Von Pierre-Alain Bruchez.
Die Krise der Wissenschaft, die die Forschung untergräbt, wird weithin unterschätzt – vor allem, weil irreproduzierbare Ergebnisse, ideologische Voreingenommenheit, Interessenkonflikte und Betrug meist isoliert diskutiert werden, ohne ihre gemeinsamen Ursachen und kumulativen Auswirkungen zu erkennen. Wissenschaftler allein können dieses Problem nicht lösen. Eine kritische Bürgerbeteiligung ist unerlässlich. Doch zuvor muss die Öffentlichkeit informiert werden.
Betrug ist naturgemäß schwer fassbar. Verbesserte Erkennungsmethoden (zum Beispiel Bildduplikationsanalysen) liefern dennoch wertvolle Einblicke in vergangenes Fehlverhalten. Besonders beunruhigend ist, dass Betrug nicht mehr nur von Einzelpersonen begangen wird, sondern zunehmend von organisierten Netzwerken getragen wird.
Bereits 2005 zeigte John Ioannidis in seinem bahnbrechenden Artikel „Why Most Published Research Findings Are False“, dass die meisten veröffentlichten Forschungsergebnisse falsch sind. Ein groß angelegtes Replikationsprojekt in der Psychologie bestätigte, dass nur eine Minderheit der Ergebnisse reproduzierbar ist. Auch in der Onkologie und biomedizinischen Forschung sind die Replikationsraten erschreckend niedrig. Ein Grund dafür ist der Publikationsbias: Spektakuläre Ergebnisse werden eher veröffentlicht, obwohl sie häufiger statistische Ausreißer sind.
Diese Krise könnte deutlich verringert werden durch die vollständige Offenlegung von Daten und Methodik, die Vorabregistrierung von Hypothesen sowie die Annahme wissenschaftlicher Arbeiten durch Fachzeitschriften auf Grundlage der Relevanz der Fragestellung und der methodischen Strenge – nicht aufgrund der Ergebnisse. Universitäten sollten mehr Replikationsstudien durchführen, und Medien sollten den Replikationsstatus systematisch kommunizieren.
Wokeismus kann Forschungs- und Lehrinhalte vorschreiben
Ermutigend ist die wachsende Zahl von Initiativen wie das Center for Open Science oder das Institute for Replication. Doch ihr Einfluss bleibt bescheiden im Vergleich zur Größe der Krise. Die Replikationskrise ist seit Jahren bekannt, bleibt aber trotz vorhandener Lösungen weitgehend ungelöst. Liegt es an reiner Trägheit? Das tiefere Problem liegt darin, dass für zu viele Wissenschaftler die Wahrheitsfindung nicht mehr die oberste Priorität ist. Dies zeigt sich deutlich in ihrer zunehmenden Unterwerfung unter autoritäre Ideologien.
Große Universitäten, besonders in den USA, sind von autoritären Ideologien vereinnahmt worden. Um diesen ideologischen Griff aufzudecken, gelang es Peter Boghossian, James Lindsay und Helen Pluckrose, bewusst absurde, aber politisch korrekte Artikel zu veröffentlichen (sie präsentieren ihre Arbeit in einem Video). Aufgrund seiner kritischen Haltung gegenüber dem Wokeismus wurde Boghossian – wie andere aus der akademischen Forschung, zum Beispiel Jordan Peterson und Bret Weinstein – zum Rücktritt gedrängt. Die Belästigung von Personen, die als politisch inkorrekt gelten, entsteht oft durch gemeinsames Lobbying bestimmter Studenten, Verwaltungsmitarbeiter und Wissenschaftler. Der Wokeismus kann nicht nur Forscher zum Rücktritt zwingen oder die Anstellung inkompetenter Personen erzwingen, sondern auch Forschungs- und Lehrinhalte vorschreiben oder verbieten sowie die Art und Weise verzerren, wie diese Themen untersucht werden. Der konservative Aktivist Charlie Kirk versuchte, ideologische Vielfalt auf Universitätscampussen zu fördern, indem er Debatten unter dem Motto „Prove me wrong“ („Beweise, dass ich unrecht habe“) organisierte, bei denen alle eingeladen waren, mit ihm zu debattieren. Am 10. September 2025 wurde Kirk während einer solchen öffentlichen Veranstaltung an der Utah Valley University ermordet.
