Peter Stephan Jungk
Meine Beschneidung wurde am Tag nach meiner Geburt vorgenommen, im St.John’s Hospital von Santa Monica, einem Stadtteil von Los Angeles. Das römisch katholische Spital war 1942 von Nonnen der ‚Charity of Leavenworth’ gegründet worden. Ich möchte damit nicht sagen, dass eine Nonne mich beschnitten habe, sondern in aller Beschnittenheit darauf hinweisen, dass der Eingriff nicht meiner Religionszugehörigkeit wegen stattfand. Alle männlichen amerikanischen Babies bis zum Ende der fünfziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts wurden ihrer Vorhaut beraubt, wenn vor der Geburt des Kindes kein Einspruch dagegen erhoben wurde. Die Maßnahme beuge Phimosen vor, sei mit Sicherheit hygienischer, in jedem Falle sinnvoll. (Dass der Prozentsatz Aids-Erkrankter unter beschnittenen Männern weit niedriger liegen würde als unter unbeschnittenen, konnte damals noch niemand, von Gott abgesehen, ahnen.)
Mein Vater, der Publizist und Zukunftsforscher Robert Jungk, reagierte äußerst verärgert, als er von der medizinischen Beschneidung erfuhr, nicht etwa, weil man sie vorgenommen hatte, sondern weil er, der absolut Nichtreligiöse, sich für seinen Sohn eine religiöse Zeremonie gewünscht hätte: der Tradition folgend am achten Tag nach der Geburt, ausgeführt von einem Mohel, dem rituellen Beschneider. Was seine assimilierten Eltern ihm vorenthalten hatten, sollte wenigstens seinem Sohn zugute kommen. Mich störte - jedes Mal, wenn ich ihn nackt sah - das spitz nach vorne verlaufende Stück Vorhaut meines Vaters. Ich genierte mich als Kind dafür, dass er unbeschnitten war. Ich befand, sein Penis sehe hässlich, meiner im Gegensatz dazu wunderschön aus. Die wenigen Frauen, die ich in meinem bisherigen Leben näher kennenlernen durfte, ließen mich ausnahmslos wissen: beschnitten ist so viel hübscher als unbeschnitten!
In der laufenden Diskussion wird allerdings eine Wahrheit nahezu vollkommen ausgeblendet: natürlich macht es einen großen Unterschied, ob ein Neugeborenes beschnitten wird, oder ein bereits fünf-, sechsjähriger Bub, und es macht einen noch weit bedeutenderen Unterschied, ob es der Eingriff - wie es in der muslimischen Welt oft geschieht - erst mit zehn, elf, zwölf Jahren vorgenommen wird. Dass eine so späte Operation einen Knaben erschüttere, er das Gefühl bekommen muss, man schneide ihm von seinem ganzen Stolz ein Stück weg, das ist nicht zu leugnen.
Und in diesem Zusammenhang schließe ich mich sogar jenen an, die diesem Brauch zumindest mit einer gewissen Skepsis gegenüber stehen. Zwischen der Beschneidung eines einwöchigen Babies und eines Knaben im vollen Bewusstsein seiner Männlichkeit liegt tatsächlich ein Unterschied wie zwischen einem winzigen Schnitt in den Zeigefinger und der Verwundung einer Hand beim Brotschneiden. Damit sei aber mitnichten jenen zugestimmt, die ein Beschneidungsverbot im Grundgesetz verankern wollen, Gott behüte. Religiöse Bräuche müssen unter allen Umständen vor staatlichen Eingriffen bewahrt bleiben. Mir lag nur daran, diesen kleinen Unterschied zwischen Judentum und Islam zumindest erwähnt zu haben.