Es ist ein wenig seltsam: Wir schreiben den November 2025, und meine Frau und ich stehen im Südwesten der türkischen Provinz Antalya vor der gewaltigen Statue eines christlichen Heiligen in slawischer Tracht. Das geschieht in Demre, einer ebenso wohlhabenden wie blitzsauberen Kleinstadt mit einem halben Dutzend Moscheen nebst Minaretten, Bank- und Versicherungsgebäuden, Wohnhäusern und zahllosen Geschäften sowie von Palmen und Oleander gesäumten Straßen. Der Ort gehörte in antiker Zeit zum nahen Myra, einer Ruinenstätte, die heute vornehmlich wegen ihrer lykischen Felsgräber besucht wird. Demre hingegen zieht in den Sommermonaten tausende Touristen und Pilger an, die zur Grabstätte des heiligen Nikolaus in der nach ihm benannten Kirche kommen. Richtig, gemeint ist der bärtige, beleibte, grundgütige Heilige, der Kindern seit Jahrhunderten am 6. Dezember ausgesetzte Papierschiffchen, im Kamin aufgehängte Socken oder vor die Tür gestellte Schuhe und Stiefel mit Geschenken füllt.
Viele – insbesondere orthodoxe – Christen, kennen ihn überdies im Bischofsgewand, andere je nach Landschaft mit Mitra, Krummstab, Evangelienbuch und drei Goldkugeln in den Händen. Nikolaus, einst Bischof von Myra, war übrigens ein historisch nachweisbarer Geistlicher, der im Verlauf des 3. und 4. Jahrhunderts lebte. Belegen lässt sich sein Wirken allerdings ebenso wenig wie die mit seinem Namen verbundenen Legenden, durch die er zum Schutzheiligen der Kinder und Seeleute wurde – da gibt es freilich bis auf das Alter kaum Unterschiede –, ebenso der Reisenden und Pilger, aber zum Beispiel auch der Menschen am Rand der Gesellschaft wie Dieben, Sträflingen und Prostituierten. Erstaunlich ist zudem der große Kreis seiner Verehrung: Der 6. Dezember, sein Gedenktag, wird sowohl von orthodoxen, katholischen, evangelischen und anglikanischen Christen in Europa als auch von ihren Glaubensgenossen in Ägypten, Syrien und Äthiopien begangen.
Vorbei an einer Ikonenhandlung und der davor stehenden Nikolausfigur aus Plastik, deren Zipfelmütze, leuchtend rote Kleidung und eine Glocke in der Hand sie als Figur der frühen Coca-Cola-Werbung ausweist, führt der Weg in die Kirche. Das ist leicht gesagt, denn es herrscht Gedränge: Gläubige aus der Ukraine und aus Russland stehen Schulter an Schulter, beten laut oder flüsternd vor einer von Küssen und den Abdrücken vieler Hände getrübten Plexiglaswand. Dahinter steht ein Sarkophag aus Marmor, der einst den Leichnam des heilligen Nikolaus aufgenommen haben soll und an dem ein mit Gewalt herausgebrochenes Loch auffällt: das Werk aus Italien herüber gekommener normannischer Seeleute, die im Jahre 1087 die Gebeine ihres Heiligen von den Vorfahren heutiger Türken bedroht sahen. Dreihundert Goldstücke sollen sie angeblich den in der Kirche tätigen Mönchen für die Reliquien geboten und sie dann entführt haben, als man ihnen die Herausgabe verweigerte. Nach anderen Überlieferungen brachten sie statt der Goldstücke eine Handramme mit und zerstörten kurzerhand den Sarkophag. Nikolaus' Gebeine liegen deshalb seit rund einem Jahrtausend in einer Basilika im süditalienischen Bari, in dem Jahr für Jahr ein ihm gewidmetes Volksfest gefeiert wird.
Die türkische Sicht der Geschichte weicht erheblich von solcher Darstellung ab und verlangt zum einen die Rückgabe der Gebeine, zum anderen bietet sie als Ausgleich einen ebenfalls aufgebrochenen, mit christlichem Kreuz und Akanthusblättern geschmückten Marmorsarg sowie archäologische Vermutungen über ein mit dem Georadar aufgespürtes Heiligengrab in der Unterwelt des Gotteshauses an. Das vertreibt jedoch keinen der Pilger vom Sarkophag seiner Wahl, den sie zeitweilig unter einem sanften Regen von Rubel-, Dollar- und Hrywnjabanknoten begraben.