Innerhalb der wissenschaftlichen Gemeinschaft regt sich Widerstand. Eine Vielzahl akademischer Stimmen erhebt sich etwa in The War on Science, herausgegeben von Lawrence Krauss. Unklar bleibt, ob die am stärksten vereinnahmten Universitäten wiederhergestellt oder durch neue, gesündere Institutionen ersetzt werden müssen.
Eine Studie, zwei Schlussfolgerungen
Eine Korrektur des ideologischen Griffs auf US-Universitäten ist längst überfällig. Doch der Ansatz der aktuellen Trump-Administration ist grob und undifferenziert. Er stellt keine Wiederherstellung des Gleichgewichts dar, sondern das Aufkommen eines rechten Autoritarismus, der die Exzesse des Wokeismus spiegelt. Zwei Autoritarismen, die sich gegenseitig verstärken. Die Wissenschaft in den USA steckt zwischen ihnen fest.
Die ideologische Vereinnahmung ist in Nordamerika am stärksten, breitet sich aber auch in Europa aus (vgl. etwa Frankreich). Angesichts der globalen Natur der Wissenschaft wirken sich voreingenommene Ergebnisse amerikanischer Universitäten jedoch weltweit auf ganze Disziplinen aus – zumal viele der renommiertesten Institutionen in Nordamerika angesiedelt sind und ideologisch vereinnahmt wurden.
Einige Forscher stellen persönliche Vorteile auf besonders krasse Weise über die Wahrheit. So veröffentlichten 27 Wissenschaftler einen Brief im Lancet, in dem sie jene, die einen möglichen Laborursprung von Covid-19 andeuteten, als „Verschwörungstheoretiker“ diffamierten – und so die Debatte in der frühen Phase der Pandemie unterdrückten. Mehrere Autoren verschwiegen dabei Interessenkonflikte, insbesondere Peter Daszak, der mit dem Wuhan Institute of Virology zusammengearbeitet hatte. Während der Covid-19-Pandemie erstreckten sich Zensur und Diffamierung Andersdenkender nicht nur auf den Ursprung des Virus, sondern auch auf Wirksamkeit und Nebenwirkungen der getroffenen Maßnahmen – seien es Lockdowns, Maskenpflicht, Impfungen, Medikamente und so weiter.
Die Covid-19-Pandemie ist keineswegs das einzige Beispiel, in dem Interessenkonflikte eine Rolle spielen. Diese entstehen oft durch private Finanzierung. Geldgeber können Forscher beeinflussen oder schlicht jene auswählen, die mit größerer Wahrscheinlichkeit die gewünschten Ergebnisse liefern. Fakten sprechen meist nicht für sich selbst. Eine Studie gab verschiedenen Forschern identische Daten, um zwei Hypothesen zu testen – ihre Schlussfolgerungen unterschieden sich stark. Es reicht also oft schon, den „richtigen“ Analytiker zu wählen, um das gewünschte Resultat zu erhalten. Forscher können Daten oft so interpretieren, dass sie ihre ideologischen, finanziellen oder karrierebezogenen Ziele unterstützen.
Die Tiefe der Krise kann schwindelerregend wirken
Die Krise der Wissenschaft hat viele Facetten, aber eine gemeinsame Wurzel: Die Wahrheit wird oft hintangestellt. Zwar arbeiten viele Wissenschaftler weiterhin sorgfältig und nach höchsten Standards, doch immer mehr stellen andere Ziele über die Wahrheitsfindung. Diese sind keine echten Wissenschaftler mehr. Dennoch brauchen wir die Wissenschaft dringend, um große Herausforderungen zu bewältigen. Aber sie kann diese Rolle nur erfüllen, wenn sie wiederhergestellt wird. Die Wahrheitsfindung muss wieder ihr zentraler Wert sein. Wissenschaftliche Methode und Meinungsfreiheit müssen zurückkehren.
