Bastelanleitung zum „Antirassismus“

Ein Gespenst geht um im deutschen Feuilleton, seit Ende Mai George Floyd in den USA vor laufender Kamera im brutalen Würgegriff eines Polizisten erstickte: das Gespenst des „strukturellen Rassismus“. Schwarze Menschen würden auch hierzulande systematisch diskriminiert, schallt es seit Wochen aus allen Kanälen, von Tagesspiegel bis Deutschlandfunk, von ZEIT bis „stern“. Auch der Bundespräsident höchstselbst schlägt Alarm: Es reiche nicht aus, „kein Rassist“ zu sein, mahnte er, vielmehr müssten wir alle „Antirassisten“ sein.

Angesichts der Tatsache, dass Deutschland seit 2015 aus humanitären Gründen hunderttausende von Flüchtlingen und Migranten dunkler Hautfarbe aufgenommen hat, stellt sich die Frage: Was ist Schlimmes geschehen, um die schwerwiegenden Vorwürfe und die dramatischen Appelle zu rechtfertigen? Wurden Schwarze von einem rassistischen Mob durch die Straßen deutscher Städte gejagt? Wurden sie – unter dem Beifall relevanter gesellschaftlicher Gruppen, denn nichts anderes hieße „strukturell“ – als minderwertig herabgewürdigt, verfolgt oder gar ermordet? Schauen wir uns die wichtigsten Vorwürfe genauer an – und diejenigen, die sie äußern.

Eine der Ersten, die sich nach dem Tod von George Floyd zu Wort meldete, war die Journalistin Alice Hasters. Da sie im September 2019 das Buch „Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen. Aber wissen sollten“ verfasst hatte, wurde sie für ihre Berufskollegen zur begehrten Gesprächspartnerin. „Weiße Menschen haben so wenig Übung darin, mit ihrem eigenen Rassismus konfrontiert zu werden, dass sie meist wütend darauf reagieren, anfangen zu weinen oder einfach gehen“, konstatierte sie im Interview mit dem Tagesspiegel, was daran liege, dass die meisten Menschen eine völlig falsche Vorstellung von Rassismus hätten. Dieser erfolge keineswegs immer „mit böser Absicht“, sondern sei „schon so lang und so massiv in unserer Geschichte, unserer Kultur und unserer Sprache verankert, dass er oft unbewusst geschieht – besonders der sogenannte Alltagsrassismus“.

Mit dieser Behauptung gaben Hasters und Andere den Startschuss für unzählige weitere Berichte und Interviews in den folgenden Wochen, deren Ausgangspunkt von niemandem mehr hinterfragt wurde: Deutschland ist rassistisch, das weiß jeder, und die einzige Frage ist, wie die Betroffenen sich damit fühlen.

Unerträgliche Mückenstiche

Aber worin zeigt sich nun eigentlich Hasters’ „Alltagsrassismus“: In ihrem seitenlangen Artikel findet sich nur ein einziger Absatz mit konkreten Beispielen: Rassismus ist, wenn man „am Tag gegen Rassismus demonstriert – und trotzdem Angst bekommt, wenn ein Schwarzer Mann einem nachts über den Weg läuft. Oder dass man kurz überrascht ist, wenn eine Frau mit Hijab perfekt Deutsch spricht“ (ein bemerkenswerter Schlenker weg von der Hautfarbe, hin zur Religion, ausgerechnet der des Islam). Oder eine Frau „umkrallt ihre Tasche, sobald ich mich in der Bahn neben sie setze“. Die Betroffenen – so Hasters – nehmen diese alltagsrassistischen Reaktionen wie Mückenstiche wahr, „im Einzelnen auszuhalten, doch in schierer Summe wird der Schmerz unerträglich“.

