Black Friday in Havanna

In Havanna gibt es nur wenige Straßen, auf denen vier Autobusse zugleich aneinander vorbeifahren können. Die meisten der früheren Prachtstraßen haben einen palmenbewachsenen Mittelstreifen und sind heute „Rennstrecken“ der Regierung. Dies ist einer der Gründe, weshalb in Havanna kein Straßenbahnnetz eingerichtet werden könnte und selbst Busspuren größtenteils eine ganze Straßenseite einnehmen würden. Eine der wenigen Ausnahmen ist die St. Catalina im Stadtbezirk Diez de Octubre, die zudem teilweise geradeaus führt. Zweimal im Jahr an einem Samstag, zumeist vor den Sommerferien und gegen Jahresende, ist diese Straße auf etwa einem Kilometer gesperrt, dann können keine Busse, LKWs, PKWs oder Motorräder sie entlang fahren, selbst Fahrradfahrer müssen absteigen und schieben.

Für 24 Stunden gehört die Straße denjenigen Menschen, die deutsche Sozialwissenschaftler gern als Prekariat bezeichnen, dies aber wohl kaum in Kuba verorten würden. Von den mittleren über die armen bis hin zu den ärmsten Schichten sind an diesem Tag aus der Umgebung der St. Catalina alle Menschen, die sich noch auf zwei Beinen bewegen können, auf jener Straße. Die Straße ähnelt dann einer Völkerwanderung.  

Auf der einen Straßenseite sind Stände mit Partyzelten aufgebaut, auf der gegenüberliegenden steht ein LKW hinter dem anderen. An dem ersten Partyzelt wird Schweinefleisch verkauft, aber nicht kiloweise, denn zum Zerteilen haben die Verkäuferinnen keine Zeit, weil vor ihnen wenigstens einhundert Menschen in einer Schlange von jeweils drei oder vier Personen warten, entweder Frauen mit überdimensionierten Plastiktaschen, an deren Aufschriften zu erkennen ist, dass sie aus gebrauchten Zuckersäcken genäht wurden, oder eine Frau zusammen mit zwei muskulösen Männern.

Unter dem Zeltdach sind Schweinehälften aufgestapelt, hinter dem Zelt ebenso und gleichfalls rechts und links davon, jeweils vier oder sechs Hälften übereinander. Zwei riesige Farbige in engen, ausgewaschenen T-Shirts hauen die Hälften auseinander, bemüht, dabei die Mitte zu treffen, oder wuchten sie im Ganzen auf eine uralte Sackwaage. Die Frauen mit Taschen kaufen eine Hälfte von der Hälfte, die mit den Männern eine ganze Hälfte, und sind die Männer besonders kräftig, schultert jeder von ihnen ein halbes Schwein. Gegenüber dem Zelt werden Schweinehälften direkt vom Hänger eines LKWs herunter verkauft, aber jeweils nur die Hälften, für das Zertrennen gibt es auf dem Hänger keine Möglichkeit. 

Bis hoch an die Plane mit Hühnerteilen gefüllt

In einem Partyzelt daneben werden durchsichtige 5-Liter-Plastikkanister verkauft. Davor stehen nur etwa 50 Menschen, aber nicht ordentlich hintereinander, sie drücken sich gefährlich dicht an den Verkaufsstand heran. In den Kanistern sind Reinigungsmittel, und da die Leute sehen, dass gerade 50 Kanister aufgebaut sind, aber jeder Kunde davon wenigstens zwei kaufen wird, befürchten die hinten Wartenden, keinen mehr abzubekommen. Die Verkäuferinnen ängstigen sich, überrannt zu werden. Wie aus dem Nichts tauchen drei baumlange, junge farbige Polizisten auf, wedeln mit ihren Gummiknüppeln und reden auf die Masse so lange ein, bis sich auch dort eine ordentliche Schlange gebildet hat.

Der nächste Stand bietet Bekleidung an, unschwer als Billigklamotten zu erkennen, vor ihm warten nur etwa zwei oder drei Dutzend Frauen, vorwiegend ältere, auch sie stehen dicht an dicht, nehmen sich aber Zeit, um die Bekleidungsstücke zu begutachten. Vor der Ladefläche des gegenüberliegenden LKWs hingegen drängelt sich ein unübersehbarer Auflauf. Zwei junge Verkäufer reichen Pappkartons mit Hühnerteilen herunter, völlig unorganisiert, aber niemand schubst einen anderen beiseite, jeder kann erkennen, dass der lange LKW-Auflieger bis hoch an die Plane mit Hühnerteilen gefüllt ist, sie werden für alle reichen. Etliche Frauen in der Menge tragen Plastiktaschen, aus denen die rosa Schnauze eines Schweins oder sein borstiges Bein herausragt. 

