Gastautor / 30.11.2019 / 10:00 / Foto: Tim Maxeiner / 5 / Seite ausdrucken

Aus dem Heldenleben eines Schraubers (7): USA

Von Hubert Geißler. 

Die Montageeinsätze meines Bruders in Moskau waren hier ja schon Thema, und nach einem Arbeitsplatzwechsel zu einer mittelständischen Maschinenbaufima in der Nähe meines Wohnorts kam es zu mehreren Reisen in die USA, vor allem in den Bundesstaat Indiana. Die Reisen fanden zwischen 2003 und 2005 statt.

„Bei den ersten Flügen wurden, wie manchmal so üblich, die preiswertesten Flüge gebucht, die mich einmal über Amsterdam und Atlanta nach Detroit führten und mir schon gepflegt auf die Nerven gingen. Da werden ein paar Euro eingespart und nicht einkalkuliert, dass durch den nicht unerheblichen Zeitverlust bei den Anschlussflügen auch Personalkosten entstehen, von dem zusätzlichen Stress mal abgesehen. Sparen am falschen Ende durch die Verwaltung wäre auch ein lohnendes Thema im Schrauberleben, vor allem in der Materialbeschaffung. 

Der kostengünstigere Flug hatte zur Folge, dass ich mehr als 20 Stunden auf Achse war, abgesehen davon, dass es einen Zielflughafen gegeben hätte, der näher am Einsatzort gewesen wäre. Ich musste so nach diesem Flug und einer Übernachtung noch etwa 800 Kilometer mit einem Leihwagen zum Kunden fahren. So viel zu den schwäbischen Hausfrauen in der Verwaltung des Betriebs. Nach der Reise habe ich das alles schön laut und ironisch verkündet, was immerhin später zu einer besseren Reiseplanung führte.

Die Immigration-Offices und die Security bei der Einreise erinnerten ein bisschen an die Grenzer unseres verflossenen Arbeiter- und Bauernstaates. Pokerface wahren und seriös wirken, machen war die Devise. Ok, 9/11 war noch nicht allzu lange her, und Afghanistan und Irak haben das Sicherheitsgefühl in den USA auch nicht erhöht.

Ständig mit dem Flipchart unterwegs

Ich hatte auch das Gefühl, dass auf der Arbeit Vorschriften und Arbeitsanweisungen  geradezu preußisch streng eingehalten und abgearbeitet wurden. Im privaten Bereich und im Straßenverkehr dagegen viel weniger, wenn die Ordnungsmacht mit ihren heulenden Limousinen nicht in der Nähe war. 

Was mir damals auch auffiel, war, dass die Manager sehr viele Besprechungen ansetzten und ständig mit dem Flipchart unterwegs waren. In Old Germany wurden Probleme in der Regel damals noch mit ein paar Sätzen vor Ort geklärt. Heutzutage scheint diese Art von Management auch bei uns eingekehrt zu sein. Ohne eine in der Gruppe erarbeitete Vision kannst du keine Schraube mehr reindrehen oder ein Kabel verlegen. Wenn’s hilft?

Die Manager waren oft Betriebswirtschaftler und offensichtlich nicht vom Fach. Das heißt, sie konnten schöne Listen schreiben, Daten sammeln und Flipcharts malen, aber oft nicht beurteilen, was technisch machbar war und was nicht. Da scheint in den letzten Jahren auch der „Fortschritt“ über den Atlantik geschwappt zu sein. Mitarbeiter, die praktisch kompetent waren, hielten das Maul und machten die Arbeit, die angeschafft wurde. Diese Methode führt gewöhnlich über Umwege zum Ziel, aber für mich würgt sie die Motivation der Leute ab.

Ich erlebte durchaus auch einen Subunternehmer, der ein paar neue Werkzeuge für Tests hergestellt hatte und sie vorbeibrachte: Sehr freundlich, sehr kompetent, beste Arbeit. Auch mit den normalen Schraubern vor Ort kam ich sehr gut klar.

