Der Komiker Nikolai Binner soll am 6. November in einem städtischen Saalbau in Frankfurt auftreten. Der Mietvertrag bestand, und die Karten waren verkauft. Auftritt. Die Linksfraktion im Römer. Sie will das ändern. In einem dringlichen Antrag fordern die Linken den Magistrat auf, die Saalbau GmbH zur Kündigung des Vertrags anzuweisen. Binner sei ein „extrem rechter Comedian“, dessen Auftritte antisemitisch, rassistisch und sexistisch seien. Die Fraktion nennt keine Belege, zitiert keinen Wortlaut und kann keinen konkreten Auftritt als Beweis anführen. Als einziges Indiz führt sie ein T-Shirts aus Binners Shop mit dem Wortspiel „Reh-Migration“ an. Abwertende Äußerungen erhielten bei ihm nur einen humoristischen Anstrich, erklärt ihr kulturpolitischer Sprecher Michael Müller. Niemand müsse Binner eine Bühne geben, schon gar nicht eine städtische Gesellschaft.
Die Bühne war allerdings bereits vermietet, und damit ist sie gegeben. Es geht nicht darum, ob ein privater Veranstalter Binner buchen möchte. Eine Fraktion verlangt, dass eine Stadt in einen bestehenden Vertrag eingreift und einen Künstler wegen seiner politischen Einordnung aus einem öffentlichen Saal entfernt. Über den Antrag ist bislang nicht entschieden. Binner veröffentlichte unter dem Titel „Linkspartei will meine Show verhindern“ eine Reaktion. Auf seiner Internetseite steht der Termin weiterhin im Programm. Die Linke nennt ihren Vorstoß ein „Auftrittsverbot“. Das ist ungewöhnlich ehrlich. Noch ist nichts entschieden, aber der unverhohlene Antrag auf Cancelling liegt vor.
Spielt nicht gegen Juden
Irlands Nationaltorwart Gavin Bazunu will nicht gegen Israel spielen. Der 24-Jährige zog sich aus dem Aufgebot für beide Nations-League-Partien zurück. Er sei ein tiefgläubiger Mann und könne es mit seinen Prinzipien nicht vereinbaren, angesichts der „Gräueltaten in der Region“ anzutreten. Seine Entscheidung richte sich ausdrücklich nicht gegen Israelis oder Juden, sondern gegen das Töten unschuldiger Menschen, erklärte Bazunu. Der in Dublin geborene Sohn einer Irin und eines Nigerianers wird in irischen Medien als gläubiger Katholik beschrieben. Den moralischen Maßstab mag man noch anerkennen. Dass daraus ein Boykott allein des israelischen Fußballteams folgt, ist nicht nachvollziebar.
Die übrigen Nationalspieler stimmten mehrheitlich für die Teilnahme. Der irische Verband kündigte an, seine Verpflichtungen gegenüber der UEFA zu erfüllen. Doch auch das Verhalten der anderen Spieler ist unschön. Beim 3:0 gegen Israel trugen die Iren Trauerflor, verzichteten auf Handschlag und Wimpeltausch und senkten während der israelischen Hymne die Köpfe. Bazunu blieb fern. Weil die UEFA drei Torhüter im Spieltagskader verlangt, musste Verteidiger Jimmy Dunne als Notfallkeeper gemeldet werden. Bazunu wollte Israel aus dem Wettbewerb ausgegrenzt sehen und nahm sich, als die Mehrheit nicht folgte, selbst aus dem Spiel. Der Torwart wollte Israel canceln und stand am Ende selbst im Abseits. Moralisierung und Politisierung hat dem Sport bislang noch immer geschadet.
