Alexander Eisenkopf, Gastautor / 21.01.2019 / 06:29 / Foto: Pixabay / 72 / Seite ausdrucken

Autofahren: Die Folterwerkzeuge werden gezeigt

Von Alexander Eisenkopf.

Die Folterwerkzeuge werden schon einmal vorgezeigt: Tempolimit 130 auf Autobahnen, eine Fast-Verdopplung der Mineralölsteuer bis 2030, Zusatzabgaben für Autos mit hohem Verbrauch und die 50 Prozent-Quote für Elektroautos: Mit diesen und weiteren Maßnahmen sollen in Deutschland die CO2-Emissionen des Verkehrs nahezu halbiert werden: so steht es in einem an die Presse durchgestochenen Papier aus der Regierungskommission „Nationale Plattform Zukunft der Mobilität“. Postwendend erfolgte ein Dementi aus dem Bundesverkehrsministerium, die Ideen der Kommission seien „weder beraten, abgestimmt oder beschlossen“. Mittlerweile hat sich auch der Minister persönlich dazu geäußert: er wies die Vorschläge seiner Regierungskommission als „gegen jeden Menschenverstand gerichtet“ zurück und sprach von Lobbyisten, die ihre „immer wieder aufgewärmte Agenda“ durchdrücken wollten. Ein Schelm, wer Böses denkt angesichts von so viel Sympathie für die eigene Regierungskommission.

Tatsächlich ist der Verkehr der einzige Wirtschaftssektor, dem es nicht gelungen ist, den klimapolitischen Vorgaben zu folgen und seine CO2-Emissionen seit dem Bezugsjahr 1990 dauerhaft zu reduzieren: Die Treibhausgasemissionen des Verkehrs lagen vielmehr im Jahre 2017 rund 5 Prozent über denen von 1990. Dafür verantwortlich ist primär der Straßenverkehr, obwohl die fahrzeugspezifischen Emissionswerte sowohl bei Pkw und stärker noch bei Lkw in den letzten 25 Jahren deutlich verbessert wurden.

Nach wie vor dominiert der Pkw die Emissionsbilanz, auch wenn rund ein Drittel aller klimarelevanten Emissionen des Verkehrs mittlerweile auf schwere Nutzfahrzeuge (Lkw und Busse) entfallen, deren CO2-Ausstoß seit 1990 nach Angaben des Bundesumweltministeriums um etwa die Hälfte gestiegen sind. Vom generellen nationalen Minderungsziel, die Treibhausgasemissionen bis 2020 um 40 Prozent zu reduzieren, ist man offensichtlich weit entfernt; die für 2030 von der EU und im deutschen Klimaschutzplan aufgestellten Zielmarken erscheinen aus heutiger Sicht völlig utopisch.

Für den Beobachter stellt sich die Frage, weshalb die Entwicklung trotz der durchaus erheblichen Minderung der spezifischen Fahrzeugemissionen so aus dem Ruder gelaufen ist. Dahinter steckt vor allem ein Wachstumsphänomen. Die im Rahmen der Bundesverkehrswegeplanung für 2030 prognostizierte Personenverkehrsleistung wurde aktuell bereits erreicht, der Pkw-Bestand in Deutschland ist allein von 1997 bis 2017 um rund 9 Mio. Einheiten gestiegen – mit einem anhaltenden Trend zu größeren und schwereren Fahrzeugen.

Verlagerung auf die Schiene hat sich als Chimäre erwiesen

Wirtschaftliches Wachstum, steigender Wohlstand, Rekordbeschäftigung und Zuwanderung geben kräftige Impulse für das Verkehrswachstum, das bei weiterhin positiven wirtschaftlichen Rahmendaten anhalten sollte. Dies gilt nicht zuletzt für das überdurchschnittliche Wachstum des Straßengüterverkehrs, der seit 1995 um gut zwei Drittel zugenommen hat, trotz des massiven Einbruchs im Zuge der Wirtschaftskrise im Jahre 2009. Auch das seit Jahrzehnten vorgetragene politische Mantra von der Verkehrsverlagerung auf die Schiene hat sich als Chimäre erwiesen. Es gelang dem Schienenverkehrssektor gerade einmal, seine Marktanteile zu halten.