Die Wissenschaft genießt noch Prestige aufgrund vergangener Errungenschaften. Unsere technologische Macht zeigt, dass wir etwas über die Funktionsweise der Welt verstanden haben. Doch diese Erfolge der Vergangenheit sagen nichts über den heutigen Zustand der Wissenschaft aus – und schon gar nicht über Disziplinen, die nicht zur Technologie führen. Vertrauen muss je nach Disziplin und Institution variieren. Es geht nicht darum, alles, was sich „Wissenschaft“ nennt, pauschal zu glauben oder abzulehnen, sondern Vertrauen dem Grad wissenschaftlicher Strenge entsprechend zu gewähren. Wenn jene, die die wissenschaftliche Methode verraten, erkennen, dass sie die öffentliche Meinung nicht länger beeinflussen können, werden sie unter Druck geraten, sich zu ändern.
Wissenschaftler werden die Wissenschaft nicht selbst retten, es sei denn, die Bürger – die einen Großteil ihrer Forschung finanzieren und entscheiden können, sich nicht länger von unwissenschaftlichen Studien täuschen zu lassen – zwingen sie zum Handeln. Bürger müssen informiert werden. Laut einer Studie haben 75 Prozent der Deutschen noch nie von der Replikationskrise gehört. Vielleicht sollte der Hinweis „Die meisten veröffentlichten Forschungsergebnisse sind falsch“ auf jeder wissenschaftlichen Arbeit stehen – bis ein verlässlicher, ideologisch neutraler Index wissenschaftlicher Strenge nach Disziplin und Institution etabliert ist. Das würde die wissenschaftliche Gemeinschaft zur Selbstreinigung motivieren.
Die Tiefe der Krise kann schwindelerregend wirken und in den Nihilismus führen. Doch wir haben einen Kompass: Die wissenschaftliche Methode funktioniert, um der Wahrheit näherzukommen. Das Problem ist, dass „Wissenschaftler“ sie allzu oft aufgeben. Wir wissen, was zu tun ist. Und wir können Disziplinen und Institutionen vertrauen, die die wissenschaftliche Methode konsequent anwenden. Bürger, Journalisten und Wissenschaftler müssen jetzt handeln, um die Seele der Wissenschaft wiederherzustellen: die kompromisslose Suche nach Wahrheit.
Dieser Beitrag erschien zuerst bei Novo-Argumente.
Pierre-Alain Bruchez ist Ökonom aus der Schweiz. Er hat das Buch „Ecologie vitale. Protéger la nature hors de nous pour la ranimer en nous" (2025) verfasst. 2023 ergriff er in seinem Land das Referendum gegen das Stromgesetz, um die Natur vor der Verschandelung durch Stromanlagen zu schützen.
Beitragsbild: Pixabay
Das grösste Problem der heutigen „wissenschaftlichen“ Studien besteht darin, dass diese fast nur noch aus Statistik bestehen. Aber Statistik kann keine kausalen Zusammenhänge belegen. Dies gibt die Methode Grundsätzlich nicht her. Korrelationen belegen rein gar nichts. Oder was soll die Anzahl verzehrter Weisswürste im Verhältnis, zum Beispiel zu Leberkrebs Fällen, oder Anzahl Geburten im Verhältnis zu Verkehrsampeln belegen? Dass es in Saudi Arabien keinen Leberkrebs und in der Wüste Gobi keine Geburten gibt?
„Die Grippesaison beginnt in diesem Jahr besonders früh. Mehrere Behörden und Verbände raten deswegen dazu, sich schnell impfen zu lassen. Wie die “Süddeutsche Zeitung„ berichtet, drängen Intensivmediziner sogar auf eine Ausweitung der Impfempfehlung auf alle Menschen ab sechs Monaten.“ VERBRECHER!
