Aus dem Schulbuch, nach dem in der DDR ab der 5. Klasse Russisch unterrichtet wurde, sind mir zwei Namen in Erinnerung geblieben: Tamara und Anton. Als Comic-Figuren, gezeichnet im Stil des sozialistischen Realismus, ließen sie uns an ihrem Alltag teilhaben, daheim, in der Schule, auf dem Sportplatz. So lernten wir Vokabeln, die sich zu einfachen Sätzen formten. Wir bekamen einen ersten Eindruck von der unbeschwerten Jugend der Komsomolzen in der Sowjetunion. Von Lektion zu Lektion weitete sich der Blick, bis die beiden irgendwann alt genug waren, einen Beruf zu ergreifen. Anton, lasen wir ins Deutsche übersetzt, „Anton studiert Schlosser“.
Dass man überhaupt studieren müsse, um das ehrenwerte Handwerk ausüben zu können, war uns neu, zum Schießen blödsinnig. Hinter vorgehaltener Hand lachten wir über die doofen Russen. Wie bescheuert mussten sie sein, dass sie eine Ausbildung, die jeder Grundschüler absolvieren konnte, als Studium ausgaben. Später begriff ich dann schnell, dass die eigentümliche Wortwahl eine ideologisch bedingte war.
Es ging um die sprachliche Nivellierung der sozialen Unterschiede, auch um die Gleichstellung der Bildungsgrade auf dem Level des Proletariats. Das Renommee des Studiums sollte nicht länger den Abgängern der Universitäten und Hochschulen vorbehalten sein, sondern jedem, auch dem Maurer und der Näherin in der Fabrik, zustehen.
Dass die rhetorisch zu Akademikern erhobenen Arbeiter selbst darüber den Kopf schüttelten, sich vielfach veralbert vorkamen, spielte keine Rolle, nicht für die Ideologen. Nach ihrer Vorstellung zählte allein die Masse der Arbeiter und Bauern, von der sich einzig die Partei totalitär herrschend abhob.
Schnee von gestern?
Sicher, das alles ist Schnee von gestern. Und dennoch weht einen diese Vergangenheit unverhofft an, wenn sich die Bundesbildungsministerin Anja Maria-Antonia Karliczek (CDU) jetzt mit der Absicht trägt, die akademischen Grade Bachelor und Master für die Berufsausbildung zu kapern. Ein Handstreich, bei dem es auf die Gleichstellung von Universitäten, Fach- und Hochschulen mit den Berufsschulen hinausliefe. Der Dachdecker und der gelernte Schornsteinfeger wären dann ebenso „studiert“ wie Anton in meinem Russischlehrbuch seinerzeit.
Wie bekloppt muss man sein, um sich von solcher Gleichmacherei eine „Aufwertung“ der beruflichen Bildung zu versprechen? Beginnt für die Ministerin die Menschwerdung erst mit der Erhebung zum Bachelor oder Master? Was hält sie eigentlich von denen, die ihre Berufe schlichtweg erlernten und fachkundig mit Freude ausführen? Glaubt sie wirklich, die Schwindelei mit den Titeln würde das Selbstbewusstsein handwerklich geschickter Frauen und Männer stärken?
Oder geht es nur wieder darum, Unterschiede zu vertuschen, der Individualität das Wasser abzugraben? Die Gesellschaft in eine graue Masse scheinbar gleich gebildeter zu verwandeln, um sie leichter dirigieren zu können? Wo bliebe der Anreiz zur Leistung, wenn ohnehin alle das Gleiche erreichen werden?
In der inneren Emigration
Schließlich entsteht auch Kultur nur da, wo Unterschiede zugelassen werden. Bewegt sich dagegen alles auf dem selben Niveau, erlahmt die Gesellschaft. Die kreativen Köpfe wandern ab, über die Grenzen oder in die innere Emigration.
Als sie gezwungen wurden, sich einzureihen in die Arbeitereinheitsfront, verließen die Intellektuellen die DDR in Scharen. Nachdem das nicht mehr möglich war, verschanzten sich die klügeren Köpfe im heimischen Biedermeier, später im Untergrund der Kirchen. Viele verzichteten darauf, aus sich zu machen, wozu sie das Zeug gehabt hätten. Weil der Partei das Dogma des Arbeiter-und-Bauern-Staates über alles ging, ist der Osten wirtschaftlich abgesoffen.
Keine Gesellschaft erträgt die Gleichmacherei auf Dauer, auch nicht, wenn das – wie jetzt von Anja Maria-Antonia Karliczek – durch die formal akademische Aufwertung vermeintlich unterbewerteter Berufe versucht wird. Damit mag sie bei den notorischen Neidhammeln vorübergehend punkten, vielleicht sogar Wählerstimmen gewinnen. Doch sind die Titel erst einmal wohlfeil geworden, ist mit ihnen nichts mehr zu gewinnen. Sie verlieren ihren Wert.
Der Bachelor of Metzger ist so zum Schießen lächerlich, wie es der studierte Schlosser Anton aus meinem alten Russischlehrbuch war.
