Henryk M. Broder / 19.06.2017 / 06:29 / Foto: Oxfordian Kissuth / 12 / Seite ausdrucken

WDR-Affäre: Betreuter Antisemitismus

Ich war eben kurz in Köln und habe dort jemand getroffen, der sich im Innenleben des WDR gut auskennt. Dort werde derzeit überlegt, erfuhr ich von dieser Person, wie man die Doku "Auserwählt und ausgegrenzt - Der Hass auf Juden in Europa"die man eigentlich nicht zeigen wollte, doch zeigen und dabei den Film und die Filmemacher zugleich plattmachen könnte. Erstens durch eine anschließende Diskussionsrunde bei Maischberger, wie sonst auch bei "kontroversen" Themen, wobei man zur Zeit noch nicht weiß, mit wem man die Stelle des "kritischen Juden" besetzten soll; und zweitens durch eine "Nachbearbeitung" des Films, quasi durch "Fußnoten", die in den Film integriert werden sollen. Damit der Zuschauer sich leichter eine Meinung bilden kann. 

Wenn das stimmt, dann würde es die vieldeutige Bemerkung am Ende der Pressemitteilung erklären, wonach  die Mängel der Dokumentation im Verlauf des Abends deshalb thematisiert und kommentiert werden sollen. Was man sowohl auf die Runde bei Maischberger wie auch auf direkte Eingriffe in den Film beziehen kann.

Und wenn das zutrifft, dann wäre es ein rundum ungeheuerlicher Eingriff, sowohl in das Werk der Filmautoren wie auch in die Urteilsfähigkeit der Zuschauer, die vom WDR für zu blöd gehalten würden, sich selbst ein Urteil bilden zu können. So etwas hat es bis jetzt nur bei Dokus aus der NS-Propagandaküche gegeben, die mit begleitenden Anmerkungen denazifiziert wurden. Und bei der "kritischen" Ausgabe von "Mein Kampf".

Man könnte, um Karl Kraus zu aktualisieren, sagen, dass der Skandal dort anfängt, wo der WDR unter dem Regime seines charismatischen Intendanten versucht, ihm ein Ende zu machen. Man könnte auch von einem Fall "betreuten Antisemitismus" sprechen. Ja, der Antisemitismus ist eine viel zu ernste Sache, als dass man sie den Nazis und den Neonazis überlassen könnte.

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Georg Luka / 19.06.2017

Lieber geschätzter Herr Broder, dann rufen Sie doch mal Frau Maischberger an ob diese eventuell Verwendung für einen “kritischen Juden” hätten! Sie in der Runde, das wäre dann endlich Grund, wieder mal das Gemaische zu gucken! (Man wird ja noch träumen dürfen!)

Sonja Brand / 19.06.2017

Sehr geehrter Herr Broder, ich verstehe Ihre Empörung. Dazu kann ich aber nur sagen, willkommen im Club. Was in den letzten 18 Monaten in Deutschland abläuft, ist schlicht und einfach empörend. Diese Empörung bricht sich meinem Empfinden nach in der Bevölkerung aber nur noch Bahn, wenn es um eigene Herzensanliegen geht. Und da “liegt die Kuh im Eis” - wir haben so viele Empörungsfelder, dass man langsam müde wird. Es scheint, als müßte man in alle Windrichtungen gegen diese aufoktruierte Gängelei kämpfen und ist doch völlig machtlos.

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