Jetzt sind drastische Maßnahmen zur Verteuerung und Regulierung des Straßenverkehrs im Gespräch, um die für 2030 im Klimaschutzplan der Bundesregierung formulierten Ziele zu erreichen. Soll bis dahin eine Reduzierung der Emissionen im Verkehrssektor um 40 Prozent realisiert werden, ist guter Rat teuer. So werden von der Regierungskommission offenbar auch extrem unpopuläre Maßnahmen diskutiert, die, wenn es zum Schwur kommen und ein entsprechendes Klimaschutzgesetz vom Parlament verabschiedet werden sollte, jeden Bürger persönlich in seiner Mobilität tangieren werden und nicht nur ein Problem der „bösen“ Automobilindustrie sind, die man mit den jüngst auf EU-Ebene verabschiedeten CO2-Flottengrenzwerten bereits marginalisiert hat.

Fraglich ist allerdings, ob die geplanten Maßnahmen tatsächlich geeignet sind, die CO2-Emissionen des Verkehrs in einer Zehnjahresfrist so deutlich zu senken. So dürfte der Beitrag eines allgemeines Tempolimits auf Autobahnen zur CO2-Minderung angesichts der heutigen Verkehrssituation nur sehr gering ausfallen, passt aber gut in die von zunehmender grüner Regulierung und Bevormundung geprägte politische Landschaft. Auch Teile der evangelischen Kirche fordern ja bereits ein Tempolimit, Klimaschutz gehört anscheinend zum religiösen Kerngeschäft.

Die geplanten massiven Erhöhungen der Mineralölsteuer scheinen lediglich hinsichtlich der Angleichung der Dieselbesteuerung an den höheren Satz für Benzin plausibel. Eine schrittweise Erhöhung des Steuersatzes je Liter Benzin von heute 64 Cent um 52 Cent auf über einen Euro wirkt zusammen mit der darauf entfallenden Mehrwertsteuer zwar positiv auf die Steuereinnahmen – die ja mit einer stärkeren Verbreitung der Elektromobilität schrittweise wegbrechen würden – dürfte aber einen ansonsten wachsenden nicht zu einem schrumpfenden Verkehrsmarkt mutieren lassen.

Optimistische Machbarkeitsphantasien

Angesichts unserer Erkenntnisse zur Nachfrageelastizität von Kraftstoffen bei Preisänderungen ist zu vermuten, dass die Verkehrsnachfrage eher träge und unelastisch und nicht wie von den Klimaschützern geplant reagieren wird. Strafgebühren für Autos mit hohem Verbrauch und eine Elektroautoquote von 25 Prozent der Neuzulassungen bereits im Jahre 2025 (50 Prozent in 2030) offenbaren dagegen ein Ausmaß planwirtschaftlicher Naivität, die sich angesichts der Vorgaben einer völlig ineffizienten Klimaschutzpolitik in optimistischen Machbarkeitsphantasien ergeht.

Anstatt den Verkehr wie auch die anderen bisher nicht berücksichtigten Wirtschaftssektoren in das EU-Emissionshandelssystem für CO2 zu integrieren und die Wege zur Erreichung der Klimaschutzziele marktlichen Anreizsystemen zu überlassen, wird mit Regulierung, Quoten und Steuererhöhungen versucht, die „große Transformation“ voranzutreiben. Dabei weiß man heute noch nicht einmal, wo und mit welchen Ressourcen die Batterien für die Millionen Elektroautos hergestellt werden sollen und wie die für den Antrieb erforderliche elektrische Energie zu gewinnen beziehungsweise zu speichern ist. Mehr kollektive Verantwortungslosigkeit in der Industriepolitik geht eigentlich nicht.

Dieser Politikansatz passt allerdings zu 100 Prozent in die Agenda der Regierung Merkel, welcher der Münsteraner Kollege Ulrich von Suntum gerade in einem Beitrag für die Frankfurter Allgemeine Zeitung bescheinigt hat, dass sie „in ihrer Amtszeit nicht weniger als die deutsche Wirtschaftsordnung der Nachkriegszeit zerstört“ habe. Zu dem von ihm so getauften „Merkelantismus“ gehören neben Mindestlöhnen, Mietpreisbremsen, Energieeinsparverordnungen und marktwidrigen Eingriffen in das Gesundheitswesen demnächst die klimapolitisch motivierte und damit sankrosankte Strangulation des Verkehrs.

Anstatt für mehr, bessere und preisgünstigere Mobilität der Bürger Sorge zu tragen, wird diese künstlich verknappt und verteuert; dies wird insbesondere den sogenannten „kleinen Mann“ hart treffen. Dass Wachstum und Wohlstand in Deutschland entscheidend von einem störungsfrei und effizient funktionierenden Güterverkehrssektor abhängen, hat sich offensichtlich auch noch nicht bis zu den Sandkastenspielen der „Nationalen Plattform Zukunft der Mobilität“ herumgesprochen.