Am allermeisten stört die Journalistin, dass die Urheber der „Mückenstiche“ keine Einsicht zeigen: „Selten fühlen sich weiße Menschen so angegriffen, allein und missverstanden, wenn man sie und ihre Handlungen rassistisch nennt“, stellt sie verwundert fest. „Das Wort „Rassismus“ wirkt wie eine Gießkanne voller Scham, ausgekippt über die Benannten.“ Das klinge fast so, als wäre sich die Autorin über die beleidigende Wirkung des Wortes durchaus im Klaren, schütte es aber trotzdem gießkannenweise über ihre Mitmenschen aus, kommentiert ein Tagesspiegel-User. „Bemerkenswert sensibel für jemanden, der es bereits für eine ,Mikroaggression‘ hält, wenn eine Frau in der U-Bahn ihre Handtasche festhält“.

Wie treffend diese spöttische Kritik ist, wird an Hasters’ Reaktionen auf den Tod von George Floyd deutlich. „An meine weißen Freund*innen, die sich nicht gemeldet haben und so tun, als ob nichts los gewesen wäre: Fuck you. Wo wart ihr?“, twitterte sie wütend. An der fehlenden Nachfrage nach ihrem Befinden habe sie das Privileg weißer Menschen festgestellt, ein unbequemes Thema wie Rassismus einfach ignorieren zu können, heißt es dazu verständnisinnig im Deutschlandfunk.

Darauf hagelte es auf Twitter weitere „Mikroaggressionen“: „Wird hier tatsächlich erwartet, dass Beileid ausgesprochen und Mut zugesprochen wird, weil Frau Hasters schwarz ist?“, fragte einer ihrer Follower. Ein anderer schrieb sarkastisch: „Ey Peter, du bist doch Christ, hab gerade gehört, es gab einen Terroranschlag gegen die Kopten in Ägypten. Mein Beileid, wir stehen solidarisch hinter euch“. Korrekt war wohl allein der Tweet von „Felix“: „Ich habe dein Buch in einem Rutsch verschlungen. Danke! Bücher wie diese helfen mir als weiße Person, mir meines internalisierten Rassismus bewusst zu werden und zu lernen, damit entsprechend umzugehen.“

Fazit für die Mitglieder der „weißen Dominanzgesellschaft“: Ihr bestätigt euren (unbewussten) Rassismus gerade dadurch, dass ihr ihn leugnet! Als Weiße könnt ihr gar nicht anders, als in rassistischen Denkmustern zu denken. Daher bleibt euch als einzige Option, Lobbyistinnen wie Alice Hasters widerspruchslos zuzuhören. Und anschließend ihr Buch zu kaufen.

Nicht mehr braun sein

Kurz darauf durften in einem langen Tagesspiegel-Interview die beiden Vorstandsmitglieder des Vereins „Total Plural“ Ulrike Düregger und ihre Tochter Kalsoumy Balde eigene Erfahrungen beisteuern. Auch hier gibt es wieder seitenlang dieselben Ideologeme („Wir alle werden in ein rassistisches System hineingeboren…“), die von der Redaktion schon im Obertitel „Rassismus in Prenzlauer Berg“ kritiklos übernommen werden, sowie – verblüffenderweise – auch teilweise die gleichen Beispiele wie bei Hasters, als hätten Mutter und Tochter sich vor dem Interview aus ihrem Text munitioniert.

Rassistisch ist etwa, dass eine Frau [in der U-Bahn] ihre Tasche nah an sich heranzieht, „wenn mein Schwarzer Künstlerkollege sich auf den Platz neben sie setzt“. Rassistisch ist, „Schwarze Menschen grundsätzlich auf Englisch anzusprechen“. Rassistisch ist die „unter dem Deckmantel der Neugier“ gestellte Frage „Wo kommst du her?“, weil sie „zu einer zugeschriebenen Herkunftslosigkeit führt“. Wobei – wir erinnern uns – für Alice Hasters auch das Nicht-Fragen rassistisch ist!

Neu ist allerdings Düreggers Antwort auf die Frage, welche Erfahrungen sie in Kita und Schule mit Rassismus gemacht habe: „Mit drei Jahren sagte meine Tochter: ,Mama, ich will nicht mehr braun sein.‘ Weil alle Mädchen in der Kinderballett-Probestunde langes, blondes, wallendes Haar hatten.“ Als Beleg für weißen Rassismus in Deutschland reicht hier allein schon die Existenz blonder Mädchen in der Umgebung der eigenen Tochter!

