Henryk M. Broder / 04.11.2010 / 23:06 / 0 / Seite ausdrucken

Berlin for Dummies

Letzte Woche überlegte ich, ob ich mir ein neues Auto kaufen oder meinen alten Suzuki, der bis zur Unkenntlichkeit verdreckt war, waschen lassen sollte. Ich entschied mich für eine Rundum-Wäsche, steuerte auf dem Heimweg eine Aral-Tankstelle an und fragte, wann ich den Wagen wieder abholen könnte, ich rechnete mit zwei bis drei Stunden. “Da muss ich erstmal schauen”, sagte der Mann an der Tankstelle, “kommen Sie ein”. Auf seinem Tisch lag ein dickes Buch. Er schlug es auf, blätterte vor, blätterte zurück und sagte wie eine Arzthelferin in einer HNO-Praxis: “Der früheste Termin, den ich Ihnen anbieten könnte, wäre der 8. November, 8 Uhr morgens.” - “2010 oder 2011?” fragte ich zurück. Der Mann schaute nicht mal hoch. “Früher geht es nicht.”

Zwei Wochen auf einen Termin für eine Autowäsche zu werten, die zudem etwa 80.- Euro kosten sollte - wegen Lucys Haare auf dem Rücksitz - kam mir ein wenig albern vor. In Sydney hatte ich vor kurzem ein Car-Wash-Cafe gesehen, wo man den Wagen jederzeit abgeben und in einem netten Coffee-Shop nebenan warten konnte, bis das Auto aufgetankt, gewaschen und auch sonst servicemäßig versorgt war.

Nun gut, Berlin ist nicht Sydney. Der Berliner kennt auch nur zwei Arten von Freizeitvergnü-gen, die er sich nicht vermiesen lässt. Entweder er geht mit seinem Hund, am liebsten einem Rotweiler, im Grunewald spazieren oder er fährt am Wochenende mit seinem Auto in eine Cosy-Wasch-Anlage, wo man schon für 6.40 Euro durch eine Waschanlage rollen kann. Hinterher stehen die Autobesitzer in SB-Boxen nebeneinander und unterhalten sich über die letzten Misserfolge von Hertha BSC, während sie die Lackkratzer weg polieren. Das schafft ein Zusammengehörigkeitsgefühl, das den harten Kern der Berliner Identität ausmacht.

Ich stieg wieder in mein Auto und fuhr zum Einkaufen in die nächste Reichelt-Filiale. Reichelt hat vor kurzem mit Edeka fusioniert und einige Läden neu gestylt. Das Angebot ist riesig, die Aufmachung ansprechend und die wenigen Mitarbeiter, denen man ab und zu zwischen den Regalen begegnet, ausgesprochen hilfsbereit. Ich hatte Glück. Das Eierregal wurde gerade aufgefüllt. “Könnten Sie mir den Unterschied zwischen Freilandeiern und Eiern aus Bodenhaltung erklären?”, fragte ich den Dienst tuenden Mitarbeiter. Der Mann hatte mich offenbar erwartet. “Freilandeier kommen aus artgerechter Hühner-Haltung in Freiheit mit viel frischer Luft, Tageslicht und hundert Prozent Biofutter, es sind Eier von glücklichen und freien Hühnern.” - “Und wie ist es bei der Bodenhaltung?” fragte ich weiter.

“Da befinden sich die Legehennen in einem geschlossenen Stall, geschützt vor Witterungsein-flüssen und Raubtieren. Zum Eier legen kann das Huhn sich in aller Ruhe in ein Familiennest zurückziehen.”

Ich versuchte, mich in die Lage eines Huhns zu versetzen. Was wäre mir lieber: Frische Luft,  Tageslicht und Biofutter oder ein Dach über dem Kopf, das mich vor Witterungseinflüssen und Raubtieren schützt? Zum ersten Mal in meinem Leben verspürte ich eine tiefe Genugtuung, dass mir eine solche Wahl erspart geblieben war. “Und was ist mit Eiern aus Käfighaltung?” - “Die sind seit Anfang 2010 verboten”, sagte der Mitarbeiter und schaute mich an, als hätte ich ihn gefragt, wo es bei Reichelt Kinderpornos aus Moldawien geben würde.

Ich fuhr heim, tief beruhigt über die Humanisierung der Lebensbedingungen von Hühnern.  Sorge machte mir nur, dass Hühner noch immer zum Eier legen gezwungen werden, also kein wirklich selbstbestimmtes Leben führen können. Vielleicht möchten sie lieber in Stuttgart gegen den Bau des neuen unterirdischen Bahnhofs demonstrieren oder an Integrationskursen teilnehmen.

Zu Hause angekommen, machte ich das Fernsehen an, fest entschlossen, mich unter meinem Niveau zu amüsieren. Bei “Bauer sucht Frau” oder “Tatort Internet”, blieb aber bei der ARD hängen. “Essen ist Leben” war das Motto einer Themenwoche, die das Ziel verfolgte, “dass Deutschland über Ernährung und Hunger nachdenkt”. Eine Expertenrunde kam nach einer längeren Diskussion zu dem Ergebnis, dass es für die Menschen am sichersten und für die Umwelt am besten wäre, wenn wir gar nichts essen würden.

Was für ein Tag! Morgen geht es weiter. Ich werde versuchen, bei H&M ein Hemd zu kaufen, das von minderjährigen Aliens in Heimarbeit genäht wurde.

C: Weltwoche 44/10

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