Beitragsbild: Tim Maxeiner

Auf diese Art kann man ein Volk auch zu Millionären machen. Einfach ein paar Nullen mehr auf die Geldscheine. Dann wären wir nicht nur ein Volk von akademischen Handwerkern, sondern auch alle Hartz-IVler wären Millionäre. Reichtum und Bildungstitel für alle. Was will man mehr. Im Irrenhaus Deutschland ist alles möglich.
Naja, und wer lehrt da? Professoren für Bratwurstbrät, Schnitzeltechnologie, Presssackphysik usw.. Das Ganze lässt sich noch ausbauen. Das intellektuelle Niveau würde durchaus über dem von gender studies liegen. Mal abgesehen vom praktischen Nutzen. Vorschlag für ein weiteres Ministerium für solch begnadete Geistesgrößen: Ministerium für albernes Gehen, wie schon von Monty Python praktiziert.
Und die Politiker werden sich dann allesamt ein "Dr. habil." umhängen! Qua "Profession" !
Ich denke, dass sich heute nicht mehr ausreichend viele junge Leute dem Handwerk zuwenden, liegt, neben der gegenwärtig unnatürlichen Altersstruktur unseres Volkes, entscheidend daran, dass handwerkliche Berufe in der Bundesrepublik, im Gegensatz zur deutschen Tradition, über Jahrzehnte hinweg gegenüber akademischen Berufen geringgeschätzt wurden, was das allgemeine Ansehen betrifft ebenso wie was die Vergütung angeht. Selbstverständlich bekommen schon Schüler das intuitiv mit und entscheiden sich (zumal fast jeder zweite die Schule sowieso mit einer Hochschulzugangsberechtigung verlässt) viel zu oft für ein Studium statt einer Lehre, obwohl letztere oft nicht nur gesellschaftlich sinnvoller wäre, sondern viele der jungen Leute damit vermutlich auch zufriedener würden. Operettentitel werden das nicht ändern. Wirksam wäre es vermutlich, gesellschaftliche Anerkennung und Vergütung stärker in Übereinstimmung mit den tatsächlichen Nutzen der verschiedenen Ausbildungen zu bringen. Zur Anerkennung nichtakademischer Berufe könnten auch die Massenmedien durchaus einiges beitragen. Wann war jemals der Held eines Fernsehfilms, ganz gleich, ob Krimi oder Kömödie, von Beruf Schlosser (oder Zimmermann, Klempner oder Elektriker) und nicht Architekt, Rechtsanwalt, Kriminalkommissar, Arzt, Journalist oder Biobauer?
Ob Frau Karliczek mit ihrer Agenda "die formal akademische Aufwertung" vormals ehrbarer Handwerksberufe erreichen wird, darf bezweifelt werden. Sie reiht sich aber in die Reihe der Figuren ein, die unsere Universitäten und Hochschulen auf brutalstmögliche, systematische Weise dekonstruieren und beschädigen wollen, ohne dass sich aus dem akademischen Betrieb ernsthafte Gegenstimmen melden. Möglicherweise hat das damit zu tun, dass irgendwann wieder die Gewinner einer Exzellenzcluster-Lotterie bekannt gegeben werden. Da könnte es nachteilig wirken, nicht stromlinienförmig zu sein.
Wir brauchen alle Berufe und wir sollten die alle schätzen. Eine Putzfrau, die brav und ordentlich ihre Arbeit macht, ist mir mehr wert als ein hochbezahlter studierter Manager, der ein Unternehmen an die Wand fährt. Wer gestern die Anne Will gesehen hat, der konnte ein Schlüsselerlebnis haben. Hier möcht ich aus Spiegel-online zitieren: "Jens Spahn will von Wagenknecht wissen, ob ein Job in der Bäckerei etwa einem Akademiker unzumutbar wäre. Die Linke geht mit Schwung in die Falle, ja, der Akademiker würde damit "deklassiert". Soso, kontert Spahn, der ehrenwerte Beruf des Bäckers sei also eine Deklassierung für den Herrn Ingenieur? Und: "Ich bin ja vielleicht 'n langweiliger Typ, aber ich frage mich die ganze Zeit: Wer bezahlt das?"" Es soll ja auch schon taxifahrende Akademiker gegeben haben. Wenn man Frau Wagenknechts Logik folgen würde, dann müsste man jedem, der einen akademischen Abschluss hat, einen entsprechenden Arbeitsplatz mit entsprechender Belohnung garantieren. So geht's halt nicht.
Die Frau hat nun wirklich den Tiefflugpreis verdient: Bäschelohr off Bumm! Liebe CDU-Wähler, wo immer ihr euch auch versteckt. Das habt ihr uns angetan. Das wird nicht vergegeben. Keine Entschuldigung. Kein Verständnis. Nur die Hoffnung, dass das tiefe schwarze Loch, in das die SPD eingesogen wird, bald auch eure Partei verschlingt. Erst diese Kanzlerin. Dann diese als "Refugees" getarnten Messerartisten. Aber das geht jetzt zuweit: Auf Nimmerwiederbäschlorn!