Aus dem Heldenleben eines Schraubers (4): Realist sein macht verdächtig

Von Hubert Geißler. 

Es gibt in unserem Land eine Schicht, über die, oder besser über deren zunehmendes Fehlen, viel geschrieben wird: Die sogenannten Fachkräfte, Techniker, der gut ausgebildete Teil der produktiven Arbeiterschaft, hier kurz „Schrauber“ genannt. Im Grunde ist aber der „Schrauber“, so wie früher die Frau, ein „unbekanntes Wesen“. Schrauber schreiben selbst selten bis nicht, sie treten nur als Objekte in den Medien auf.

Unser Autor, Hubert Geißler, hat aufgrund vieler Gespräche mit seinem Bruder, einem Maschinenbautechniker, nun versucht, ein authentisches Bild der Lebens- und Arbeitsrealität dieses Standes zu zeichnen. Politische Ansichten, Erfahrungen und Meinungen sollen in der Kolumne „Aus dem Heldenleben eines deutschen Schraubers“ dargestellt werden. 

Ich denke, so gut wie jeder kennt den Begriff der „deformation professionelle“. Der Beruf prägt Mentalität und innere Haltung, oft auch bis ins Körperliche hinein: Lehrer, die immer alles besser wissen, Ärzte, die die Patienten wie unmündige Kinder behandeln, Politiker, deren Sprache nur noch aus Phrasen besteht: Das sind Vorurteile, die sich aber nur allzu oft bewahrheiten. Was ist nun die „deformation professionelle“ eines Schraubers. Notwendigerweise wird er ein eingefleischter Realist sein, auf Funktionalität hin orientiert, antiidealistisch. Er wird wissen, dass man häufig auch improvisieren muss, er wird die Tücke des Objekts nicht nur theoretisch, sondern auch aus der Praxis kennen, er wird auf Nachhaltigkeit bedacht sein, aber auf eine ganz andere Nachhaltigkeit, als die gewöhnlich im linksgrünen Diskurs propagierte.

Schon jetzt dürfte deutlich werden, dass von seiner beruflichen Prägung her der gemeine Schrauber nicht gerade ein Freund aller Klimahysteriker und intellektuellen Industrieabrissbirnen sein dürfte.

So auch mein Bruder. Kommt er in Gesprächen auf die gegenwärtige Klimadebatte zu sprechen, verliert er sozusagen die Contenance und wird nicht selten deutlich, wenn nicht grob: Die bayrische Grüne Katharina Schulze (Kerosinkatha) bezeichnet er als Schülersprecherin mit Handy, die von nichts eine Ahnung habe und deshalb in der Politik Karriere mache. Die Grünen seien die Partei der Studienabbrecher, die in der Welt herum jetteten und ihm, dem alten weißen Mann seinen Opel Corsa missgönnten. Das politische Personal der BRD sei überhaupt eine Katastrophe, parteienübergreifend, und man solle sich nicht wundern, wenn die jüngere Generation bei der Energiepolitik in 20 Jahren T-Shirts für China nähen und Holzspielzeug für Indien schnitzen werde.

„Mir wird’s schon noch reichen, aber dann…“

Die in der Presse eher verschämt aufgeführten Zahlen der geplanten Entlassungen, vor allen bei Banken und Autozulieferern, scheinen ihm recht zu geben. Diese nur auf Trumps Probleme mit China zurückzuführen, scheint ihm zu kurz gegriffen. Die Hauptschuld sieht er in der katastrophalen Energiepolitik, der eklatanten Verteuerung der Stromkosten, auch für die Industrie, die die Krise jetzt nur für Produktionsverlagerungen in billigere Länder nutzen würde, im zunehmenden Bürokratismus und in der Minuszinspolitik und der verfassungswidrigen Staatsfinanzierung der EZB: Also die meisten Probleme wären hausgemacht.

Der Blick meines Bruders in die Zukunft ist durchaus pessimistisch. „Mir wird’s schon noch reichen, aber dann…“ Die staatliche Klimarettung sieht er als Steuererhöhungsprogramm: „ Jetzt musst du auch noch für das Schnaufen bezahlen, noch mehr Steuern und Posten für Geschwätzwissenschaftler!“

Mein Bruder ist keineswegs gegen Umweltschutz, sieht die Lösung aber eher in technologischer Weiterentwicklung als in Verboten. Die Konzentration auf Erderwärmung und CO2 hält er „...für einen Witz. Kucken die Leute nicht aus dem Fenster raus? Früher war’s im Winter auch kalt und im Sommer warm.“ Das klingt nun alles etwas hemdsärmelig, dabei ist mein Bruder durchaus sehr gut informiert, stellt Messmethoden und Bezugswerte infrage und ist durchaus auch in physikalischer Hinsicht auf der Höhe der Debatte, nur leider mit einem anderen Ergebnis als dem gesellschaftlich gewünschten.

