Keine Frage, der aufmerksame Leser wird es längst mitbekommen haben. Die Achse steht im Fokus einer Staatsanwaltschaft, weil in einem auf der Achse publizierten Artikel ein Satz aus einem den Sozialdemokraten nahestehenden Blatt zitiert wurde. Das ist voll und ganz nachvollziehbar.
Wer Sozialdemokraten zitiert oder sich Zitate von Sozialdemokraten verschafft oder sich verschaffte Zitate von Sozialdemokraten verbreitet, sich diese zu eigen macht oder zu eigen gemachte Zitate von Sozialdemokraten verwendet, wird – um es etwas loriotesk auszudrücken – mit Verbannung nicht unter mindestens, wenn nicht noch mehr bestraft. Alternativ könnte man zum Besuch eines Konzerts von Feine Sahne Fischfilet verurteilt werden.
Unter Ausblenden des in solchen Fällen vegetativ auftretenden beißendem Sarkasmus bleibt eine gewisse Verzweiflung zurück. Während Gewalttaten in großer Zahl unaufgeklärt bleiben oder wegen Überlastungen der Justiz nicht verhandelt werden können, stellen Staatsanwaltschaften Zitaten nach? Ernsthaft?
Sprechen ist gefährlich
Wie problematisch es ist, sich der falschen Sprache zu bedienen, erfuhr der CEO von Air Canada. Der Manager hatte nach einem Vorfall, bei dem zwei Piloten der Fluggesellschaft ums Leben kamen, heftige Kritik erhalten. Doch nicht die Kollision selbst war der Grund für den Aufruhr. Es war der erste tödliche Absturz von Air Canada seit mehr als vier Jahrzehnten. Der Ärger wurde durch Rousseaus Beileid an die Angehörigen der Piloten ausgelöst. Einen Tag nach dem Unglück teilte Air Canada eine vierminütige Videobotschaft von Rousseau in den sozialen Medien. Darin räumte Rousseau ein, dass es ein „düsterer Tag“ für seine Organisation sei. Er sprach auch dem Personal der Fluggesellschaft und der Familie der Opfer sein Beileid auf Englisch aus. Es gab Untertitel in beiden Amtssprachen.
Premierminister Mark Carney sagte, die Videobotschaft zeige „einen Mangel an Mitgefühl“, während Politiker im französischsprachigen Québec Rousseau zum Rücktritt aufforderten. Der 68-jährige Manager hat nun angekündigt, im September in den Ruhestand gehen zu wollen. Rousseaus Aufstieg zum CEO war von Beginn an umstritten, da er trotz jahrelangem Aufenthalt in Montreal nur Englisch sprach. Die Zweisprachigkeit in Kanada hat zur Folge, dass es für viele Positionen unabdingbar ist, beide Sprachen zu können. Im Zeitalter von Deepl und KI wirkt das geradezu lächerlich.
Ist das Kunst oder kann das weg?
In Providence, der Hauptstadt von Rhode Island, sorgt ein Wandgemälde für Streit: Es zeigt die ukrainische Flüchtlingsfrau Iryna Zarutska, die 2025 bei einem Messerangriff in einem Zug getötet wurde. Das unfertige Kunstwerk wurde an einem LGBTQ-Club angebracht. Es wurde teilweise durch Spenden, unter anderem von Elon Musk, unterstützt. Bürgermeister Brett Smiley fordert nun die die Entfernung des Murals. Ein Mural ist ein großes Wandgemälde, das direkt auf eine Wand oder Fassade gemalt wird. Zwar sei der Mord tragisch, doch er bezeichnet das Projekt als „spaltend“ und „fehlgeleitet“, da es nicht die Gemeinschaft der Stadt repräsentiere.
