Dirk Maxeiner / 23.09.2016 / 06:22 / Foto: Azekhoria Benjamin / 5 / Seite ausdrucken

Bayer und Monsanto: Dürfen die das?

Zusammenschlüsse internationaler Konzerne unter Beteiligung großer deutscher Unternehmen sind nichts Ungewöhnliches. 1998 feierten Daimler-Benz und die Chrysler Corporation eine „Hochzeit im Himmel“ (die 2007 unrühmlich vor dem Scheidungsanwalt endete). Ein Jahr später schloss der Chemie- und Pharma-Riese Hoechst sich mit der französischen Konkurrenz von Rhône-Poulenc zu Aventis zusammen. Das Unternehmen Höchst diffundierte im Laufe der Zeit vollkommen. Geblieben ist nur der gleichnamige Frankfurter Ortsteil mit einem Industriepark.

Nun also Bayer und Monsanto. Das gleiche in Grün könnte man sagen, schließlich geht es hier um zwei global player auf dem Felde der grünen Gentechnik und des Pflanzenschutzes. Business as usual, wenn nicht diese Demonstrationen und Proteste wären. Aber es sind nicht Gewerkschafter oder Aktionäre, die da Einspruch erheben, sondern Öko-Aktivisten. „Höllische Heirat“ heißt es oder „tödliche Vereinigung“. Warum die Aufregung?

Wer verstehen will, was da vor sich geht, muss ein paar Dinge zusammenfügen. Beispielsweise zwei Nachrichten, die derzeit eher in ländlichen Regionalzeitungen die Runde machen.

Die Niederländer haben sich längst von der Scholle gelöst

Die eine: Zahlreiche deutsche Biowinzer kämpfen um ihre Existenz. Aufgrund der feuchten Witterung in der ersten Jahreshälfte vernichtet der Falsche Mehltau große Teile ihrer Ernte. Biowinzer dürfen zwar schwermetallhaltige Kupfersulfaltpräparate sowie Kaliumphosphonat ausbringen (auch sie kommen nicht ohne Chemie aus) – aber die erlaubten Mengen genügen nicht, um den Schädling in einem Jahr wie 2016 einzudämmen. Um Ernte und Existenz zu retten, haben einige bereits auf ihr Öko-Zertifikat verzichtet und sind zu wirksameren Pflanzenschutzmitteln zurückgekehrt.

Die zweite Nachricht: Die Preise für Ackerland haben sich in den letzten zehn Jahren in Deutschland verdreifacht und gehen auch weltweit durch die Decke. Die Nachfrage entsteht durch wachsende Urbanisierung, durch Flächenbedarf für Wind- und Sonnenenergieanlagen, durch sogenannte nachwachsende Rohstoffe, durch Investoren, die nachhaltige Anlagen suchen – und ganz allgemein durch eine wachsende Weltbevölkerung. Deutsche Biobauern etwa, die extensiver wirtschaften, können vielerorts keine Flächen mehr hinzu pachten, weil die Pachtpreise davonlaufen.

Die Landwirtschaft steht weltweit unter einem erhöhten Konkurrenzdruck und wird mehr und mehr als eine Schlüsselindustrie der Zukunft gesehen. Während hierzulande besonders in den Städten vom romantischen Landmann geschwärmt wird, spricht man in der großen weiten Welt längst ganz unsentimental vom Agro-Business. Zu den innovativsten Agrariern gehören übrigens die Niederländer, die sich mit ihren Gewächshäusern von der knappen Scholle gelöst haben. Schließlich müssen bis zum Jahre 2100 etwa elf Milliarden Menschen ernährt werden. Das schafft Fakten, Zwänge und Begehrlichkeiten.

Ideologie und Fakten stoßen sich immer härter im ländlichen Raume

Ernteausfälle kann sich weder der Kleinbauer in Punjab, der Ökowinzer im Rheingau noch der Großagrarier in Idaho erlauben. Die deutschen Ökowinzer plädieren im Prinzip mit den gleichen Argumenten für eine Ausnahmeregelung bei der Anwendung von Kupfersulfalt und Kaliumphosphonat, mit denen die herkömmlichen Landwirte eine Verlängerung der Zulassung des vielgescholtenen Glyphosats fordern. Ökobauern und sogenannte konventionelle Bauern liegen in der Praxis ohnehin oft nicht mehr weit auseinander (ganz abgesehen davon, dass sie Nachbarn sind). Die Verbissenheit der Auseinandersetzung findet auf einer anderen Ebene statt und lässt sich dadurch erklären, dass die Unterschiede weniger in der praktischen Auswirkung auf Mensch oder Natur liegen, sondern vielmehr in idologischen Vorstellungen über die beste Form der Landwirtschaft. Sie stoßen sich mit den Fakten und Zwängen immer härter im ländlichen Raume.