Etwas weiter werden, gleichfalls von einem Hänger herunter, Zehn-Kilo-Säcke mit Reis verkauft, nur im Ganzen, die davorstehende Menge an Männern hält sich – im Vergleich zu denen vor den Schweinehälften – in Grenzen. Eine Schweinehälfte und zehn Kilo Reis können nur die Kräftigsten gleichzeitig wegtragen. Vom nächsten wuchten die Verkäufer komplette Stauden mit Kochbananen herunter, entweder auf die Schultern der Männer oder in deren Schubkarren.

An den gegenüberliegen Ständen wird Bier in Dosen verkauft, die meisten Käufer, nur Männer, lassen sich eine Tasche hoch damit füllen. An einem anderen stehen Cremetorten, sie gehen ganz oder als Viertel weg, Kindern rinnt der Eischnee als Bächlein an den Mundwinkeln herunter. Dann noch ein Stand und gegenüber ein weiterer LKW, beide nochmals mit Schweinehälften, aber – als Besonderheit – auch kleine Schweine von 50 bis 60 Kilo, die Kubaner insgesamt auf abenteuerlichen Geräten grillen. Davor ein Pulk mit nicht mehr zählbaren Menschen. Ob für diesen Sonderverkauf alle Schweine aus der Umgebung Havannas ausgerottet wurden?

Gerade mal erst gestern aufgetaut

Direkt neben den Schweinehälften hat sich vor einem Partyzelt eine nur kleine Schlange gebildet, höchsten zwanzig Frauen. Dort wird Wurst in mächtigen Kunstdärmen verkauft, ganz oder halbiert, der Inhalt ist undefinierbar, allerdings nur für einen Nichtkubaner. Wer Schwein hat, benötigt keine Wurst.

Ein etliche Meter entfernt stehender LKW sendet Signale seines Angebotes weit in die Menschenmenge hinein. Es ist in Scheiben gehauener Frischfisch, der gerade mal erst gestern aufgetaut sein wird. Weder für Fleisch, noch für Wurst oder für Fisch ist Kühlung erforderlich. Alles wird noch am selben Abend verarbeitet, wer Kühltruhen hat, freut sich auf die nächsten Wochen, wer nicht, haut sich den Bauch voll, bis nichts mehr geht. 

Bei diesem Sonderverkauf sind die Preise irrwitzig niedrig, so dass sich auch die Ärmsten am Abend Schweinefleisch mit Reis und gebratene Bananen leisten können. Ein Kilo Schwein für weniger als zwei Euros und die kleineren Säue im Ganzen noch günstiger, für 20 Euro bis 30 Euro. Die Menschen sind glücklich, die Regierung ist gut zu ihnen. 

Auf etwa einem Kilometer Straße befinden sich 6.000 Frauen, 3.000 Männer, 500 Kinder, 4.000 Schweinehälften, 6.000 Hühnerkeulen, 250 Fische in Scheiben, 1.500 Kilo Reis, 1.000 Dosen Bier, 500 armlange und oberschenkeldicke Würste, die Ernte von 400 Bananenstauden, 300 Frauenkleider sowie 100 Cremetorten aus Eischnee.

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Andreas Stüve / 02.12.2018

Ja, so sieht der Sozialismus aus, von dem in diesem unseren Lande viele Bürger und noch mehr Politiker und Politikerdarsteller träumen. Wie der geschätzte Autor sowohl treffend und farbig, als auch in höchstem Maße erschütternd, beschrieb, ist das der “Reale Sozialismus”. Das ist wahre soziale Gerechtigkeit, alle haben nahezu nichts und der Gönner, der realsoziale Sozialstaat lässt ein paar Brosamen unter der “Bevölkerung” verteilen. Ich bin sicher kein emotionales “Weichei”, aber diese Schilderungen machen mich in höchstem Maße traurig und verstört. Überaus kluge Köpfe wie Mises, Hayek, Baader und heute Thorsten Polleit warnen nicht umsonst vor diesem Gesellschaftssystem und haben nachhaltig dargelegt, warum dieses ideologische Hirngespinst nicht funktionieren kann. Sozialismus/ Kommunismus haben auf unserem Planeten rund einhundert Millionen (!!!) Menschen getötet, Und noch mehr Millionen zum Darben und Hungern, zum Frieren und zum Kranksein verdammt. Wir sollten die Abgeordneten der CDU, CSU, der SPD, der Linken, der Grünen und der FDP zu einem realsozialistischen Urlaub nach Kuba schicken, die Luxusresorts der Tourismusindustrie sind tabu. Dann können sie hautnah auf dem Lande und in den Städten die Vorteile des Sozialismus studieren und am eigenen Leibe erfahren. Augenscheinlich wissen die nichts davon oder blenden dieses Wissen im ideologischen Wahn aus.. Im Gegensatz zu ehemals 17 Millionen DDR-Bürgern ( gehöre selbst dazu), die zwar nicht unter kubanischen, aber wenigstens unter Arbeiter-und Bauernstaats-Verhältnissen ihren grauen Alltag leben durften.

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