Auffallend ist, dass OBL sich in dem Video vorwiegend an westliche Zielgruppen richtet. Offenbar versucht er auf diese Weise, den politischen Druck auf die amerikanische Regierung zu verstärken. Er folgt damit einer Strategie, die bereits von der FLN gegen Frankreich im Algerienkrieg und von Nordkorea und dem Vietkong gegen die USA verfolgt wurde. In beiden Fällen setzten sich die Akteure nicht militärisch durch, sondern erlangten durch erfolgreiche Einflussnahme auf die Wahrnehmung gegnerischer Bevölkerungen einen politischen Sieg. [...]
Bin Laden verwendet Themen der politischen Linken westlicher Staaten. Er verurteilt die Globalisierung, Armut in Afrika und den “globalen Kapitalismus”. Die Politik der USA werde durch internationale Konzerne geprägt. Die USA seien keine Demokratie, sondern würden durch das Kapital beherrscht. Der Kapitalismus sei die Ursache von Krieg. OBL knüpft hier unmittelbar an den Diskurs von Teilen der politischen Linken an, welche hinter den Interventionen im Irak und Afghanistan vorwiegend wirtschaftliche Motive vermutet.
OBL setzt seine Bezugnahme auf Positionen der politischen Linken in westlichen Staaten mit einer Warnung vor den Folgen des Klimawandels und einer Verurteilung der amerikanischen Position zum Kyoto-Protokoll fort. OBL hatte diesen Punkt bereits 2002 in einem “Brief an Amerika” erwähnt. Im islamistischen Diskurs spielt dieses Thema ansonsten keine Rolle. OBL greift es ausschliesslich aus propagandistischen Gründen auf, um bestimmte westliche Zielgruppen für sich zu gewinnen.
OBL stellt unterlegene “westliche Kultur” einer überlegenen islamischen Friedenskultur gegenüber. Der Westen sei z.B. für den Holocaust verantwortlich, während der Islam gegenüber Juden positiv eingestellt sei. Diese Botschaft richtet sich eindeutig an westliche Zielgruppen: Gegenüber islamischen Zielgruppen wird der Holocaust häufig als fiktiv bezeichnet und als Herrschaftsinstrument einer angeblichen jüdischen Weltverschwörung dargestellt. Offenbar will Bin Laden mit dem Holocaust-Argument das ohnehin meist schwach ausgeprägte kulturelle Selbstbewusstsein westlicher Zielgruppen weiter schwächen. Er knüpft dabei u.a. an den in westlichen Gesellschaften weit verbreiteten Mythos des vorgeblich toleranten islamischen Andalusiens an. Zur Verstärkung der Botschaft kultureller Unterlegenheit des Westens erwähnt OBL noch das amerikanische Vorgehen gegen Indianer und die Atomwaffeneinsätze gegen Japan. Beide Beispiele sind u.a. im Diskurs westlicher Friedensbewegungen allgemein verbreitet. OBL ist in seiner Argumentation an diesem Punkt kaum von intellektuellen Führern der Friedens- und Antiglobalisierungsbewegung wie z.B. Noam Chomsky zu unterscheiden, auf den OBL sich später im Text direkt beruft und ihn für seine Einschätzungen lobt.
Bin Laden ruft zur Konversion zum Islam auf. In der Doktrin militanter Islamisten sollen Feinde zunächst zur Annahme des Islam aufgerufen werden, bevor ihre Bekämpfung legitim sei. Bin Ladens Aussage ist daher als indirekte Drohung mit Anschlägen zu verstehen. OBL geht in der Schlusspassage seines Videos zudem auf die Rolle des Jesus von Nazareth im Koran ein. Möglicherweise versucht er, christliche Akteure auf diese Weise anzusprechen.
Bin Laden hat westliche Akteure wie die Friedens- und Antiglobalisierungsbewegung als potentielle Verbündete ausgemacht. Mit ihren Forderungen nach Rückzügen aus Afghanistan und Irak und ihrem eintreten gegen eine Bekämpfung islamischer Aktivisten unterstützen diese Akteure Anliegen der Al-Qaida. Die Friedensbewegung in westlichen Staaten kann für Al-Qaida potentiell dieselbe Rolle spielen wie sie im Vietnam- und Algerienkrieg für Nordvietnam und die FLN gespielt hat: Sie kann die politischen Forderungen Al-Qaidas an der “Heimatfront” aufgreifen, verstärken und durchsetzen. Militante Islamisten müssen den Westen im Irak und Afghanistan nicht militärisch besiegen. Es reicht, wenn sie über den Umweg der Friedensbewegung den politischen Druck auf westliche Entscheidungsträger soweit verstärken, dass diese sich zum Rückzug entscheiden.
Auch andere Teile der islamistischen Bewegung haben die Friedens- und Antiglobalisierungsbewegung als potentiellen Partner entdeckt. Der in Frankreich lebende Islamist Tariq Ramadan hat allgemeine Bekanntheit erlangt, indem er islamistische Botschaften in eine säkulare Diskurse der politischen Linken einbettete. Der in London lebende Islamist Rachid Ghannouchi bezeichnete linke Parteien, Grüne, Menschenrechtsorganisationen sowie die Antiglobalisierungs- und Friedensbewegung als die „engsten Verbündeten des Islam“ in Europa. Er äußerte seine Unterstützung für „strategische Allianzen zwischen den Globalisierungsgegnern und jenen islamischen Bewegungen, die in vorderster Front gegen das zionistisch-imperialistische Projekt und seine Kollaborateure in der Region kämpfen.“ [...]
Grenzen von Bin Ladens Botschaft
Al-Qaida hat keine Chance, innerhalb westlicher Zielgruppen ähnlich wahrgenommen zu werden wie es antiimperialistischen Terroristen und Guerillaführern wie z.B. Che Guevara oder Yassir Arafat in den 60er und 70er Jahren gelungen war. Der Zivilisationsbruch der Anschläge des 11. Septembers 2001 und der kompromisslose Wahrheitsanspruch des Islamismus verhindern dies. Dennoch ist die Botschaft OBLs möglicherweise dazu geeignet, die Bereitschaft westlicher Zielgruppen zum Nachgeben gegenüber islamistischen Forderungen zu erhöhen.
Mit der Veröffentlichung des Videos sind Risiken für Al-Qaida verbunden. Sollten den Aussagen Bin Ladens keine Attentate folgen, so würde Al-Qaida und insbesondere der von ihr genutzte Mythos Bin Laden an Glaubwürdigkeit verlieren. Die Verhinderung von mindestens zwei Anschlägen in Europa in den letzten Wochen deutet darauf hin, dass die Botschaft Bin Ladens möglicherweise von einer Offensive begleitet werden sollte. Ob diese Offensive bereits im Vorfeld zerschlagen werden konnte, oder ob es weitere Anschlagspläne gibt, wird sich zeigen.
http://sipol.forschungsgruppe-sicherheit.org/2007/09/08/bin-ladenvideo-zielgruppen-und-botschaften.aspx
