Thilo Thielke
Jetzt habe ich schon wieder etwas gelernt: Sibylle Berg, eine Schriftstellerin aus Weimar, die ihren Wohnsitz in die Schweiz verlegt hat, fährt einmal im Jahr nach Israel, um etwas Aufregendes zu erleben – und weil sie sich während der Weihnachtszeit in Zürich langweilt.
„Der ruhigen Zeit zu Hause weglaufen“, nennt sie ihre Abstecher an die Front. Sie hat das gerade in einem, wie soll man sagen?, interessanten Aufsatz beschrieben. Eigentlich, schreibt sie, reise sie so gerne nach Israel, weil sie dann fliegen darf und weil sie der Judenstaat an die DDR erinnert: „Mit dem Auto dem Zug fahren – liegt nicht drin, wenn man nach Israel will. Es ist wie die DDR. Kenn ich. Ein kleiner Zipfel Land umgeben von Regierungen in Ländern, die die Menschen hier gerne ins Meer treiben wollten. Auslöschen.“
Ich weiß nicht, wie ein Mensch es schafft, so viel Unfug in einem Absatz zu schreiben – und dann auch noch in solch einem stümperhaften Deutsch. Keine Ahnung, warum man in die DDR nicht „mit dem Auto dem Zug fahren“ konnte. Was bedeutet das: „Es liegt nicht drin?“ Wer spricht so? Was denkt so? Und was bedeutet: „Es ist wie die DDR?“ Israel? Das Fahren mit dem Zug oder dem Auto?
Auch auf die Idee, daß Länder wie Polen, die Tschechoslowakei oder die Bundesrepublik Sibylle Berg und ihre DDR-Mitbürger in die Ostsee treiben und auslöschen wollten, muß man erst einmal kommen. Überhaupt: Seit wann treiben Länder jemanden ins Meer? Was soll all dieser Blödsinn?
Aber lesen wir weiter, denn dieses Jahr hat es sich ergeben, daß Sibylle Berg – dem geplanten Holocaust an den DDR-Bürgern knapp entronnen – in Israel Schüsse gehört hat. „Moment mal denke ich – Böller zu Silvester gibt es nicht in Israel“, schreibt sie. Und dann: „Ich starre auf die Straße. Kein Grund, jemanden zu retten, keine Tür zu öffnen, die Schüsse haben aufgehört, nach zehn Minuten die ersten Sirenen, Blaulicht.“
Später schaltet sie die Glotze an: „Es ist peinlich, in den Fernseher zu starren. Immer noch gefroren Die Fahrzeugkolonne reißt nicht ab.“ Kein Punkt, kein Komma, aber unendliche gedankliche Leere.
Und was machen die Leute im Fernsehen? „Die Spezialisten im Fernsehen werten aus. Ein Koran im Rucksack.“ Und was tut Sibylle Berg? Die phantasiert derweil, es könne sich bei dem Attentäter um einen echt sauren Juden gehandelt haben. „Vielleicht war es ein Palästinenser, vielleicht ein Jude, vielleicht war er verwirrt, vielleicht echt sauer. Es ist doch so egal, wer er ist.“ Einen Koran kann ja jeder mit sich herumtragen.
Auf jeden Fall hat sich die Reise gelohnt, denn: „Ich bin eine, die fast dabei war, die fast betroffen war.“ Obwohl: Eigentlich ist sie doch nicht fast betroffen, sondern richtig betroffen: „Wir sind betroffen. Wir alle, die nicht morden, sind betroffen.“ Das war Sibylle Bergs schönstes Ferienerlebnis. Sie ist so richtig besoffen vor Betroffenheit.
Und wer hat das in die Welt gesetzt? Die „Welt“.
„Wenn die Sonne der Kultur niedrig steht, werfen selbst Zwerge lange Schatten“, wußte Karl Kraus.
Irrsinnig, Wahnsinnig, Hoffnungslosigkeit... das sind natürlich alles Wörter, die man durchaus verwenden kann... etwa in Sätzen wie: "Sibylle Berg ist eine Verfasserin von größtenteils irrsinnigen Texten, und es ist völlig hoffnungslos zu glauben, sie könnte jemals noch lernen, so zu schreiben, daß sich ein klar denkender Leser nicht wahnsinnig verschaukelt und benebelt fühlt". Islamistische oder palästinensische Terroristen als "Irrsinnige", "Wahnsinnige" oder "Hoffnungslose" zu bezeichnen verfolgt hingegen regelmäßig den Zweck, die eigentlichen Ursachen ihres Verhaltens zu vertuschen. Es gehört zu den Maschen der Berg, aus denen sie ihre Texte strickt, daß sie einfach mal so definiert: Jeder, der der Auffassung ist, zur Verfolgung seiner politischen oder anderen Ziele andere umbringen zu dürfen, ist ein Wahnsinniger... völlig übergeschnappt! Schwupps... Alexander d. Gr., Hannibal, Caesar, Dschingis Khan, Napoleon, Hitler, Stalin und Mao... alles Wahnsinnige! Irre! Fälle für die Geschlossene! Was Historiker an tieferen Motiven für ihre Gewalttätigkeiten so behaupten, alles Quatsch, der die Sache nur unnötig verkompliziert! Richtig ist: Kurzschluß im Oberstübchen! Zwangsjacke bereithalten! Islamistische oder palästinensische Terroristen ditto. Aber bitte beachten: Kommt die Gewalt von unten, ist sie meist nicht Ausdruck von Wahnsinn, sondern von Hoffnungslosigkeit! Ist doch klar! Zweite Masche, angesichts all dieser Wahnsinnigen... Betroffenheit zeigen! Erschütterung behaupten. Gern die deutliche Schlagseite ins Totalpessimistische vorzeigen. Appelle an die Tranendrüse ohne Ende! Das hört ja nie auf mit diesen Wahnsinnigen... die Welt - ein großes Irrenhaus! Nicht auszuhalten! Tja, und das wäre dann die Kurzzusammenfassung jedes Kommentars zur Zeitgeschichte, der von dieser Geistesgröße jemals kam oder kommen wird: Massenhaft Verrückte, nicht auszuhalten! Daß die WELT so ein banales Zeug abdruckt wundert mich auch... Um die Leser über das Phänomen Berg aufzuklären, kann man aber natürlich zwei Wege gehen... entweder rezensiert sie ein eigener Redakteur mit dem Ergebnis: Simpel-Gesülze!... oder man lässt sie mal selber dort schreiben, und den intelligenten Leser urteilen... natürlich auch nicht anders.
Ein hervorragender Artikel. Sibylle Berg hat ja auch einmal ein Traktat über eine Kreuzfahrt geschrieben. Vorweg hat sie in bester Wallraff-Manier behauptet, dass sie diese nur antrat, um darüber ein Buch über die kulturelle Ödnis und Tristesse an Bord zu schreiben. Da hat sie mich an Bart Simpson erinnert, der in einer Folge mogelte, für 2 Wochen als Genie durchging und dann, um weiterhin mit seinen Freunden spielen zu dürfen, das Spielen als Experiment ausgab, wie es sei, unter "dummen Kindern" zu sein, damit er deren Dummheit besser erforschen könne. Dass Sibylle Berg in der kapitalistisch-konservativsten Stadt Europas freiwillig wohnt, ist wahrscheinlich auch nur ein Dauerexperiment, um Zürich zu studieren und die dortige Verderbtheit anprangern zu können. Mit Steuerersparnis hat das bestimmt alles nicht zu tun. Kein Witz, es gibt Menschen, die das ernsthaft glauben - solche, die sich selbst besonders kritisch nennen.