Es wagnert wieder sehr in der Hitze des Sommers. Bei 32 Grad im Schatten wurden am Mittwoch die Bayreuther Festspiele zum 107. Mal eröffnet. Buntes Gewimmel auf dem grünen Hügel. Wer glaubte, auf sich halten zu müssen, war dabei – wir mittendrin, wenn auch nur draußen vor der Tür.
Die harten Holzsitze, mit denen der Komponist sein Publikum noch postum in die Zucht nimmt, wollten wir uns nicht antun, nicht für einen „Lohengrin“ ohne Schwan und mit dem edlen Ritter im Blaumann, verkleidet als Elektriker. Man muss nicht jede politisch verkrampfte Aufführung gesehen haben, um zu wissen, dass es sich bei den belehrenden Inszenierungen des Regietheaters um die Verzweiflungstaten der Einfallslosen handelt.
Doch Bayreuth wäre nicht Bayreuth, wenn es nicht auch das Theater vor dem Theater gäbe, die Gesellschaftskomödie der Festspielbesucher. Um sie zu erleben, haben wir uns unter die Zaungäste gemischt. Ein alter Freund, der legendäre Hotelier Andreas Pflaum, übernahm die Führung. Bei ihm sind alle abgestiegen, die dem Wagner-Festival einst Glanz und Glamour verliehen, Franz-Josef Strauß ebenso wie Rudolf Augstein, Brecht, Sartre und die Beauvoir, der Aga Khan und die Begum, Pompidou, Gorbatschow und Plácido Domingo.
Schon auf dem Weg zum Hügel hatte uns Pflaum erzählt, wie sich die Schaulustigen damals an den Absperrgittern um die Freifläche vor dem Festspielhaus drängten, wie sie klatschten und den Berühmtheiten zujubelten.
Männer und Frauen, die aussahen, als ob sie etwas darstellten
Jetzt gelang es dem Freund, uns selbst in diesen inneren Bereich zu lotsen. Links grüßten die Oetkers, rechts ging die Familie Sixt ihrer Wege. Ringsum flanierten Männer und Frauen, die aussahen, als ob sie etwas darstellten. Manche posierten vor den Kameras der Journalisten, bisweilen lautstark dazu ermuntert, öfter unaufgefordert.
Wir sahen Thomas Gottschalk mit seiner Frau Thea, Christian Lindner mit seiner Neuen und Markus Söder, wie er sich schnell aus dem Staub machte, weil ihn eine Gruppe von Demonstranten mit dem Ruf „No Söder“ empfing. Professionell gewandt präsentierte sich dagegen die schöne Dagmar Wöhrl, während Ursula von der Leyen schnurstracks an die Absperrung eilte, um einem verdutzten Zuschauer ihr Autogramm anzubieten. Gleich mehrfach drehte sich Désirée Nick elegant an der Front der Fotografen vorbei.
Auch Angela Merkel, diesmal froschgrün eingekleidet von den Schultern bis zu den Schuhen, positionierte sich auf dem leicht erhöhten Podest vor dem Haupteingang des Theaters. Zwei, drei ältere Herrschaften begannen zu klatschen, hörten aber sofort auf, als sie von den Umstehenden verwundert angeschaut wurden.
Die Zeiten sind eben nicht mehr so. Vor ein paar Jahren, erinnerte sich unser Begleiter, sei das noch anders gewesen. Zu Hunderten hätten sie der Kanzlerin applaudiert. Nun wurde sie nur noch angestarrt. Ihr rascher Rückzug ins Innere des Hauses beendete die Peinlichkeit. Als sie nachher in der ersten Pause an die gedeckte Tafel in das Festspielrestaurant eilte, ging sie vorsorglich hinter den breiten Rücken ihrer Begleiter in Deckung. Warum auch nicht. Schließlich war sie bereits in den Ferien und zusammen mit ihrem Mann als Privatperson nach Bayreuth gekommen.
