Wolfgang Zoubek, Gastautor / 21.04.2019 / 16:30 / Foto: Pixabay / 8 / Seite ausdrucken

Ausländer in Japan: Lost in Transition

ウォルフガング ツオウベク
Wolfgang Zoubek

In Japan leben Stand 2018 rund 2,6 Millionen Ausländer, das sind knapp zwei Prozent der Bevölkerung. Da sich die Mehrzahl auf die großen Städte verteilt, ist allerdings dort der ausländische Anteil um einiges höher. Allein in Tokyo gibt es eine halbe Million, und in Nagoya leben 240.000 Ausländer, bei 2,3 Millionen Einwohnern sind das schon zehn Prozent. Von einer ethnisch homogenen Bevölkerung kann daher nicht unbedingt mehr gesprochen werden, die kulturelle Homogenität ist dagegen noch intakt.  

Insgesamt stellen 730.000 Chinesen die größte Ausländergruppe, gefolgt von 450.000 Koreanern. Der Großteil der Koreaner lebt samt Nachkommen schon seit dem Krieg in Japan. Sie verfügen zwar über Sonderrechte, die ihren Aufenthalt als specialpermanent residents regeln, doch eingebürgert wurden sie nie. Im Vergleich dazu beträgt die Zahl der Deutschen, die in Japan leben, nur einige tausend, davon rund 900 Studenten.

Weitere große Volksgruppen bilden 260.000 Vietnamesen und ebenso viele Philippinos. Insbesondere Vietnamesen kamen in den letzten Jahren vermehrt nach Japan, weil sie so wie Menschen von den Philippinen oder aus Indonesien für die Alten- und Krankenpflege angeworben wurden.

Seit April 2019 gilt in Japan ein neues Gesetz, das bisher schon bestehende Arbeitsrechte für Ausländer erweitert. Damit soll der Arbeitskräftemangel aufgrund der Überalterung der Bevölkerung ausgeglichen werden. Es war schon bisher möglich mit sogenannten Praktikumsvisa, Ausländer anzuwerben, aber das betraf Stellen im Niedriglohnsektor. Auch Austauschstudenten war es gestattet, Teilzeitjobs anzunehmen, doch wurden dabei die erlaubten Arbeitszeiten oft überschritten. Und es gab Fälle, wo Colleges daraus einen Geschäftszweig machten. Sie nahmen ausländische Studenten auf, die auch brav Studiengebühren zahlten, aber nie zum Unterricht erschienen. Dies betraf vor allem Studentinnen, die dann im halbseidenen Gewerbe landeten.

Weiterhin auf billöige Arbeitskräfte aus

Unabhängig von Praktikumsvisa war es Hochqualifizierten in Japan schon seit langem möglich, etwa als Sprachlehrer, Universitätsdozenten, Forscher oder Manager, Arbeitsvisa zu erhalten. Das neue Gesetz soll nun die Lücke zwischen Spezialisten und ungelernten Arbeitskräften schließen. Besonders Branchen wie die Autoindustrie, Schiffbau, Luftfahrt, Hotel- und Gastgewerbe, sowie die Nahrungsmittelindustrie, Landwirtschaft, Fischerei und so weiter versprechen sich davon zusätzliche Fachkräfte.

Bisher war man in Japan darauf bedacht, dauerhafte Einwanderung zu unterbinden. Arbeitsgenehmigungen wurden in der Regel nur befristet erteilt und in Krisenjahren zuallererst die ausländischen Arbeitskräfte abgebaut. Ein unbefristetes Visum kann nach zehnjährigem Aufenthalt beantragt werden, doch für den Lebensunterhalt muss man selbst sorgen, an Ausländer geht keine Sozialhilfe. Rentenansprüche können sich ausländische Staatsbürger erarbeiten, aber einen Anspruch auf Arbeitslosengeld haben sie nicht, sie werden gar nicht in die Arbeitslosenversicherung aufgenommen.

Auch mit den neuen Regeln will man sicher stellen, dass keine große Immigration nach Japan stattfindet. Man hat sich deshalb auf zwei Kategorien von Arbeitsgenehmigungen geeinigt. Die erste befristet für Einzelpersonen ohne Anspruch auf Familiennachzug. Die zweite unbefristet für höher qualifiziertes Personal verbunden mit der Erlaubnis, die Familie nachzuholen. 