Sprecht nicht mit den Schmuddelkindern
Die jüdisch-argentinische Schriftstellerin Ariana Harwicz sollte am 26. September beim Festival Cultur-Alh in Granada über ihr Werk sprechen. Das Gespräch trug den Titel „Oponerse al mundo“ – sich der Welt widersetzen. Wenige Tage vor Beginn strich die Festivalleitung ihren Namen aus dem Programm. Harwicz, die 2018 für den International Booker Prize nominiert war, hatte sich gegen den kulturellen Boykott Israels ausgesprochen. Daraufhin verlangten das Hochschulnetzwerk für Palästina, beteiligte Lesekreise und weitere Aktivisten ihre Ausladung. Die Veranstalter bestätigten den Druck. Man habe das Programm im Sinne der Menschenrechte und der Palästina-Beschlüsse der Universität geändert, erklärten sie ihren praktizierten Antisemitismus.
Harwicz wollte nach eigener Aussage auch dann kommen, wenn gegen sie demonstriert würde. Die Organisatoren hätten ihr jedoch bedeutet, dies könne gefährlich werden. Nicht ihre Bücher, sondern ihre öffentlichen Äußerungen zu Israel und Gaza waren das Problem. Die Universität Granada distanzierte sich von der Ausladung. Mehr als 350 Schriftsteller und Kulturschaffende protestierten dagegen. Über 500 andere verteidigten sie. Der irische Booker-Preisträger John Banville zog daraus seine eigene Konsequenz und sagte den geplanten Auftritt bei der Abschlussveranstaltung ab. „Meine Absage war meine Stellungnahme“, erklärte er.
Hört nicht faschistische E-Technik
Neun Maskierte stürmten am 24. September eine Vorlesung des Ingenieurs Damien Ernst an der Universität Lüttich. Einige waren als Weihnachtsmänner verkleidet. Sie warfen dem Professor Sahnetorten ins Gesicht, beschimpften ihn als „Faschisten“ und „Kollaborateur“ und filmten den Überfall. Ernst lehrt Elektrotechnik und forscht über Stromnetze, künstliche Intelligenz und Abwehrsysteme gegen Drohnen. Die Angreifer warfen ihm besonders die Zusammenarbeit der Universität mit dem Rüstungskonzern Thales vor. Ein „Wahres Volksethikkomitee der Universität Lüttich“ bekannte sich zu der Aktion. Antimilitaristische und antifaschistische Gruppen verbreiteten die Bilder.
Rektorin Anne-Sophie Nyssen verurteilte den Angriff als Gegenteil von Pluralismus und gegenseitigem Respekt. Die Universität prüft juristische und disziplinarische Schritte; Ernst erstattete Anzeige. Verteidigungsminister Theo Francken beschuldigte die Führung der belgischen Arbeiterpartei PTB, die Attacke angestiftet zu haben. Er bezeichnete die Antifa als bewaffneten Arm der kommunistischen Partei. PTB-Chef Raoul Hedebouw wies das zurück. Belege für eine direkte Beteiligung der Partei sind bislang nicht bekannt. Die PTB ging aus einer marxistisch-leninistischen und maoistischen Bewegung hervor und bezeichnet sich weiterhin als marxistisch und antikapitalistisch. Die Angreifer wollten Rüstungsforschung verhindern und demonstrierten anschaulich, wozu Menschen fähig sind, die Argumente durch Geschosse ersetzen.
Lacht nicht über diese alten weißen Männer
Die BBC feiert den 20. Geburtstag der preisgekrönten Comedyserie „That Mitchell and Webb Look“. Alle vier Staffeln sind wieder über den Streamingdienst iPlayer verfügbar. Alle? Nein, nur fast alle. Elf Sketche hat der Sender vorher entfernt. Betroffen sind unter anderem eine Burka-Trägerin in einer Umstyling-Show, ein angeblich indigener Stamm in einem Gartencenter und Bürgerkriegsdarsteller, die statt englischer Schlachten plötzlich einen afrikanischen Konflikt nachspielen. Dabei trägt Robert Webb schwarze Schminke. Er unterbricht das Spiel wiederholt mit der Frage, ob das Ganze nicht rassistisch sei. Der Sketch macht sich erkennbar über Rassismus und die verkrampfte Angst vor ihm lustig. Nun fiel er offenbar genau dieser Angst zum Opfer.