Die Tochter legt entsprechend nach, führt als Rassismus-Beispiele die „Unterrepräsentation“ Schwarzer im Osten Berlins an, „keine Afro-Shops, keine Friseur*innen, die sich mit Afro-Locken auskennen“, weswegen sie „nicht das Gefühl [hat], Teil dieser Gesellschaft zu sein“. Auch die „noch sehr weiße“ Kunstszene in Pankow störe sie: „Das raubt mir die Lust und Motivation, als Schwarze Person überhaupt in diesem Bereich zu arbeiten.“

Man stelle sich eine Sekunde lang vor, ein in Afrika ansässiger Weißer würde öffentlich sagen, ihn störten die vielen Schwarzen um ihn herum. Sind Baldes Äußerungen also nicht ebenfalls rassistisch? Nein, da sei Alice Hasters vor: Rassismus von Schwarzen gegen Weiße könne es grundsätzlich nicht geben, weil die ganze Welt unter der Vorherrschaft der „White Supremacy“ stehe.

Das alles sind für Düregger und Balde „Mikroaggressionen“, die sich anfühlen „wie kleine Mückenstiche, sehr nervig und verletzend, aber gleichzeitig sehr subtil und dadurch für viele Nichtbetroffene unsichtbar“. Auch diese Metapher wirkt wie wortwörtlich von Hasters abgekupfert.

Komm, wir spielen Rassismus!

Angesichts dieser und ähnlich gelagerter Beispiele für „Alltagsrassismus“ wollte auch der „stern“ auf der Empörungswelle mitsurfen und machte im Juni mit einem gänzlich in Schwarz gehaltenen Titelblatt und der Schlagzeile „Wie rassistisch bin ich?“ auf. „Ich hatte ja keine Ahnung, wie verwurzelt das Erbe des Rassismus auch in mir ist“, gibt sich die Chefredakteurin Anna-Beeke Gretemeier im Editorial zerknirscht. „[Auch ich bin] in eine Welt mit weißen Privilegien einfach so hineingeboren worden. Ohne eigene Leistung und Zutun.“

Ihr Reporter Michael Streeck eifert ihr nach, sogar bis in die Formulierungen hinein: „[Ich] hielt mich in unanständiger Selbstüberschätzung für liberal, aufgeklärt und tolerant. Und merke, dass ich nach moderner Lesart ein Rassist bin, weil rassistisch sozialisiert. Nämlich in einer Welt mit weißen Privilegien, in die ich einfach so hineingeboren wurde ohne eigene Leistung und eigenes Zutun. […] Ich merke zuweilen nicht mal, wie auch ich die Normen setze. Etwa wenn ich aus schoddriger Gedankenlosigkeit Schwarze auf Englisch anspreche oder wie im Urlaub in Bayern einen Syrer mit „Good evening“ grüße und der ein lässiges „Servus“ retourniert. Ertappt.“

Was folgt daraus? O-Ton Streeck: „Das Ganze ist ein Prozess des sich ständigen Hinterfragens. Die richtige Sprache etwa. (…) Ist dunkelhäutig falsch oder richtig? – (falsch). Ist Schwarz korrekt oder nicht? – (korrekt). Heißt es People of Color (POC)? – (ja) oder colored? – (nein), wobei „colored“ vor wenigen Jahren Usus war, in den USA zumindest. […] Die innere Kartoffel und ich geloben hiermit Besserung: weiter lesen, weiter hinterfragen und weiter lernen.“

Als angeblich selbst Betroffener fährt „stern“-Autor Marvin Ku gleich schweres Geschütz auf: „Während man sich in Deutschland fragt, ob es hier überhaupt Rassismus gebe, werden Tag für Tag Minderheiten beleidigt, ausgegrenzt, attackiert, manchmal sogar getötet.“ Doch auch diesmal wirken die konkreten Belege eher dürftig: „Ich wollte einfach so sein wie die anderen deutschen Kinder. […] Also imitierte ich sie. Als zwei neue Freunde fragten, wie denn mein Papa heiße (ihre hießen beide Bernd), antwortete ich wie selbstverständlich: Bernd. Der chinesische Name meines Vaters war mir peinlich.“ Für Ku kam es aber noch schlimmer. Einmal fragte ihn der deutsche Freund einer chinesischen Bekannten nach seiner Tätigkeit, worauf der „stern“-Mann „Journalist“ antwortete. Darauf der deutsche Bekannte: „Wahnsinn. Du sprichst ja ganz ohne Akzent. Toll!“

