Vera Lengsfeld / 07.10.2016 / 15:41 / 11 / Seite ausdrucken

Bilanz nach Dresden: Die Demokratie-Offensive nimmt Gestalt an

Die ungeheuerliche Frechheit, die sich das Volk, von seinen Vertretern gern Pöbel, Mischpoke, Schande oder Pack genannt, am 3. Oktober in Dresden leistete, hat sich gelegt. Zeit, Bilanz zu ziehen.

Die ungekrönte Königin der Meinungsmacher war Claudia Roth, die bei anderer Gelegenheit weniger Hemmungen hat. Roth wurde porträtiert, als die tapfere Politikerin, die versucht haben soll, mit dem Mob vor der Frauenkirche „Kontakt aufzunehmen“.  Als „Kontaktaufnahme“ sagte sie: „Herr lass Hirn herabregnen!“ Tolles Gesprächsangebot. Das konnte nur schief gehen, sollte es wohl auch. Roth wollte nicht reden, sondern sich vor den Kameras in Szene setzen, was ihr gelungen ist.

Medienstar des Tages Nummer zwei war die Frau des sächsischen SPD-Chefs Martin Dulig. Angesichts des undankbaren Volkes, das beim Anblick ihres Mannes nicht jubelte, sondern Unmut äußerte, brach sie in Tränen aus. Dulig zog dann auf Facebook den Fallschirmspringer-Anzug an: "Hasspöbler", "Schande", "Rassisten" hielt er seinen Untertanen entgegen und kündigte ihnen den Kampf an. Im Namen von „Mitmenschlichkeit und Herz“. Sein Sohn Johann Dulig, mit jungen 20 Jahren schon Kreisrat in Meißen, postete fast zeitgleich mit den von seinem Vater heftig kritisierten Protestieren auf Facebook ein Foto des zerstörten Dresden. Versehen mit dem launigen Kommentar: „Deutsche Kurven abfackeln“.  Natürlich ist Johann Duligs Hass auf die Dresdener cool, weil links. Doch dann gabs doch Kritik von allen Seiten. Er wollte lediglich zeigen, dass Dresden eine „Täterstadt“ war, schob Jung-Dulig dann nach.

In der Frauenkirche warnte Ministerpräsident Stanislaw Tillich vor den Leuten, deren Worte „die Lunte legen können: für Hass und Gewalt“. Er meinte damit aber nicht die Linksextremisten, die auf linksunten.indymeda zu gewaltsamen Aktionen aufgerufen hatten. Während er das sagte, brannten draußen schon die ersten Autos mit Pirnaer Kennzeichen, von denen die Antifanten vermuteten, dass sie Pegida-Anhängern gehören könnten.  Auch zu den linksextremistischen Anschlägen auf Polizeiautos am Vorabend fand Stanislaw Tillich kein Wort.

Kreative Vorschläge für den Umgang mit Andersdenkenden

Bundestagspräsident Norbert Lammert legte den unzufriedenen Deutschen nahe, sich doch besser zu fühlen. Diese launige Rede sollte ihn, so heißt es, als Bundespräsidenten empfehlen. Na dann. Lammert beklagte, dass die Deutschen das Bild ihres eigenen Landes viel zu negativ darstellten. "Wir können und dürfen durchaus etwas mehr Selbstbewusstsein und Optimismus zeigen", sagte er. Deutschland könne sich "durchaus eine kleine Dosis Zufriedenheit" erlauben, wenn nicht sogar ein Glücksgefühl. Im von der Kanzlerin ausgerufenen postfaktischen Zeitalter gelten eh nur noch die richtigen Gefühle, die uns die schnöde Realität vergessen lassen.

Wie man mit Andersdenkenden umspringen sollte, dafür hat der Parteinachwuchs durchaus kreative Vorschläge. Der SPD-Jungmann Tom Haungs, Jusovzorsitzender in Mainz, wünschte sich angesichts der Videoaufnahmen von Claudia Roths „Kontaktaufnahme“, dass die abgelichteten Dresdener bei „verantwortungsvollen Arbeitgebern" beschäftigt seien. Beziehungsweise jetzt nicht mehr beschäftigt seien. Der Nachwuchs ist offenbar der Meinung, demokratisches Verantwortungsbewußtsein bestünde darin anders Denkende rauszuschmeißen. Ich musste mir mein Berufsverbot in der DDR noch mit anderthalbjähriger härtester Oppositionsarbeit verdienen, jetzt solls wohl beschleunigte Verfahren geben.