Die BBC erklärte, man habe in Abstimmung mit den Produzenten jene Beiträge ausgewählt, „die heute noch funktionieren“. Welche Kriterien dabei galten und ob David Mitchell und Robert Webb selbst beteiligt waren, blieb offen. Die Folgen wurden stillschweigend gekürzt. Berühmt wurden Mitchell und Webb ausgerechnet mit einem Sketch über zwei SS-Offiziere. Einer betrachtet die Totenköpfe auf ihren Uniformen und fragt den anderen: „Are we the baddies?“ Die Komiker zielten damit auf Menschen, die das Offensichtliche erst sehr spät bemerken. Zwanzig Jahre später hat die BBC diese Frage wohl beantwortet. Gestrichen wurde ausgerechnet jene Satire, die Vorurteile bloßstellt, um nur niemanden mit deren Darstellung zu beunruhigen. Are we baddies? Yes, you are.
Trag nicht den falschen Pullover
Vier Pullover, die in der Wirklichkeit nie existierten, kosteten Jane Smith im realen Leben den Arbeitsplatz. Die Vorstandschefin der Family First Credit Union in Michigan war mit Angehörigen auf dem Weg nach Halifax. Am Flughafen von Detroit entstand ein Familienfoto. Smith ließ es anschließend von ChatGPT verändern. Auf den Pullovern stand nun „Lake America“. Damit spielte sie auf Donald Trumps Anordnung an, den Lake Ontario in den USA so zu nennen. Unter das Bild schrieb Smith: „Gefallen euch unsere Sweatshirts? Kanada vermutlich nicht. Lol, lol.“ Sie veröffentlichte es ausgerechnet am 11. September. Viele Kanadier erinnerten daran, dass Halifax nach den Terroranschlägen von 2001 tausende Passagiere aufgenommen hatte, deren Flugzeuge nicht mehr in den USA landen durften.
Smith löschte den Beitrag und entschuldigte sich. Sie habe keine politische Botschaft verbreiten und niemanden beleidigen wollen. Die Familie habe sich lediglich über die Umbenennung des Sees lustig gemacht. Der Witz war offensichtlich missverstanden worden, obwohl eine Feindseligkeit gegenüber Kanada nicht erkennbar war. Die Bank erklärte zunächst, sie missbillige den Beitrag und prüfe den Vorgang. Wenig später teilte sie mit, Smith sei mit sofortiger Wirkung nicht mehr beschäftigt. Zugleich entschuldigte sich das Institut für die „Sorge, Enttäuschung und den Schmerz“, die der Fall verursacht habe. Einen Kündigungsgrund nannte es nicht. Nachdem KI einen anstößigen Pullover auf ein Foto legte, mutierte der Scherz zu menschlicher Empörung und endete in einer realen Personalentscheidung. Merke: Mit Humor muss man in der schönen Welt des Wokeismus noch vorsichtiger sein als mit politischen Aussagen.
Zeig nicht diesen Film
Zwei indische Hochschulen wollten den Dokumentarfilm „Prisoner No. 626710 is Present“ über den inhaftierten muslimischen Bürgerrechtsaktivisten Umar Khalid zeigen. An beiden Standorten verschwand der Film aus dem Programm. An der National Law School of India University in Bengaluru hatte eine studentische Kommission die Vorführung organisiert. Dagegen mobilisierte die hindu-nationalistische Studentenorganisation ABVP. Sie wandte sich an die Hochschulleitung, den indischen Innenminister und den Gouverneur von Karnataka und kündigte Proteste an. Zunächst wurde die Veranstaltung verschoben, dann ganz abgesagt. Die Organisatoren begründeten ihren Rückzug mit drohenden Strafanzeigen, Einschüchterung und der Veröffentlichung persönlicher Daten. Studenten und Dozenten sollten nicht für eine Filmvorführung ihre Ausbildung oder berufliche Zukunft riskieren müssen.