Adenauer und Kohl blieben dem Theater fern
Andere Kanzler vor ihr haben das nicht getan. Bismarck lag der Komponist ganz und gar nicht. Adenauer und Kohl haben sich nie auf dem Grünen Hügel blicken lassen. Schmidt kam einmal. Schröder sagte einen geplanten Besuch in letzter Minute ab. Einzig Adolf Hitler hielt Bayreuth über die Jahre seiner Herrschaft die Treue. Auf dem Balkon des Wagner-Theaters ließ er sich von den Volksgenossen feiern. Die Festspiele gerieten in den Verdacht einer Propagandaveranstaltung.
Der Boden war fortan historisch kontaminiert, keine Bühne, auf der sich die Kanzler der Bundesrepublik noch blicken lassen wollten. Erst Angela Merkel setzt sich wieder über das Tabu hinweg. Und sicher tat sie das zuerst als eine bekennende Liebhaberin der Musik Richard Wagners, aus persönlichen Gründen, nicht aus politischen Erwägungen.
Da es der Regierungschefin aber schlichtweg unmöglich ist, in der Öffentlichkeit ausschließlich als Privatperson aufzutreten, hat sie mit ihrer alljährlichen Pilgerreise nach Bayreuth auch die Tradition der staatspolitisch überhöhten Wagner-Festspiele aufleben lassen, bewusster von Jahr zu Jahr. Ohne sich viel um die Geschichte zu kümmern, nutzte sie ihre Auftritte in der fränkischen Provinz, um sich als politische Autorität ins Rampenlicht zu rücken. Die Vorfahrt in der noblen Karosse, die Absperrungen, die herausgehobenen Auftritte vor der Aufführung, die ganze Inszenierung verriet die Absicht. Daran hat sich nichts geändert.
Eine Reiterstaffel war auch da
Zwar ist Angela Merkel in diesem Jahr wesentlich bescheidener in einem VW-Bus angekommen, doch wurde abermals ein Sicherheitsaufwand betrieben, der nicht nur die Zuschauer, sondern mehr noch die auflaufenden Politiker in dem Bewusstsein bestärken mochte, ganz besondere Persönlichkeiten zu sein. Weiträumig waren Polizisten in Stellung gegangen, viele mit umgehängten Schnellfeuerwaffen. Dreißig Schuss enthalte jedes Magazin, verriet uns einer.
Dazu Dutzende von BKA-Beamten, unter deren Sakkos sich die Revolver abzeichneten. Sogar eine Reiterstaffel hatte man aus München nach Bayreuth verlegt. Das alles erfüllte seinen Zweck, indem es Eindruck machte. Aber war der Einsatz auch nötig? Bedurften die Gäste des Schutzes tatsächlich? Das Profil des Geländes lässt keinen LKW-Anschlag zu. Und wann hätte man je etwas davon gehört, dass Angela Merkel, Markus Söder, Jens Spahn oder Ursula von der Leyen tätlich bedroht worden wären?
Nein, zu beschützen war da niemand. Außer dem fehlenden Applaus und der geschrumpften Zahl Schaulustiger gab es nichts, das die Politiker in Angst und Schrecken hätte versetzen können. Der maßlose Einsatz der Sicherheitskräfte war vielmehr Teil jener staatspolitischen Inszenierung, zu der die Bayreuther Festspiele unter der Kanzlerschaft Angela Merkels zunehmend entartet sind. Ihre Politik hat sich Wagner unter den Nagel gerissen. Die Kosten dafür gehen zulasten des Steuerzahlers.
Mögen Angela Merkel und Gatte die Eintrittskarten auch aus der privaten Schatulle bezahlt haben. Auf dem Rest der Ausgaben, auf ein paar hunderttausend Euro oder mehr noch, bleibt die öffentliche Hand sitzen. Aber dafür wurde uns nun immerhin ein Theater vor dem Theater geboten, das die Verhältnis treffender darstellte als die Premiere des mühsam aktualisierten „Lohengrin“, die alberne Verkleidung des romantischen Helden als Elektriker im Blaumann.
Beitragsbild: W.Weis via Wikimedia

Mein Vater pflegte zu sagen:“Wagner? - wenn seine Musik nicht so schmerzen würde - würde sie weh tun“. Er wollte damit sagen, dass Lohengrin, selbst einem Wagner-Fan nicht annährend soviel Freude bereiten wie es einem Normalen Schmerzen bereitet. Dazu tragen die Ticketpreise, die unbequemen Sitze, die Art und Form der Inszenierungen, das von sich selbst hochgestochene Publikum und der Preis für eine Bockwurst mit Senf bei.