Ian Gaudreau ist ein lokaler Künstler, der das Wandbild als Teil eines größeren Gedenkprojekts für Iryna Zarutska geschaffen hat. Er betont, dass das Werk nicht politisch gemeint ist, sondern als reines Gedenken an das Opfer gedacht war. Dennoch hat der Fall landesweit politische Debatten über Kriminalität und Symbolik ausgelöst. Der Fall zeigt, wie schnell Gedenkkunst politisiert wird. Ein eigentliches Erinnerungsprojekt wird zum Konflikt über die Deutungshoheit im öffentlichen Raum. Die Kritik wirkt teils vorgeschoben, zugleich unterschätzte der Künstler offensichtlich die gesellschaftliche Sprengkraft solcher Motive. Iryna Zarutska ist eben kein George Floyd. Manche sind nun einmal etwas gleicher.
Pressefreiheit nur für die Guten
Am 28. März 2026 wurde in Fulda die AfD-Jugend gegründet. Rund um diesen Gründungsparteitag gab es eine Demonstration gegen diese Gründung, wie das heute so üblich ist, wenn die AfD irgendwo auftritt. Das muss man aushalten, das gehört zur Demokratie. Ob es demokratisch ist, diese Gruppen mit Staatsknete zu füttern, ist eine andere Frage. Der unabhängige Livestreamer WeichreiteTV filmte die Gegendemonstration aus dem politisch linken Spektrum. Dabei wurde er laut übereinstimmenden Medienberichten zunächst beleidigt und bedroht und anschließend durch Demonstranten an der Berichterstattung aktiv behindert. Das geschah etwa durch Abschirmen mit Regenschirmen und Wegdrängen. Der Kameramann beschwerte sich und bat die Polizei um Hilfe.
Statt nun gegen die Störer vorzugehen, nahm die Polizei den Kameramann selbst ins Visier und entfernte ihn durch Wegtragen aus der Situation. Widersprüchlich bleibt die Aussage der Veranstalter, es habe kein Platzverbot gegeben, die Anwesenheit sei erlaubt gewesen. Damit stellt sich die Frage, ob das polizeiliche Vorgehen so gerechtfertigt war. Es bleibt dabei und hat sich erneut gezeigt, dass es im Rahmen linker Demonstrationen und Kundgebungen immer wieder zu Einschränkungen der Pressefreiheit kommt. Auch hier wurde ein Berichterstatter an seiner Arbeit gehindert und ist schließlich selbst entfernt worden, obwohl er sich nichts hat zu schulden kommen lassen.
Rotkäppchen und der böse Wolf
Eine Frau wurde laut Polizeiangaben an der Hamburger Einkaufsmeile Große Bergstraße von einem Wolf angegriffen und gebissen. Mitten in der Stadt, wo doch Wölfe so menschenscheu sein sollen. Den Berichten zufolge hatte sie wohl versucht, das verwirrte Tier, das immer wieder gegen eine Glasscheibe lief, aus der Einkaufsmeile zu führen. Diesen Versuch quittierte der Wolf mit Bissen ins Gesicht der Frau. Die Wunde musste genäht werden. Die Frau konnte das Krankenhaus danach wieder verlassen. Berichten zufolge hatte die Frau das Tier für einen Hund gehalten.
Die Behörden gaben an, damit sei in Deutschland erstmals ein Mensch von einem Wolf angegriffen worden, seit sich dieser wieder in Deutschland ausgebreitet habe. „Es gab noch keinen solchen Fall seit der Wiederansiedlung 1998“, teilte eine Sprecherin des Bundesamts für Naturschutz der Deutschen Presse-Agentur (dpa) mit. Klaus Hackländer, Wolfs-Experte der Deutschen Wildtierstiftung, sagt dazu: „Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Wolf in eine Siedlung oder sogar in eine Stadt geht, ist groß aufgrund der hohen Anzahl an Wölfen, die wir mittlerweile haben.“ Alle Warnungen, dass genau das passieren würde, waren von Wolffreunden in den Wind geschlagen worden. In einigen deutschen Regionen ist es nicht mehr angeraten, allein in den Wald zu gehen. Einen guten Vorschlag zur Lösung des Hamburger Wolfsproblems hat der Postillion unterbreitet.
