Gastautor / 31.07.2012 / 16:02 / 0 / Seite ausdrucken

Besser früher als später

Peter Stephan Jungk

Meine Beschneidung wurde am Tag nach meiner Geburt vorgenommen, im St.John’s Hospital von Santa Monica, einem Stadtteil von Los Angeles. Das römisch katholische Spital war 1942 von Nonnen der ‚Charity of Leavenworth’ gegründet worden. Ich möchte damit nicht sagen, dass eine Nonne mich beschnitten habe, sondern in aller Beschnittenheit darauf hinweisen, dass der Eingriff nicht meiner Religionszugehörigkeit wegen stattfand. Alle männlichen amerikanischen Babies bis zum Ende der fünfziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts wurden ihrer Vorhaut beraubt, wenn vor der Geburt des Kindes kein Einspruch dagegen erhoben wurde. Die Maßnahme beuge Phimosen vor, sei mit Sicherheit hygienischer, in jedem Falle sinnvoll. (Dass der Prozentsatz Aids-Erkrankter unter beschnittenen Männern weit niedriger liegen würde als unter unbeschnittenen, konnte damals noch niemand, von Gott abgesehen, ahnen.)

Mein Vater, der Publizist und Zukunftsforscher Robert Jungk, reagierte äußerst verärgert, als er von der medizinischen Beschneidung erfuhr, nicht etwa, weil man sie vorgenommen hatte, sondern weil er, der absolut Nichtreligiöse, sich für seinen Sohn eine religiöse Zeremonie gewünscht hätte: der Tradition folgend am achten Tag nach der Geburt, ausgeführt von einem Mohel, dem rituellen Beschneider. Was seine assimilierten Eltern ihm vorenthalten hatten, sollte wenigstens seinem Sohn zugute kommen. Mich störte - jedes Mal, wenn ich ihn nackt sah - das spitz nach vorne verlaufende Stück Vorhaut meines Vaters. Ich genierte mich als Kind dafür, dass er unbeschnitten war. Ich befand, sein Penis sehe hässlich, meiner im Gegensatz dazu wunderschön aus. Die wenigen Frauen, die ich in meinem bisherigen Leben näher kennenlernen durfte, ließen mich ausnahmslos wissen: beschnitten ist so viel hübscher als unbeschnitten!

In der laufenden Diskussion wird allerdings eine Wahrheit nahezu vollkommen ausgeblendet: natürlich macht es einen großen Unterschied, ob ein Neugeborenes beschnitten wird, oder ein bereits fünf-, sechsjähriger Bub, und es macht einen noch weit bedeutenderen Unterschied, ob es der Eingriff - wie es in der muslimischen Welt oft geschieht - erst mit zehn, elf, zwölf Jahren vorgenommen wird. Dass eine so späte Operation einen Knaben erschüttere, er das Gefühl bekommen muss, man schneide ihm von seinem ganzen Stolz ein Stück weg, das ist nicht zu leugnen.

Und in diesem Zusammenhang schließe ich mich sogar jenen an, die diesem Brauch zumindest mit einer gewissen Skepsis gegenüber stehen. Zwischen der Beschneidung eines einwöchigen Babies und eines Knaben im vollen Bewusstsein seiner Männlichkeit liegt tatsächlich ein Unterschied wie zwischen einem winzigen Schnitt in den Zeigefinger und der Verwundung einer Hand beim Brotschneiden. Damit sei aber mitnichten jenen zugestimmt, die ein Beschneidungsverbot im Grundgesetz verankern wollen, Gott behüte. Religiöse Bräuche müssen unter allen Umständen vor staatlichen Eingriffen bewahrt bleiben. Mir lag nur daran, diesen kleinen Unterschied zwischen Judentum und Islam zumindest erwähnt zu haben.

Sie lesen gern Achgut.com?
Zeigen Sie Ihre Wertschätzung!

via Paypal via Direktüberweisung
Leserpost

netiquette:

Leserbrief schreiben

Leserbriefe können nur am Erscheinungstag des Artikel eingereicht werden. Die Zahl der veröffentlichten Leserzuschriften ist auf 50 pro Artikel begrenzt. An Wochenenden kann es zu Verzögerungen beim Erscheinen von Leserbriefen kommen. Wir bitten um Ihr Verständnis.

Verwandte Themen
Gastautor / 24.03.2024 / 10:00 / 48

Kunterbunt in die Katastrophe

Von Florian Friedman. So ziellos er auch mittlerweile durch die Geschichte stolpert, auf eine Gewissheit kann der Westen sich noch einigen: Unser aller Erlösung liegt…/ mehr

Gastautor / 18.02.2024 / 10:00 / 30

Die rituale Demokratie

Von Florian Friedman. Letzter Check: Die Kokosnussschalen sitzen perfekt auf den Ohren, die Landebahn erstrahlt unter Fackeln, als wäre es Tag – alle Antennen gen…/ mehr

Gastautor / 07.01.2024 / 11:00 / 18

Was hat das ultraorthodoxe Judentum mit Greta zu tun?

Von Sandro Serafin. Gehen Sie einfach mit dem Publizisten Tuvia Tenenbom auf eine kleine Reise in die Welt der Gottesfürchtigen und nähern sich Schritt für…/ mehr

Gastautor / 17.12.2023 / 11:00 / 18

Ist auch der PEN Berlin eine Bratwurstbude?

Von Thomas Schmid. Am vergangenen Wochenende trafen sich die Mitglieder des im Sommer 2022 gegründeten PEN Berlin zu ihrem ersten Jahreskongress im Festsaal Kreuzberg. Die…/ mehr

Gastautor / 17.10.2023 / 11:00 / 20

Wokes „Voice“-Referendum: Warum die Australier Nein sagten

Von Hans Peter Dietz. In Australien ist ein Referendum, das die Bildung einer nicht gewählten Nebenregierung aus Ureinwohnern ("Indigenous Voice to Government") vorsah, an einer…/ mehr

Gastautor / 07.08.2023 / 14:00 / 80

Brennpunkt-Schulen: Ein Lehrer klagt an

Von Rafael Castro. Als Berliner Lehrer weiß ich, dass die Missstände in der Integration weit mehr von „biodeutschen“ Verblendungen verursacht werden als vom Koran. Deutsche Tugenden…/ mehr

Gastautor / 08.06.2023 / 14:00 / 14

Arte zeigt Mut zur (Fakten-)Lücke

Von Artur Abramovych. Eine Arte-Doku will uns ein Bild der Westbank vermitteln, besser: Israel im „Griff der Rechten“ präsentieren. Die Methode an einem Beispiel: Es…/ mehr

Gastautor / 29.05.2023 / 14:00 / 24

Den Talmud studieren und Top-Programmierer werden

Von Michael Selutin. Profitiert das erfolgreiche High-Tech-Land Israel von der jüdischen Tradition des Talmud-Studierens? Ist im Talmudisten der Super-Programmierer angelegt? Diesen spannenden Fragen geht unser Autor aus…/ mehr

Unsere Liste der Guten

Ob als Klimaleugner, Klugscheißer oder Betonköpfe tituliert, die Autoren der Achse des Guten lassen sich nicht darin beirren, mit unabhängigem Denken dem Mainstream der Angepassten etwas entgegenzusetzen. Wer macht mit? Hier
Autoren

Unerhört!

Warum senken so viele Menschen die Stimme, wenn sie ihre Meinung sagen? Wo darf in unserer bunten Republik noch bunt gedacht werden? Hier
Achgut.com