Die Knarre überm Knie, der Pick-up angebunden

Da wir an einem Sonntag einen 12 Stunden dauernden Testlauf mit der Gesamtanlage fuhren, lud der Projektmanager die beteiligte Mannschaft am Abend  zum Essen ein. Ein Restaurant in einem kleinen Ort wurde vorgeschlagen, und wir fuhren mit einem halben Dutzend Leute dorthin. Das Ambiente erinnerte mich an Winnetous Zeiten: eine Stadtkulisse, wie aus einem alten Western. Neben dem Restaurant war das Sheriffbüro, und man glaubte es kaum: Der Sheriff saß mit Stern auf der Brust im Schaukelstuhl auf der Terrasse, die Knarre überm Knie, der Pick-up angebunden auf der Straße. Das anvisierte Restaurant war geschlossen, so dass wir weiter übers Land fuhren, weiter bis zu einer Art alter Scheune, die einsam in der endlosen Ebene von Ohio stand. Das Restaurant war rustikal eingerichtet, offen und gut besucht. Die Speisekarte war lang, und es gab auch einige italienische Gerichte. Rein aus Interesse bestellte ich als ersten Gang Spaghetti carbonara und erwartete die auch oft in Deutschland servierte Sahnepampe mit Schinken (mein Bruder ist ein begnadeter Koch!).

Aber o Wunder, die Nudeln waren absolut al dente und hätten jeden Italiener erfreut. Ich fragte die Kellnerin, ob der Koch Italiener wäre, da die Speise so originalgetreu gemacht war. Sie verneinte und sagte, sie kochten so, wie Ihr Pfarrer es Ihnen beigebracht hätte, der in Rom einige Jahre studiert habe. Und der Pfarrer habe gesagt, dass sie an den Rezepten kein Jota und kein Strichlein ändern sollten. Manchmal ist die katholische Kirche doch zu etwas gut.

Bei einem anderen Einsatz musste ich mehrere Kunden in Indiana besuchen.  Dort durfte ich auch die Amish people mit ihren Kutschen und Kleidern aus dem vorigen Jahrhundert bewundern, die oft in den Einsatzort kamen, um Besorgungen zu machen. Der Rückflug ging am Montag ab Detroit, und so fuhr ich am Samstag Richtung Detroit und übernachtete kurz vor der Stadt. In Detroit hatten wir einen Kunden mit einer kleinen Standardmaschine, der eine kleine Änderung in der Programmierung brauchte. Da ich kein gelernter Programmierer bin, wurde der Termin auf Sonntagnachmittag  gelegt, so dass ich mir telefonische Unterstützung von unserem Programmierer in Deutschland holen konnte. Ich fuhr nach Detroit hinein und ich bog, da die Straßen nach Nummern geordnet sind und ich kein Navi dabei hatte, auf einer zentralen Ringstraße in die falsche Richtung ab und umkreiste die Stadt durch den Rust Belt der Fabrikleichen von Detroit.

Ein Fan der Schwäbisch Haller Unicorns

Es war ziemlich trostlos und an keiner der Kreuzungen weit und breit kein anderes Auto. War die Ampel rot, bekam ich es echt mit der Angst zu tun: Am Straßenrand standen Jugendliche, spielten mit ihren Klappmessern, wie man das sonst nur aus dem Kino kennt, und blickten lauernd auf mein Auto. Ich schloss die Zentralverriegelung und sagte mir, wenn die auf mich zulaufen, geb ich Gas. Es passierte nichts, aber in so einer Umgebung steigt der Adrenalinspiegel.

Wie man so hört, geht es in Detroit wieder bergauf, und die Stadt fängt an, den Verlust vieler Arbeitsplätze in der Autoindustrie zu verdauen. Vielleicht sollte man sich in Wolfsburg und Ingolstadt mal damit beschäftigen.“

Gefragt, wie er sich denn grundsätzlich in diesem Teil der USA gefühlt habe, meinte mein Bruder, sein dominierendes Gefühl sei gewesen, dass er sich nicht vorstellen konnte, da irgendwo zu bleiben, oder auch nur aus dem Auto auszusteigen: Endlose Ebenen, ohne irgendwelche landschaftlichen Highlights, monotone Stadtszenerien mit der immer gleichen Folge von Einkaufszentren, Tankstellen und Motels: Alles zu groß, alles ohne ein erkennbares Zentrum.

