Phyllis Chesler, Gastautorin / 09.09.2018 / 14:00 / Foto: Gary Dee / 3 / Seite ausdrucken

Bekenntnisse einer inkorrekten Feministin (1)

Im Frühjahr veröffentliche die Achse des Guten von Phyllis Chesler den Beitrag "Ihr Fake-Feministinnen, es reicht". Jetzt folgt eine kleine Serie mit Auszügen aus ihrem Buch. Aber zunächst einmal stellt sich die Autorin unseren Lesern hier selbst vor.

Ich habe viele Bücher geschrieben, aber noch nie zuvor habe ich ein Buch auf diese Weise geschrieben. Die Kapitel sind alle auf einmal herausgefallen; ich konnte kaum mit ihnen mithalten. Geschichten, die an das Ende des Buches gehörten, erforderten meine Aufmerksamkeit schon, während ich über etwas schrieb, das viel früher stattfand. Dieses Buch geschah genau wie der Feminismus der zweiten Welle: alles auf einmal.

Die Welt hatte noch nie so etwas wie uns gesehen, und wir hatten noch nie so etwas wie einander gesehen. Wir – die wir erst gestern noch als Fotzen, Huren, Kampflesben, Schlampen, Hexen und Wahnsinnige angesehen wurden; wir, die wir Bürger zweiter und dritter Klasse waren – waren plötzlich zu Protagonisten der Geschichte geworden. Die Welt würde nie wieder dieselbe sein, und wir auch nicht.

Ich wurde am 1. Oktober 1940 in Borough Park, Brooklyn, genau zehn Monate nach der Hochzeit meiner Eltern geboren. Wie alle erstgeborenen orthodoxen jüdischen Mädchen sollte ich ein Junge sein. In vielerlei Hinsicht habe ich mich wie ein Junge verhalten. Ich weigerte mich, meiner Mutter beim Abwasch zu helfen, spielte Punchball und Stickball und beschäftigte mich bald darauf mit anderen Arten von Spielen mit Jungen. Obwohl ich als schlauer Kopf bekannt war, war ich auch eine frühreife Rebellin.

Als ich fünf Jahre alt war, bin ich von zu Hause weggelaufen und bekam einen Job, im Friseurladen auf der anderen Straßenseite den Boden zu fegen. Die Polizei fand mich und brachte mich nach Hause. Nur Jungs, besonders Jungs, die schrieben, taten solche Dinge. Sie machten sich auf den Weg, liefen durch Amerika, tranken, nahmen Drogen, hatten Sex – viel Sex – führten ein Leben als Ausgebürgerte, gingen zur Navy. Nette jüdische Mädchen – nette amerikanische Mädchen – sollten so etwas nicht tun. Aber einige von uns taten es.

Erbin der geschätzten Tradition des Lernens

Ich bin eine typische Amerikanerin, die Tochter und Enkelin von Einwanderern. Ich bin eine jüdische Amerikanerin, Erbin einer geschätzten Tradition des Lernens, die unzählige Massaker, Exile und Völkermorde überlebt hat. Ich bin ein Kind der arbeitenden Armen, eine „Tochter der Erde“.

Amerika – und der historische Moment, in dem ich geboren wurde – führten dazu, dass ich eine erstklassige Ausbildung erhielt. Solches Glück – und harte Arbeit – können erklären, wie ich Professorin für Psychologie und Frauenforschung, Autorin von siebzehn Büchern und eine Anführerin der Frauenbewegung wurde.

Väterlicherseits bin ich Amerikanerin der ersten Generation. Ich weiß, dass mein Vater, Leon, 1912 in der Ukraine geboren wurde. Er war ein Kind, das den Ersten Weltkrieg, die Russische Revolution, einen Bürgerkrieg und Pogrome überlebte. Er hat nichts davon erwähnt. Nichts, das so wichtig war, wurde in unserer Familie je offen diskutiert. Wie kann ich jemals seine Geschichte zusammensetzen? Mein jiddischer Name ist Perel (Pearl, Perle) – mein Vater nannte mich nach seiner Mutter, die er kaum kannte. Eine Frau, die in ihrem Teeladen von Kosaken zu Tode gehackt wurde, als mein Vater noch ein Kind war.

Meine Mutter war das einzige Mitglied ihrer Familie, das in Amerika geboren wurde – ihre Eltern und Schwestern wurden in Polen geboren. Meine Großeltern lernten nie Englisch; meine Mutter blieb ihre Übersetzerin und einzige Betreuerin bis zu ihrem Tod. 

