Walter Schmidt / 21.11.2006 / 00:11 / 0 / Seite ausdrucken

“Bevor ich gehe, werde ich euch einen Denkzettel verpassen…”

Vor etwa einem Jahr passierte an einer Privatschule in Leipzig in etwa
folgendes:

Zwei Schüler, 16 Jahre alt, rangelten während der großen Pause im
Klassenzimmer miteinander. Dabei flog im Affekt ein Ranzen aus dem
Fenster im 3. Stock der Schule und tötete fast ein kleines Kind, das gerade
zufällig unten vorbeiging. Der Vater des Kindes, ein Jurist,
verzichtete großzügig auf eine Strafanzeige, da seinem Kind, Gott sei Dank,
nichts passiert war. Die beiden Schüler wurden relegiert, durften
allerdings zur Belohnung auf eine andere Privatschule gehen, in die man
aufgrund einer ellenlangen Warteliste ansonsten nur schwer hineinkommt und
dort, weil sie sich so gut benommen hatten, nach wie vor in ein und
derselben Klasse sitzen.

Zwei andere Schüler ihrer alten Klasse hatten die Botschaft sofort
verstanden und setzten daraufhin einen Mitschüler unter Druck, indem sie
dem vermeintlichen “Streber” mehr oder weniger dezente schriftliche
Morddrohungen zukommen ließen. Als die Sache aufflog, bekamen die beiden
Täter zunächst einmal zwei bzw. vier Wochen schulfrei, um sich von
ihrer Tat und dem damit verbundenen Streß zu erholen. Anschließend
mußten sie mehrere Stunden gemeinnützige Arbeit verrichten und durften
nicht mit auf die Klassenfahrt, zu der sie sowieso “keinen Bock” hatten.
Da das Opfer nach Meinung der Klassenkonferenz zum Teil “selber schuld”
daran war, daß es gemobbt wurde, bekamen die Täter sozusagen
“mildernde Umstände”.

Auf der entscheidenden Klassenkonferenz stimmte ein einziger Lehrer
für die offensichtlich von den Tätern selbst angestrebte Relegation,
während die Mehrheit der anwesenden Pädagogen sich für mehr oder
weniger abgestufte sozialtherapeutische Maßnahmen aussprach.

Jetzt hat heute in Emsdetten ein Amokläufer eine Realschule
überfallen und dabei offensichtlich mehrere Schüler und Lehrer verletzt, bevor
er sich selbst das Leben nahm. Und wie schon bei den Vorfällen in
Erfurt vor fast fünf Jahren, bei denen ein gewisser Robert Steinhäuser
insgesamt achtzehn Schüler und Lehrer ins Jenseits beförderte, bevor er
selbst Hand an sich legte, interessieren sich die Medien hierzulande
scheinbar wie selbstverständlich zunächst in erster Linie für den
Täter und erst in zweiter Linie für die Opfer. Schließlich ist ja auch
hier fast niemandem wirklich etwas passiert, denn was sind schon
siebenundzwanzig Verletzte, die lediglich ein paar Schrammen und ein paar mehr
oder weniger reparable Verletzungen abbekommen haben, gegen die medial
inszenierte Empathie mit einem Täter, der offenbar wieder einmal nicht
anders konnte, als so zu handeln, wie er handelte und der jetzt zu
allem Überfluß auch noch einen tragischen Märtyrertod starb?

Neu an dem Fall Emdsdetten ist allerdings, daß es sich hierbei
offenbar um eine Art neuer “Intifada” in Form des ersten versuchten
Selbstmordanschlags an einer deutschen Schule handelt. Insgesamt fanden die
Ermittler achtzehn Rohrbomben sowie drei Sprengsätze am Körper des
Täters, der seine Tat bereits vor zweieinhalb Jahren im voraus per Internet
angekündigt hatte.

Während die Schule bis auf weiteres geschlossen bleibt und die Opfer
schulpsychologisch betreut werden müssen, basteln bestimmt schon einige
forensische Psychiater an einem wissenschaftlichen Gutachten, das dem
Täter verminderte Schuldfähigkeit bescheinigen wird, da er ein
problematisches Elternhaus und eine äußerst schwere Kindheit hatte.

Schade nur, daß ein irgendwie gearteter “Migrationshintergrund” hier
zur Erklärung bzw. Rechtfertigung der Tat offenbar von vornherein
ausscheidet. Aber vielleicht taucht ja posthum noch ein Abschiedsbrief auf,
in dem sich der Täter mit den Palästinensern, jenen “mutigen jungen
Leuten, die ihr Leben für eine gute Sache geben” (Jörg Zink)
solidarisiert. In einem solchen Eventualfall fiele seine Tat sicher unter das im
Grundgesetz in Art. 20, Abs. 4 verankerte sog. “Widerstandsrecht” und
müßte folgerichtig als “Heldentat” zur “Verteidigung der
freiheitlich-demokratischen Grundordnung im Sinne des Grundsetzes gewertet werden.

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