Billy Bragg ist einer der Letzten, wenn nicht sogar der Letzte seiner Art. Es geht um politische Singer-Songwriter, die sich mit erhobener Faust zum Sozialismus und zur Arbeiterbewegung bekennen. Insofern steht der Engländer in der Tradition US-amerikanischer Vorbilder wie Woody Guthrie, Pete Seeger oder Phil Ochs und repräsentiert jenen Typus von Protestsänger, der sich durchaus aufrichtig gegen jede Art staatlicher Repression wendet.
Ob er damit bei der (etatistischen) Linken gut aufgehoben ist, darf mit Fug und Recht bezweifelt werden. Das hat Bragg wohl auch schon gemerkt, wenn er etwa in einem Interview mit der taz aus dem Jahr 2012 die Occupy-Bewegung als einen „Haufen verfickter Hippies“ bezeichnete. Ebenda berichtet er auch von seinem Rauswurf aus der DDR. Bragg war in den Jahren 1986 und 1989 von der FDJ zum Festival des politischen Liedes nach Ost-Berlin eingeladen worden.
Als er im Anschluss an seinen 1989er Auftritt bei einer Fragestunde anmerkte, dass „das Problem der DDR sei, dass Glasnost und Perestroika nicht mit der Mauer funktionieren“ würden, wurde er mit einem Auftrittsverbot belegt, in ein Flugzeug gesetzt und kurzerhand abgeschoben. Weiter berichtet er, dass ihm schon bei seiner 1986er Konzertreise durch die DDR klar geworden sei, dass Ideologie und Dogmatismus nicht als Basis für eine erstrebenswerte Gesellschaft taugten.
„Sozialismus des Herzens“
Inzwischen ist die Mauer gefallen, der Ostblock ist Geschichte, und Bragg ist Vater geworden. Da kommt sogar der strammste Ideologe ins Grübeln. Heute ist sich Bragg gar nicht mehr so sicher, ob sich die Idee des Sozialismus überhaupt verwirklichen lässt. Ihm sei es immer um einen, wie er sagt, „Sozialismus des Herzens“ gegangen – um eine gerechte und empathische Gesellschaft, die ihre Mitglieder respektiert und ihnen ein menschenwürdiges Leben ermöglicht.
Dazu gehören für den Musiker freie Bildung und Gesundheitsvorsorge sowie faire Löhne und Renten. Man muss wahrlich kein Kommunist sein, um dem zustimmen zu können. Schon eher ein Idealist und Romantiker. Und das ist Bragg definitiv auch. Schon in seinem ersten und wahrscheinlich bekanntesten Song „A New England“ von 1983 singt er in breitestem Cockney-Akzent, dass er gar nicht die Welt verändern wolle, sondern nur nach einem neuen Mädchen Ausschau halte.
Ich lernte ihn jedoch erst drei Jahre später mit seinem dritten Album namens „Talking With the Taxman About Poetry“ kennen, das dieser Tage sein vierzigstes Jubiläum feiert. Der Titel geht auf ein Gedicht des sowjetischen Dichters Wladimir Majakowski zurück, der von Lenin verschmäht und von Stalin verehrt wurde und im Jahr 1930 (offiziell) Selbstmord beging. Das Album ist Braggs erstes, auf dem neben seiner Gitarre auch andere Instrumente zum Einsatz kommen.
Bier, Tattoos und freie Liebe
Es beginnt mit dem wunderbaren „Greetings to the New Brunette“ – dem wahrscheinlich schönsten und romantischsten Song, den Bragg je geschrieben hat. Darin kommen so herrliche Zeilen vor, wie: „I'm celebrating my love to you with a pint of beer and a new tattoo“ („Ich feiere meine Liebe zu dir mit einem Glas Bier und einem neuen Tattoo“). Mit von der Partie sind hier übrigens die wunderbare Kirsty MacColl (1959-2000) und Smiths-Gitarrero Johnny Marr.
Zu den weiteren Highlights des Albums zählt für mich „The Marriage“, in dem Bragg die freie Liebe besingt, die ja nicht immer gleich in ein ewiges Eheversprechen münden müsse, auch wenn es die Mutter gerne so hätte. Und außerdem „Levi Stubbs' Tears“, über die tragische Geschichte einer Frau, der das Leben übel mitgespielt hat und die sich in ihrem Wohnmobil mit einer Kassette der Soul-Gruppe The Four Tops über ihr schweres Schicksal hinwegtröstet.
