“Den Opfern ein Gesicht geben”, damit Auschwitz sich nicht wiederhole.
So in etwa läßt sich die Intention der Initiatoren auf den Punkt
bringen, die z.Zt. mit ihrem Projekt “Zug der Erinnerung” durch Deutschland
tingeln, um auf zahlreichen Bahnhöfen die Deportation nicht nur
jüdischer Kinder in die Vernichtungslager zur Zeit des Nationalsozialismus
ins Gedächtnis zu rufen und zur Wachsamkeit gegen den “neuen braunen
Ungeist” hierzulande aufzurufen.
Ich habe mir am gestrigen Nachmittag die von Beate Klarsfeld und
anderen initiierte Ausstellung auf dem Leipziger Hauptbahnhof angesehen.
Hier einige meiner zunächst eher spontanen Eindrücke:
Anfangs suchte ich die Ausstellung leider vergeblich in der sog.
“Shopping Mall” der oben genannten Bahnstation, war es doch ursprünglich das
erklärte Ziel der Initiatoren gewesen, den Nationalsozialismus als
“Diktatur des Alltags” ausdrücklich in den Alltag und die Lebenswelt der
Deutschen zu Beginn des 21. Jahrhunderts zu integrieren.
Stattdessen fand ich den “Zug der Erinnerung” schließlich auf Gleis
24, einem Nebengleis des Leipziger Hauptbahnhofs. Der Zug war zunächst
nur an einer vergleichsweise altmodischen Dampflokomotive der “Deutschen
Reichsbahn” (DR) sowie vergleichsweise altmodischen Waggons bzw.
Salonwagen erkennbar.
“Nanu”, dachte ich bei mir: “Wurden die Juden und andere verfolgte
Minderheiten im “Dritten Reich” etwa in “Salonwagen” und nicht in
“Viehwaggons” in die Vernichtungslager deportiert?”
Schließlich kannte ich unter anderem den berühmten Eisenbahnwagen aus
der Gedenkstätte Yad Vashem in Israel, der gerade wegen seiner
Symbolik als Viehwaggon und in seinem Schweben über dem Abgrund einer
Schlucht stets einen besonderen Eindruck auf mich gemacht hatte, weil er
damit in meinen Augen vor allem die menschlichen Abgründe dokumentierte,
vor denen die Opfer der Deportation im “Dritten Reich” gestanden haben
müssen.
Im “Zug der Erinnerung” selbst erwarteten mich sodann zahlreiche Photos
jüdischer Kinder im Kreise ihrer Familien, vor allem Photos aus eher
glücklichen Zeiten, d.h. vor dem Einsetzen der Deportationen. Daneben
gab es neben zahlreichen Bildtafeln und Kartenmaterial u.a.
Filmausschnitte aus “Shoah” von Claude Lanzmann zu sehen.
Am Ende konnte der Besucher sich in ein Gästebuch eintragen und seine
Betroffenheit über die gezeigte Ausstellung zum Ausdruck bringen.
Ein älterer Besucher vor mir versuchte seine tiefe emotionale
Betroffenheit mühsam in Worte zu fassen und dankte den Initiatoren des “Zuges
der Erinnerung” für ihre Beharrlichkeit und ihre Zivilcourage bei der
Realisierung dieses Projekts “gegen das Vergessen”.
Ich selbst schrieb folgendes ins Gästebuch:
“Ich empfinde diese Ausstellung, gelinde gesagt, als geschmacklos und
pietätlos, da sie m.E. die Würde der Opfer mit Füßen tritt.
Abgesehen von einer tiefen Emotionalität, die sich zweifellos bei der
Betrachtung der Photos einstmals glücklicher jüdischer Kinder einstellt,
trägt diese Ausstellung m.E. nichts aber auch gar nichts zum
Erkenntnisgewinn bezüglich des Nationalsozialismus sowie der Verfolgung und
Vernichtung des jüdischen Volkes in der Shoah bei. Wahrscheinlich wären
manche der Deportierten froh gewesen, wenn sie ihre letzte Reise nach
Auschwitz in derart “bequemen” Waggons hätten antreten können. Angesichts
ihres Dahinvegetierens und ihres Leidens in Viehwaggons ohne
Beleuchtung, ohne ausreichende Belüftung und ohne die Möglichkeit eines
diskreten Verrichtens ihrer Notdurft wäre manchen von ihnen dies vermutlich
als ein Traum erschienen.”
Was also soll diese Ausstellung mehr als 60 Jahre nach der Befreiung
von Auschwitz durch die Rote Armee, wenn sie nicht einzig und allein der
Beruhigung des schlechten Gewissens all jener dienen soll, die entweder
damals geschwiegen haben oder die, sofern sie nach 1945 als
Kommunisten in der DDR lebten, nichts unversucht ließen, gerade jene Juden zur
Ordnung zu rufen, die als Israelis - offenbar von Opfern zu Tätern
mutiert - nunmehr die Palästinenser unterdrückten und damit zu legitimen
Nachfolgern der Nazis im Nahen Osten geworden waren und die damit ihre
moralische Lektion aus Auschwitz als einer “moralischen
Besserungsanstalt” offenkundig nicht gelernt hatten?
Juden sind für die Macher dieser Ausstellung, unter denen sich
zahlreiche Anhänger der Kommunisten und der poststalinistischen Linken
finden, offenbar nur dann “gute Juden”, wenn sie sich demütig in ihre
traditionelle Opferrolle ergeben.
Wenn sie sich dagegen als Israelis in der Rolle der Täter gegenüber
den Palästinensern im Nahen Osten offenbaren, haben sie schlagartig
jedweden Kredit verspielt.
Und ebenso wie kein Jude das sog. “Holocaustmahnmal” in Berlin
benötigt, das summa summarum nichts als eine Art “Schlußstrich” unter die
Beschäftigung mit der Verfolgung und Vernichtung der Juden im “Dritten
Reich” darstellt, braucht kein Jude heutzutage einen solchen “Zug der
Erinnerung”, wie er zur Zeit durch Deutschland tingelt, einen “Zug”, der
allein den Kindern (!) Israels nicht jedoch deren Eltern und Großeltern
den Status als “unschuldige Opfer” zubilligt, während jene
Überlebenden der Schoah, die heute in Israel leben und die von einem drohenden
atomaren Holocaust seitens der Mullahs in Teheran bedroht sind, sich in
der Rolle der zu kritisierenden Täter gegenüber den Palästinensern
wiederfinden.
Es gibt einen großen Unterschied zwischen “gut” und “gut gemeint”. Der
“Zug der Erinnerung” ist eher ein “gut gemeintes” Gutmenschenprojekt.
Er banalisiert und trivialisiert den Holocaust, indem er auf die
Tränendrüse drückt und neue, grundlegende Einsichten in den Prozeß der
Verfolgung und Vernichtung der Juden im “Dritten Reich” versperrt.
Noch mehr gut Gemeintes aus der Werkstatt der Gutmenschen:
http://www.welt.de/berlin/article1610682/Holocaust-Comic_wird_an_Berliner_Schulen_getestet.html
http://www.ngz-online.de/public/article/aktuelles/politik/deutschland/527926
http://www.ngz-online.de/public/bildershowinline/aktuelles/politik/30694
Holo in Rio
http://www.netzeitung.de/ausland/890311.html