
“Ein Schriftsteller, der das Einverständnis mit den Herrschenden sucht, ist verloren.” G. Grass. Mit diesem Zitat schmückt schmückt sich der DLF dessen Internetauftritt. Tja, Herr Grass, wie war es und hielten Sie es mit der SPD? Alter Mann, ganz klein.
Zeiten der Erinnerung. “Für ein gutes Tischgespräch kommt es nicht so sehr darauf an, was sich auf dem Tisch, sondern was sich auf den Stühlen befindet.” (Walter Matthau) Bei den Gespächen 1969 zwischen der SPD und Grass war es damals gerade umgekehrt.
Ob er denn wirklich viel Einfluss hatte, muss dahingestellt bleiben. Politiker umgeben sich gern mit Größen aus der Geistes- oder Sportwelt. Ich empfand ihn allerdings nie als wirkliche Größe, da ich mich bei der Lektüre seiner Bücher bald ekelte und sie beiseite legte. So habe ich nie eins zu Ende gelesen, da nur wirklich grandiose Bücher mit hinreißenden Gestalten es bei mir schaffen, Gabriel Garcia Marquez’ ‘Liebe in den Zeiten der Cholera’ beispielsweise oder Allendes ‘Das Geisterhaus’. Die Gestalten von Grass wirkten schmierig auf mich und durch und durch uninteressant. Musterbeispiel: In einer Zeit, da Männer gelernt hatten, den Geburten ihrer Kinder beizuwohnen, schrieb er: “Minuten nach dem Torpedoangriff kroch ich aus dem Loch.” Welche Frau liest da weiter? So schmierig war sein unverhohlener Israelhass, möglicherweise eine psychologische Verirrung, weil er mit seinem lange verborgenen Dasein in der Waffen-SS nicht klar kam. Der berühmte selbsternannte Moralist und die Vergangenheit in der Waffen-SS muss eine Spaltung erzeugen. Ein Heilmittel ist, nicht nur bei ihm, die Opfer-Täter-Umkehr. Ich sah ihn nach einer Lesung ein neues Buch signieren, herablassend, einsilbig, arrogant. In Wirklichkeit mag er unsicher gewesen sein, übertüncht von Arroganz. So werde ich ihn einfach ungelesen vergessen im Gegensatz zu Garcia Marquez. In Zeiten der Globalisierung und exzellenter Übersetzungen braucht es keinen Stolz auf einen spezifisch deutschen Autor. Mit Israel war er voreingenommen und böse. Ob er mit Iran Recht hatte, wird die Zeit erweisen. Dass Israel Saudi-Arabien dem Iran vorzieht, erscheint mir selbst zuweilen verwegen.
Man möchte hier mit Grass sagen. Es ist hier Alles gesagt, was gesagt werden musste. Wie immer Herr Broder, ein sehr treffender Nachruf.
Weshalb empfand der Herr Grass (fast)jede Kritik als impertinente Majestätsbeleidigung? Ich mutmaße mal, weil er zeitlebens mehr, sprich: bedeutender sein wollte, als er es im Leben dann tatsächlich war. Welche erbrachten Leistungen qualifizierten den Herr Grass dazu, eine Position als Hohepriester im Tempel der Moral für sich zu beanspruchen? Sorry, aber auch nach mehrmaligen Lesen seiner Biographie bei Wickipedia erschließt sich mir die Berechtigung seines (anmaßenden)Begehrens, über andere Menschen stehen zu wollen, beim besten Willen nicht. Hätte er indes als Autor herausragende wissenschaftliche Arbeiten verfasst, die Teile der Welt erhellt hätten, die zuvor noch im Dunkeln lagen, diese substantielle Achtung, die von der Art ist, die man einer echten Autorität gegenüberbringt, die hätte er anschließend auch verdientermaßen erhalten. Aber stattdessen war er als Schriftsteller im Genre der Unterhaltungsliteratur tätig. Ja, du meine Güte, das war Heinz G. Konsalik auch. Nur mit dem Unterschied, das der letztgenannte nie die Hybris hatte, mehr sein zu wollen, als ein, naja, “kreativer Künstler” und Handwerker, der seinen Job so gut wie irgendmöglich macht. Im Übrigen, wenn der Herr Broder den Herrn Grass als einen “larmoyanten Autisten” bezeichnet, so nehme ich mal an, dass das der Achtung vor dem Alter und der Höflichkeit unter Berufskollegen geschuldet ist. Denn was die Beschreibung des Charakters des Dahingeschiedenen betrifft, so wären auch noch weitaus deftigere Worte und Metaphern passend gewesen.
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