Peter Grimm / 07.08.2016 / 15:39 / Foto: wellcomeimages.org / 14 / Seite ausdrucken

Betreuende Berichterstattung als erste Journalistenpflicht

Eine Ergänzung zum Beginn: Kurz nachdem die folgenden Zeilen geschrieben wurden, trafen die ersten Meldungen ein, dass es sich bei dem Machetenangreifer von Charleroi um einen 33 Jahre alten Algerier handeln soll, der seit 2012 in Belgien lebte. Der Mann sei polizeibekannt gewesen, nur nicht im Zusammenhang mit Terrorismus. Auch der „Islamische Staat“ hat sich nun offiziell zu dem Attentat bekannt und ihm damit sein islamistisches Prüfsiegel verliehen. Insofern ändert sich nun auch die Berichterstattung und verlässt vielleicht den beschriebenen Schongang.

Es ist Sonntagvormittag und was hören wir von einem Ereignis am Vortag? Ein Mann geht im belgischen Charleroi mit einer Machete und unter „Allahu akbar“-Rufen auf Polizeibeamtinnen los und versucht, diese zu töten. Bei zwei Verletzten – eine davon schwer – endet seine Opferbilanz, dann wird er von Polizeibeamten erschossen.

Jetzt könnte man das Offenkundige berichten, nämlich dass schon wieder ein Islamist die Ungläubigen mit einem Anschlag treffen wollte. Natürlich sind dann immer noch viele Fragen offen, beispielsweise, ob der Mann einen Befehl von außen bekam oder ob er sich diesen selbst gegeben hat. Außerdem wüsste man natürlich gern, ob es sich um einen autochthonen Einwohner, einen Mann mit Migrationshintergrund oder einen auf Einladung der deutschen Bundeskanzlerin eingereisten „Flüchtling“ handelte.

Antwort auf diese Fragen erhielt der geneigte deutschsprachige Medienkonsument längere Zeit nicht. Nach Stunden wurde ihm immerhin die Gewissheit mitgeteilt, dass es wahrscheinlich einen „terroristischen Hintergrund“ gäbe. In vielen Meldungen wurde zwar der „Allahu akbar“-Ruf des Attentäters erwähnt, aber der Wortstamm „Islam“ wird in jedweder Form peinlich vermieden. Soll der geneigte Medienkonsument darüber nachdenken, welche nicht-islamischen Terroristen unter dieser arabischen Anrufung Gottes morden könnten?

Dem Autor dieser Zeilen fallen keine ein. Entweder bin ich also zu dumm, so dass mir der Berichterstatter doch bitte erklären könnte, welches nicht-islamistische Motiv für die Tat in Frage kommt oder er soll es beim Namen nennen. Immer dann, wenn islamistische Attentäter zuschlagen, hat man das Gefühl, mit einer Art betreuender Berichterstattung konfrontiert zu werden, die so tut, als gäbe es irgendeine Erklärung für die Tat, die „nichts mit dem Islam zu tun“ hat, auch wenn den Berichterstattern gerade keine einfällt.

Echte Fürsorge, damit der Informationsbetreuer uns nicht überfordert

Es ist beinahe verwunderlich, dass es noch keinen Hinweis auf eventuelle psychische Probleme des Attentäters gab, der vor ein Polizeirevier zog, um Polizistinnen anzugreifen. Vielleicht kollidiert das etwas mit der Absicht, nicht allzuviel von Herkunft und Vorleben des jungen Mannes preiszugeben. Immerhin haben wir ja schon vor Monaten von unserem Innenminister erfahren, dass es Informationen gibt, die die Öffentlichkeit nur unnötig beunruhigen würden. So ist es nur Fürsorge, wenn der Informationsbetreuer uns hier nicht überfordert.

Vielleicht sollten wir uns dafür einmal bedanken. Immerhin sind die betreuenden Berichterstatter ja nicht ganz erfolglos. Wer beispielsweise vor ein paar Tagen in London eine Frau erstochen und andere Passanten mit seinem Messer verletzt hat, haben wir im deutschsprachigen Raum nicht erfahren. Zumindest so lange die aktuellen Meldungen liefen, war es ein vollkommen herkunftsloser 19-Jähriger, dann war der Fall wieder vergessen. Die Antwort auf die Frage, ob es nun ein Islamist war oder nicht, kann uns deshalb nicht mehr beunruhigen. Ist das nicht schön? So schaffen wir das vielleicht.