Die große Transformation dürfte jetzt ihren Lauf nehmen

Man sollte nicht darauf vertrauen, dass Bundesverkehrsminister Scheuer den Gang der Dinge stoppen wird und Maßnahmenvorschläge aus dem Verkehr zieht, die nach den diesbezüglichen Verlautbarungen seines Hauses „weder sozial noch wirtschaftlich zu verantworten sind“. Er ist in die Kabinettsdisziplin eingebunden und muss für das geplante Klimaschutzgesetz liefern, zumal er im Rahmen der Diskussionen um den Dieselpakt und der jüngsten Chaostage bei der Bahn nicht wirklich geglänzt hat und klimapolitisch den Schwarzen Peter in der Hand hält. Daher wird er froh sein, wenn eine mit herausragenden, handverlesenen Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Gesellschaft und Wissenschaft besetzte Expertenkommission ihm geeignete Munition liefert und als Büchsenspanner assistiert. 

Mit der im Koalitionsvertrag von 2018 vereinbarten Verabschiedung eines Klimaschutzgesetzes wird es ernst in der deutschen Klimapolitik. Es kommt zum Schwur, ob Klimaschutz nur eine politische Schönwetterphrase ist oder als neues Staatsziel mit allen verfügbaren Mitteln umgesetzt wird. Die große Transformation, die schon vor Jahren der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung für Globale Umweltveränderungen verkündet hat, dürfte jetzt unweigerlich ihren Lauf nehmen.

Aus ordnungspolitischer Sicht ist das, was gerade passiert, zusammen mit der verkorksten Energiewende allerdings ein Desaster, mit dem die Staatsplanwirtschaft in Deutschland neu auflebt. Wie die Politik mit Hilfe eines Rates der Weisen auf Powerpoint-Templates das Verkehrssystem der Zukunft konstruiert, ist ein Paradebeispiel für die von Hayek formulierte „Anmaßung von Wissen“ und ein Angriff auf Mobilität, Freiheit und Wohlstand der heutigen und der nachwachsenden Generationen. Es fügt sich allerdings nahtlos in den politischen Kontext ein, der ja auch eine Kommission "Wachstum, Strukturwandel und Beschäftigung" hervorgebracht hat, in der typisch planwirtschaftlich mit viel Staatsknete der Ausstieg aus der Braunkohle ausgekungelt wird, ohne wirklich Verantwortung für Versorgungssicherheit und wirtschaftliche Effizienz des deutschen Energieversorgungssystems übernehmen zu müssen.

Alexander Eisenkopf ist  Wirtschaftswissenschaftler und Professor an der Zeppelin Universität Friedrichshafen.

Foto: Pixabay

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Tina Pommer / 21.01.2019

Wenn es “das Klima” als solches berhaupt gäbe, würde es sich wohl über die ganze Ideologie zu seinen Ehren kaputtlachen! Wie waren noch mal die Pläne 1945? Deutschland in einen Agrarstaat verwandeln? Das hat ein paar Jahre länger gedauert, aber jetzt arbeitet ein Großteil unserer Politiker freiwillig darauf hin. Es ist alles eine Frage der Zeit…

herbert binder / 21.01.2019

Besser kann man es nicht auf den Punkt bringen, sehr geehrter Herr Eisenkopf, wenn Sie resümieren: “...ohne wirklich Verantwortung ...übernehmen zu müssen.” Verantwortung übernehmen, das kann ja auch nur jemand, der seinen Arbeitsbereich im Griff hat und vor allem A h n u n g von dem hat, worüber er spricht. D h. jemand, der weiß w o v o n er spricht. Was wir hier in D erleben, ist aber nichts weiter als das Herumstochern im riesengroßen Heuhaufen, ein “Handeln”, daß durch entsprechende Etikettierung allen Ernstes auch noch großspurig als Politik verkauft wird. Halt Politik der “reinen” Gesinnung. Und die ist sich inzwischen längst nicht mehr zu schade, auch noch den Kindergarten und Heerscharen von Kindern und Schülern für ihre Zwecke zu mobilisieren, instrumentalisieren und zu indoktrinieren. Einfach nur noch erbärmlich.

Horst Hauptmann / 21.01.2019

Ich glaube fast, dass man mit gelben Westen in Deutschland noch ein Vermögen verdienen kann.