Es sei ihm klar, dass andere Teile der USA sicher spektakulärer seinen als diese Flyover-Amerika. Und die Menschen: Sehr freundlich, aber auch in ihrer Zuwendung ein bisschen oberflächlich. Zusammengefasst dominierte ein gewisses „Fremdeln“, das er so in anderen Ländern nicht empfunden hatte

Interessanterweise ist mein Bruder jetzt ein Fan von American Football in Form der Schwäbisch Haller Unicorns. Das Rätsel USA hat ihn nicht ganz losgelassen.

Die erste Folge dieser Beitragsserie finden Sie hier.

Die zweite Folge dieser Beitragsserie finden Sie hier.

Die dritte Folge dieser Beitragsserie finden Sie hier

Die vierte Folge dieser Beitragsserie finden Sie hier.

Die fünfte Folge dieser Beitragsserie finden Sie hier.

Die sechste Folge dieser Beitragsserie finden Sie hier.

 

Hubert Geißler stammt aus Bayern und war Lehrer für Kunst/Deutsch/Geschichte. Die beschriebenen Situationen sind realistisch und gehen auf Gespräche mit seinem Bruder, einem Machinenbautechniker, zurück. 

Foto: Tim Maxeiner

Sie lesen gern Achgut.com?
Zeigen Sie Ihre Wertschätzung!

via Direktüberweisung
Leserpost

netiquette:

Ridley Banks / 30.11.2019

Die Immigration Officers sind nach dem Praesidenten in den USA die wichtigsten Personen, was die Ausuebung ihres Amtes angeht. Niemals zu unterschaetzen…

Waltraud Köhler / 30.11.2019

Ein Großteil des Artikels wurde in der Ich-Version erzählt, obwohl vorher und hinterher davon die Rede ist, dass das alles Ihrem Bruder passiert ist. Finde ich seltsam so ... Ansonsten, ja, diese At des Managers ist inzwischen sogar schon in Kleinstfirmen (35 Beschäftigte) angekommen.

Manni Meier / 30.11.2019

“Schade, diese Reihe wird zum recht blassen Reisebericht eines “Normaldeutschen” mit Normalvorurteilen” Nö, Herr Lef Kalender, finde ich gar nicht, im Gegenteil, finde sie weiterhin interessant. Was soll denn ein “reisender Schrauber” über die Amisch berichten, wenn er sie nur am Rande bei Besorgungen beobachtet hat? Soll er etwa seiner “Normaldeutschenphantasie” mit den “Normaldeutschenvorurteilen” etwa freien Lauf lassen? Sie scheinen da ja bereits vertiefende Erfahrungen zu besitzen. Also immer raus damit, bin schon ganz gespannt.

Lef Kalender / 30.11.2019

Schade, diese Reihe wird zum recht blassen Reisebericht eines “Normaldeutschen” mit Normalvorurteilen gegenüber den USA. Gerade die Amish (wohl nicht nur in Pennsylvania, aber da war ich tatsächlich mal) sind die IMHO weltweit herrlichsten “Bastler”! Wie dort gemäß btw. trotz ihrer Weltanschauung es geschafft wird, Technik völlig anderer Art zu verwirklichen, ist grandios! DAS wäre eine eigene Folge von “Bastler”-Erlebnissen wert! Und nebenbei: Jedem Bastler und Mitleser dieser Reihe dringend empfohlen: Eine Woche nahe Lancaster mit Mietwagen und Billigmotel im Amishland - Angebote, die Amishwelt kennen zu lernen gibt es reichlich, und deren Deutsch ist sogar durchaus verständlich.

