Henryk M. Broder / 12.12.2017 / 10:29 / 13 / Seite ausdrucken

Bedeutende Denkerinnen und Denker des 21. Jahrhunderts - Jakob Augstein

Wie artikuliert man eigene Ressentiments und schützt sich dabei gegen den Verdacht, welche zu haben? Ganz einfach: Man versteckt sich hinter Leuten, die genau das gesagt oder geschrieben haben, was man selber vor sich hingrummelt.

Ein Meister in der Disziplin der Auto-Exkulpation ist Jakob Augstein. In seiner neuen Kolumne führt er aus, welche Gefahren die Verjudung der Sitten für die politische Kultur mit sich bringt und nennt diesen Prozeß, der bereits ausführlich vom „Völkischen Beobachter" gewürdigt wurde, „die Israelisierung der Welt".

Aber wir wollen dem Freitag-Verleger nicht Unrecht tun. Nicht er hat den Begriff erfunden, sondern ein französischer Journalist, der vor einem Jahr einen Artikel veröffentlicht hat, an den Augstein aus aktuellem Anlass grade denken musste. Das klingt dann so:

Vor einem Jahr erschien in der französischen Tageszeitung "Le Monde" ein Artikel des französischen Journalisten Christophe Ayad. Die Überschrift lautete "Die Israelisierung der Welt". "Le Monde" ist keine antisemitische Zeitung und Ayad, der das außenpolitische Ressort seiner Zeitung leitet, ist kein Antisemit. Es ging in diesem Text nicht um irgendeine jüdische Weltverschwörung. Und auch nicht um die angeblich übergroße Macht irgendeiner jüdischen Lobby. Es ging um eine bestimmte Art und Weise, die Welt zu betrachten, mit Konflikten umzugehen, Politik zu betreiben, die der Nahostexperte Ayad in einem westlichen Land zum ersten Mal in Israel beobachtet hatte und die sich nun ausbreitete. An diesen Artikel musste ich denken, als bekannt wurde, dass Donald Trump Jerusalem als Israels Hauptstadt anerkennen will: Die Welt war auf dem Weg der Israelisierung ein großes Stück vorangekommen. 

Über Ayad gibt es einen kurzen Eintrag auf Wikipedia. Er hat u.a. einen Preis für eine Reportage über den Zoo in Gaza bekommen. Wenn Augstein nun schreibt, Ayad sei „kein Antisemit" und Le Monde „keine antisemitische Zeitung", dann meint er nicht Ayad und Le Monde, sondern sich selbst und sein eigenes Geschmiere, wie z.B. den Satz: „Wenn Jerusalem anruft, beugt sich Berlin dessen Willen.“ Und jetzt steht eben nicht die Israelisierung der deutschen Politik, sondern der ganzen Welt an. Ayad hat es beizeiten gemerkt und Augstein ist der Artikel aus Le Monde noch rechzeitig eingefallen, um erklären zu können, was hinter der Anerkennung von Jerusalem als Israels „Haupstadt" steckt. Das ist doch eine hübsche Art der zeitversetzten Arbeitsteilung.

Augsteins zweiter Kronzeuge für die „Israelisierung der Welt" ist noch glaubwürdiger, denn es handelt sich um eine israelische Soziologin, die ihrerseits Ayad „zustimmend zitiert". Das ist natürlich nicht zu toppen.

Als Vordenker ist Augstein Mittelmaß, als Trittbrettfahrer aber Spitze. Dass er keine Ahnung hat, worüber er schreibt, versteht sich von alleine. Wie jeder Antisemit ist auch er davon überzeugt, dass an allem die Juden schuld sind, auch daran, dass die arabischen Einwohner von Jerusalem „an den nationalen Wahlen nicht teilnehmen (dürfen) – weil sie keine israelische Staatsbürgerschaft besitzen". 

Der Satz würde seinen ganzen Charme verlieren, wenn Augstein sagen würde, dass die arabischen Einwohner von Jerusalem deswegen an den nationalen Wahlen nicht teilnehmen können, weil sie keine israelische Staatsbrügerschaft besitzen wollen. Sie anzunehmen würde eine Anerkennung der israelischen Souveränität und Verrat am Kampf um die Befreiung von der zionistschen Besatzung bedeuten. Aus Sicht der Palästinenser ein legitimes Motiv. 

Die arabischen Einwohner von Jerusalem könnten freilich, auch ohne die israelische Staatsbrügerschaft, an den Kommunalwahlen zum Jerusalemer Stadtrat teilnehmen, aber auch das wollen sie mehrheitlich nicht. Es würde als Kollaboration verstanden werden. Das wiederum könnte die Lebenserwartung des Verräters erheblich verkürzen.

Falls Augstein wissen möchte, warum das so ist, könnte er die israelische Soziologin fragen. 

PS. Augstein twittert: "Bei aller Empörung – das Verbrennen ausländischer Fahnen ist nicht grundsätzlich verboten. Mal einen Blick ins StGB werfen, §104." Stimmt. Es ist auch nicht grundsätzlich verboten, ein mieser Antisemit zu sein.