Ähnlich wie in Deutschland mutet das Gerede von den Fachkräften, die händeringend gesucht werden, aber auch in Japan vorgeschoben an, denn in erster Linie ist man weiterhin auf billige Arbeitskräfte aus. So fehlen z.B. in den convenient stores, kleine Supermärkte, die 24 Stunden geöffnet haben, Leute, die auch bereit sind, nachts an der Kassa zu stehen. Oder die vielen Botendienste finden nicht mehr genug Fahrer. 

Entweder Fachkräfte oder Mädchen für alles

Es wurde zwar im neuen Gesetz festgelegt, dass Ausländer – anders als bisher üblich – für dieselben Tätigkeiten nicht weniger bekommen dürfen als Japaner, doch wie es in der Praxis aussieht, zeigte ein Bericht im öffentlich rechtlichen Fernsehen, NHK. Da beklagte sich ein ausländischer Arbeitnehmer, dass er weniger verdiene als ein Japaner. Zugleich beschwerte sich sein Arbeitgeber, ein Hotelier, dass der Koch nur in der Küche arbeiten und die Rezeptionistin nur an der Rezeption tätig sein will, aber keiner bereit ist, auch mal in den Zimmern Betten zu machen. Da wird der Widerspruch deutlich: Entweder man will Fachkräfte, oder Mädchen für alles. 

Ähnlich steht es bei den Pflegeberufen. Es wurden dafür bisher schon vermehrt Ausländer angeworben. Von ihnen wurde aber verlangt, dass sie neben ihrer zeit- und kraftraubenden Arbeit weiterbildende Kurse besuchen. Und da genügten einfache Japanischkenntnisse nicht mehr, sondern es wurde das Verständnis medizinischer Fachausdrücke verlangt. Dementsprechend scheiterte ein Großteil bei den Prüfungen, woraus sich ergab, dass für viele ausländische Pflegekräfte nur niedere Tätigkeiten in Frage kamen.

Ein anderes Thema sind die Asylbewerber. Japan zählt zu den 152 Unterzeichnerstaaten des global compact for migration, doch war das sowohl in als auch außerhalb Japans ein gut gehütetes Geheimnis. Es wurde nie öffentlich kommuniziert, geschweige denn darüber diskutiert. Anfang November 2018 erschien in TheJapan Timese in Reuters-Artikel über Kanzler Kurz und seine Ankündigung, dass Österreich den Pakt ablehnen würde, doch auch das gab der Debatte keinen Anstoß. In Japan gelingt es noch besser als im deutschsprachigen Raum, heikle Themen zu beschweigen. Die meisten Japaner haben bis heute weder vom Migrationspakt gehört, noch kennen sie die Haltung ihrer Regierung dazu. 

Offiziell zeigt sich Japan offen, politisch Verfolgte aufzunehmen – auf dem Flughafen Tokyo/Narita hängen Schilder, die informieren, an welches Büro man sich wenden kann, wenn man um Asyl ansuchen will – in der Praxis ist man damit aber weniger freigiebig. Japan hatte Stand 2016 knapp 19.000 Asylbewerber, und 2017 kamen noch rund 20.000 Asylanträge hinzu, doch die Anerkennungsquote tendiert inzwischen gegen null. Schon Ende des Vietnamkriegs zeigte Japan eine restriktive Haltung, als es trotz internationaler Kritik keine boatpeopleaufnehmen wollte. Und heute gibt es im weiten Umkreis keine destabilisierten Staaten mehr, sodass sich auch kein Schleppergeschäft wie am Mittelmeer etablieren konnte, wo Seenot bewusst inszeniert wird, um auf Mitleid zu plädieren.

Wolfgang Zoubek lebt seit fast zwanzig Jahren in Japan und arbeitet an einer Universität. Ihn beschäftigt seit langem der Vergleich zwischen gesellschaftlichen Entwicklungen in Japan und in Deutschland. „Obwohl im Zeitalter der Globalisierung alle relevanten Themen in kürzester Zeit um die Welt gehen, können die Reaktionen bedingt durch die unterschiedlichen nationalen Mentalitäten sehr verschieden sein“, sagt er.