Kontraproduktiv wäre es da, zu viel aus Charleroi zu berichten oder die Nachricht zu verbreiten, dass am Sonntag in Lüttich ein Mann festgenommen wurde, der mit der Machete in die Stadt zog. Es handelte sich um einen etwa 20-Jährigen, meldete die Nachrichtenagentur Belga. Mehr Beunruhigendes wird zum Glück derzeit nicht verbreitet. Lehnen Sie sich doch einfach zurück und genießen Sie das ruhige Leben, dass Sie durch die betreuende Berichterstattung gewinnen. Zumindest so lange, bis Sie der verleugneten Wirklichkeit dann irgendwann selbst begegnen. Aber bis dahin ist es doch schöner, wenn man nicht immer über all das nachdenken muss, oder?

Alter Nachtrag: In etwas späteren Meldungen ist tatsächlich auch ein Satz mit der Formulierung „islamistischer Hintergrund“ aufgetaucht. In diesen Tagen kann einen die Wirklichkeit eben schnell überholen während man schreibt.

Neuer Nachtrag: War das jetzt ungerecht gegenüber den Journalistenkollegen, die einfach nur die Nachrichtenlage abgewartet haben? Zum Teil ja, aber das Problem des weit verbreiteten islamistenschonenden Zungenschlages bleibt. Man hätte das Attentat auch vor der Identifizierung des Attentäters schon einen islamistischen Anschlag nennen können. Soviel war offenkundig. Es dennoch zu vermeiden, schürt leider einfach den Verdacht, man soll vor beunruhigenden Schlussfolgerungen geschützt werden.

Siehe auch hier und hier 

Dieser Beitrag erschien zuerst auf Peter Grimms Blog Sichtplatz hier.

Foto: wellcomeimages.org CC-BY 4.0 via Wikimedia

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Leserpost

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Dr. Christian Rother / 09.08.2016

Bei web.de hieß es am 6.8. gegen 21:15 unter der Überschrift “Macheten-Angriff auf Polizei. Belgien: Zwei Beamte verletzt - Mann rief bei der Tat religiöses Bekenntnis”: “Ein Mann hat in der belgischen Stadt Charleroi nahe Brüssel zwei Polizistinnen auf der Straße mit einer Machete angegriffen und dabei ein religiöses Bekenntnis gerufen.”  Erst einige Zeilen später hieß es, der Angreifer habe der belgischen Polizei zufolge bei der Tat “Allahu Akbar” gerufen. Wer nur Überschrift und ersten Absatz gelesen hat, konnte also noch denken: Da hat vielleicht einer gerufen „Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde, und an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn, unsern Herrn.”  So kann man sich täuschen.

Hannelore Thomas / 09.08.2016

Herr Linkert, Sie haben es 100%ig auf den Punkt gebracht. Für mich ist das Nordkorea

Heinrich Johannes / 08.08.2016

In der Tagesschau in der ARD wurde den Zuschauern am 6.8. übrigens gesagt, der Täter von Charleroi habe “auf Arabisch Gott ist groß” gerufen. Offensichtlich durfte der inzwischen allgemein als Schlachtruf islamistischer Terroristen bekannte Schlachtruf Allahu akbar nicht genannt werden, um bloß keinen Zusammenhang zum Islam herzustellen. Das hat mit der Sorgfaltspflicht der Journalisten nichts zu tun, das ist bewusste Irreführung mit dem Ziel, vom Islam abzulenken.

Uwe Dippel / 08.08.2016

‘Angeblich’ ist auch ein schönes Wort, Herr Reichert. Gestern hatte ich mal wieder die Möglichkeit, die Druckausgabe des SPIEGEL zu lesen. Und da war mehrfach das schöne Wort ‘angeblich’ drin. Der Attentäter von Ansbach wurde angeblich von einer Kontaktperson in Saudi geführt. Und die AfD hat eine Werbung in Berlin aufgesetzt, mit der angeblichen Homophobie von Muslimen. Als jemand der 15 Jahre in einem islamischen Land gelebt hat, und viele Muslime zu seinen Freunden zählt, kann ich ganz deutlich bestätigen, dass die überwiegende Mehrheit der Muslime homophob sind, weil sich das aus den dieser Religion zugrunde liegenden Schriften so zwangsläufig ergibt. Das macht doch die Muslime nicht schlecht; ich habe doch deshalb keine Hassgefühle. Für mich gehört es zum normalen Umgang, bei diesen Freunden keine Diskussion zum Thema vom Zaune zu brechen, oder darauf einzugehen. Bin ich ein Rassist, oder gar ein Nazi, weil ich dieses wunderschöne Wort ‘angeblich’ nicht verwende, sondern Dinge so ausspreche wie sie sind? Natürlich ist immer Zurückhaltung bei der Berichterstattung geboten. Das schreiben Sie allerdings besser an die Kollegen von z.B. der ARD, die uns ja alle stundenlang und ohne Unterbrechung live aus München von jedem auch nur erdenklichen Gerücht unmittelbar in Kenntnis setzten. Noch ein Schmankerl, am Rande, der Cicero und da seine Schreiberin Petra Sorge hat sich am Tage nach dem Attentat in Nizza sehr bemüht, alle Spekulation wegzulassen, und deshalb erschien dort auch nur ein Beitrag, eben jener von Frau Sorge, die versuchte aus der Entfernung nachzuweisen, dass der Attentäter eben nicht seinen ‘Allahu Snackbar’ gerufen hatte. Mir persönlich ist da schon richtig schlecht geworden. Denn bei 83 Toten ist es zunächst einmal unwichtig, ob der Täter und was der Täter gerufen hat. Ich persönlich finde es unappetitlich, am Tage danach nichts aus Nizza, nichts von Ermittlungen, nichts von der aktuellen Situation zu schreiben,; sondern lediglich zu nachzuweisen zu versuchen, der Täter habe eben nicht ‘Allahu Akbar’ gerufen.