Und so treffen Großunternehmen auf Kleinbauern, Öko-Romantiker auf Wissenschaftler, Investoren auf Ideologen. Großkonzerne können in der Tat ihre Marktmacht missbrauchen, aber Bayer-Monsanto ist weit davon entfernt ein Monopolist wie Facebook oder Google zu sein. Es gibt für den einzelnen Bauern  Alternativen. Das größte Problem für Kleinbauern in armen Ländern  sind auch nicht die großen Konzerne, sondernd mangelnde Besitzrechte, kein Zugang zum Markt und despotische Systeme. Würde das besser, könnte man in der Tat auch schon mit naturnahem und traditionellem Landbau viel mehr Nahrungsmittel erzeugen. Ein Blick nach Afrika, einem im Grunde von der Natur gesegneten Kontinent, läßt derzeit aber wenig hoffen. Man wird also den Ertrag in Ländern mit hoher landwirtschaftlicher Produktivität weiter erhöhen müssen. Wie sagte die Bundeskanzlerin in anderem Zusammenhang: „Die Menschen sind nunmal da“.

Es geht um einen riesigen Zukunftsmarkt und die Claims werden jetzt verteilt. Doch wer gewinnt die Deutungshoheit darüber, wie die Landwirtschaft der Zukunft aussehen wird? Der Unterschied zu anderen Themen liegt vor allem darin, dass die Produktion von Nahrungsmitteln seit archaischen Zeiten tief religiös grundiert ist. In Sachen grüne Gentechnik ist es in Deutschland tatsächlich gelungen, sie als Ausgeburt des Teufels zu stigmatisieren. Dies obwohl sie weltweit angewandt wird und bislang kein Mensch beim Konsum solcher Nahrungsmittel ernsthaft gesundheitlich Schaden erlitten hat.

„Deutsch sein heißt eine Sache um Ihrer selbst willen zu tun“

„Deutsch sein heißt eine Sache um Ihrer selbst willen zu tun“, soll Richard Wagner gesagt haben. Die weltweite Anti-Gentechnik-Kampagne, deren ideologisches und personelles Zentrum in Deutschland liegt, steht komplett in dieser Tradition. Doch auch Bayer-Chef Werner Baumann kann es nicht lassen, die Rettung der Menschheit auf sein Konto zu buchen: „Für die Menschen der Welt ist dies ein guter Tag, weil wir durch die Verbindung der beiden Unternehmen die Ernährungsprobleme der Welt besser angehen können.“ Kann sein, kann aber auch nicht sein.

Eine Nummer kleiner wäre vielleicht besser, zumal Bayer ja genügend vernünftige Gründe für den Kauf von Monsanto hat. Die sind nicht nur ökonomischer, sondern auch politischer Natur. Denn obwohl die Energiewende keineswegs verdaut ist, wird in Deutschland schon das nächste grüne Prestigeprojekt vorbereitet: Die Agrarwende. Die Stimmenenthaltung der Bundesregierung bei der EU-Entscheidung zu Glyphosat ist dem Umstand geschuldet, dass sich die Bundeskanzlerin alle Koalitionsoptionen offen halten will.

In Sachen Energiewende geht bislang kein anderes Land den deutschen Weg mit,  ähnlich dürfte es sich bei einer Agrarwende verhalten. Ehemals stolze deutsche Energieversorger sind nur noch ein Schatten ihrer selbst. Bayer hat ganz offensichtlich keine Lust ihnen nachzufolgen. Ein starkes Standbein in USA ist da ungemein hilfreich, zumal die Forschung bereits ausgewandert ist.

Und damit schließt sich der Kreis: Das größte Kompetenzzentrum für grüne Gentechnik und moderne Landwirtschaft liegt künftig in deutscher Hand - für Gentechnik-Gegner und Agrarwende-Propagandisten das Herz der Finsternis. Politisch ist das ungefähr so, als sei die Sowjetarmee durch die Fulda-Gap gebrochen. Deshalb die Aufregung.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf Welt/N24 hier.

Foto: Azekhoria Benjamin CC-BY-SA 4.0 via Wikimedia

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Michael H. Mayer / 24.09.2016

Bayer-Monsanto streben nach einer marktbeherrschenden Position im “Agro-Business”. Philanthropie dürfte vor allem in Werbetexten eine Rolle spielen. Es geht um “Macht und Moneten” (Dirk Maxeiner). Im Ergebnis zeigen sich Ähnlichkeiten mit dem Bauernlegen im 15. Jahrhundert. Das kann man spitze finden, muss es aber nicht. Man muss aber diesen Aspekt erwähnen und diskutieren, und wir sollten denen, die den Euphemismus “Grüne Gentechnik” im Munde führen, nicht unbesehen alles glauben.