Ende mit Eurythmie
Drei Kindern im Alter von neun, elf und 14 Jahren wurden fristlos von der Rudolf-Steiner-Schule in Berlin-Dahlem die Schulplätze gekündigt. Ein eskalierter Streit zwischen den Eltern und einer Biologielehrerin um Gendersprache und geschlechtliche Identität war der Kündigung voraus gegangen. Selbst wenn sich ein Kind als Welpe identifiziere, so sei das zu akzeptieren, soll die Pädagogin gesagt haben. Der Vater berichtet im Video von dem Konflikt. Er hatte sich erlaubt, im Rahmen eines Elternabends die steile These aufzustellen, es gebe nur zwei Geschlechter. In der Schönen Neuen Genderwelt ist das offensichtlich ebenso inakzeptabel wie die Verwendung des generischen Maskulinums. Zu allem Überfluss hatte sich der Vater nämlich auch noch gegen Gendersprache ausgesprochen.
Die Eltern und die betroffene Lehrkraft konnten keine gemeinsame Basis für den Umgang mit diesen Themen finden, was zu einer Eskalation des Konflikts führte. Die Schulleitung sah sich daraufhin veranlasst, die drei Kinder von der Schule zu verweisen. Dieser Schritt wirft natürlich Fragen über die Grenzen der Meinungsäußerung im schulischen Kontext auf. Bildungseinrichtungen haben natürlich mit unterschiedlichen weltanschaulichen Positionen von Eltern und Lehrern konstruktiv umzugehen, was außerhalb einer woken Bubble durchaus normal ist. Dass es ausgerechnet die Biologielehrerin ist, gibt natürlich zu denken. Dass der Vater, vielleicht sogar zu Recht annimmt, der Schulverweis habe etwas mit seinem politischen Engagement als AfD-Politiker zu tun, macht es nicht besser.
Keine Russen bitte
Die Europäische Kommission hat mitgeteilt, dass sie die Finanzierung der Kunstausstellung Biennale in Venedig einstellen wird, falls Russland seinen Pavillon bei der diesjährigen Ausgabe wiedereröffnen wird. Die Begründung entspringt einer Schablone von „UnsererDemokratie“. Die Kultur in Europa, heißt es, solle demokratische Werte fördern und schützen, darunter offenen Dialog, Vielfalt und Meinungsfreiheit. Nun kann man der völlig unsinnigen Meinung sein, der Ukrainekrieg sei ein gerechter Krieg. Man kann auch der Meinung sein, dass jemand, der so denkt, ein Scheusal ist. Das ist Vielfalt und Meinungsfreiheit. Beides ist eine Zumutung.
Diese Werte, so die EU-Kommission, würden jedoch derzeit im heutigen Russland nicht gewahrt. Das ist ganz sicher nicht falsch. Doch ist es gerechtfertigt, mit Totalitarismus auf Totalitarismus zu antworten? Wurde nicht der Sowjetkommunismus gerade dadurch besiegt, dass der Westen ohne Ansehen von Personen, Staaten und deren Haltungen an seinen Werten festgehalten hat? Der russische Pavillon auf der Kunstmesse wurde nach der Invasion der Ukraine durch Russland im Jahr 2022 geschlossen, was den Ausschluss russischer Künstler und Institutionen von großen europäischen Kulturveranstaltungen zur Folge hatte. Was man für das Jahr 2022 nachvollziehen kann, kann 2026 völlig falsch sein. Nicht Putin soll ausstellen dürfen, es geht um Künstler, vielleicht sogar kritische Künstler, wenn man Glück hat. Und da nun gerade die Kulturszene keine Hemmungen hat, Kunst zu kontextualisieren, dürfte es kein Problem sein, allzu staatstreue Kunst einzuordnen. Ausschließen muss die absolute Ausnahme bleiben.
Hier endet der allwöchentliche Überblick des Cancelns, Framens, Empörens, Strafens, Umerziehens, Ausstoßens, Zensierens, Denunzierens, Entlassens, Einschüchterns, Moralisierens, Politisierens, Umwälzens und Kulturkämpfens. Wir dürfen damit rechnen, dass es noch lange ungebremst weitergehen wird. Bis nächste Woche!