Er glaubt im Übrigen, dass eine deutliche Wirtschaftskrise im Anmarsch sei, die sicher auch die Klimadebatte deutlich verändern werde. Die sei im Grunde, vor allem was die Schülerdemos betreffe, ein Schönwetterphänomen.

Techniker, Industriemeister, alle vom Realo-Ufer

Bei der Erwähnung Carola Racketes flippt er völlig aus: „Die schleust die Leute illegal nach Deutschland und sagt dann, sie würde auswandern, das Land sei ihr zu voll. Geht’s noch?“ Dazu die Story eines Bekannten: Der, ein wohlhabender leitender Angestellter, wurde von seinen halbwüchsigen Kindern monatelang „klimamäßig“ fertig gemacht. Eines Tages schlug er zurück. Er weigerte sich, die Kinder in die Schule oder zum Sport zu fahren, bestellte den Strandurlaub im Süden ab, sprach vom Wandern im Altmühltal und siehe da, die Kritik seines Nachwuchses verebbte binnen kürzester Zeit.

Das Klima kann aber auch zu schlechtem Klima führen: Einmal im Jahr gibt’s in meiner Familie ein Cousin-/Cousinentreffen. Meine Vetternschaft besteht durchaus aus Leuten, die im weitesten Sinn sozial der Schrauberei zuzuordnen sind: Bauleiter, Familienunternehmer, Agraringenieur, Krankenschwester, Techniker, Industriemeister, also alle vom Realo-Ufer. Bei sengender Hitze warteten wir in einem Füssener Café auf die anberaumte Stadtführung. Das Gespräch kam natürlich auf Greta und aufs Klima, bei der Hitze verständlich.

Mein Bruder „leugnete“ und versuchte das mit Zahlen und Fakten zu begründen. Ich saß daneben und hielt mich raus. Die Situation wurde zunehmend angespannt. Man einigte sich darauf, um des Familienfriedens willen nicht weiter zu diskutieren. Bei Aufbruch nahm ich meinen Bruder zur Seite und versuchte ihm klarzumachen, dass seine Argumente nur zur Verhärtung der Gegenfront führen würden. Besser wäre, ruhig zu bleiben und zu wetten. Ich würde bei sowas immer wetten: Um einen Kasten Bier oder ein Sixpack Riesling. Das würde die Leute eher zum Nachdenken bringen.

Dass er zum „Leugner“ gestempelt würde, sei ihm „wurst“, sagt mein Bruder. Ein grün angehauchter jüngerer Mitarbeiter in der Firma würde sich bei der Brotzeit schon nicht mehr zu ihm setzen. Das sei ihm nur recht: Der wäre sowieso so langsam und wüsste alles besser, dann müsste er wenigsten nicht mehr mit dem „rausfahren“. „Rausfahren“ meint Montage im Ausland. Darüber werde ich demnächst berichten.

Die erste Folge dieser Beitragsserie finden Sie hier.

Die zweite Folge dieser Beitragsserie finden Sie hier.

Die dritte Folge dieses Beitrages finden Sie hier

 

Hubert Geißler stammt aus Bayern und war Lehrer für Kunst/Deutsch/Geschichte. Die beschriebenen Situationen sind realistisch und gehen auf Gespräche mit seinem Bruder, einem Machinenbautechniker, zurück. 

Foto: Rosenergoatom

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Olaf Nitzsche / 09.11.2019

Sehr geehrter Autor, diese Schilderung erfreut mich. Der Bruder könnte ich sein. Ich teile die beschriebenen Ansichten vollständig. Schön, dass es mehr von uns gibt. Zum Glück ist mein familiäres Umfeld noch nicht so ideologisiert.

Ilona Grimm / 09.11.2019

Ach, ich wünschte, ich hätte einen begabten Schrauber ohne Höhenflüge in meinem Bekanntenkreis! Hélas, es ist keiner in Sicht. Aber zumindest bei mir auf dem Land kommen die Handwerker noch, wenn man sie schön bittet.  Und sie leisten auch gute Arbeit. Nur auf den Elektriker habe ich sage und schreibe (wegen ein paar Kleinigkeiten) anderthalb Jahre gewartet!! Aufruf an alle Abiturienten: Lernt ein Handwerk oder studiert was Technisches!

Steffen Rascher / 09.11.2019

Ich war vor drei Wochen im Bundestag. Dort haben sich die Fachkräfte eher nicht versteckt, jedenfalls nicht bei der „lieben Demokraten“.

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