Von Christoph Spielberger
Cenk Batu hätte ein besseres Ende verdient. Der verdeckte Ermittler mit türkischen Wurzeln aus dem Hamburger Tatort hätte um Versetzung in den Innendienst beten können, nachdem er in seinem letzten Einsatz mal wieder knapp dem Tod entkommen wäre. Oder er hätte schlicht kündigen können, in seine Heimat zurückkehren, um mit seinem Vater Schach zu spielen. Oder er hätte mit seiner Freundin viele Kinder kriegen können, um fortan das Loblied der multikulturellen Famile zu singen. Doch Cenk Batu starb gestern Abend als tragischer Held, aufgerieben zwischen fremden und noch böseren Mächten.
Er musste sterben, weil er sich von Anfang an und bis zum Schluss den Befehlen seines Vorgesetzten widersetzte. Er war halt ein Instinktmensch, und er war irgendwie anders, er kam ja aus der Türkei. Die Gesetze des LKA, wie auch andere, profanere Bräuche der deutschen Kultur, blieben ihm fremd. Er war ein zwar hochqualifizierter, doch letztlich schlecht integrierter Ausländer. Ein ewig Entwurzelter. Zum Verhängnis wurde ihm sein landestypisches Temperament. Als Batus Freundin entführt wird, ging es mit ihm durch. Der Türke, so wiederholte der Tatort das gängige Klischee, rastet aus, wenn es um seine Familie geht. Völlig enthemmt schlug und schoss er um sich, weil sein Weib in Gefahr war, er vertraute niemandem mehr, nur noch seiner eigenen Kraft. Der Beschützerinstinkt fungierte hier als die edlere Variante eines traditionellen Ehrbegriffes. Letztlich schreckte er sogar vor einem Mord am deutschen Bundeskanzler nicht zurück, davon ließ er erst ab, als er seine Freundin in Sicherheit wusste. Eine Polizeikugel beendete seinen Amoklauf.
Der NDR griff zum rassistischen Klischee, um den Sendeplatz für den deutschen Superhelden Till Schweiger freizumachen. Dieser Zusammenhang ist das amüsante Beiwerk eines sonst sehr traurigen Prozesses. Schon kurz nach der Einführung Batus wurde Kritik laut, es hieß, die Figur breche zu sehr mit dem Format des klassischen Polizeiermittlers. Und von Anfang an gab es auch eine Unzufriedenheit des Publikums mit der Figur. Warum das denn ein Türke sein müsse. Beides zusammen war zu viel für die Denkgewohnheiten des Tatortpublikums.
Anstatt dieses schlicht mit Kontinuität oder gar mit noch besseren Drehbüchern zu befrieden, befüllte die Redaktion des NDR die Drehbücher fortan mit dem gewohnten Inventar: gesellschaftliche Hintergründe für die Tat (Kapitalismus, Entfremdung und so), das Privatleben der Ermittler („musst Du schon wider ins Büro?“) und die Ränkespiele unfähiger Vorgesetzter („ich will Ergebnisse, und zwar schnell!“). Also mit all’ dem Plunder, den man braucht, wenn man nicht weiß, wie man eine Geschichte spannend erzählen soll.
Dabei hatte alles so gut angefangen: Die ersten Fälle des Cenk Batu waren sehr gute Drehbücher, unprätentiös und konzentriert. Es entstanden einige der besten Tatorte der letzten Jahre. Die Spannung kam durch seine Arbeit, durch die ständige Bedrohung der Enttarnung, nicht durch die zweite Leiche bei Minute 50 („meinst Du, zwischen den Taten gibt es eine Verbindung?“) Als Verschnaufer dienten die kurzen Briefings mit seinem Vorgesetzten Uwe Kohnau, der jederzeit vermittelte, dass auch er wieder einen Vorgesetzten hatte. Glaubwürdige Beamtenwelt.
