Der Einleitungstext [1] der Veranstaltung gab die Marschrichtung bereits vor: “Aufbrechen” der in Deutschland durch “lückenhafte” und “unqualifizierte” Berichterstattung “vieler Medien” entstandenen Wahrnehmung, wonach im Iran doch tatsächlich religiöse Fanatiker und mörderische Antisemiten das Sagen hätten.
Dafür eignet sich natürlich besonders Bahman Nirumand, der trotz seiner intensiven Bemühungen irgendwie den Ruf nicht los wird, ein “Kritiker” des Mullahregimes zu sein. Die veranstaltende Projektgruppe “Powision” der Uni Leipzig hatte nach Auskunft der Organisatoren ursprünglich geplant, auch Dr. Wahied Wahdat-Hagh einzuladen, der bereits zugesagt hatte. Als Nirumand von der geplanten Teilnahme Wahdat-Haghs erfuhr, drohte er mit einer Absage, was wiederum die Veranstalter dazu bewog, den WELT-Autoren und profilierten Kritiker des Teheraner Regimes auszuladen - wie mir mitgeteilt wurde, aufgrund des größeren “Bekanntheitsgrades” Nirumands.
So also konnte Nirumand unwidersprochen die Weißwaschung nicht nur des Mullahregimes, sondern des islamischen Fundamentalismus überhaupt betreiben, denn dieser sei eine Erscheinung der Moderne und überhaupt nur “Reaktion” auf die westliche Unterstützung des Schahregimes sowie der Mudschaheddin während der sowjetischen Invasion Afghanistans - weshalb diese Unterstützung zuvor friedliche Mullahs dazu nötigt, minderjährige Mädchen zu steinigen, Homosexuelle an Baukränen aufzuknüpfen und die Vernichtung Israels zu betreiben, verriet Nirumand leider nicht, wohingegen er aber ganz genau wusste, dass das Entstehen des islamischen Terrorismus 1979 anzusiedeln sei, hingegen die “Islambruderschaft” [2] komplett bedeutungslos sei, obwohl sie “kleinere Anschläge” verübt hätte.
Schuld am iranischen Status quo hätten also vor allem die anderen, womit Nirumand natürlich Amerikaner und Juden meint, denn: die Amerikaner haben Saddam Hussein aufgerüstet [3] und bei Israels Behandlung “Palästinas” (sic!) sei es kein Wunder, dass die Rhetorik Achmadinedschads in der islamischen Welt begeistert aufgenommen wird (am Antisemitismus waren die Juden schließlich schon immer selbst schuld).
Nachdem also die wirklich Bösen ausgemacht waren, wurde die Apologie der Mullahs kurz unterbrochen, denn Nirumand hatte tatsächlich Kritik zu üben: am Antisemitismus? Der Lage der iranischen Frauen? Der Menschenrechtssituation im Gottesstaat? Nein, die Korruption macht ihm zu schaffen: die von den Pasdaran kontrollierten Unternehmen würden sich auf Kosten der iranischen Bevölkerung bereichern, oftmals wisse das Parlament nicht über sämtliche Aktivitäten der Revolutionsgarden Bescheid.
Dieses Problem müsste sich allerdings ohnehin demnächst erledigen, da das Regime laut Nirumand nur von einer winzigen Minderheit der Bevölkerung getragen würde - ob die vielen Millionen Bassiji-Milizionäre [4] zu den gefühlten 99% Oppositionellen gehörten, ließ der Referent wiederum offen. Bemerkenswert war, daß Nirumand beständig in der “Wir”-Form sprach - da nicht davon auszugehen war, daß er den Pluralis majestatis für sich beanspruchte und er das verbindende “wir” auch dann gebrauchte, wenn eigentlich eine Abgrenzung zum Mullahregime angebracht wäre, muss wohl von einer gewissen Nähe des vermeintlichen Kritikers zum Gegenstand seiner “Kritik” auszugehen sein.
Interessant war denn auch seine Beteuerung “wir (!) sind keine Antisemiten, wir haben immer gut mit Juden zusammengelebt”, eine Ansicht, welche die jüdische Gemeinde im Iran womöglich nicht ganz teilen wird.
In jedem Fall weiß Nirumand, wie auf gar keinen Fall mit den Mullahs verfahren werden darf: ein Krieg wäre “Wahnsinn”, denn ein solcher zöge massive Solidarisierungseffekte nicht nur der iranischen Bevölkerung nach sich (und dann hätte das Regime sich etabliert, was ihm laut Nirumand bisher seit 1979 nicht gelungen sei), sondern der gesamten muslimischen Welt, was sich “verheerend” auch auf Europa und die USA auswirken würde. Derlei apokalyptische Töne vernahm man ja mitunter auch vor dem Irakkrieg und manchmal drängt sich da die Frage auf, ob bei diesen Einschätzungen nicht auch ein wenig der Wunsch der Vater des Gedanken ist.
Soweit muss es aber nicht kommen, wenn die Verantwortlichen in Washington und Jerusalem nur auf Bahman Nirumand hören würden, einen “Kritischen Dialog” mit den iranischen Machthabern führten und die USA dem Iran das Recht zur Urananreicherung zugestünden, welches, man kennt das Argument, das Recht jedes Unterzeichnerstaates des NPT sei, unabhängig davon, ob es sich um eine rechtsstaatliche Demokratie oder einen fundamentalistischen Gottesstaat handelt. Hier liegt allerdings auch der Hase im Pfeffer, denn die USA wollen dem Iran “die Nutzung von Kernenergie für immer und ewig verbieten”, obwohl nicht einmal klar sei, ob Teheran überhaupt die Bombe bauen wollte. Wäre er anstelle der iranischen Machthaber, so Nirumand, würde er auf jeden Fall die Bombe bauen, zur “Selbstverteidigung” nämlich, denn immerhin sei man von Atommächten umzingelt und die USA gierten nach den Ressourcen des Landes. Zwar beeilte er sich, noch klarzustellen, er sei ja kein Machthaber und seine Positionen seien mit denen der Mullahs unvereinbar, worin aber diese Unvereinbarkeit nun eigentlich genau besteht, war nach seinen Ausführungen - die er damit schloß, daß die “Radikalen” sowohl in den USA und Israel als auch im Iran an einem Strang zögen, mithin also Amerikaner und Juden genauso wie die Mullahs an einer kommenden Konfrontation schuld seien - nicht wirklich festzustellen.
Dr. Wahdat-Hagh wurde auf dieser Veranstaltung schmerzlich vermisst.
[1] http://www.uni-leipzig.de/~powision/iran/iran_info.htm
[2] Vermutlich war Hassan al-Bannas Muslimbruderschaft gemeint, deren Mitgliederzahlen in die hunderttausende gehen, deren Aktivisten antisemitische Pogrome ausführten und deren Ideologie Terrororganisationen wie Hamas, Hizbollah und al-Qaida maßgeblich beeinflusst hat. Vgl. Küntzel, Matthias: “Djihad und Judenhaß. Über den neuen antijüdischen Krieg.”
[3] Dazu: http://web.archive.org/web/20040601181327/projects.sipri.se/armstrade/Trnd_Ind_IRQ_Imps_73-02.pdf
[4] http://www.memri.de/uebersetzungen_analysen/2005_04_OND/iran_bassiji_20_12_05.html