Roger Letsch / 03.10.2018 / 15:00 / 3 / Seite ausdrucken

Bauchtanz und Currywurst

Wir schrieben das Jahr 2001, unser klimatisierter Bus rollte durch die Vororte von Kairo, während unser einheimischer und stets etwas mürrischer Reiseleiter die Gegend erklärte. Sein Tonfall änderte sich von scherzhaft heiter zu abschätzig neidisch, als er auf einige vergleichsweise teuer aussehende Gebäude auf Hügeln in der Nähe hinwies. In Erinnerung ist mir geblieben, dass es ihm eines dieser Gebäude besonders angetan hatte. Dieses, so sprach er, ohne seine Geringschätzung zu verbergen, gehöre der berühmten Tänzerin „X“ – ihr Name ist mir leider entfallen. Es folgen einige beleidigende Bemerkungen und Unterstellungen, die keinen Zweifel daran aufkommen ließen, was unser Reiseleiter von Damen wie „X“ hielt.

An diese Anekdote musste ich denken, als ich die ersten Seiten von Antje Sievers Buch „Tanz im Orient-Express“ las, auf denen sie darlegt, wie sich das Ansehen von Tänzerinnen im arabischen Raum im Laufe der Zeit verändert, vulgo verschlechtert hat.

Bauchtanz also. In den hatte sich die Autorin verliebt, weshalb sie beharrlich und nicht ohne Fortune ihre Karriere in dieser Kunst vorantrieb. Am Ende hatte sie eine eigene Schule für orientalischen Tanz in Hamburg und bildete Tänzerinnen aus aller Welt aus. Bauchtanz, das ist geradezu das Klischee von „1001 Nacht“ und Multikulturalismus, das im Deutschland der 1980er und 90er Jahre wellenartig durch das Land zog.

Exotische Klänge und Kostüme, adaptiert von selbstbewussten Mädchen und Frauen aus dem Okzident, die damit ein Ticket für den Film „Das Beste aus beiden Welten“ gelöst zu haben glaubten. Bauchtanz und Currywurst gewissermaßen. Auch Sievers zogen Klänge und Stimmung in ihren Bann, je weiter sie jedoch im Laufe der Zeit in die Kultur und Lebenswirklichkeit arabischer Provenienz vorstieß, umso anstrengender wurde für sie der Spagat zwischen ihrer freiheitlichen Prägung, ihrem Feminismus und ihrer Liebe zu einer Kunst, die sie zu der ihren gemacht hatte auf der einen Seite und den Lebenswirklichkeiten arabischer Kulturkreise auf der anderen.

Ein Protokoll soziologischer Feldstudien

Das Buch befasst sich eben gerade nicht mit theoretischen Abhandlungen. Es ist vielmehr ein Protokoll soziologischer Feldstudien und persönlicher Erfahrungen, ein Logbuch der Empirie, in dem fast beiläufig Fall um Fall geschildert wird. Einzelfall um Einzelfall, wie man heute wohl sagen müsste. Doch das für den Leser vielleicht Verblüffendste ist sicher die Tatsache, dass die Fälle eben nicht erst in der Zeit nach 2015 angesiedelt sind, sondern teilweise viel früher.

Anders als heute, wo Fälle von Ehrenmord oder Vergewaltigung aufgrund der alerten Gesamtstimmung im Land schnell große (wenn auch keine mediale) Aufmerksamkeit erlangen, versandeten solche Fälle in der Vergangenheit recht schnell unter dem typischen Hefeteig deutschen „Nicht-wahrhaben-wollens“ sich bildender kultureller Parallelität, den wir immer noch sturstracks für Toleranz und Menschlichkeit halten.

Es gab aufgrund der geringen absoluten Fallzahlen lange Zeit auch keinen Grund, mit statistischen Spitzfindigkeiten gegen die Stimmung in der Bevölkerung zu agitieren. Doch gerade diese Erfahrungen – auch die Erfahrungen anderer – sind es, auf denen die veränderte Einschätzung der Sicherheitslage durch die Bevölkerung heute beruht. Und diese Empirie sagt, dass sich die Sicherheitslage in unserem Land massiv verschlechtert hat und was die Ursache dafür ist. Ganz besonders und in vielerlei Hinsicht für Frauen, deren Gleichberechtigung, ihr Sicherheitsempfinden, ihre Möglichkeiten zur sozialen Interaktion und ihre Zurückdrängung aus dem öffentlichen Raum, die sie aus eigenen Sicherheitserwägungen hinnehmen.