Sehr interessanter und informativer Artikel, jedoch verursacht bei mir der Terminus „die Wissenschaft“ allergische Reaktionen. Denn dieser Terminus ist m.E. bereits ein starkes Indiz dafür, dass das Denken seines Verwenders eine gewisse Tendenz zum Dogmatismus aufweist. Eigentlich ist doch „die“ Wissenschaft ein ständiges Hinterfragen der gängigen dogmatischen Auffassungen. Wäre es anders, so könnten wir den Wissenschaftsbetrieb einstellen und die Wissensdurstigen mit den Werken des Aristoteles unterm Arm wieder nach Hause schicken.
Es entspricht schon mal einer Wiederherstellung der Prämissen für eine seriöse wissenschaftliche Forschung, dass die Trump-Administration die linksgrünwoken Pseudowissenschaften dethronisiert.
@Tom Beck@: Sie haben vollkommen Recht, aber außerdem handelt der Artikel „Why Most Published Research Findings Are False“ um die Probleme der statistischen Datenauswertung, und warum diese in sehr vielen Fällen in Irre führen. Mit der politischen Vereinnahmung der Wissenschaft, mit Wokeismus und cancel culture haben diese Probleme nichts zu tun, deswegen ist die Zitierung dieses Artikels im aktuellen Kontext genauso falsch wie die wissenschaftlichen Ergebnisse, die sort analysiert werden.
Die Wissenschaftler verhalten sich seit Urzeiten wie die Heiligen drei Könige: Sie erhielten einen Ruf, machten sich auf den Weg und knieten nieder an der Krippe. – Stell eine Krippe auf, und du bekommst die Heiligen drei Könige.
Ein hehres Ziel, aber utopisch. Dass die nutzniessenden Systemlinge ihr System zu ihrem Nachteil ändern ist ausgeschlossen. Das gilt nicht nur für „ die Wissenschaft“, die hier ohnehin zu definieren und etwas konkreter und differenzierter zu betrachten wäre. Ähnlich wie das, was z.B unter der „ christlichen Religion“ abgehandelt wird um ein ganz anderes Feld zu bedienen. Da gibt es z.B Disziplinen , Inhalte, Menschen und Institutionen. Vor allem gibt es eine, natürlich vorsätzliche, Inflation der Fächer, die keineswegs alle bestimmten Anforderungen standhalten können oder sollen. Da gibt es Menschen, die , vielleicht im ( persönlichen und institutionellen ) Unterschied zu Einstein et al „etwas“ andere Motive und Ziele pflegen. Man könnte sagen, dass gewisse Prozesse der Institutionalisierung nicht unbedingt wissenschaftsförderlich waren und sind, von der Frage, welches wie auch immer konditioniertes Personal warum in die Wissenschaft strebt. Vir allem in die Fächer, die sich wissenschaftlich eher fragwürdiger Methoden bedienen. Die sehr beliebte Modellierei z.B. scheint eine postmoderne , technologische Fortsetzung archaischer Methoden der Priester, Schamanen und Weissager zu sein. Da „ die Wissenschaft“ ebenso wie „ die Politik“, „ das Recht“ und sogar „ der Glaube“ nach nicht zufällig ähnlichen Prozessen, ein Teil eines von bestimmten Tätern mit bestimmten , transhumanistischen Zielen verfolgten Instrumentalisierung von allem ist, kann sie zwecks Reform wie die anderen auch nicht herausgelöst und singulär behandelt werden. Entweder greift „ man“ ganzheitlich und sehr konsequent zu, oder der Gesamtprozess inkl „ Szientismus“ , das trifft es aktuell besser, läuft bis zum wenig erfreulichen Ende. Meine speziellen „ Freunde“, die sogen Liberalkonservativen, werden hier , Klagen hin und her, jedenfalls wie immer nicht helfen.