Der Bruch des Formates war eine Wohltat: Keine Dialekt schwätzenden Sekretärinnen, keine mürrischen Pathologen, keine Fahrtszenen zu Zeugen wegen einer Frage. Keine ganz und gar unglaubwürdigen Kommissare, sei es Zwerg Nase (Stuttgart), die rote Hexe mit dem irren Blick (ex Frankfurt) oder Tante Clara Valium (Konstanz). Keine aufgespritzten Damen, die ihre Kinder andauernd an den Hausfreund abschieben (Hannover) oder ihre Kinderlosigkeit durch die Darstellung von Dauererregtheit kompensieren zu suchen (Leipzig). Keine lächerlichen Staatsanwältinnen mit Frisurengeschüttel und Dekoltégepose (Stuttgart). Und keine maulenden Assistenten („warum immer ich?“). Die Abwesenheit dieser ganzen Folklore machte gute Krimis. Mit zwei recht trockenen, glaubwürdigen Figuren. Eine große Leistung im Deutschen Fernsehen.
Doch dann wurden Batu und sein Vorgesetzter Kohnau vertatortet. Private Konflikte wurden immer Drehbuch- relevanter. Der vorletzte Fall zeigte eine Karikatur eines bösen, zynischen Obervorgesetzten. Der Fall gestern Abend machte alle Figuren zur Karikatur. Die Bösewichtin war, drunter ging’s nicht, die meistgesuchte Verbrecherin der Welt. Sie kommt aus Deutschland und ist hyperintelligent, eine Art Stieg Larsson- Lisbeth mit Asperger und Endkrebs. Mit nicht näher erläuterter Technik überwacht sie, anders als die dummen Polizisten, die nicht einmal ein Handy orten können, das gesamte Personal des Filmes. Sie will den Bundeskanzler töten, natürlich. Der böse gesellschaftliche Hintergrund war der Finanzkapitalismus, sozusagen die Kanzlerebene aller schlechten Verhältnisse in Deutschland. Dargestellt wurde er von einer jungen, hippen, multiethnisch aufgehübschten Börsenhändlerkommune, die aussah, als käme sie frisch vom Parteitag der Piraten. Der zynischste und verwegenste dieser Truppe will auch den Bundeskanzler töten, weil dieser die Banken stärker kontrollieren will, und weil er mit der Wette auf fallende Kurse schrecklich reich würde. Ganz normale Motive also. Die anderen werden eingeweiht, am Gewinn beteiligt und machen mit, natürlich. Kurz vor dem Attentat stehen alle betend vor den Bildschirmen und flehen darum, dass der deutsche Bundeskanzler durch Kopfschuss getötet wird. Denn wenn Sie erst mal so reich seien, könnten sie sich auch jeden Richter und jeden Staatsanwalt kaufen und seien bald wieder frei.
Mit der Darstellung dieser Truppe hat sich der NDR ein Denkmal seines Klischeedenkens gesetzt. Die ansonsten im Drehbuch getrennten Sphären von gesellschaftlicher Problematik und individueller, krimineller Pathologie fallen hier in eins. Denn Finanzkapitalismus ist gleich größtes denkbares Verbrechen, symbolisiert durch den Bundeskanzler. Quasi- verbeamtete Redakteure träumen, wie es da draußen in der bösen Welt so zugeht. Die Szenen hatten die moralisch- hysterische Tonart des deutschen Blut und Hoden- Regietheaters à la Castorf. Es fehlte eigentlich nur noch die eine oder andere Vergewaltigung und am Schluss eine Beerdigungsszene mit Margot Käßmann. „Nichts ist gut am Finanzkapitalismus. Und ja, die Verhältnisse in Deutschland haben ihn getötet.“ Denn dass Batu durch die Kugel des - inzwischen Tatort-obligatorischen - Polizei- Sondereinsatzkommandos starb, darf als Hammer- Gesellschaftskritik gedeutet werden, natürlich.
Den wackeren Ermittler, der unbeschrieben und damit vielsagend anfing, ließ man zu seinem rassistischen Klischee auskristallisieren, zum Türken-Rambo. Er stand ja schließlich in einem multikulturellen Loyalitätskonflikt. In dubio pro familia, also: ey Bundeskanzler, isch mach’ disch Walther! Diese Einstellung erschien auch den Redakteuren des NDR als nicht mehr tragbar. Sie kannten nur noch einen Ausweg: Wer sich in der Klischeewelt der Tatortredaktionen verlaufen hat, muss erschossen werden.