Anfang der Neunzigerjahre wohnten wir im vierten Stock eines Mietshauses, um das herum gleich mehrere Baustellen entstanden sind. Morgens um sieben Uhr ging das Hämmern, Bohren und Schreien los, was einen nicht nur unsanft aus dem Schlaf riss, sondern auch schon in aller Herrgottsfrühe ein schlechtes Gewissen machte, dass man als BAföG-alimentierter Student noch im Bett lag, während andere schon im Schweiße ihres Angesichts ihr täglich Brot verdienen mussten.
Der Baulärm dauerte über Monate hinweg an und ließ sich auch bei geschlossenen Fenstern nicht ignorieren. Was tun? Umziehen war keine Option. Also musste ich mich irgendwie damit arrangieren. Dabei halfen mir insbesondere zwei Schallplatten, die das Einzige an Musik waren, was ich in dieser Zeit vertragen konnte. Zum einen, die „Selected Ambient Works Volume 2“ von Aphex Twin, die den Krach auf wundersame Weise absorbierte und zum Teil der Soundscape werden ließ.
Und zum anderen, das zweite, selbstbetitelte Doppelalbum der Red House Painters, mit dem sepiabraunen Coverfoto des alten Thunderbolt Roller Coaster, einer hölzernen Achterbahn aus den 1920er Jahren auf Coney Island, im Süden des New Yorker Stadtteils Brooklyn an der Atlantikküste. Das Foto passt perfekt zum tiefenentspannten Slowcore der Band aus San Francisco um den Singer-Songwriter Mark Kozelek mit der charismatischen Stimme.
Musik wie in Zeitlupe
Die Musik der Red House Painters wirkt wie in Zeitlupe und strahlt eine geradezu phlegmatische Geruhsamkeit aus, die nicht zuletzt auch Kozeleks softer und gemächlicher Art zu singen geschuldet ist. Aber auch die Ecken und Kanten fehlen nicht: Ab und an wird die Ruhe durch verzerrte Gitarren und schräge Harmonien gestört, was aber nie in Stress ausartet, sondern einen daran erinnert, dass zum Yin immer auch etwas Yang gehört.
Die Red House Painters wurden Ende der Achtzigerjahre von Sänger und Gitarrist Mark Kozelek und Schlagzeuger Anthony Koutsos in Atlanta, Georgia gegründet. Schon bald zogen die Beiden nach San Francisco, wo sie mit dem Leadgitarristen Gorden Mack und dem Bassisten Jerry Vessel die Band komplettierten. 1992 erhielten sie einen Plattenvertrag bei dem britischen Independent-Label 4AD, wo sie bis 1995 ihre ersten vier Alben veröffentlichten.
Aus dieser Phase stammen auch ihre besten Stücke, zu denen für mich das hymnische „Mistress“, das behäbige „Rollercoaster“ und der nachdenkliche „Katy Song“ mit dem filigranen Gitarrenspiel von Gorden Mack gehören, die allesamt dem besagten „Rollercoaster“-Album entstammen. Ich sehe mich noch, wie ich mit Kopfhörern am Fußboden meiner damaligen Wohnung liege und aus Protest gegen die Zumutungen der Außenwelt im Geiste das ganze Haus rot anmale.

Danke für den Tip. Erinnert mich etwas an die Musik von den „Magnetic Fields“
Hallo Herr Scheuerlein !
Dann kann ich Ihnen auch die US-Band The Reds, Pinks and Purples empfehlen.
Die machen eine ähnliche Musik wie Ihr Favourit.
Viele Grüsse aus Berlin
Werner Pfetzing
p.s.: der name red house painters ist ein mafia slangword für ein hit-team/ auftragsmörder…
„Aus dieser Phase stammen auch ihre besten Stücke, zu denen für mich das hymnische “Mistress„, das behäbige “Rollercoaster„ und der nachdenkliche “Katy Song„ mit dem filigranen Gitarrenspiel von Gorden Mack“
es gibt kaum musikstücke, die mich mehr berühren…unfassbar schöne, melancholische und absolut zeitlose meisterwerke.
ich habe mr.kozelek als sunkillmoon letztes jahr live erleben dürfen, unfassbar gut und intensiv.
selected ambient works 2 ist ebenfalls zeitlose genialität, essentiell!
vielen dank und lg!
Komplette Zustimmung. Damit hier auch eine Meldung DAFÜR drin ist, wenn ein paar Achsenleser wieder musikalisch überfordert sind …. ;-)