Sönke Joachim Peters / 23.09.2016

Bayer hätte den Versuch starten können, mit jedem x-beliebigen Argrar-Technologie-Riesen zu fusionieren, und das hätte niemanden interessiert. Monsanto allerdings ist ein amerikanischer Konzern und weit mehr als der Antisemitismus ist der Anti-Amerikanismus in Deutschland auf dem Vormarsch. Monsanto = amerikanisch = böse. Auch in weiten Teilen der AfD nimmt das inzwischen geradezu groteske Züge an, so dass man auch dort - allein wegen dieses Anti-Amerikanismus’ - in Sachen Monsanto, Fracking (will Putin nicht!), NATO, TTIP, etc. mit Grünen und ganz Linken inzwischen vollkommen deckungsgleich ist. Nach Aussagen eines AfD-Sprechers hat Volkswagen übrigens auch keinen groß angelegten Abgasbetrug in Amerika hingelegt; sondern die Amis führten angeblich einen Wirtschaftskrieg gegen edle deutsche Firmen. Wenn die AfD so weiter macht, wird sie bei Links-Grün direkt noch gesellschaftsfähig.

Jochen Wegener / 23.09.2016

Na, mit der “deutschen Hand” ist das so eine Sache wenn die Aktionärsstruktur betrachtet wird. Da taucht nämlich auf beiden Seiten Black Rock als wichtiger Akteur auf und warum sollte nicht von dort der Befehl gekommen sein, nun endlich das Bayer-Angebot zu akzeptieren. Schließlich bleibt doch dann alles in einer Tasche, von links nach rechts zwar, auf jeden Fall aber amerikanisch, nur noch ein Adressat der Monopolwünsche und das erleichert doch das Geschäft.

Hans Meier / 23.09.2016

Die Agrar-Industrie hat eine Macht, die bis ganz tief in die Politik reicht. Zum Beispiel wurde Obama von den US-Agrar-Wall-Streetern in seinen Wahlkämpfen finanziert. Nach seinem ersten Wahlsieg erließ er ein Gesetz für seine Investoren und alle Amerikaner mussten an der Tanke Industrie-Alkohol aus der Agrar-Vermaisung für richtig gutes Geld als Beimischung mitkaufen. Zur zweiten Amtszeit von dem US-Blender hat die EU-Zentrale den gleichen Unsinn „als Klima-Rettung“ für Europa angeordnet. Also von Monopolen die in Wirklichkeit die Politik beherrschen, ist man in den USA in einer komfortablen Situation. Das hat ja Bernie Sanders so schön im Wahlkampf beschrieben, als er öffentlich sagte, die US-Politik würde von einer Handvoll US-Familien geführt die über 90% der US-Finanzen, verfügten. Mit dieser heftigen Kritik am US-Familien-Kapitalismus wurde er zum Erzfeind der Clinton-Förderer und von der Wall-Street abgesägt. Der Hunger der steigenden Weltbevölkerung will gestillt werden, denn Nahrung bleibt ein existenzielles Grundbedürfnis. An der Anbauweise scheiden sich erfahrungsgemäß die Geister, denn da kommt Romantik und Irrationalität zum Zuge. So wie Rudolf Steiner der Prophet der Antroposophen, die „Nachschatten-Gewächse“ wie Kartoffeln oder Tomaten nicht mochte, weil sie die „Erdkräfte“ enthielten und dem Getreide zugeneigt war, weil dieses ja „die kosmischen Himmels-Kräfte“ aufgenommen habe, so irre geht es auch heute noch, beim Thema Nahrungsanbau zu. Je grüner, desto schlimmer! Allein was so Jodtabletten-Heinis über Bayer vom Stapel lassen ist nur noch peinlich. Wer wie vor hundert Jahren mit seinem Hoppa-Pferd hinterm Pflug herzotteln will gehört in die Behinderten-Betreuung und hat in der Wirtschaftspolitik absolut nichts verloren.

Torsten P.Neumann / 23.09.2016

Äh, Moment mal. Andersrum wird ein Schuh draus:  Bayer hat Monsanto nicht gekauft um glorreiche deutsche Wirtschaftspolitik zu machen, sondern um von hier wegzukommen.  (Firmenzentrale wird folgende Adresse:  800 North Lindbergh Blvd.  St. Louis, Missouri).  Das ist übrigens auch der Grund warum sich in den USA kein Mensch, und auch kein WSJ.com für diesen Megadeal wirklich interessiert.  Die USA verlieren hierbei nichts, sondern kriegen Bayer dazu.  Verlierer ist hier einzig und allein der Standort Deutschland.

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