Armin Reichert / 21.01.2019

Ich finde die immer weiter wachsende Gängelung der Bevölkerung ganz hervorragend. Schließlich haben fast 90% der Wahlberechtigten diese Irren gewählt und sie sollen dafür auch die verdiente Ernte einfahren. Am besten fände ich es, wenn sich nur noch die 10% der Wohlhabensten im Lande das Autofahren leisten könnten und der Rest mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren muss. Dann wären die Autobahnen endlich mal wieder frei von dem ganzen Pöbel. Also liebe Blockparteien, bitte weiter so!

P.Steigert / 21.01.2019

Für mich ist das Bedenkliche, dass die deutsche Politik nur auf die Gängelung der Bevölkerung abzielt und sonst überhaupt keine Akzente zu setzen weiss. Man kann schon darüber diskutieren, wie man Mobilität anders erreichen kann und wie man die Abhängigkeit von der Automobilindustrie reduziert. Es ist nur eine Katastrophe, dass die inzwischen zum Maoismus tendierenden Einheitsparteien die Bevölkerung durch Einwanderung massiv erhöhen, die Bildungsfähigkeit reduzieren, soziale Konflikte einladen und gleichzeitig den industriellen Wohlstandsgaranten zerstören. Die deutsche Zukunft heißt: gespalten, überbevölkert, bildungsfern und deindustrialisiert

Jörg Müller / 21.01.2019

Was spricht eigentlich gegen ein Tempolimit von 130 km/h? Etwa das der Kraftstoffverbrauch höher ist? Die größere Gefahr eines Unfalls mit tötlichem Ausgang oder mehr Lärm und Emissionen? Ich freue mich jedesmal, wenn ich nach Österreich oder Italien fahre! Dieses unaufgeregte und entspannte Fahren auf der Autobahn vermisse ich leider in Deutschland.

Michael Stoll / 21.01.2019

Die Klima-Kirche ist allmächtig, der neue Teufel ist das lebensnotwendige Spurengas CO2 und der Hexenwahn (“Klimaleugner”) ist wiederbelebt. Der altbekannte Satz: “Am Ende siegt die Vernunft.”, ist einfach nicht wahr. Wir leben in Zeiten, in denen Verstand und Vernunft jetzt schon auf dem absteigendem Ast sind und besser wird es nicht. Unsere Kinder werden zu fanatischen Sektenmitgliedern erzogen, sie dürfen jetzt freitags für “den guten Zweck” die Schule schwänzen. Sie hätten Bildung so sehr nötig, sie tun mir einfach nur leid. Jeder, der später sagen wird, Merkel war schuld, macht es sich zu einfach. In diesem Sinne, auf zu noch mehr Planwirtschaft, wir schaffen das und nicht zu vergessen, wir (nicht alle, aber die meisten) wollen das so!

Werner Liebisch / 21.01.2019

Statt Geld in Infrastruktur, öffentliche Verkehrsmittel, die pünktlich und auch tatsächlich fahren, zu stecken…werden weiterhin Milliarden in die Rüstungsindustrie gesteckt. Deswegen die ständige Angstmache vorm bösen Putin und ständig die Rede von der maroden Wehr. Wieviel bekommt die Nato von den europäischen Ländern? Über 230 Milliarden Euro in etwa, oder? Da könnte man doch ein paar Euros abzweigen für eine gesamteuropäische Bildungs-und Infrastruktur-Offensive… Würde der öffentliche Verkehr beschleunigt, dann würden ihn auch mehr nutzen, davon bin ich fest überzeugt.

Michael Fabian / 21.01.2019

Hallo Herr Schweighäuser, hier spricht ein deutscher Arbeitnehmer, der sich nach 37 Jahren im Knochenjob und diversen Herumdoktereien an Knie, Wirbelsäule und ähnlichen Bauteilen zum ersten Mal ein Fahrzeug mit erhöhter Sitzposition (vulgo: “Sports Utility Vehicle”) zugelegt hat. Leider ist er zu faul und zu phantasielos, darüber nachzudenken, welche Art der Fortbewegung er für 30 km täglichen Weg zur Arbeit sonst so wählen könnte (zur Wahl stünden Laufen oder Radfahren). Die peinlichen Nachplapperanten grüner Propaganda, die täglich die Kommentarspalten, Leserbriefseiten und sozialen Netzwerke zuparken, kann er aushalten - an Staus, in denen die Zeit nutzlos verstreicht, ist er ja gewöhnt. Eine Frage jedoch läßt ihn ratlos zurück: Ist er nun ein “kleiner Mann” und - falls ja - wie zum Teufel schafft er es in diese “Mittelschicht”?

Günther Bernhard / 21.01.2019

Gegen den Start eines Jumbos oder A 380, z.B. am Fraport ca. 2000 mal täglich, brauchen wir über unsere Autos nicht mehr zu reden.

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