Henryk M. Broder / 16.09.2007 / 10:36 / 0 / Seite ausdrucken

Ausgesperrt! Türkei macht in Zensur

Rainer Burkard berichtet aus Istanbul:

Die Internetseite http://www.wordpress.com ist ein gutes Beispiel für das, was heute Web 2.0 genannt wird. WordPress stellt eine Software zur Verfügung, mit dem jeder Nutzer in Kürze eigene Blogs erstellen kann. Sie ist einfach zu bedienen, jeder kann die Beiträge kommentieren und geschickt sind die Blogs miteinander verbunden. Die Seite zählt zu den weltweit meist genutzten Blogsystemen, „Apple, ZDNet, die New York Times, das Wall Street Journal und Reuters benutzen WordPress“ heißt es auf der Homepage.
Sucht man im Internet nach wordpress.com, erfährt man, dass die Homepage mit einem neuen Update endlich „Sicherheitslücken“ geschlossen habe. Mit Sicherheit haben die Macher der Seite allerdings derzeit weniger Probleme als mit freier Meinungsäußerung. Tatsächlich hat nämlich die Türkei nach Beschluss des türkischen Gerichtshofes „2007/195 of T.C. Fatih 2.“ seit dem 17.08., nach kurzem freiem Zugang wieder seit dem 13.09., alle Blogs auf der Internetseite für türkische Nutzer gesperrt. Seit China 2004 den Zugang zur englischsprachigen Google-News-Seite blockiert hat ist dies der größte Fall von Zensur im Netz.

Wie kam es dazu? Die Geschichte ist beispielhaft für den Umgang mit Intellektuellen in der islamischen Welt und wirft kein gutes Licht auf die neu gewählte, scheinbar demokratische Regierung Erdogan und auf die deutsche Presse. Die Geschichte beginnt fast privat. Edip Yüksel kritisierte in seinem Blog Adnan Oktar alias Harun Yahya. Auf wordpress.com schrieb Yüksel, was bereits der Verfassungsschutzbericht des deutschen Bundeslandes Baden-Württemberg aus dem Jahr 2005 feststellte: dass Harun Yahya die Aufklärung bekämpfe und in seinen Büchern einen islamischen Kreationismus verteidige. Den Holocaust leugnet Harun Yahya übrigens nicht mehr. Lieber spricht er heute von „geheimen Abmachungen zwischen den Nazis und den radikalen Zionisten“.

Weniger alltäglich als die Kritik an einem Unverbesserlichen ist die Reaktion der türkischen Regierung. Sie veranlasste nicht, wie zunächst gefordert, alle Blogs mit dem Namen Adnan Oktars zu entfernen: Sie sperrte gleich alle Blogs im Portal von WordPress.

Selbst wenn sich, wie Ali Eteraz im Guardian behauptet, in diesem Streit zwei konkurrierende muslimische Gruppen und nicht Säkularisten und Kreationisten gegenüber stehen – der Schlag gegen die Meinungsfreiheit bleibt ein Skandal. Mit der Zensur von WordPress wird deutlich, dass die Türkei derzeit weder ein liberaler noch ein säkularer Staat ist. Dass die deutsche Presse dieser Umstand nur dann interessiert, wenn es um eine angebliche Vergewaltigung wie im Fall Marco W. geht, ist das eigentliche Problem. Der mangelnde öffentliche Widerstand gegen den Akt willkürlicher Zensur wird andere Staaten vor dem nächsten Karikaturenstreit nicht zögern lassen, zum selben Mittel zu greifen. Und spätestens dann wird der Traum vom Web 2.0 Geschichte sein.

Siehe auch:
http://rainerburkard.wordpress.com/

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