Wir waren meisterhafte Haarspalter

Ich schrieb den ersten Entwurf dieses Buches, als wäre es ein Wandbild. Jeden Tag konnte man mich auf meinem Hocker sitzen sehen, während ich meine Erinnerungen mit Tagebüchern, Korrespondenz und Einklebebüchern abglich. Ich könnte Wochen damit verbringen, ein kleines Detail in einer Ecke der Leinwand zu überarbeiten.

Ich war überall, sah mich überall in meinem gesamten feministischen Leben gleichzeitig: über das Patriarchat in Kabul schreiben; am Treffen der National Organization for Women 1967 teilnehmen; die Association for Women in Psychology 1969 mitbegründen; eine Million Dollar von der American Psychological Association als Entschädigung für Frauen fordern und einem der ersten Frauenstudiengänge 1970 die Bahn brechen; die Grundsatzrede auf der ersten radikalen feministischen Konferenz über Vergewaltigung halten; mein Buch „Women and Madness“ 1972 veröffentlichen. 

Wir feministischen Pioniere sind zwischen 1963 und 1973 hervorgetreten und haben Ideen ernst genommen. Einige von uns waren Genies. Viele von uns waren gefährlich intelligent, und die meisten von uns waren radikale Denker. Wir haben nicht alle gleich gedacht. Wir waren meisterhafte Haarspalter und haben uns mit glühender Leidenschaft gestritten.

In unserer Mitte gab es die übliche Auswahl an Schurken, Sadisten, Tyrannen, Betrügern, Lügnern, Einzelgängern und Inkompetenten, ganz zu schweigen von den gut funktionierenden Psychopathen, Schizophrenen, Manisch-Depressiven und Selbstmord-Künstlern.

Ich habe sie alle geliebt. Ich begann sogar, mich selbst zu lieben. Ohne die feministische Bewegung hätte ich eine Karriere gehabt, aber nicht unbedingt eine Berufung; ich hätte auch Bücher geschrieben, aber sie hätten ein viel kleineres Publikum gehabt und viel weniger Durchschlagskraft.

Allem zum Trotze und trotz allem: Ich hätte diese Revolution nicht verpassen wollen, nicht für Liebe und nicht für Geld. Ich bleibe jenem Moment treu, jenem historischen Moment des kollektiven Erwachens, der mich aus meinem Leben als Mädchen befreit hat.

Phyllis Chesler ist Autorin von 18 Büchern, darunter die wegweisenden feministischen Klassiker „Women and Madness“ (1972), „Woman’s Inhumanity to Woman“ (2002) und „An American Bride in Kabul“ (2013), die mit dem National Jewish Book Award ausgezeichnet wurden.

Dies ist die Einleitung zu einer Serie von Auszügen aus ihrem jüngst erschienenen Memoiren-Buch A Politically Incorrect Feminist: Creating a Movement with Bitches, Lunatics, Dykes, Prodigies, Warriors, and Wonder Women.

Wir dokumentieren den Text hier auch im englischen Original weil er von Phyllis Chesler exklusiv für Achgut.com freigegeben worden ist und auch für viele Leser im angelsächsischen Sprachraum neu ist.

Phyllis Chesler – A Politically Incorrect Feminist

I’ve written many books but never before have I written a book in this way. The chapters tumbled out all at once; I could barely keep up with them. Stories that belonged at the end of the book demanded my attention even as I was writing about something that took place much earlier.

This book happened just like second-wave feminism did: all at once.

The world had never seen anything like us, and we’d never seen anything like each other. We—who only yesterday had been viewed as cunts, whores, dykes, bitches, witches, and madwomen; we who had been second- and third-class citizens—had suddenly become players in history. The world would never be the same, and neither would we.

I was born on October 1, 1940, in Borough Park, Brooklyn, exactly ten months after my parents were married.

Like all firstborn Orthodox Jewish girls, I was supposed to be a boy.

In many ways I behaved like a boy. I refused to help my mother with the dishes, I played punchball and stickball and, soon enough, engaged in other kinds of games with boys. Although I was known as a brain, I was also an early-blooming outlaw. I ran away from home when I was five years old and got a job sweeping the floor in the barbershop across the street. The police found me and brought me home. Only boys, especially boys who wrote, did things like that. They hit the road, walked across America, drank, took drugs, had sex— lots of sex—led expatriate lives, joined the Navy. Nice Jewish girls— nice American girls—were not supposed to do such things. But some of us did.

I’m a quintessential American—the daughter and granddaughter of immigrants.

I’m a Jewish American, heir to a treasured tradition of learning that has survived countless massacres, exiles, and genocides.

I’m a child of the working poor, a “daughter of earth.”

