später auch von Bassist Geezer Butler schließlich ganz auseinander. Damit stand Iommi als letztes verbliebenes Originalmitglied allein da und widmete sich erst einmal einem Soloprojekt. Anlässlich des Live-Aid-Konzertes von 1985 raufte sich die alte Garde noch einmal für einen gemeinsamen Auftritt zusammen. In der Folgezeit wurde es dann immer ruhiger um Black Sabbath, während sich neue und alte Sänger, Bassisten und Schlagzeuger die Klinke in die Hand gaben.
1997 kam es erneut zu einer vorübergehenden Wiedervereinigung der Originalbesetzung. Seither fand sich das ursprüngliche Quartett immer mal wieder zu Konzerten zusammen und brachte 2013 sogar ein neues Album mit dem Titel „13“ heraus, für welches Produzenten-Legende Rick Rubin Pate stand. Im Februar dieses Jahres kündigte der auch schon 76-jährige Osbourne ein finales Konzert der Originaltruppe an, das just am gestrigen Samstag in ihrer Heimatstadt Birmingham zugunsten diverser lokaler Gesundheitseinrichtungen über die Bühne gegangen ist.
YouTube-Link zum akustischen „Don't Start (Too Late)“ gefolgt vom tonnenschweren „Symptom of the Universe“
YouTube-Link zu „Megalomania“ mit dem rattenscharfen Ted-Nugent-Riff ab Mitte des Stücks
YouTube-Link zum abwechslungsreichen „Thrill of It All“
Hans Scheuerlein verarbeitet auf der Achse des Guten seit 2021 sein Erschrecken über die Tatsache, dass viele der Schallplatten, die den Soundtrack seines Lebens prägten, inzwischen ein halbes Jahrhundert alt geworden sind.
Beitragsbild: Warner Bros. Records via Wikimedia Commons

Ich bin Jahrgang 61 und habe nie die Dummheit begangen, meinen 70er-Stoff zu verkaufen. Da ich immer schon stilistisch breit aufgestellt war, sind eben andere Sachen wie Fusion oder Folkrock dazugekommen. Und schlecht gealtert? Viele neue Sachen klingen exakt wie die 70er-Mucke, dann scheinen auch Bands wie DB, UH oder Naz noch immer erfolgreich als Vorbilder zu dienen.
Ich bin ja auch „Musiker“ also spiele Klarinette. Ich kann mich jetzt nach 50 Jahren immer noch daran erinnern, als ich zum ersten mal „Child in time“ von Deep Purple im Radio gehört habe. Das war – mit Verlaub – wie ein O… . Die Sendereihe hieß damals Pop-Shop. Ein tolles Konzept das heute ähnlich das „Radio der von Neil Young getöteten“ betreibt. Ich kannte weder die Band und erst nach wochenlangem Suchen kam ich auf das Werk. Die Riffs von Black Sabbath mögen das geschulte Gehör erfreuen, sind in meinen Ohren nur monotoner Lärm. Auch von AC/DC ist nicht alles Gold. Aber ihre Intros und ihr treibender Rhythmus ist unerreicht. Und „Highway to hell“ ist noch bei jedem Bierfest der absolute Knüller. Da Brüllen die 70 jährigen mit oder ohne Alkohol beherzt mit und die Jungen schütteln den Kopf ob der der Narretei der Alten. Und was den Jazz betrifft: wenn ich falsch spiele, dann sage ich einfach das war Jazz. Glaubt zwar keiner – aber ich finds gut.
Alles schön und gut bzgl. Black Sabbath. Aber, Uriah Heep – ganz schlimm??? Und auf Nazareth möchte ich auch heute noch, mindestens 1 x im Monat, nicht verzichten. Meine gute Laune befördern : „turn on your receiver“ mit Rolling Stones Anleihe und, noch fetziger, „shanghaied in Shanghei“ Mano cornuta :-)
Aus meiner sicht picken Sie sich stets die Stücke heraus, die ich langweilig finde. Beispiel: Cat scratch Fever finde ich langweilig. STRANGLEHOLD ist so ziemlich in jeder Version verdammt gut.
Ich stelle mir gerade die Frage, ob ich solchen Leuten einen Gebrauchtwagen abkaufen würde. Damals vielleicht, ich sah ja selbst so aus.
Die ersten drei Alben „Black Sabbath“, „ Paranoid“ und „Master of Reality“ sind einfach nur g..l!
danke für diese würdigung! für mich ist sabotage ebenfalls das beste album der band. zu „Symptom of the Universe“ habe ich an einem sylvester anfang der 2000er euphorisch die luftgitarre gespielt, ein absolutes killerriff! aber auch bei vielem anderen stimme ich zu, „catch the rainbow“ in der on stage live version ist zeitlos gut. aber jazz ist nicht für angeber, die blue note alben der 50er und 60er jahre sind z.b. ein stetiger quell der freude! naja, alles geschmackssache. inspiriert durch den artikel werde ich auch mal wieder sabotage auflegen, auf vinyl natürlich. ein großartiges werk, bis heute steht es im schatten der ersten alben, völlig zu unrecht!