Ein Archiv der Cancel Culture in Deutschland mit Personenregister finden Sie unter www.cancelculture.de. Um auch weniger prominente Betroffene aufnehmen zu können, sind die Betreiber der Website auf Hinweise angewiesen. Schreiben Sie ihnen gerne unter cancelculture@freiblickinstitut.de.
Beitragsbild: Martin Thurnherr CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons), CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
Wenn Deutschland RT dot com verbietet, weil das Medium angeblich Propaganda verbreitet, ist der Ausschluß Russlands von der Biennale nur folgerichtig. Entartete Information, entartete Biennale. Fast hätte ich Kunst geschrieben, aber dann kommt vermutlich die Polizei, um die Meinungsfreiheit zu retten.
„Einen guten Vorschlag zur Lösung des Hamburger Wolfsproblems hat der Postillion unterbreitet.“ – Wann wird der Postillion verboten? Der ist so unerträglich satirisch (*grins*).
„… Wer Sozialdemokraten zitiert oder sich Zitate von Sozialdemokraten verschafft …“; dieses Schmierentheater hätte Kafka nicht besser in einem Roman verarbeiten können. Aber nicht nur die Staatsanwaltschaft, auch die Polizeibehörden langweilen sich oft so sehr, dass sie ihre viele Freizeit dazu benutzen, ihre ganze vom Staat verliehene Macht gezielt gegen Autoren auszuspielen, die solche Worte wie „AllesfD“ oder „Pinocchio“ von sich geben. Solche Verbrechen müssen umgehend geahndet werden, Fremder Menschen Hab und Gut Entwendende oder spitze Gegenstände besitzende und auch damit arbeitende Künstler müssen sich ein wenig gedulden!
Diejenigen, die das Gedenkgemälde an die von einem Schwarzen ermordete Ukrainerin als „rassistischen Dogwhistle“ (Zitat aus einem Artikel über das Wandbild, das lediglich ihren Kopf, Namen und Lebensdaten zeigt) und „Attacke auf die LGTBQ+ Community“ ansehen, werden vermutlich demnächst wieder gegen Gewalt gegen Frauen demonstrieren. /Sarkasmus.
Zum Wolfangriff: das ist ja sehr skandalisiert worden, aber hätte der Wolf sie attackiert, wenn sie sich ihm nicht „zielstrebig“ (laut Augenzeugin) genähert hätte, weil sie ihn für einen Hund hielt, dem sie helfen wollte?
Ja, ja, die „rechtsextremistische“ AfD und ihre noch „rechtsextremistischere“ Jugendorganisation „Generation Deutschland“ mal wieder, jetzt auch in Hessen! Diese rassistische, migrantenfeindlich, ausgrenzende und die Meinungsfreiheit nicht akzeptieren wollenden rechten Jung-AfDler – Kaderschmiede der AfD (Tagesschau) – haben als ihren Vorsitzenden Nafiur Rahman mit bangladeschichem Migrationshintergrund gewählt, der vom Islam zum Christentum konvertierte (mutig!). Und wie „rääächz“ der ist, kan man schon äußerlich erkennen: Er trägt den Scheitel auf der rechten Seite. Und der Bischof von Fulda hat seine demonstrierenden jungen Schäfchen gesegnet und eine ergreifende Predigt gehalten. Er sprach von einer großartigen Demonstration FÜR Meinungsfreiheit und GEGEN Rassismus und Ausgrenzung. Passt wie die Faust auf’s Auge!
Von mir Ausgestoßene der Woche: NIUS habe ich von meiner Besuchsliste gestrichen, weil mir der Auftritt viel zu nervig geworden ist und ich einen Scout brauchen würde, um mich im Durcheinander zurechtzufinden.
Und nun macht es die Achse NIUS nach.
Ich klicke mich dumm und dämlich, um zu einem aktuellen Artikel zu gelangen, der mich interessiert. (Die zurückliegenden sind kalter Kaffee für mich.)
Es ist das reine Chaos, dem ich begegne.
Steckt auch hinter diesem Wahnsinn Methode?
Oder ist es ein Experiment, um zu sehen, wie leidensfähig Achse-Leser sind??