J.G.R. Benthien / 30.11.2019

Da fehlt was: »Interessanterweise ist mein Bruder jetzt . « Na, was ist er denn jetzt? (Anm. d. Red.: Fehlender Satzteil wurde ergänzt. Danke für den Hinweis.)

Leserbrief schreiben

Leserbriefe können nur am Erscheinungstag des Artikel eingereicht werden. Die Zahl der veröffentlichten Leserzuschriften ist auf 50 pro Artikel begrenzt. An Wochenenden kann es zu Verzögerungen beim Erscheinen von Leserbriefen kommen. Wir bitten um Ihr Verständnis.

Verwandte Themen
Gastautor / 05.04.2020 / 16:00 / 19

Mit Tocqueville durch die Corona-Krise

von Marc Jacob. In der Corona-Krise wird unser Staatswesen auf eine harte Probe gestellt. In Rekordzeit wurden dabei Grundrechte beschnitten und ein de facto Ausnahmezustand…/ mehr

Gastautor / 05.04.2020 / 14:00 / 13

Apokalypse, Katharsis oder irgend etwas dazwischen

Von Alain Claude Sulzer. Jeder erinnert sich an den Augenblick, als ihn am 11. September 2001 die Nachricht erreichte, ein Flugzeug habe ein Hochhaus in…/ mehr

Gastautor / 04.04.2020 / 06:15 / 96

Das Lächeln der Misanthropen

Von Johannes Mellein. Vor kurzem musste sich das Model Doutzen Kroes bei ihren Fans für ein Video entschuldigen, in dem sie sich positiv über das Corona-Virus…/ mehr

Gastautor / 02.04.2020 / 16:00 / 23

dpa – Nachrichten-Grundversorger mit Agenda?

Von Andreas Schubert. Wer hat wohl den größten Einfluss auf das deutsche Nachrichtengeschehen? Schlecht Informierte werden rufen: „Natürlich die Springer-Presse!“ Aber die Medien des Axel-Springer-Konzerns…/ mehr

Gastautor / 30.03.2020 / 06:15 / 95

Was ein Krisenstab macht? Das macht er in Amerika.

Von Michael W. Albers. Die deutschen Medien überschlagen sich in ihrer Hofberichterstattung zugunsten ihrer Majestät, der Kanzlerin. Es gibt jetzt auch keine Denkrichtungen mehr, nur…/ mehr

Gastautor / 27.03.2020 / 06:18 / 149

Deutsche Medien: Polen macht alles falsch – immer

Von David Engels. Die Coronavirus-Krise zeigt einmal mehr: Der polnische Staat macht alles falsch. Immer und überall. Jedenfalls in den Augen der deutschen Medien. Wenn…/ mehr

Gastautor / 26.03.2020 / 16:00 / 32

London – Eine Stadt ohne Bürger?

Von Brendan O’Neill. Ich kenne eine Dame, die jetzt am Ende ihres Lebens steht und seit 45 Jahren in der gleichen Londoner Straße lebt. Viele ihrer…/ mehr

Gastautor / 24.03.2020 / 06:25 / 87

Trump in der Krise? Die Irrtümer der Massenmedien

Von Michael W. Albers. In Deutschland waren es ziemlich eindeutig die „bösen“ Rechten, die „Populisten“, die angeblich Ewiggestrigen, die Freunde nationaler Grenzen, die früh vor…/ mehr

Meine Favoriten.

Wenn Ihnen ein Artikel gefällt, können Sie ihn als Favoriten speichern.
Ihre persönliche Auswahl finden Sie Hier
Favoriten

Unsere Liste der Guten

Ob als Klimaleugner, Klugscheißer oder Betonköpfe tituliert, die Autoren der Achse des Guten lassen sich nicht darin beirren, mit unabhängigem Denken dem Mainstream der Angepassten etwas entgegenzusetzen. Wer macht mit? Hier
Autoren

Unerhört!

Warum senken so viele Menschen die Stimme, wenn sie ihre Meinung sagen? Wo darf in unserer bunten Republik noch bunt gedacht werden? Hier
Achgut.com