Gastautor / 07.12.2019 / 10:00 / Foto: Pixabay / 4 / Seite ausdrucken

Aus dem Heldenleben eines Schraubers (8): Warum wird man das?

Von Hubert Geißler. 

Die Wahl eines Berufes – im Fall der Schrauber in den 70er Jahren meist schon im zarten Alter von 16 Jahren nach Vollendung der Hauptschule – kann man eigentlich nicht ohne weiteres als Wahl im engeren Sinne bezeichnen. Die Entscheidung für einen Beruf entsteht aus dem relativ komplexen Zusammenwirken persönlicher und familiär- soziologischer Bedingungen. 

Bei meinem Bruder war es keineswegs so, dass die Orientierung auf einen technischen Beruf schon im Kinderwagen klar war. Bei mir selbst war das anders: Über mich sagte mein Vater: „Der Bub hat zwei linke Hände, der muss studieren!“, was meiner Karriere einen gewissen Schubs gab, der hier nicht weiter interessiert. Also müssen sich die Voraussetzungen der Berufswahl bei meinem Bruder deutlich unterschieden haben und es gälte herauszufinden, was ihn auf die Schrauberstraße getrieben hat. 

Nun neigen Schrauber nicht zum Abfassen von Biographien, auch nicht zu großartiger Selbstreflexion: Schrauber schreiben nicht, ganz im Gegensatz zu Schauspielern, Politikern und den Professionen, die ohnehin berufsmäßig oder aus innerem Triebe schreiben, wie pensionierte Lehrer. Was ich übrigens bin. Ob Schrauber viel lesen? Ich bezweifle das. An der Intelligenz liegt es sicher nicht, da habe ich den größten Respekt vor diesem Stand, aber der Schrauberalltag ist anstrengend, intensives Lesen leider auch, so dass ich, soweit ich das beobachten konnte, nicht glaube, dass in der Schrauberei allzu viel gelesen wird.

Damit verschwindet aber geradezu eine ganze nicht unwichtige Schicht aus einer gewissen Form von Reflexion, es ist, als gäbe es sie gar nicht, höchstens neuerdings als Mängelwesen in Form des Fachkräftemangels. Der Schrauber fällt erst auf im Augenblick seiner Nichtexistenz, fast wie ein Kühlschrank, den man auch erst bemerkt, wenn er nicht mehr funktioniert. In letzter Zeit treten immer mehr Berufsgruppen aus dem Dunkel eines gesellschaftlichen Vergessens und machen auf ihre Leiden aufmerksam: Lehrer/innen, Erzieher/innen oder Pfegekräfte. Stumm bleiben die Ärzte zum größten Teil, man fragt sich warum. Andere werden zum Gegenstand von Heldenliedern oder Verrissen – wie die Manager als Versager in Nadelstreifen. Der Schrauber bleibt das unbekannte Wesen, unbekannter noch als die Frau, und das will etwas heißen.

Ein Gymnasium am Ort gab es noch nicht

Im Fall meines Bruders spiele sicherlich auch ich eine Rolle. Wegen meiner zwei linken Hände und mit der Empfehlung der Lehrer und des Ortspfarrers ward beschlossen, dass ich für einen praktischen Beruf ungeeignet sei und deshalb auf ein katholisches Internat im nahe gelegenen Dillingen an der Donau geschickt würde. Mit zehn Jahren habe ich also die Familie und auch das familiäre Arbeitermilieu verlassen und wurde in ein religiös geprägtes 18. Jahrhundert transferiert. Brillenträger war ich schon damals. Ein Gymnasium am Ort gab es noch nicht. Mein jüngster Bruder, um den es hier geht, wäre dann der Zweite gewesen, der das Haus hätte verlassen müssen. Das war vermutlich schon finanziell nicht machbar für eine Arbeiterfamilie.

Dazu kam, dass mein Bruder nach heutigen Begriffen Legastheniker war, mit einer eindeutigen Begabung für Mathematik und Naturwissenschaften. Als Nesthäkchen wurde er von meinem Vater in sämtliche häuslichen Reparaturen und Bauarbeiten mit einbezogen, bei mir war das hoffungslos. Mein Vater baute das Elternhaus aus und erstellte fast in Eigenregie ein Gebäude für meinen zweiten Bruder: alles ein handwerkliches Lernfeld erster Güte. Dass Reparaturen in Haus und Garten in Eigenregie gemacht wurden, war nicht zuletzt eine finanzielle Notwendigkeit. Meine Familie war eher arm. Nachbarschaftshilfe war zudem selbstverständlich: Auf den Bauernhöfen wurde „geschuttelt“ und kleine Handwerksbetriebe, in die man als Kind auch rein konnte, waren am Ort. So gesehen, unterschied sich eine Kindheit in den 60er Jahren in ihren konkreten Erfahrungsmöglichkeiten radikal von der heutigen Situation, wo Kindern kaum authentische Erfahrungen der Arbeitswelt möglich sind.

Bestimmend für die Berufswahl meines Bruders war auch eine Krankheit: In der Pubertät bekam er TBC – das gab es damals noch – und verbrachte fast ein Jahr in einem Sanatorium. Körperlich richtig anstrengende Berufe, wie im Baugewerbe, kamen damit nicht in Frage. Mein Vater selbst war Molkereimeister, hatte aber aus gesundheitlichen Gründen einen Job bei den damaligen Farbwerken Höchst bei Augsburg angenommen. Da lag es nahe, dass er meinen Bruder in einer – so hieß es damals noch – Betriebsmechanikerausbildung dort unterbrachte. Die Anstellung in einem Großbetrieb der chemischen Industrie versprach soziale und materielle Sicherheit.