Griechisches Kreuz, dessen unterer Längsbalken in zwei Ankerfluken endet
Selbstverständlich respektieren wir die Andacht der Gläubigen, treten immer wieder zurück, und es dauert deshalb sehr lange, bis wir einen Blick auf die ehemalige Ruhestätte des Heiligen werfen und sie endlich – natürlich ohne Blitzlicht – fotografieren können. Nikolaus wird es verzeihlich finden, denn er kannte bereits den Zwang zur Dokumentation. Dergleichen wiederholt sich angesichts der Bodenmosaiken und der zahlreichen Wandgemälde, die oft Szenen aus dem Leben des Heiligen und seiner Wundertaten sowie aus dem Neuen Testament zeigen. Die Innenbemalung einer Kuppel zum Beispiel erinnert an das Letzte Abendmahl, wenngleich die Anordnung der Figuren eine völlig andere ist als auf den vertrauten Gemälden italienischer Meister. Einem der Jünger, die sich da dem das Brot brechenden Christus nähern, hat der Maler so hässliche und verschlagene Züge verliehen, dass Betrachter sofort erkennen: Das kann nur Judas sein.
Die erwähnten Darstellungen von Nikolaus' Wundertaten sind allerdings nicht zahlreich. Es erscheint ja im Wortsinne merkwürdig, dass ein Heiliger, von dem kaum ein halbes Dutzend solcher Ereignisse bekannt sind und der sich auch nicht durch ein besonders bewegendes Märtyrerschicksal auszeichnete, zumindest in der Ostkirche zum beliebtesten aller Heiligen wurde – allein durch seine Güte und Hilfsbereitschaft. Im Sommer, so versichert man uns an der Eintrittskasse, kämen manchmal bis zu achtzig Busse mit Gläubigen und Neugierigen aus den Seebädern – selbst der riesige Parkplatz vor der Kirche reiche dann bisweilen nicht aus. Bei einem Eintrittspreis von 17 Euro erscheint das durchaus erwähnenswert.
Zum Teil sind die Wandbilder verblasst, zum Teil ist der Putz abgeplatzt, auf den sie vor Jahrhunderten gemalt wurden. Dennoch leicht zu erkennen ist die Legende, Nikolaus habe drei in Not geratene Schwestern mit Goldstücken beschenkt und ihnen somit eine Mitgift verschafft, die sie vor der Prostitution bewahrte: der Hintergrund jener Darstellungen, die ihn mit drei Kugeln aus Gold zeigen.
Ein anderes Bild suchen wir lange und finden es dannn endlich hoch oben an der nordöstlichen Arkade. Es stellt ein Schiff mit sicherlich verzweifelter Mannschaft dar – der Mast ist gebrochen, das Segel hängt zerfetzt herab. Doch Nikolaus hat den Sturm beschwichtigt, schwebte aus den Wolken herab und steht nun am Achtersteven dort, wo an damaligen Schiffen der Steuerriemen befestigt war. Wir fühlen uns diesen Geretteten irgendwie verwandt, denn wir sind beide viele Jahre zur See gefahren, und das war die beste Zeit unseres Lebens. Daher entdecken wir ebenso freudig auf dem Hof eine Marmorplatte mit einem sogenannten griechischen Kreuz, dessen Balken gleich lang sind. Eine – jedenfalls von uns – noch nie gesehene, gänzlich ungewöhnliche Besonderheit dieses Kreuzes: Der untere Längsbalken endet in zwei Ankerfluken und verrät damit die maritime Vergangenheit der Hafenstadt Myra/Demre und ihrer Geistlichkeit.
Bezeichnung „Kirche“ vermieden und durch den Begriff „Museum“ ersetzt
Die Geschichte der Nikolauskirche ist ebenso verwinkelt wie ihr Inneres. Ursprünglich wohl im 5. Jahrhundert über dem Grab des heiligen Nikolaus entstanden, hat sie den Niedergang des Römischen und des Byzantinischen Reiches, Eroberungen durch Araber und Turkvölker sowie zudem Erdbeben und Überschwemmungen überstehen müssen – zeitweilig lag mehr als sechs Meter hoher Schlamm über dem Gebäude. Ab 1858 fanden dann vier Jahre lang Ausgrabungs- und Reparaturarbeiten unter russischer Anleitung statt, die in den örtlichen Quellen häufig Zar Nikolaus I. zugeschrieben werden, obgleich der damals nicht mehr lebte. Ähnlich verworren ist die gesamte Baugeschichte des 19. Jahrhunderts: So entstand in jener Zeit ein Glockenturm und anderes mehr, für das es in Myra wohl kaum ein Vorbild gab. 40.000 Goldrubel soll Russland damals für die Restaurierung und für Anbauten an die Grabstätte seines Nationalheiligen aufgewendet und überdies das gesamte Gelände erworben haben – ein Kauf, der von der türkischen Regierung nicht anerkannt wurde. Besonnener ging es späterhin im Verlauf der vom Deutschen Archäologischen Institut in den sechziger Jahren geführten Grabungen sowie während der vielen seit 1988 von türkischen Wissenschaftlern geleiteten Arbeiten zur weiteren Erforschung und zum Schutz des Gebäudes zu.