In diesem Blatt haben sich offenbar sämtliche Journalisten vom Neutralitätsgebot verabschiedet, das einst für ihren Berufsstand konstitutiv war („Schreiben, was ist“), zeichnen stattdessen die Welt so, wie sie für sie (oder ihre Chefs) sein soll. Derselbe „stern“-Reporter, der die eigene Pippi-Langstrumpf-Lektüre als rassistische Jugendsünde geißelt (wegen des „Negerkönigs“), hat keinerlei Problem damit, sich selbst (und indirekt uns alle) mit den verächtlichen Injurien islamischer Parallelgesellschaften („Kartoffel“) zu titulieren. Schließlich erklimmt er in seiner „Selbstkritik“, die wie aus der dunkelsten Zeit des Stalinismus gefallen scheint, den Olymp der Larmoyanz: „Wäre der stern eine Stadt, würde ich nicht in ihr leben wollen. Zu weiß, zu homogen, zu gleichförmig, zu langweilig. Wobei ich Teil des Problems bin.“

Spätestens hier wird es albern. Möchtegern-Opfer, die sich rassistische Mikroaggressionen aus den Fingern saugen; Möchtegern-Täter, die augenzwinkernd Reue heucheln – beide mit dem Kalkül auf moralischen und finanziellen Zugewinn. Hier wird auch überdeutlich: Der „Antirassismus“ ist ein Spiel! Auf Dauerkrawall gebürstete Verbandslobbyistinnen und „Haltungs“-Journalisten spielen sich gegenseitig die Bälle zu. Aber er ist ein mieses Spiel. Denn dieser „Antirassismus“ zerstört – wie jede Form der sogenannten Identitätspolitik – das, was zu schützen er vorgibt: den Zusammenhalt der Gesellschaft. Indem er Menschen nach Hautfarbe einteilt und „Schwarze“ gegen „Weiße“ hetzt, schafft er gegenseitiges Misstrauen und Verunsicherung im Umgang miteinander, verhindert den Kontakt auf Augenhöhe, befördert Segregation. Und sichert sich auf diese Weise wiederum staatliche Fördermittel für „Antirassismus“-Beauftragte, -Vereine und -Kampagnen.

Geschichte entsorgen

Nachdem die Bilder von geschleiften Denkmälern in den USA um die Welt gingen, wittern auch die Bilderstürmer hierzulande Morgenluft. Nach dem U-Bahnhof Mohrenstraße soll es nun auch anderen „rassistischen“ Straßennamen an den Kragen gehen, mit der gleichen, von magischem Denken durchtränkten Begründung, mit der auch die Verfechter politisch korrekter Sprachpolitik ihr destruktives Werk betreiben: Angeblich schreibe sich durch „koloniale Straßennamen die Perspektive der Täter in die öffentliche Wahrnehmung ein“. Mit dem Projekt „Tear this down“ macht die „Initiative Schwarze Menschen“ auf unliebsame Relikte der Vergangenheit aufmerksam und gibt praktische Tipps zum Umgang mit ihnen: „Kopf ab, runter vom Sockel, Farbe drauf, Schild drüber […] im Zweifelsfall macht es sich im Wasser treibend auch ganz gut“.