Kanzlerin Merkel hat an diesem denkwürdigen Tag vor der Kamera Respekt eingefordert. Sie hat anscheinend völlig das Gefühl dafür verloren, dass sie eine gewählte Volksvertreterin und keine Erbprinzessin ist. Wie kein anderer Kanzler hat sie dafür gesorgt, dass der Respekt vor diesem Amt schwindet. Sie ist dabei, nicht nur alles zu verspielen, was in Deutschland nach den Diktaturen aufgebaut wurde, sondern ihre selbstherrlichen Alleingänge sind zu einer Gefahr für Europa geworden. Die deutsche Zuwanderungspolitik hat beispielsweise ganz erheblich zum Brexit-Votum der Briten beigetragen. Doch solange Frau Merkel die Protokolle der Bundespressekonferenz durchliest, besteht kein Grund zur Sorge. Journalisten haben eigentlich die Aufgabe, der Regierung auf die Finger zu schauen, inzwischen schauen viele von Ihnen lieber regierungskritischen Kollegen auf die Finger. Das nennt sich konstruktiver Journalismus.

Claudia Roth will nach ihren bitteren Erfahrungen in Dresden jetzt eine gewaltige, dauerhaft finanzierte „Demokratieoffensive“ starten. Die 100 Millionen, die Familienministerin Schwesig bereitstellt, reichen nicht aus. Das Volk, der große Lümmel, ist immer noch aufmüpfig. Es sind diejenigen, die nur ein Vierteljahrhundert nach der letzen deutschen Diktatur nicht wieder die Arroganz der Macht ertragen wollen.

Zum Thema zweierlei Maß: Wenn sie einmal sehen wollen, wie linke Störer schon 2013 an Humboldt-Universität in Berlin eine Veranstaltung mit dem damaligen Verteidigungsminister Thomas de Maizière sprengten ("Hau ab, Hau ab, Nie wieder Deutschland, Nie wieder Deutschland"), der schaue sich dieses Video an. In den Medien wurde darüber praktisch nicht berichtet, es handelte sich offenbar um Zivilcourage.

Mehr auf Vera Lengsfelds Blog  "freedom is not free"

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Roland MÜller / 08.10.2016

Deutschland kann so etwas ähnliches wie die Mistgabelbewegung in Italien dringend gebrauchen.

C. Held / 08.10.2016

Sehr geehrte Frau Lengsfeld, ich danke Ihnen für diesen sehr guten Artikel. Ich hatte den Auftritt von C. Roth auf N24 verfolgen können / müssen. Ihre Beschreibungen, Frau Lengsfeld, unterstreichen meine Meinung über diese Politikerin. Ich bin dankbar, dass es in Deutschland noch Journalisten gibt, die Ihre Aufgabe verstanden haben und diese erfüllen.

Ernst-Fr. Siebert / 08.10.2016

@ Frau Walther: Wen meinten Sie, Frau Roth oder Frau Lengsfeld?

B.Kröger / 08.10.2016

Liebe Frau Lengsfeld, bitte machen Sie weiter! Die Meinungsfreiheit muss erhalten werden!!!

Franck Royale / 08.10.2016

Wie es eine ungelernte Dramaturgin, deren Kleidungsstil man nur schwerlich beschreiben kann, ohne das Wort ‘Lumpen’ zu gebrauchen, in das Amt der Bundestagsvizepräsididentin schaffen konnte, ist mir nach wie vor ein Rätsel - und steht symbolisch für den Marsch der 68er durch die Institutionen und den Verfall der politischen Kultur in Deutschland. Das Ergebnis: Die Lumpenpolitiker wollten erst nicht mit dem Pack reden, jetzt will das Pack nicht mehr mit den Lumpenpolitikern reden.

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