Foto: Pixabay

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Werner Arning / 21.04.2019

Japan ist anders. Und Japan bleibt anders. Japan ist : Ein Busfahrer besteht darauf, dass ich bei einer 4-stündigen Busfahrt meinen reservierten Platz wieder einnehme, obwohl der Bus leer ist und ich mich bereits umgesetzt hatte. Aber Japan ist auch : ein diszipliniertes, höfliches Volk. Das Gefühl absoluter Sicherheit. Sehr leckeres Essen. Und keine Parallelgesellschaften. Keine Frechheiten seitens Zugezogener. Ausländer passen sich bedingungslos an. Die japanischen Eigenartigkeit werden von niemandem infrage gestellt. Recht und Ordnung werden geachtet, respektiert. Überhaupt spielt der Respekt eine große Rolle. Und man passt sich gerne an. Wer hier landet, ist dankbar darüber, dass er dort sein darf. Nicht im Traum würde er überzogene Ansprüche stellen, oder erwarten, dass man ihn aushält. Japan wirkt auf mich, als sei die Welt dort noch Ordnung. Irgendwie fühlt man sich erinnert an vergangene Zeiten. Es ist noch gar nicht so lange her ...

Lutz Herzer / 21.04.2019

@Johannes Schuster. Die Amerikaner haben bis heute nicht gelernt, dass man mit moral bombing der Zivilbevölkerung kaum etwas erreicht. Hiroshima, Nagasaki und Dresden waren Kriegsverbrechen in faktisch besiegten Ländern. Japan war sogar vorher schon bereit zur Kapitulation. Übrigens wurde die Kapitulation der Wehrmacht durch den Vorstoß der Sowjets in Berlin ermöglicht, da infolge dessen Hitler im Berliner Führerbunker Selbstmord beging. Durch diese zeitliche Abfolge blieben den Deutschen die amerikanischen Atombomben erspart, da sie am 7. Mai 1945 noch nicht fertig zum Einsatz waren.

Dr. Gerhard Giesemann / 21.04.2019

Die können einwandern lassen, wen sie wollen - Hauptsache keine Moslems. DAS können wir von Japan lernen, mindestens.

Ralf Pöhling / 21.04.2019

Bezüglich des im Rahmen der Migrationsbewegungen immer wieder benutzten Begriffes “Fachkräfte”, scheint es unterschiedliche Einschätzungen in der Bedeutung zu geben. Fachkräfte sind üblicherweise keine hochspezialisierten und studierten Spitzenkräfte, sondern Menschen, die ohne weitere Einweisung und ohne zusätzliche Ausbildung in dem Bereich arbeiten können sollen, wo der Fachkräftemangel herrscht. Ein ausgebildeter Klempner ist genauso Fachkraft, wie ein ausgebildeter IT-Schrauber. Jemand ohne entsprechende Ausbildung und ohne Berufspraxis wäre eine Hilfskraft. Deutschland hat wirklich einen Fachkräftemangel. Potentielle Hilfskräfte bzw. Sozialhilfeempfänger gibt es dafür dank unkontrollierter Massenzuwanderung en masse. In Japan scheint sich die Situation bis zu einem gewissen Grad ähnlich darzustellen. Wenn sich also eine gewünschte Fachkraft nur als inkompetente Hilfskraft entpuppt, muss man damit umgehen und sie entweder weiterbilden, oder anderweitig einsetzen, sonst landet sie in der Sozialhilfe oder auf der Straße. Und genau dies beobachten wir gerade in Deutschland und offenbar auch in Japan, wobei die Japaner sich jedoch weit geschickter anstellen, indem sie den Anreiz der Zuwanderung in die Sozialsysteme von vornherein ausschließen. Aber in Japan gibt es eben auch keine Katrin Göring-Eckardt, die sich über Zuwanderer freut, die sich auch in den Sozialsystemen wohlfühlen.

Johannes Schuster / 21.04.2019

Die Japaner haben einiges mit Deutschen gemein, aber oho ! Sie sind verklemmt und lieben Schulmädchen mit knappen Röcken und Zöpfchen. Aber im Ernst: Die einen haben nichts aus Dresden gelernt und die anderen lernen nicht, wenn man ihnen die Kernspaltung auf den Kopf setzt. Das Massaker von Nanking ist so das Leningrad Japans. Die einen halten sich Chinesen und die Deutschen geiern nach Flüchtlingen und fischen für ihre Industrie im Mittelmeer. Totale Staatsmodelle haben sich tief in die ontogenetischen Prozesse eingeschliffen und sind nicht mit Schaudemokratien geheilt.

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