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Leserpost

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Michael Lesch / 12.12.2017

Der latente Antisemitismus unserer linken “Intelligenzia ” ist so unerträglich wie Ihr Versuch Terroristen zu Freiheitskämpfer zu stilisieren .Ob Arafat Hamas oder wie die anderen Mörder im Namen Allahs sich bezeichnen Fakt ist diese “Kultur ” vollzieht im Jahre 2017 immer noch Steinigungen und gehört nicht in unseren Kulturkreis. Sofortige Rückführung in ihre Steinzeit! 72 Jungfrauen inclusive!

B.Klingemann / 12.12.2017

Jakob Walser, Israel-Beauftragter der Bundesregierung: “Die differenziert, respektvoll und feinsinnig argumentierenden Politiker und Vertreter der muslimischen Staaten und Verbände deeskalieren und vermitteln unaufhörlich und arbeiten so weltweit (nicht nur in Israel und Palästina) an einem Klima des Vertrauens und des Friedens. Es ist nur allzu verständlich, dass Berlin sich in einem kontinuierlichen und fruchtbaren Dialogprozess mit der muslimischen Welt befindet. Die israelische Dreistigkeit der als Selbstverteidigung getarnten aggressiven, imperialistischen Expansionspolitik - von der massiven Verbreitung des jüdischen Glaubens ganz zu schweigen - scheut auch nicht vor dem Wunsch nach der Anerkennung Jerusalems nicht nur durch die USA, sondern auch durch die EU zurück. Deutschland und die EU tun gut daran, diesem unverschämten Affront dieses von der Geschichte wahrlich verwöhnten Landes und seines Volkes mit der notwendigen Härte und Entschlossenheit zu begegnen.”

Martin Müller / 12.12.2017

Ist der Jakob Augstein nicht mal vor wenigen Jahren zu einem der zehn größten weltweiten Antisemiten gekürt worden? Das sagt doch schon alles über diesen Mann…

Florian Bode / 12.12.2017

Augsteins SPIEGEL war doch der Hebammerich des “Volkes” der Palästinenser. Da muss er parteiisch sein,  der Herr Erbe und Verleger.

Brigitte Mittelsdorf / 12.12.2017

Augstein ist weder „Vordenker“ noch „Mittelmaß“. Das wäre doch zu viel der Ehre. Was er von sich gibt, ist einfach nur unerträglicher Schund.

Dirk Jungnickel / 12.12.2017

Augstein dürfte die israelische Soziologin nicht fragen, weil Leute seines Niveaus befürchten (noch) schlauer zu werden.

O. Bössmann / 12.12.2017

Der Text ist nicht ansatzweise so scharf, wie Augstein es verdienst hätte! In einem kann ich allerdings Augstein zustimmen: „Wenn Jerusalem anruft, beugt sich Berlin dessen Willen.“ Daran ist zumindest bis vor Merkel sehr viel Wahres, denn es ist aus meiner Sicht im wesentlichen zurecht despektierlich gegenüber Berlin und nicht gegenüber Jerusalem, wie es Augstein vermutlich gemeint hat. Aber auch hier setzt Merkel neue Maßstäbe und umarmt lieber terroristisches Fußvolk und unterstützt deren Anführer als den Schulterschluss mit Israel, dem Fels in der chaotischen Nahost-Brandung, zu suchen.

Renate Weiß / 12.12.2017

Lieber Herr Broder, danke für Ihren Text und danke für “achgut”. Die Zeiten sind derart irrwitzig - für’s mentale Überleben brauche ich daher Ihren Blog. Ich versuche, meinen Beitrag zu leisten und schreibe fleißig online-Leserbriefe, in den wenigen Medien, die (mich) noch abdrucken. Linke Ideologen haben mich daher schon verdächtigt, vom israelischen Geheimdienst bezahlt zu werden :-O. Es reicht heute schon aus, Israels Situation ins Gedächtnis zu rufen, um mit solch irrwitzigen Verdächtigungen konfrontiert zu werden. Ich wünsche Ihnen und allen Menschen trotz allem eine gesegnete Zeit! Renate Weiß

Wolfgang Kaufmann / 12.12.2017

Verehrter Herr Broder, nun behelligen Sie uns nicht mit schnöden Fakten. Es steht doch außer Frage, dass der deutsche Übermensch seine Lektion aus dem Holocaust gelernt hat, im Gegensatz zu den Israelis. Unsere Läuterung gibt uns das Recht, auch von ihnen ihren Teil der Lektion einzufordern, nämlich: Nur schweigende Lämmer sind gute Lämmer. Wo kämen wir denn hin, wenn wir anfangen würden zwischen Semiten und Antisemiten zu unterscheiden? Nun sind sie eben da… *Ende Sarkasmus*

Nico Schmidt / 12.12.2017

Sehr geehrter Herr Broder, bitte regen Sie sich nicht auf, wir brauchen Sie noch! Herr Augstein ist ein roter Salonlöwe, der einen Erziehungsauftrag von mir nicht bekannten Göttern für uns alle (die, die schon länger hier leben) bekommen hat. Ich habe bis zu Jakob Augsteins Tagen gerne Spiegel gelesen. MfG Nico Schmidt

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