Bruders Schraubertum ist also ein Ergebnis von familiärem Hintergrund, körperlicher Disposition und sicher auch einer gewissen Begabung.

Erstaunt, was das alte bayrische Hauptschulwesen geleistet hat

Heutzutage hätte er mit seinen Voraussetzungen sicherlich ein Gymnasium geschafft: Nachteilsausgleich wegen Legasthenie, pädagogische Förderung und der generelle Niveauunterschied des damaligen Schulsystems zum heutigen lassen das vermuten.

Ich bin immer wieder erstaunt, wie viel das alte bayrische Hauptschulwesen geleistet hat. In der 9. Klasse wurde Brechts „Der gute Mensch von Sezuan“ gelesen. Mathematische und physikalische Grundkenntnisse waren eingeschliffen, was man heutzutage nicht mal auf der gymnasialen Ebene sagen kann.

Mein Bruder beherrscht praktisch mehrere Fremdsprachen. Nicht, dass er Shakespeare im Original liest, aber bei Montageeinsätzen bewältigt er die technischen und alltägliche Anforderungen, die eigenständig zu organisieren sind. Er hat in der französischen Schweiz gearbeitet. Von Sprachschwierigkeiten ist mir nichts bekannt. Dasselbe gilt für einige andere Länder. Davon wird noch zu sprechen sein.

Das Niveau seiner historischen und politischen Kenntnisse ist sehr hoch. Er hat eine spielerische Neigung zu Aktienspekulationen. Im Großen und Ganzen erfolgreich erweist er sich gelegentlich als Schrecken der Bankberater.

Außer seinen damaligen Defiziten im Schriftlichen gibt es also so gut wie keine. Man könnte also durchaus sagen, dass für ihn auch eine weitergehende Karriere möglich gewesen wäre. Andererseits braucht er diese Sprachkenntnisse, um seine vielen Montageeinsätze im Ausland abzuwickeln. 

Zumindest in Bayern gab es in den 60ern und 70ern im Schulsystem eine starke intellektuelle und sicher auch soziale Selektion. Es war damals überhaupt nicht selbstverständlich, dass Arbeiterkinder studierten. Das kam sicherlich vor, aber selten.

Dabei ist festzuhalten, dass mein Bruder in den seligen Zeiten vor 1989 und vor der Euroeinführung gerade in der Zeit, als er bei einem Schweizer Unternehmen angestellt war, als Monteur mit vielen Auslandseinsätzen gut verdiente. Auch trug er als Fertigungsleiter in einem mittelständischen Betrieb doch eine erhebliche Verantwortung. Diese Rahmenbedingungen haben sich negativ entwickelt, wie noch zu zeigen sein wird. 

 

Hubert Geißler stammt aus Bayern und war Lehrer für Kunst/Deutsch/Geschichte. Die beschriebenen Situationen sind realistisch und gehen auf Gespräche mit seinem Bruder, einem Machinenbautechniker, zurück. 

Die erste Folge dieser Beitragsserie finden Sie hier.

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H.Störk / 07.12.2019

Die begrenzten Fähigkeiten beim Verfassen von Texten waren es auch, die mich zum “Schrauben” gebracht haben - allerdings erst nach dem Studium. Eine Diplomarbeit in Physik ging noch mit Ach und Krach, aber bei dem Projekt, das Doktorarbeit hätte werden sollen, merkte ich: die Experimente zu Laufen bringen, die Maschinen in Betrieb nehmen, aufkommende Probleme lösen, das liegt mir - Veröffentlichungen darüber schreiben aber überhaupt nicht.

H.Roth / 07.12.2019

Großeltern Bauern, Eltern Fabrikarbeiter, Kinder Akademiker, Meister oder zuverlässige Techniker (wie das Beispiel hier). So sieht es durchweg in meiner Familie aus. Was aus der nächsten Generation wird, ist noch nicht ganz klar. Bleibt nur zu hoffen, dass sie zumindest bodenständig bleiben und ehrlich ihr Geld verdienen. Mit anderen Worten: Kinder, werdet nicht Politiker bei CDUSPDFDPGRÜNELINKE!

Jürgen Probst / 07.12.2019

Viele haben “zwei linke Hände”. Aber die kokettieren nicht damit. Peinlich.

Heiko Engel / 07.12.2019

Und Nutten arbeiten, wie Berufspolitiker, heutzutage auch nicht mehr. Die schreiben gleich ihre Memoiren oder wechseln in die Berufspolitik. Ein Schlimmer, wer Übles dabei denkt. Gegen eine solide Ausbildung spricht überhaupt nichts. Hörte von einem Freund, dass eine große Flugzeugwerft im Jahre 1970 mit Triebwerksproblemen eines neues Typs zu kämpfen hatte. Niemand vor Ort war in der Lage dieses Problem zu lösen. Also tätigte die Basis einen Anruf in Frankfurt beim Vorstand Technik. Der setzte sich, mit eigenem Schrauberkoffer, in die nächste Maschine und flog nach Hamburg. Landete, ging zum Frachtraum, entnahm seinen gesicherten Koffer, zog sich den Blaumann an und löste das vorhandene Problem.  Ist heute kaum vorstellbar. Vorallem mit dem hier vorherrschenden Vorstandspersonal in der UdsEUR..

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