Hinzu kommen die Trittbrettfahrer: „Die Onkel-Tom-Straße in Berlin und die dazugehörende U-Bahn-Station sind schmerzhafter Bestandteil meines täglichen Lebens“, twitterte kürzlich der Basketballspieler Moses Pölking. „Jedes Mal, wenn ich diese Straße entlangfahre, muss ich daran denken, wie entmenschlichend und verletzend der Begriff ist.“ Deshalb hat er eine Petition zur Umbenennung von Straße und U-Bahnhof gestartet. Dass der berühmte Roman „Onkel Toms Hütte“ von Harriet Beecher Stowe seinerzeit als mutige Anklage gegen die Sklaverei geschrieben war; dass die Berliner „Onkel Toms Hütte“ gar nicht auf das Buch, sondern auf einen beliebten Restaurantbesitzer namens Thomas zurückgeht, interessiert die geschichtsblinden Bilderstürmer nicht. Identitätspolitik dient reinem Machtstreben, die Inhalte sind nur vorgeschoben.

Da aber auch in diesem Bereich wenige Aktivisten eine opportunistische und prinzipienlose deutsche Politik vor sich hertreiben, ist eine jahrelange Umbenennungswelle zu befürchten, die nahezu die gesamte deutsche Geschichte im Stadtbild schreddern könnte, bis hin zu Bismarck, Adenauer und darüber hinaus. Und es wird nie genug sein! In diesem Zusammenhang hätte ich einen persönlichen Tipp: Auch die beliebten Gründerzeitbauten in unseren Innenstädten mit den geräumigen Wohnungen und den stuckverzierten hohen Decken wurden ja in der relativ kurzen Zeitspanne errichtet, als das Deutsche Reich Kolonien besaß. Sollten also nicht alle „Antirassismus“-Protagonisten und -Mitläufer schleunigst aus solchen Wohnungen und Villen ausziehen, um ein eindrucksvolles Zeichen dafür zu setzen, dass sie nicht vom deutschen Rassismus und Kolonialismus profitieren wollen?

Anleitung zum Unglücklichsein

Üblicherweise entwickeln ethnische Gruppen Ressentiments gegenüber anderen ethnischen Gruppen oder Minderheiten, mit denen sie enger zusammenleben. Der historisch gewachsene deutsche Antisemitismus führte zum Holocaust und hat in den letzten Jahren leider massiven Auftrieb durch die Zuwanderung aus den traditionell judenfeindlichen Gesellschaften des Nahen und Mittleren Ostens erhalten. Für den Hochmut der Deutschen aufgrund angeblicher zivilisatorischer Überlegenheit gegenüber Polen und anderen slawischen Nachbarn haben sie nach dem Zweiten Weltkrieg mit dem Verlust ihrer Ostgebiete büßen müssen. Verbreiteten Rassismus gegenüber Schwarzen kann es in Deutschland hingegen schon mangels Masse nicht gegeben haben, zumindest nicht vor 2015. Heißt das nun, dass dunkelhäutige Menschen in Deutschland keine Probleme mit Fremdenfeindlichkeit oder gar rassistischer Geringschätzung haben? Natürlich nicht.

Einer Bekannten von mir – mit äthiopischen Wurzeln in Deutschland aufgewachsen – fielen auf meine Frage nach ihren Diskriminierungserfahrungen zwei tätliche Angriffe in ihrem dreißigjährigen Leben ein, die mit ihrer Hautfarbe zusammenhängen könnten. Einmal wurde sie in der U-Bahn grundlos geschubst, ein andermal warf ein Betrunkener eine Bierflasche nach ihr. Aus welchen Motiven das genau geschah, weiß keiner, denn die Vorfälle wurden nicht aktenkundig. Wiegen solche Attacken, von denen sicher auch andere Schwarze zu berichten hätten, nicht schwerer als die aufgeblasenen „Mikroaggressionen“ der zitierten Interessenvertreter? Warum werden sie nicht als Belege angeführt?

Vermutlich, weil die meisten schwarzen Deutschen eine Grundsatzentscheidung getroffen haben, die den „Antirassismus“-Lobbyisten nicht ins Konzept passt: Einzelfälle nicht zu verallgemeinern und Menschen nicht nach ihrer Hautfarbe, sondern allein nach ihrem individuellen Verhalten zu beurteilen. Und aus diesem Grund lebt meine Bekannte ein völlig normales Leben im multikulturellen Berlin, glücklich verheiratet mit einem „weißen“ Deutschen und den gemeinsamen Kindern.

