Es war nicht das Geläut von Kirchen – die gab es in unserer Nähe nicht. Es war die Symphonie der Straßenverkäufer. Alle hatten sie ihre eigene Bimmel, mit der sie ihr Kommen aus der Ferne ankündigten. Dazu die Rufe: „Der Eismann ist da!“, oder „Frische Tomaten, frische Tomaten!“ Besonders die Obstverkäufer waren unsere Hoflieferanten. „Abla (Schwester), das Beste habe ich für dich aufgehoben“, sagten sie – und obwohl sie das wohl zu jeder Kundin sagten, glaubte jede Frau insgeheim, die eine Begünstigte zu sein. Es schien aber auch jedes Mal gestimmt zu haben, denn wir kauften immer bei den gleichen.
In dieser Welt gab es Vartkes Usta. „Usta“ bedeutet Meister, und das war er wahrlich. Es gab nichts, was er nicht reparieren konnte. Er verkaufte Schrauben, Nägel, Dichtungen; tropfende Wasserhähne zu reparieren, machte wohl die Hälfte seiner Arbeit aus. Vartkes Usta war Armenier. Wir Kinder machten da keine Unterschiede, wer wer war. Dass die Erwachsenen sie scheinbar doch machten, erfuhr ich erst Jahre später: 1915 gab es das Pogrom an den Armeniern und Juden. In unserer Gegend lebten viele von ihnen, es war unsere Welt. Vielleicht bekam ich deshalb als Kind nichts davon mit.
Vartkes Usta kannte noch meine Großmutter und erzählte immer von ihr – was für eine tolle Frau sie war. Er war bei ihrer Beerdigung im Trauerzug ganz vorne dabei. Sie muss eine echte Perle gewesen sein, denn obwohl sie „nur“ Hausfrau war, sollen über tausend Menschen an ihrem Abschied teilgenommen haben. Sie verstarb knapp zwei Monate nach meiner Geburt.
Mit 60 Jahren begann er den amerikanischen Traum
Mein Vater hielt es selten lange an einem Ort aus. Es ging immer zwischen Deutschland und der Türkei hin und her – nie als Tourist, sondern jedes Mal mit der Absicht, „für immer“ zu bleiben. 1971 waren wir in Frankfurt angekommen. Zuvor hatten wir meist in Aachen gelebt, wo mein Vater an der RWTH promoviert hatte. Er hatte eine tiefe Affinität zu Deutschland und steckte uns damit an.
Unsere Wohnung in Frankfurt lag „An der schönen Aussicht“, direkt am Main. Eines Tages klingelte es. Eigentlich klingelte es nur, wenn der Briefträger kam, doch diesmal gab es Freudenschreie. „Das gibt es doch nicht!“, rief meine Mutter. Vartkes Usta und seine Frau betraten das Wohnzimmer. Fast hätte ich gefragt: „Onkel Vartkes, reparierst du jetzt in Deutschland?“ Sie waren auf der Durchreise zu ihrem Sohn in die USA und hatten sich die Adresse bei meinem Onkel in Istanbul besorgt, der Vartkes’ Hausarzt war.
Einige Jahre später telefonierten wir noch einmal mit ihm. Das Leben hatte für ihn einen wundersamen Lauf genommen. Eigentlich wollte er nur zwei Monate in den USA bleiben, doch mit 60 Jahren begann er dort den amerikanischen Traum. Er sah, wie Leute funktionstüchtige Geräte einfach vor die Tür stellten, weil in den USA kaum repariert wurde. Er meinte, das sei zu schade, und fing an, in der Nachbarschaft kleine Reparaturen durchzuführen.
Ein friedliches Miteinander ist das Schönste auf Erden
Das Ergebnis: Nach drei Monaten fuhr er wieder bimmelnd durch die Straßen – diesmal mit einem Ford-Pickup. Gemeinsam mit seinem Sohn baute er einen Reparaturdienst auf Rädern auf. Sechs Fahrzeuge fuhren durch Los Angeles und reparierten so ziemlich alles. Die Angestellten waren alle aus der Türkei.
Am Ende stand jedoch eine Tragödie: Sein Sohn wurde bei einer Feierlichkeit von einer verirrten Kugel getroffen – eine jener unseligen Unarten, bei denen Freudenschüsse in die Luft abgegeben werden. Vartkes Usta blieb in den USA und verstarb mit 81 Jahren als wohlhabender Mann. Sein letzter Wille war es, in Istanbul begraben zu werden. So erwiesen wir ihm die letzte Ehre: Mein Onkel führte den Trauerzug auf dem armenischen Friedhof in Kadiköy an.
Wenn ich heute diese Geschichte erzähle, sagen manche Bekannte aus der Türkei herablassend: „Wie, ihr trefft euch mit einem Straßenverkäufer?“ Sicher wären sie hinterher noch entsetzter, wenn sie erführen, dass er Armenier war. Doch ich hoffe, dass andere daraus ihre Lehren ziehen: Ein friedliches Miteinander ist das Schönste auf Erden.

@A. Sturiano: Mir fällt jetzt nur Ungarn ein… Sprache allerdings schwer zu lernen… MFG
Ja, und damals konnte man Gras noch rauchen. Heute reichen 3 Krümel von dem DNA-veränderten Zeug, das 100mal stärker ist, und man ist gleich in der Geschlossenen. Nee, geht alles gar nicht mehr… MFG FINGER WEG VON DEM ZEUG!
Zitat:
„Ein friedliches Miteinander ist das Schönste auf Erden. “
Wir sollten gemeinsam ein Friedenskorps gründen, aber bitte nicht in Deutschland, wo man die Nationalflagge nicht mehr zeigen darf. Irgendein Land ausserhalb der verrotteten EU mit ihren niederträchtigen Politverbrechern dafür geeignet.
Respekt und Glückwunsch: Sie sind ein Sonntagskind, Herr Dener!
Lieber Herr Dener, Sie haben „Onkel Vartkes“ ein kleines aber feines literarisches Denkmal gesetzt.
Es ist auch ein Denkmal für all die namenlosen netten Menschen die als eine freundliche Kindheitserinnerung verblassen.
Schöne Geschichte. 1955 war ein schlimmes Jahr, nicht nur für Armenier und Juden, auch für Griechen. Danach war die Türkei auf ihrem Weg in die Moderne entgleisst. Ich habe mal einen Kurden kennengelernt, der knapp noch in den 1960ern aus der Türkei ausreisen konnte, kurz bevor sie ihn eingebuchtet hätten. Er erzählte mir wie er in einem jüdischen Textilladen arbeitete als genau die Pogrome, welche mehrere Tage dauerten, losbrachen. Als der Mob in ihre Strasse kam warf er geistesgegenwärtig alles was in der Auslage und Strasse stand um und sagte den Leuten „hier sind wir fertig“ und konnte so seinen Chef retten. Gut, er war blond, die es ja auch zur genüge gibt, und sah wie ein Türke aus. Das und seine 120Kg athletisches Lebendgewicht waren glaubwürdig. Überhaupt waren Erzählungen immer sehr interessant für mich. Ich habe gerne Leuten zugehört die aus der „DDR“ rübergemacht haben, Ungaren, die mir von 1956 erzählten usw. Jetzt hat unser Onkel Ahmet das übernommen;)