Dieter Schilling / 08.08.2016

Sehr verehrter Her Klaus Reichert, Ihre Inschutznahme der Berichterstattung in allen Ehren,nur geht die inzwischen sogar so weit,dass sie bei einem Täter,dem Millionen bei seiner Tat live(auf jeden Fall im Fernsehen) zusehen können, von ” mutmaßlich” sprechen oder schreiben.Der “mutmaßliche” Täter! Natürlich wird so einer rein rechtlich erst nach seiner Verurteilung zum Täter.Ich fühle mich trotzdem verarscht.

Annette Lamberty / 08.08.2016

Beim Attentat von Orlando war im öffentlich-rechtlichen TV erst mal von einem “Amoklauf” die Rede, dann von einem “terroristischem Anschlag” (IRA? RAF?), dann irgendwann etwas von “afghanischem Hintergrund”. Den Rest sollte sich der Zuschauer wohl denken. Oder eben halt nicht. Noch bizarrer war das Laufband im öffentlich-rechtlichen in der Nacht des Massakers von Nizza, wo stundenlang zu lesen war, die Toten von Nizza seien auf eine “Massenpanik” zurückzuführen. Zu dieser Zeit waren schon längst Handy-Videos allüberall zu sehen von dem weißen LKW, wie er in die Menge rast. M. W. hat sich bisher noch kein deutsches Medium dazu durchringen können, darüber zu berichten, wie grausam die Opfer vom Bataclan verstümmelt worden sind (die britische Presse hilft weiter…..). Das hat wohl “psychohygienische” Gründe. Oder um mit U. Gellermann zu sprechen: “Husch, husch, ins Maulkörbchen”.

Karla Kuhn / 08.08.2016

Mittlerweile weiß doch jedes Kind, was es von dieser Art “Berichterstattung” zu halten hat, nämlich nichts. Darum suchen auch immer mehr Menschen, die wirklich am politischen Leben interessiert sind und sich nicht mehr länger verdummen lassen möchten, andere Medien auf.  Ich treffe immer mehr auf Gleichgesinnte. Die Achse ist ein Beispiel für guten, informativen Journalismus. Mit Freude lese ich auch die Leserbriefe.

Klaus Reichert / 07.08.2016

Mal ehrlich. Hier wird doch die simple Tatsache, dass Journalisten ihre Sorgfaltspflicht ernst nehmen und zunächst berichten was ist, und nicht, was wahrscheinlich ist, schon skandalisiert. Medien, die das Tatmotiv schon kennen, wenn das Blut noch tropft, sollten wir uns nicht wünschen. Und auch die Autoren der Achse können die Berichterstattung über ein Ereignis besser bewerten, wenn sie sich dafür etwas Zeit nehmen.

Nicolas Linkert / 07.08.2016

Die eigentliche Frage ist in meinen Augen eine andere: Ja, es ist so, wie der Autor richtig beobachtet hat. Warum aber ist das so? Warum wird so und nicht anders gerade bei diesen Attentätern berichtet? Die Antwort liegt auf der Hand, aber man sollte es trotzdem sagen: Wenn eine Regierung eine sehr große Anzahl von Menschen islamischen Glaubens in Deutschland ansiedeln will, was aktuell passiert, dann passt es nicht in ihr Konzept, wenn genau diese Religion tagtäglich negative Schlagzeilen produziert. Also muss die Regierung inkl. Statthalter (Leitmedien, Staatsfunk etc.) interpretieren bzw. uminterpretieren. So lange, bis es passt.

Thomas Kammerer / 07.08.2016

Betreutes Denken bedarf nun mal der betreuenden Berichterstattung.

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