Der Psychotherapeut und Kommunikationswissenschaftler Paul Watzlawick entwickelte in seiner berühmten „Anleitung zum Ungücklichsein“ eine Reihe von Übungen, die garantiert zum angepeilten Ziel führen. Es beginnt damit, dass der Proband sich vorstellt, in eine reife, saftige Zitrone zu beißen, worauf die imaginäre Zitrone ihm das reale Wasser im Munde zusammenlaufen lässt. Dann konzentriert er sich intensiv auf diverse Körperteile und stellt dabei immer beunruhigendere Auffälligkeiten und Krankheitssymptome fest, bis er schließlich überzeugt ist, dass sich die ganze Welt gegen ihn verschworen hat. Dieses Beispiel lässt sich leicht auf die Aktivisten der „Antirassismus“-Bewegung übertragen.

Wenn Sie also etwas dunklere Haut als die Mehrheitsbevölkerung haben, weil einer Ihrer Elternteile nun einmal schwarzafrikanische Wurzeln hat, und wenn Sie außerdem die Neigung verspüren, ihre Mitmenschen zu schulmeistern und sich selbst in der Opferrolle zu suhlen, mustern Sie bitte in der U-Bahn stets durchdringend ihr Gegenüber. Schaut dieses dann zurück, hat das sicher allein mit Ihrer Hautfarbe zu tun. Das Gleiche gilt für den Fall, dass eine ältere Dame ihre Handtasche auf den Schoß nimmt, wenn Sie als kräftiger junger Mann sich neben sie setzen. Behelligt Sie auf einer Party eine „weiße“ Person mit typischen Verlegenheits- oder Kennenlern-Fragen wie „Woher kommen Sie?“, machen Sie sie unbedingt vor versammeltem Publikum zur Schnecke! Und wagt es gar jemand, Ihr gutes Deutsch zu loben, nehmen Sie diese perfide „Zuschreibung von Herkunftslosigkeit“ keinesfalls mit Humor, sondern setzen Sie sich couragiert zur Wehr! Schon bald werden Sie erkennen, dass es um Sie herum von Rassisten nur so wimmelt.

Ausgerechnet die BILD interviewte zum Thema zwei Gesprächspartner, die nicht für die einschlägigen Verbände, sondern für sich selbst sprechen, die Schauspielerin Ena Soukou und den Musikproduzenten Joe Chialo. „Letztens hat mich eine Frau morgens um sieben am Flughafen rausgezogen“, erzählt Soukou. „Ich frage sie im Scherz: Nur, weil ich schwarz bin, oder?‘ und habe dabei geschmunzelt. Ihr war das sehr unangenehm. Und sie hat gesagt: ‚Morgens sind die Leute immer so schlecht gelaunt, und du hast so schön gelächelt, deshalb habe ich dich genommen.‘“

Chialo erklärt, er könne den Satz ‚Alle Deutschen sind Rassisten‘ nicht mehr hören. In Gegenden, wo Menschen kaum Erfahrungen mit Migranten hätten – etwa in Brandenburg – komme es mitunter zu gestelzten Annäherungen: „Aber die Absicht ist das, was zählt. Ich selbst habe ein seismographisches Empfinden dafür, mit was für einer Intention jemand auf mich zukommt, und wenn er verbal verrutscht oder verunglückt, dann ist das für mich noch kein Anlass, ihn zu bashen, sondern dann nehme ich das erst einmal hin und versuche, eine Brücke der Kommunikation aufzubauen. […] Das ist das Entscheidende im Verständnis füreinander, dass wir die Intention wahrnehmen.“

Wer – außer den „Antirassismus“-Lobbyisten – wollte diesem Appell nicht aus vollem Herzen zustimmen?

