Als herrschende Vorstellung von der politischen Gliederung der Gesellschaft hat sich das Modell der parlamentarischen Sitzeverteilung und des zugehörigen Wahlvolkes durchgesetzt. Man geht davon aus, dass die Mitte der Gesellschaft so eben durchschnittlich ist und die einen eher links sind und die anderen eher na ja vielleicht nicht gleich rechts, aber etwas weiter dann halt doch. So ist es seit hundert Jahren, das haben wir seitdem immer so gemacht, wobei wir als links verstehen, was die kleinen Leute vertritt und auf Fortschritt setzt, und rechts ist kaisertreu und hält am Veralteten fest und führt letztlich zu Krieg und Verderben.
Links ist also erst mal irgendwie netter. Stellt man sich eine kleine Linke vor, ist sie sympathischer als die ebenfalls imaginierte kleine Rechte.
Diesem Basisbild folgend sieht man weiter, dass es weiter hinten in beiden Richtungen Extreme gibt. Rechtsextreme sind dabei sehr mies, wobei Linksextreme beim Verfolgen der sympathischen Ziele zu weit gehen und wegen der Existenz der Rechtsextremen als Ausgleich wirken; wer sonst soll denen eins aufs Maul verpassen.
Dies ist das Gesellschaftsmodell, das wohl niemand anzweifelt.
Hätte die Sitzverteilung im Reichstag nach Alter stattgefunden, wäre eine andere Unterscheidung zum Verständnismodell geworden, die dem Generationenkonflikt entspräche. Auch hier hätte man mal feuilletonieren können, dass diese Unterschiede verwischen, da weniger Junge nachkommen und die Alten mittlerweile mangels Identifikationsfiguren im jugendlichen Entwicklungsstadium steckengeblieben sind.
So war es aber nicht, deshalb hat sich erst das politische Programm als „links“ bezeichnet und schließlich eine Strömung, die glaubt, dass man wirklich im Indikativ sagen könne, dass sie links „ist“. Oder “rot”, nicht als Metapher oder auszufüllende Sammelbezeichnung, sondern als gleichsam analytisches Urteil. Zu Rechts wurde das, was als speiegelsymmetrisch der anderen Seite zugeschrieben wurde.
Man kann die politische Gesellschaftsstruktur aber auch mit einem anderen Modell beschreiben. Es gibt ein Gemeinwesen mit der Vielzahl der auf ihre Weise daran Beteiligten, es gibt eine demokratische Verfassung und eine kafkaeske Verwaltung, die der Verfassung noch keinen allzu großen Schaden zugefügt hat, es gibt einige, die daran verzweifeln und zum Opfer von Anwälten wurden, und dann gibt es die, die wir die Extremisten nennen, diejenigen, die die demokratische Verfasstheit ablehnen und mit Gewalt sympathisieren oder Gewalttätigkeiten ausüben. Diese antidemokratischen Extremisten unterteilen sich, da es einiges zu holen gilt, in rivalisierende Banden, sogenannte linke, rechte und noch welche.
Dieses Modell ist nicht wahrer als das erstere, aber mindestens genauso tauglich zum Verständnis der Umstände, und das ist es, was ein Modell zu leisten hat.