Am International Institute of Information Technology in Hyderabad scheiterte eine weitere Vorführung an der Hochschulleitung und der Filmaufsicht. Der Film sei nicht amtlich zertifiziert, die Veranstaltung nicht genehmigt. Acht beteiligte Studenten erhielten disziplinarische Verwarnungen. Khalid sitzt seit September 2020 wegen des Vorwurfs einer Verschwörung im Zusammenhang mit den Unruhen in Delhi in Untersuchungshaft. Er bestreitet die Anschuldigungen. Der Film beschäftigt sich mit seiner langen Haft ohne abgeschlossenen Prozess. Auch so geht Cancel Culture, man macht es riskant, einen nicht genehmen Film öffentlich zu zeigen.
Hier endet der allwöchentliche Überblick des Cancelns, Framens, Empörens, Strafens, Umerziehens, Ausstoßens, Zensierens, Denunzierens, Entlassens, Einschüchterns, Moralisierens, Politisierens, Umwälzens und Kulturkämpfens. Wir dürfen damit rechnen, dass es noch lange ungebremst weitergehen wird. Bis nächste Woche!
Ein Archiv der Cancel Culture in Deutschland mit Personenregister finden Sie unter www.cancelculture.de. Um auch weniger prominente Betroffene aufnehmen zu können, sind die Betreiber der Website auf Hinweise angewiesen. Schreiben Sie ihnen gerne unter cancelculture@freiblickinstitut.de
Im Achgut-Buchshop erhältlich:
„Die Medienkrieger – Wie uns die Vierte Gewalt manipuliert“ von Michael Clasen, Langen Müller Verlag 2026, hier bestellbar.

Die Freunde der israelischen und die Freunde der ruschissen Friedenspolitik werden einfach übelst diskriminiert. So gemein!
Eine Linksfraktion empört sich über einen angeblich antisemitischen Comedian. Genau mein Humor.
Was diese ganzen Palästinophilen angeht, fehlt mir jedes Verständnis. Gerade den fröhlichen Iren sollte das weltoffene und demokratische Israel deutlich näher stehen als die Steinzeitterroristen aus Gaza.
Wenn schon die Engländer ihre legendäre Selbstironie verlieren ist wirklich Schluss mit Lustig.
Ich dachte immer, Herr Merz ist Bundeskanzler von D. nicht von der EU, wo er Uschi das Höschen hält. Wann kümmert er sich mal um D. und die Interessen seines Auftraggebers, den Bürgern in D und nicht der Ukraine? . Gab es da nicht einen Eid für Politiker „Ich verspreche all meine Kraft zum Wohl des deutschen Volkes ein zu setzen“? Es ist nicht im Sinn des europäischen Friedens, wenn Frau von der Leyen , ein Land außerhalb der EU, wie die Ukraine die sich im Krieg befindet, als Mitglied in die EU auf zu nehmen, denn das würde den Bündnisfall der Ukraine im Krieg bei zu treten auslösen.
Ich bin längst nicht immer und in allem Ihrer Meinung, Herr Winnemöller, doch das muss ja vielleicht auch gar nicht sein. Jedenfalls erlaube ich mir die Feststellung, dass Ihre Kolumne zu den „Ausgestoßenen der Woche“ immens wichtig ist, weil er die Idiotien des Zeitgeists und der Wokeria anhand einer Fülle anschaulicher Beispiele unaufgeregt entlarvt. Und das abgebildete T-Shirt von Binner: Genialer geht es einfach nicht, erstklassig!
hi, das Sich-Entschuldigen nach dem Gecancelt-Werden ist ein hündisches Verhalten, das wie Arsch auf Pott zum Modetrend der Hundemasken passt. Man ziert sich aber noch, den Kranz der Vielfalt zu vollenden und die einschlägige sexuelle Falte aufgeklappt zu präsentieren.
Noch ein ausgestoßener der Woche: der objektive Journalismus. Grund: Die ZDF-Propagandatröte Dunja Hayali bekommt den Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis. Herr Friedrichs würde sich im Grabe drehen, wenn er wüsste, wer sich inzwischen alles mit seinem Namen schmücken darf.