Foto: Bundesarchi/Thomas Lehmann CC BY-SA 3.0 de via Wikimedia Commons

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Leserpost

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Georg-Michael Mathes / 25.07.2020

2016 zog ich von Frankfurt am Main aufs Kaff mit 500 Einwohnern. Ich hatte einfach keine Lust einer rassistisch verfolgten Minderheit anzugehören, denn der Anteil Frankfurter mit Migrationshintergrund plus Ausländer kletterte 2016 über die 50% Marke. Ich verkniff mir somit die Rassismus-Erfahrung, die ich als Angehöriger der einheimischen Minderheit hätte machen können. Hier am neuen Wohnort ist Rassismus gänzlich unbekannt, die paar holländischen Touristen fallen kaum auf. Die Frage “Wo kommst du her?” erübrigt sich, man hörts auch so.

G. Schilling / 25.07.2020

Die Folge der zwanghaften Umgestaltung in ein Multikultiland ist der heutige Rassismus. Vielvölkerstaaten mit heterogenen Kulturen haben nie lange existiert. (Jugoslawien, CSSR, UdSSR) An einem Mohrenkopf oder Zigeunerschnitzel ist früher keiner gestorben. Aber dass man sich an so etwas abarbeitet zeigt schon den Schwachsinn der Debatte. In meiner Zeit auf einem Nato-Stützpunkt in Belgien hatte ich einen Chef der aus dem Kongo stammte. Auch gab es unter den Briten und Amerikanern zahlreiche farbige Soldaten. Das Zusammenleben und die Arbeit liefen ohne Rassismusprobleme.

Marko Constabel / 25.07.2020

Für alle Anti- oder Rassisten zur Selbstprüfung, eine einfache Formel. Rassismus ist die merkliche Bevorzugung oder Benachteiligung eines Menschen, auf Grund ethnischer Merkmale. Das funktioniert in jede Richtung.

Max Wedell / 25.07.2020

Das allgegenwärtige Gerede vom “strukturellen Rassismus” kann nur unhinterfragt bleiben, solange nicht gefordert wird, zu sagen, was das ist. Sobald aber Beispiele dafür genannt werden, sind die regelmäßig eine derartige Lachnummer wie die im Text aufgeführten/zitierten “Nanoaggressionen”. Den Gipfel der Peinlichkeit erklimmen diejenigen, die diese Beispiele ernstnehmen, die eigentlich nur von der Hysterie hypersensibler Schneeflöckchen künden, und in den Mea Culpa-Modus verfallen und die Betroffenheits-Show mitmachen. Da wird dann auch reiner Blödsinn produziert, wie etwa: Die Frage “Wo kommst Du her?” würde dem Gefragten eine “Herkunftslosigkeit zuschreiben”. Genau das Gegenteil ist der Fall. Nur wenn man jemandem eine Herkunft zuschreibt, wird man überhaupt erst auf die Idee kommen, nach ihr zu fragen. - Ich habe mit Menschen gesprochen, die im Alltag ablehnend auf Araber oder Afrikaner reagieren. Sie gehen ihnen aus dem Weg, sind nicht freundlich, aber auch nicht (makro)aggressiv. Danach befragt wurde mir folgendes gesagt: Das sind mir langsam zu viele Fremde im Land. Von denen kann jeder ein freundlicher Mensch sein, aber trotzdem verändern sie mein Land auf eine Art und Weise, wie ich das nicht möchte. Unter lauter Kopftuchfrauen und fremde Sprachen Sprechenden fühle ich mich zunehmend fremd im eigenen Land. Einer sagte: Vor 40 Jahren war jeder sichtbar Fremde eine Sensation, ich hängte mich geradezu an die, um Neues zu erfahren. Aber heute sind das einfach zu viele Fremde, ich mache daher einen Bogen um sie. Grüne sagen mir, ich sollte mich verändern, nicht die Fremden. Das setzt dem Ganzen die Krone auf. - Im täglichen Miteinander werden solche Menschen den Hypersensiblen gegenüber natürlich den Eindruck abgeben, es wären Rassisten, aber keiner von denen hält Fremde für grundsätzlich schlechtere Menschen. Aber “Rassist” ist heute ja schon, wem es an Begeisterung über die millionenfache Einwanderung Fremder mangelt, deren Assimilationswille unklar ist.