Ach, die sich produzierende Haute Volaute! Die kann doch meist gar nicht (differenziert) hören. Und, Herr Rietzschel, ein Widerspruch: Es hätte des Besuchs eines relativ wenig eitlen Kanzlers wie Helmut Schmidt ( der ja immerhin der Musik an sich zugetan war und auch Klavier spielen konnte!) bedurft, um "Bayreuth" Bodenhaftung zu vermitteln. Die anderen von Ihnen genannten Politiker/Kanzler hatten doch, wie fast alle ihrer Zunft, von Musik keine Ahnung und sind deshalb nicht dort aufgetaucht. Und Grökaz Merkel samt Auftreten kann man nur eine dumpfbackene SichBegeisterung zutrauen, womit sie sich gefährliche nahe an Gröfaz befindet. Die Inszenierung des Lohengrin haben Sie ja herrlich knapp verrissen, zu der Darbietung der Musik hätten Sie sich allerdings schon auch äußern sollen.
Lieber Herr Unger (und andere). Sie wissen vielleicht, dass Angehörige der Naziopfer in Israel einen Richard-Wagner-Verein beMusiker treiben und (seit etlichen Jahren) auch nach Bayreuth pilgern. Zudem ist mir bekannt, dass nicht wenige jüdische Musiker im Bayreuther Festspielorchester mitspielen (das sich ja bekanntlich aus Mitgliedern verschiedenster, auch internationaler Orchester jedes Jahr neu zusammensetzt. Sie machen es sich ein wenig zu einfach. Wenn Sie Wagner und den Rummel nicht mögen, ist dies selbstverständlich ok. Nur die Rationalisierung Ihrer Aversion sollte ein wenig rationaler ausfallen.
Die Musik von Wagner ist für Wagner Fan`s das tollste was es gibt . Auch Hitler mochte sie , aber Wagner hat sie nicht für ihn gemacht . Und Bayreuth , war vom Obersalzberg aus leicht zu erreichen , damals , als es noch keine sprengsicheren Limousinen gab . Und Obersalzberg , das Teehaus ? .. aus heutiger Sicht sehr bescheiden , außer dem Aufzug . Und Adolf soll nur einmal dort gewesen sein.
WELT berichtet am 25.07.2018; “... die rund 200 Schaulustigen applaudieren freundlich...“
Definiere Regietheater: "Nackte Nazis wälzen sich in Matschepampe ... Als Zugabe werden guterale Wortstücke ins Publikum erbrochen"
Alles braucht heute eben seinen Roten Teppich. Das Bayreuther Schaulaufen erinnert an Cannes oder gar die Oscar-Verleihung in L.A.; nur, dass bei den letztgenannten Events stets die Schönsten der Schönen zu bewundern sind, während es sich bei den Schauläufern in Bayreuth meist um anderweitig Prominente handelt, die fast ausnahmslos mit sehr viel bescheidenen physischen Highlights ausgestattet sind als ihre Pendants vom Film. Es sind hauptsächlich Prominente aus Politik, Wirtschaft und anderen Sphären der Gesellschaft, die sich in Bayreuth dem medialen Blitzlichtgewitter präsentieren. In diesem Jahr ist Frau Merkel tatsächlich der ganz große Wurf gelungen, indem sie mit ihrer schillernden giftgrünen Festgarderobe sehr deutlich ihre Vorliebe für diese Farbe dokumentierte. Grün, grün, grün sind alle meine Kleider. Die gewiss nicht zufällige Farbwahl könnte nun wie folgt interpretiert werden: a) Merkel bekennt sich mit der Farbe ihres Gewandes erstmals offen dazu, dass sie sich als die Kanzlerin der Grünen versteht (unsere Ahnung wurde endlich Gewissheit), oder b) das leuchtende Grün soll uns allen signalisieren, dass sie sich zum Islam bekennt (zum deutschen, reformierten freilich). Für ihre couragierte Offenbarung sollten wir echt dankbar sein. (Ironie aus).