America—and the moment in history at which I was born—meant that I received a first-rate education. Such luck—and hard work—may explain how I became a professor of psychology and women’s studies, the author of seventeen books, and a feminist leader.

On my father’s side, I’m a first-generation American.

I know that my father, Leon, was born in 1912 in Ukraine. He was a child survivor of World War I, the Russian Revolution, a civil war, and pogroms. He never once mentioned any of this. Nothing this important was ever openly discussed. How can I ever piece together his story? My father named me after the mother he barely knew—my Yiddish name is Perel (Pearl)—a woman hacked to death by Cossacks in her

tea shop when my father was only an infant.

My mother was the only member of her family who was born in America—her parents and sisters were born in Poland.

My grandparents never learned to speak English; my mother remained their translator and only caregiver until they died.

I wrote the first draft of this book as if it were a mural. Every day you could find me perched on my stool as I checked memory against diaries, correspondence, scrapbooks. I could spend weeks reworking a small detail in one corner of the canvas.

I was everywhere at the same time, all over my feminist life: writing about patriarchy in Kabul in 1961; attending a National Organization for Women meeting in 1967; cofounding the Association for Women in Psychology in 1969; demanding a million dollars in reparations for women from the American Psychological Association and pioneering one of the first women’s studies courses in 1970; delivering a keynote speech at the first radical feminist conference on rape in 1971; publishing Women and Madness in 1972.

We pioneers emerged between 1963 and 1973 and took ideas seriously. Some of us were geniuses. Many of us were dangerously intelligent, and most of us were radical thinkers. We did not all think alike. We were champion hairsplitters and disagreed with each other with searing passion.

In our midst was the usual assortment of scoundrels, sadists, bullies, con artists, liars, loners, and incompetents, not to mention the highfunctioning psychopaths, schizophrenics, manic depressives, and suicide artists.

I loved them all.

I even began to love myself.

Without a feminist movement I would have had a career but not necessarily a calling; I still would have written my books, but they would have had much smaller audiences and far less impact.

Despite everything, despite anything, I wouldn’t have missed this revolution, not for love or money. I remain forever loyal to that moment in time, that collective awakening that set me free from my former life as a girl.

The text was released for publication by Phyllis Chesler exclusively for Achgut.com as an introduction to a number of excerpts from her recently published memoir book A Politically Incorrect Feminist: Creating a Movement with Bitches, Lunatics, Dykes, Prodigies, Warriors, and Wonder Women.

Den zweiten Teil dieser Serie finden Sie hier

Lesen Sie zum gleichen Thema auch Antje Sieverts Buch aus der Achgut-Edition: Tanz im Orientexpress

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Leserpost

netiquette:

Udo Kemmerling / 09.09.2018

Ich bin verwirrt. Ich habe sogar den gesamten Artikel “Es reicht, ihr Fake-Feministinnen” gelesen. Die Autorin zerpflückt dort eine erkleckliche Anzahl linksgrüner Lebenslügen, analysiert die ideologischen Schieflagen in unserer Gesellschaft (des Westens), und zwischendurch kommt immer wieder unmotiviert das Wort Feminismus vor. Wenn man es an jeder Stelle durch Neutronenstern ersetzt, macht es ähnlich viel Sinn. Vielleicht bin ich ja zu sehr alter, weißer, hetero Mann, und mir erschließt sich da eine Form von Humor nicht sofort. Vielleicht halte Ich den Begriff Fake-Feministin auch spontan für einen Pleonasmus. Aber mir hätte der Text insgesamt deutlich besser gefallen, wenn dort zumindest der Anschein erweckt würde, Männer wären ansatzweise in der Lage, den genannten Fragestellungen geistig gewachsen zu sein. Auch diese Welt, die von echten (nicht fake-) Feministinnen so akut besser gemacht wird, versteckt sich jedenfalls sehr gut vor mir. Was auch immer 1963 bis 1973 war, heute assoziiere ich Feminismus mit unverschämten Forderungen, hanebüchener Pseudoforschung und Quoten für leistungslose Karriere. Texte in denen das Wort eindeutig zu oft vorkommt, lassen Skepsis in mir aufkeimen.

Dolores Winter / 09.09.2018

Korrekt müsste es heißen: In unserer Mitte gab es die übliche Auswahl an Schurkinnen, Sadistinnen, Tyranninnen, Betrügerinnen, Lügnerinnen,

Leo Anderson / 09.09.2018

1963 bis 1973 ... Wer in diesem Jahrzehnt erwachsen wurde, hat wirklich Glück gehabt. Vorher war wenig, nacher kam nicht mehr viel.

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