Hans-Peter Dollhopf / 25.07.2020

Frau Grimm, danke für den Tipp: “Schicken Sie doch mal Bargeld an die GEZ, immer wieder kleine Teilbeträge in Münzen, mit transparentem Klebeband auf Papier fixiert.” Müssen das eigentlich Eurocent-Münzen sein, oder gehen auch polnische Grosze?

Lars Flöter / 25.07.2020

Schon absurd, wie Multimillionäre aus Sport und Kultur und die durch “Kohle gegen Rechts” fett gemästete Pseudo-Intelligenzia der autochthonen Pomme-Alleinerziehenden aus Marzahn ihre “Privilegien” ins Haar schmiert! Gegen die offenbaren Minderwertigkeitskomplexe der Überpigmentierten und deren Streben nach Gratis Pfründen zu deren Kompensation hilft vielleicht zuerst ein klärendes Gespräch zum Paarungsverhalten mit seinen Genspendern. Weniger Vorhaltungen an mich: meine Grossväter wussten whs. nicht mal, wo “Lüderitz” liegt und wie man “Herero” schreibt, als sie sich für die damalige Ideologien der gleichen Eliten von Bertelsmann bis Reemtsma an der Ostfront die Knochen kaputtschiessen liessen…

Sebastian Weber / 25.07.2020

Ich wiederhole mich: wenn es hier unter den weißen Kartoffeln SOO Scheisse ist, dann geht doch dahin, wo es nicht so ist! Wir zwingen keinen hierzubleiben!

Dirk Jungnickel / 25.07.2020

Anfrage an den Sender Jerewan:  In der Armee von Absurdistan rumort es, weil es Rassismusvorwürfe gibt. Was wird dagegen unternommen ? Antwort des Senders Jerewan:  Zunächst wir bei Übungen das Beschmieren der Soldatengesichter mit schwarzem Dreck abgeschafft. Wie mit den wenigen Schwarzafrikanern verfahren wird, ist noch offen.

yvonne Flückiger / 25.07.2020

Es wird irgendwann nur noch unerträglich. Rassismus gibt es auch unter Schwarzen. Und wie. Das ist beileibe keine weisse Erfindung. Auch Fremdenfeindlichkeit gibt’s unter Schwarzen. Es ist noch nicht lange her, dass alle Inder in gewissen afrikanischen Ländern ausgewiesen wurden. Heute sind die weissen Farmer in Südafrika an Leib und Leben bedroht. Es bestehen Begehrlichkeiten auf das Land, jedoch ohne landwirtschaftliches Knowhow. Das kommt nicht gut. War schon in Zimbabwe so. Dieser angeprangerte Rassismus in Deutschland gegen Schwarze mag es geben. Ja, Mikro-agressionen halt. Aber Mikro-agressionen und Handtaschen festkrallen gibt es auch unter Weissen. Und Schwarzen. Genauso wie Angst von Frauen alleine an abgelegenen Orten. Diese Angst ist nicht allein gegen schwarzen Männern festzustellen, sondern gegen alle Männer. Besonders in Gruppen. Vielleicht ist das weniger dem Rassismus geschuldet, als unerfreulichen Erfahrungen und Erlebnissen. So etwas wie Gruppenvergewaltigungen soll schon vorgekommen sein. Mit weisen, braunen und eben auch schwarzen Tätern. Und: Das waren beileibe nicht nur Mikro-Agressionen.

Friedrich Richter / 25.07.2020

Bin öfter dienstlich in Deutschland unterwegs und habe dort in Produktionsbetrieben zu tun, wo mir meistens nicht nur Deutsche, sondern auch Italiener, Türken, Osteuropäer und andere unterschiedlicher Hautfarbe begegnen. Alle arbeiten anständig zusammen. Zwar sprechen wir meist nur über dienstliche Themen, aber ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass diese Leute mit diesem Rassismus-Schwachsinn etwas anfangen können. Die müssten es sich eigentlich energisch verbitten, dafür als Statisten missbraucht zu werden. Das ist der eigentliche Rassismus, der nur der Profilierung und Bereicherung bestimmter asozialer Subjekte dient.

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