Dort heißt es im Chorus: „When the world falls apart some things stay in place“ („Wenn die Welt in die Brüche geht, bleiben ein paar Dinge doch heil“), wobei in Braggs Londoner Lokalkolorit alle „Äis“ zu „Eis“ werden, was seiner Musik diesen integren und charmanten Charakter verleiht. Da ist es nur nachvollziehbar, dass Woody Guthries Tochter Nora dem markanten Sänger eine Schachtel voll übriggebliebener Songtexte ihres Vaters anvertraute, um sie zu vertonen.
Mermaid Avenue
Guthrie selbst wollte die Box Anfang der Sechzigerjahre dem jungen Bob Dylan vermachen. Auf dem Sterbebett erzählte er dem aufstrebenden Folksänger davon und wies ihn an, zu seinem Haus in der Mermaid Avenue auf Coney Island zu gehen und seine Frau Margie danach zu fragen. Als sich Dylan an einem verregneten Tag auf den Weg machte und an dem Haus klingelte, öffnete Guthries kleiner Sohn Arlo die Tür und meinte, dass seine Mutter nicht zuhause sei.
Daraufhin zog Dylan unverrichteter Dinge wieder ab und vergaß die Schachtel. Nicht auszudenken, wie die Geschichte der Rockmusik weitergegangen wäre, hätte Dylan an diesem Tag Guthries Songtexte ausgehändigt bekommen und wäre danach nur noch damit beschäftigt gewesen, daraus Lieder zu machen, anstatt seine eigene Lyrik zu entwickeln. Rund vierzig Jahre später widmeten sich dann Billy Bragg und die US-Indie-Band Wilco dieser zweifellos ehrenvollen Aufgabe.
Die erste Songsammlung erschien 1998 unter dem Namen „Mermaid Avenue“. Die zweite folgte im Jahr 2000. 2012 wurde schließlich eine 3CD-Box mit den kompletten Sessions veröffentlicht. Es gehört für mich zum Besten, was ich sowohl von Wilco als auch von Billy Bragg kenne. In den Jahren darauf veröffentlichte der Brite noch zwei Americana-Alben mit dem US-Produzenten und Singer-Songwriter Joe Henry, die musikalisch in dieselbe Kerbe hauen.
Politisches Engagement
Braggs bislang letztes Studioalbum erschien 2021, mitten in der Corona-Zeit, unter dem Titel „The Million Things That Never Happened“. Im gleichnamigen Titelsong listet er in bemerkenswert unpolitischer Manier verschiedenste soziale Ereignisse auf, die während der Lockdowns untersagt oder abgesagt wurden. Keine Kritik. Kein Hinterfragen. Kein klagendes Wort über die Jahre verpassten Lebens, die unwiederbringlich verloren sind.
Eigentlich seltsam für jemanden, der sich sonst so meinungsstark zu allem Möglichen äußert. Es ist auch eine der Lehren aus diesen Jahren, dass sich viele Zeitgenossen, gerade aus dem sogenannten links-progressiven Milieu, willfährig den Vorgaben der Mächtigen beugten und sich durch solch wohlklingende Wieselwörter wie „Solidarität“ und „Verantwortung“ vor den Karren der herrschenden Pandemiepolitik spannen ließen.
Zu Beginn seiner Karriere hatte er da schon mehr Biss. So ließ sich Bragg in den Achtzigern im Zuge eines Sit-Ins gegen die Apartheid in Südafrika verhaften. Und noch einmal bei einer Anti-Atomwaffen-Protestaktion, als er sich am Zaun eines Luftwaffenstützpunktes zu schaffen machte. Zudem musizierte er für die streikenden Bergarbeiter im Norden Englands und spendete sogar die Erlöse seiner damals aktuellen Platte für die Streikkasse.
„Bürgerlicher Patriotismus“
In der Thatcher-Ära gründete Bragg mit The Style Council, den Communards und anderen die Musikerbewegung Red Wedge, die die britische Jugend für die Labour-Partei gewinnen wollte. Weitere Schwerpunkte seines politischen Engagements sind Antifaschismus und die Kritik an Monarchie und Militarismus. Während des Brexit-Referendums unterstützte er die Remain-Kampagne und warf der Gegenseite einen rückwärtsgewandten Nationalismus vor.
