In der Musik des Trios mit dem irreführenden Namen verschmelzen zeitlose Popmelodien mit unbändiger Spielfreude und energiegeladener Rock-Power. Und das alles ohne Gitarren!
Weil Ben Folds Five besser klingt als Ben Folds Three, einigten sich Pianist Ben Folds und seine beiden Mitstreiter Robert Sledge am Bass und Darren Jessee am Schlagzeug auf den irreführenden Namen, womit sie neugierigen Musikjournalisten schon mal erstes Futter lieferten. Eine weitere Kuriosität liegt in der außergewöhnlichen Tatsache, dass das Trio ein musikalisches Feld beackert, das typischerweise von E-Gitarren bestellt wird, in ihrer Musik aber tatsächlich keine einzige Gitarre vorkommt.
Hierfür zeichnet allen voran Ben Folds mit seinem genialen Klavierspiel verantwortlich, den man getrost als einen, wenn nicht den besten Rockpianisten des Planeten bezeichnen darf. Und spätestens, wenn Robert Sledge auf sein Fuzz-Pedal latscht und seinen Bass wie eine Kreissäge klingen lässt, die sich selbst als Cello identifiziert, vermisst man überhaupt nichts mehr. Schön auch, dass alle drei Bandmitglieder singen können und gemeinsam einen Harmoniegesang trällern, vor dem selbst die Fab Four den Hut gezogen hätten.
Überdies verfügt Folds über die seltene Gabe, seinen Songs Mittelteile angedeihen zu lassen, die dem Ganzen erst so richtig die Krone aufsetzen. Bei vielen Stücken wundert es einen ohnehin, dass man sie noch nie im Radio oder sonst wo gehört hat. Vielleicht hat das aber auch damit zu tun, dass Folds in nicht wenigen seiner Songtexte kein Blatt vor den Mund nimmt und mit den unflätigsten Ausdrücken und Schimpfwörtern um sich schmeißt.
„Punk-Rock für Memmen“
So gibt Folds etwa im „Song for the Dumped“ seiner Ex noch ein „Fuck you, too!“ mit und fordert sie nachdrücklich auf: „Give me my money back, you bitch!“ („Gib mir mein Geld zurück, du Schlampe!“). Und ganz wichtig: „And don't forget to give me back my black T-shirt.“ („Und vergiss nicht, mir mein schwarzes T-Shirt zurückzugeben“). Nicht gerade die feine englische Art, dafür aber gepflegtester amerikanischer Rock'n'Roll.
Es ist eines der letzten ungeklärten Rätsel der Menschheit, warum diese Band nicht weltberühmt geworden ist. Ich meine: Elton John, Paul McCartney, Joe Jackson oder Billy Joel – alles Namen, die einem beim Hören von Ben Folds Five in den Sinn kommen können – würden wahrscheinlich ihr rechtes Bein geben, wenn ihnen in den letzten dreißig Jahren auch nur einer dieser Songs eingefallen wäre.
Ben Folds Five gründeten sich 1993 in Chapel Hill im US-Bundesstaat North Carolina. 1995 erschien ihr selbstbetiteltes Debütalbum, das jetzt im August sein 30-jähriges Jubiläum feiert. Schon da springt einem diese unbändige Spielfreude entgegen, die so charakteristisch für die drei Amerikaner ist. Ben Folds bezeichnete die Musik von BFF (wie der Bandname offiziell abgekürzt wird) einmal augenzwinkernd als „Punk-Rock für Memmen“ („punk rock for sissies“), womit er wohl auf die energiegeladene Rock-Power einerseits und die eingängigen Popmelodien andererseits anspielen wollte.
Beste Band ihrer Zeit?
Der Nachfolger „Whatever and Ever Amen“ kam 1997 heraus und fand vor allem in Australien und Japan großen Anklang, wo die Scheibe die Top 10 der Albumcharts erreichte. Weitere zwei Jahre später veröffentlichten sie ihr drittes Album mit dem merkwürdigen Titel „The Unauthorized Biography of Reinhold Messner“. Den Namen hatten sie irgendwo aufgeschnappt, ohne zu wissen, was es mit Messner auf sich hat. Und weil „mess“ im Englischen so viel wie Schlamperei oder Saustall bedeutet, fanden sie den Namen so ulkig, dass sie das neue Album danach benannten.
Neu daran waren auch die orchestralen Arrangements mit Streichern und Bläsern sowie der Einsatz von Synthesizern. Auch kompositorisch zeichneten sich die neuen Songs durch eine komplexere Struktur aus. Wenn man sich die drei BFF-Alben aus den 90er Jahren gründlich zu Gemüte führt, liegt der Gedanke nicht fern, dass ein Musikkritiker der Zukunft, der auf das ausgehende 20. Jahrhundert zurückblickt, Ben Folds Five für die beste Band dieser Zeit halten könnte.
Dennoch kam es im Jahr 2000 zum Bruch: Nach einer weltumspannenden Tournee fassten die drei Musiker den Entschluss, künftig getrennte Wege zu gehen. Sledge schloss sich einer anderen Band an, Jessee gründete seine eigene und Folds startete eine Solokarriere. Bis dato brachte er acht überaus bemerkenswerte Studioalben sowie diverse EPs und Live-Scheiben heraus. Seit 2008 ist es zu einigen vorübergehenden Wiedervereinigungen des Trios gekommen, aus denen 2012 und 2013 das Studioalbum „The Sound of the Life of the Mind“ und ein Live-Album hervorgingen.
YouTube-Link zu „Song for the Dumped“ vom zweiten Album in einer Live-Version bei einem TV-Auftritt
YouTube-Link zu „Alice Childress“ vom Debütalbum
YouTube-Link zu „Don't Change Your Plans“ vom dritten Album
Und als Zugabe noch die 2013er BFF-Live-Version eines der stärksten Songs aus Ben Folds Solokarriere: „Landed“
Hans Scheuerlein verarbeitet auf der Achse des Guten seit 2021 sein Erschrecken über die Tatsache, dass viele der Schallplatten, die den Soundtrack seines Lebens prägten, inzwischen ein halbes Jahrhundert alt geworden sind.
Beitragsbild: Kevin Tostado from San Diego, USA - Ben Folds Concert (8), CC BY 2.0, via Wikimedia Commons

Und heute wird die Welt mit „Velvet Sundown“ (yt) beglückt. Menschliche Kreativität brauchts nicht mehr.
Meine amerikanische Lieblingsband aus der Zeit: The Magnetic Fields.
danke für den tip, vorher nie gehört. ich habe eben kurz reingehört, klingt gut! ich werde die band in ruhe checken, danke!