Sievers’ Buch ist ein bestürzendes Dokument ihrer eigenen Erfahrungen, die sie geschickt mit den Berichten anderer engagierter Frauen wie Necla Kelek und Zana Ramadani und Männern wie Bassam Tibi und Hamed Abdel-Samad verbindet. Es sind die Erfahrungen einer Frau, die weit und ohne Scheu in eine Welt vorgedrungen ist, die wir allzu lange und allzu naiv vor allem aufgrund ihrer schillernden Oberfläche beurteilt haben. Doch weder wohnt unter Glitzer-Pajetten die Selbstbestimmung der Frau, noch ist das Leben unter islamisch/orientalischen Wertvorstellungen so süß wie Baklava.

Allen, die sich zur Einschätzung der Lage in unserem Land nicht auf die Verlautbarungen des Regierungssprechers oder die Umfragen der Bertelsmann-Stiftung verlassen möchten, sei dieses Buch dringend zur Lektüre empfohlen. Für Frauen, die sich mit dem Gedanken an eine Konversion zum Islam tragen, die glauben, ein Kopftuch zu tragen, würde nichts für sie ändern, oder die planen, mit ihrem marokkanischen Geliebten in dessen Heimat zu ziehen, sollte für dieses Buch dringend Lesepflicht gelten.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf Roger Letschs Unbesorgt

Ein Video-Interview mit der Autorin finden Sie hier auf Achgut.Pogo.

Antje Sievers: Tanz im Orientexpress – Eine feministische Islamkritik, mit einem Nachwort von Zana Ramadani, Hardcover/Klappenbroschur, 21,0 x 14,5 cm, Verlag Achgut Edition, ISBN 978-3-9819755-0-5, 17,00 €. Hier gehts zum Shop.

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Leserpost

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herbert binder / 03.10.2018

Das Buch von Frau Sievers habe ich mit großem Gewinn gelesen. Danke, Herr Letsch, daß Sie dieses wieder in Erinnerung bringen. Meine Lektüre ist aber auch an so etwas wie ein Schockerlebnis gebunden. Die Autorin erwähnt gegen Ende des Buches noch einmal u.a. die Anlässe ihrer Auftritte, z.B. Hochzeiten und—- jetzt kommt’s—- Beschneidungsfeste. Für mich ganz spontan unfaßbar.  Wenn mich etwas vor Empörung fast in den Wahnsinn treibt, dann genau solch ein Akt - kein Fest, eine Untat. Ein Kölner Richter hat vor etlichen Jahren diesen Vorgang als Straftat bewertet, ein Urteil, für das ihm ein extra geschaffener Verdienstorden zugestanden hätte. Was aber geschah wirklich? Eine devote Regierung mit ihrer zuständigen Justizministerin hat dann schnell, schnell auf den Aufschrei der üblichen Verdächtigen (vor allem fanatischen, dem Archaischen verhafteten alten Männern) reagiert und mit ein paar Auflagen diesen schmutzigen Vorgang legalisiert. Soviel zur Faktizität von Religionen, bzw. Ideologien, die sich als Religion tarnen.

Marc Blenk / 03.10.2018

Lieber Herr Letsch, was man man sich doch wohlfeilst in diesem Land jahrzehntelang über die Verklemmtheiten des Katholizismus das Maul zerissen hat. Das Zöllibat, das Verbot der Pille, und all die Sachen. Gerade aktuell wieder… Ich sage wohlfeilst, denn wie leicht ist es seit dem Beginn unserer Republik, die Kirche zu kritiseren! Und das geschah ja nun auch in Permanenz bis heute. Alles ok damit. Es ist mir auch verständlich, dass man dies in gleicher Intensität nicht mit dem real existierenden Islam in Deutschland tut, denn Gefahr für Leib und Leben geht damit einher! Wo mir aber jedes Verständnis abgeht, wenn dieselben Leute, die schon seit den 70ern auf den rückständigen Katholen rumhacken, den Islam ‘eigentlich’ ganz töfte finden und meinen, es wäre nur eine Sache von Wochen, bis die alle eine ‘aufgeklärte’ Sicht auf unsere Welt mit uns teilten. Und bis dorthin reichte sozusagen eine Armlänge Abstand, wenn es mal heißer hergehen sollte. Solchen Leuten, die solches denken und sagen ist nicht zu trauen. Denen traue ich auch aktive Hilfe auf dem Weg in eine neue Diktatur zu.Ganz im Ernst. Denn es braucht für den Demokraten immer noch ein gewisses Gespür für die Bedrohungen der Freiheit. Und diese wird zur Zeit ganz sicher nicht von Leuten mit Luftgewehren bedroht…. Ihnen und allen einen schönen Tag der Deutschen Einheit.

Karla Kuhn / 03.10.2018

“..... unter dem typischen Hefeteig deutschen „Nicht-wahrhaben-wollens“...”  Das mit dem Hefeteig klappt aber gar nicht, denn der gärt und “geht” und wird dabei immer größer. So nach dem Motto, ” Was lange gärt, wird endlich WUT”  Die Ernüchterung folgt meistens auf den Fuß.

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