Dem hatte Bragg in seinem Buch „The Progressive Patriot“ einen „civic patriotism“ entgegengesetzt, der auf demokratischen Werten und sozialer Verantwortung beruhe. Im Jahr 2023 reagierte er auf den erfolgreichen Protestsong „Rich Men North of Richmond“ von Oliver Anthony mit einem eigenen Song. In „Rich Men Earning North of a Million“ empfiehlt Bragg dem US-Amerikaner, sich lieber in einer Gewerkschaft zu organisieren, anstatt über niedrige Löhne zu jammern.
Zuletzt trat der Achtundsechzigjährige im Januar dieses Jahres mit seinem Protestsong „City of Heroes“ in Erscheinung. Darin prangert er die inakzeptable Vorgehensweise von Beamten der US-Einwanderungs- und Zollbehörde ICE an, die in Minneapolis zwei Menschen erschossen hatten. Bragg hat den Song innerhalb eines Tages geschrieben, aufgenommen und veröffentlicht. Nur Springsteen war mit seinem „Streets of Minneapolis“ noch schneller.

Es ist gratismutig und billig, für eine Gesellschaft in der sich alle lieb haben zu sein. Klappt selbst in den meisten Familien nicht, geschweige denn ganzen in Staaten. Bildung ist eine individuelle Hohlschuld und keine staatliche Bringschuld. Wenn einer keinen Bock hat, etwas zu lernen, kannst den auch 10 Jahre gratis nach Harvard schicken und es kommt nichts dabei heraus. Und was sind faire Löhne? Mehr Fairheit, als dass beide Seiten einen Arbeitsvertrag unterschreiben, kann es de Jure nicht geben.
Stichwort „Sozialismus des Herzens“: Als überaus empathischer und hilfsbereiter Mensch bin ich dennoch (oder gerade deswegen) zu dem Schluss gekommen, dass es nichts schlimmeres gibt als staatlich institutionalisierte Zwangshilfsbereitschaft. Der Großteil des einbehaltenen Steuergeldes landet da nämlich nicht bei denen die es wirklich brauchen, sondern bei denen die es 1. verwalten und/oder 2. die es veruntreuen. Also z.B. mit so was wie „Radwegen in Peru“ in Wahrheit ausländische Regierungen schmieren oder das Geld in der Verköstigung von oftmals als „Flüchtlingen“ getarnten illegalen Landnehmern verbraten, während die Anzahl an Wohnungslosen in Deutschland fortwährend steigt, weil die Mieten wegen anhaltender und meist im Ausland börsennotierter Heuschreckenplagen unkontrolliert ins Kraut schießen. Noch schlimmer wird es, wenn dem gesetzestreuen Bürger das Recht auf Waffenbesitz verweigert wird, während das zwangsweise einbehaltene Steuergeld dann in Panzer und Artillerie verballert wird. Ich persönlich ziehe individuelle Spendenbereitschaft der Steuer deswegen klar vor. Nebenbei: Ein Eidgenosse nennt sich zwar Genosse, ist aber mit Sicherheit kein Sozi. Genauso wenig wie ein Blauer immer automatisch asozial wäre und ein Roter angeblich immer sozial. Die Welt ist voller Schubladen, die sehr häufig falsch beschriftet oder zumindest falsch einsortiert sind. Genau aus dem Grund habe ich mit meiner damaligen Band das soziale Thema immer gemieden wie der Teufel das Weihwasser. Man kann sich damit eben total blamieren. Letztlich gilt: Eine Hand wäscht die andere ist immer besser als tausend Hände waschen hunderttausend andere, da die Präzision mit steigender Größe und Anzahl der Betroffenen einfach leidet. Schlimmstenfalls landet man sonst nämlich bei einem unerklärbaren Defizit von 2,3 Trillionen Dollar in der Staatskasse und einem gigantischen Folgeschaden, der selbst von den besten Musikern auf diesem Planeten kaum wieder eingespielt werden kann. ;-)
Billy Bragg war wohl auch ein Verehrer von „ Levi Stubbs“, dem Lead-Sänger der „Four Tops“, er hat Ihm sogar einen Song gewidmet, „Levi Stubbs Tears“!