Das alles lese ich auf einer englisch- und deutschsprachigen Hinweistafel, die mit dem Satz „1858-1862 Ausgrabungs- und Reparaturarbeiten durch das russische Zarismus“ beginnt. Überdies fällt auf, wie sorgfältig die Bezeichnung KIRCHE vermieden und durch den Begriff MUSEUM ersetzt wird. Dergleichen fiel uns bereits in der Hagia Sophia in Istanbul auf. Nun, wir sind in einem muslimischen Land, und angesichts der überaus gepflegten Anlage lässt sich nur sagen, dass die Grabstätte des heiligen Nikolaus hier in guten Händen ist. Während ich noch lese, bemüht sich meine Frau, eine fotografische Abfolge in die Verwirrung der byzantinischen Wandmalereien zu bringen. Dass wir dabei inzwischen längst allein sind, bemerken wir spät. Unser Bus! Vorbei am schadenfroh grinsenden Coca-Cola-Clown im Nikolauskostüm rennen wir zum Parkplatz, kommen aber offenbar zu spät.
Was nun? Unser Hotel in Side ist mehr als zweihundert Kilometer entfernt, und zu dieser Jahreszeit wird es schwierig sein, eine Unterkunft in Demre zu finden. Beim Vorüberfahren haben wir geschlossene Hotels gesehen, Herbstlaub in den Schwimmbecken. Es mögen noch reisefreudige Rentner unterwegs sein, denn in der Türkei beginnt das Rentenalter schon mit sechzig beziehungsweise achtundfünfzig Jahren, aber wer von ihnen reist schon nach Demre?
Wir stehen etwas hilflos umher, da kommen Leute aus einem Restaurant herüber, und wir erleben eine unerwartete Zuneigung: Die Wortführer – einer spricht hervorragend englisch, der andere hat einige Jahre in Potsdam gearbeitet – erkundigen sich aufmerksam und beginnnen zu telefonieren. Um meine Frau muss ich mich nicht sorgen, sie wird sogleich von vereintem weiblichem Mitgefühl aufgenommen, mich erreicht dagegen nur hin und wieder ein vorwurfsvoller Blick aus der Gruppe. Andere drängen uns in das Restaurant. Wir sollen essen, trinken, jedenfalls unbesorgt sein, man werde eine Lösung finden. Heiliger Nikolaus, wir sind in unserem Leben ein wenig in der Welt umhergekommen und haben dabei erfahren, dass einem gewöhnlich überall geholfen wird, wo Menschen leben. Aber so viele sind bei solchen Gelegenheiten selten zusammengeströmt. Nun kommt auch noch eine herbeigerufene Polizeistreife, ebenfalls hilfsbereite, freundliche Menschen. Und dann schließlich sogar der Bus: Zum Glück so verspätet wie wir.
Was bleibt, ist Händedruck und Umarmung – ein guter Schluss für den Besuch bei einem Heiligen.
Beatrix Storch grüße alle atheistischen AFD-Wähler
@ Manni Meier: Das liegt einzig und allein an der unterschiedlichen Gesetzgebung bzw. Auslegung…
Ja sowas ist typisch für die Türkey,vor allem in der Provinz.Ich habe ähnliches erfahren. Nachdem ich in der Nähe von Aqua einem kleinen Städtchen an der Türkischen Schwarzmeerküste einem Verunfallten erste Hilfe geleistet hatte und wir spätabends in einem kleinen Dorf vor dem Schlafplatz suchen in einem Teehaus noch einen kleinen Absacker trinken wollten.Da saß fröhlich der „Gerettete“ und wir brauchten für nichts zu sorgen.Der Wirt,gefühlte 2.50 Meter groß,Pockennarbig fragte nur woher wir kommen.Ich sagte Germanistan,Berlin und er strahlte Ah..Berlin..Berlin Gittler…Gittler gut!und brachte die nächste Runde.Das war 1986.Ich werde es nie vergessen.Bezahlen brauchten wir nichts :-)
Gefaellt mir sehr gut am 6. Dezember, danke vielmals.
Reisen ist aufschlussreich. Sehr oft ist man in gerade abgelegenen Regionen herzlich willkommen. Man ist dort hilfsbereit und gastfreundlich. Man weiß dort aber auch, dass der Gast wieder weiterreist und es sich nicht für den Rest seines Lebens dort auf Kosten anderer gut gehen lässt. Im Wort gastfreundlich steckt das Wort Gast. Nicht Parasiet.
Interessante Erzählung. Scheint dass es in der Türkei mehr christliche Pilger gibt als in Deutschland. Allerdings ist die Hagia Sophia ja dank Erdogan kein Museum mehr, sondern wieder Moschee.
„… wir erleben eine unerwartete Zuneigung: … Um meine Frau muss ich mich nicht sorgen, … Wir sollen essen, trinken, jedenfalls unbesorgt sein, man werde eine Lösung finden. …“ Können wir diese demr’ischen Türken nicht gegen ein paar von unseren,
nicht ganz so zuvorkommenden, „Talahons“ eintauschen?