Gastautor / 11.01.2020 / 10:00 / Foto: Tim Maxeiner / 5 / Seite ausdrucken

Aus dem Heldenleben eines Schraubers (12)

Von Hubert Geißler.

Dass die Schrauberei in Ländern, die entweder unterentwickelt sind oder völlig andere Moral- und Rechtsvorstellungen haben, gelegentlich schwierig, ja sogar gefährlich sein kann, leuchtet sofort ein. Dabei ist der Ablauf der Arbeit noch das geringste Problem, gerade nach Dienstschluss lauern die eigentlichen Gefahren. Manche Gegenden sind zu meiden, der Rat erfahrener Kollegen oder mit dem Land vertrauten Leuten ist einzuholen, Telefonnummern für den Notfall muss man immer parat haben und ein Evakuierungsplan sollte existieren.

Besser als die graue Theorie können hier zwei Geschichten aus dem Schraubermilieu meines Bruders das Problem illustrieren.

Noch im letzten Jahrhundert wurde in China die Produktion des dort sehr erfolgreichen VW Santana eingerichtet. Die Montagemannschaft hatte ein leicht zwielichtiges Lokal ausgemacht, in dem es Musik, Getränke und attraktive Damen gab, die den Kontakt zu den Gästen suchten. Einer der jüngeren Techniker verguckte sich in eine der Damen und auch sie schien nicht abgeneigt. „Halb zog sie ihn, halb sank er hin.“ Man sah sich immer häufiger. Was der Gutste nicht wusste: Auch der damalige Polizeichef der Stadt erhob Anspruch auf die Schönheit. Es kam, wie es kommen musste, ein Streit im Lokal drohte zu eskalieren. Der damalige Montageleiter traf eine schnelle und die einzig richtige Entscheidung: Ticket besorgen und sofort ausfliegen!

Die zweite Geschichte: Wahrend eines mehrere Jahre dauernden Montageauftrags im Russland der Nachwendezeit verliebte sich einer der Männer in eine Russin und organisiert dort die Trauung. Die Sache wurde auch im Kollegenkreis erörtert, die Befürchtung bestand, dass das Mädchen einfach nur die Gelegenheit benutzen wolle, in den Westen zu kommen. Die Truppe kaufte ein Ticket nach Hause, der Koffer des Mannes wurde gepackt, ein Fahrer mit Wagen organisiert und der Kollege vor dem Standesamt zur Seite genommen. Ihm wurde gesagt, was gesagt werden musste und das Hochzeitsgeschenk in Form der vorbereiteten Flucht gegeben. Die Entscheidung des Bräutigams war, doch zu heiraten. Er war den Kollegen auch nicht böse, sondern empfand das Ganze als freundschaftlichen Akt. Wie es mit dieser Ehe weiterging, wusste mein Bruder auch nicht.

Man lässt keinen Kollegen in der Scheiße sitzen

Mein Bruder wortwörtlich: „Die Solidarität zwischen Monteuren bei solchen Einsätzen habe ich immer als sehr groß empfunden. Auch wenn es nur technische Probleme gab, man lässt keinen Kollegen in der Scheiße sitzen, auch wenn es für einen selber unangenehm wird. Und dadurch ist manchmal auch eine klare Ansage nötig, die im normalen Betrieb als persönlicher Angriff gewertet würde. Ausgesprochen, umgesetzt und vergessen.

Sich in einem fremden Umfeld zu bewegen, ohne auf kulturelle, rechtliche, medizinische oder sprachliche Probleme zu stoßen, ist fast unmöglich und vermutlich auch nicht durch einen Lehrgang zu beseitigen. Diese Probleme tauchen zum Teil sogar in westlichen Ländern auf, und es kann zu Missverständnissen kommen, die erkannt und ausgeräumt werden müssen. Da hat man es immer wieder mal mit Leuten zu tun, deren Toleranz bei nicht ihrem Weltbild entsprechendem Verhalten sehr klein ist.“

Unbestritten ist aber, dass gerade Auslandsmontagen und ihre speziellen Bedingungen die Beteiligten zusammenschweißen. Man teilt sich nicht nur die Arbeit, sondern in der Regel auch die Freizeit. Davon unberührt bleibt, dass man mit dem einen lieber, mit dem anderen weniger gerne „rausfährt“. Es soll nicht verschwiegen werden, dass es in der Schrauberzunft Leute gibt, die man als „Rosinenpicker“ oder „Wegducker“ bezeichnen könnte, die, wenn es um schwierige, unkomfortable oder aus welchen Gründen auch immer nicht so lukrative Aufträge geht, sich „verkrümeln“. Dabei werden dann Urlaubsplanungen, familiäre Gründe, Krankheiten, Sprachprobleme und derartiges angeführt. Es gibt eindeutig ein gewisses Talent, im entscheidenden Moment „abzutauchen.“

Ein Kollege sollte noch in den 1990er Jahren einen Auftrag in China durchführen. Keiner wollte da hin, mehrere Kunden waren zu bedienen, Inlandsreisen mit schwerem Gepäck, die auch noch selbst zu organisieren waren, waren erforderlich.

Nach seiner Rückkehr ging es um einen Auftrag in den USA: Überschaubar, komfortabel, „easy“. Jeder wollte das machen, alle meldeten sich lautstark. Der ältere Kollege wurde ebenfalls laut, verwies auf den Chinajob, vor dem sich jeder gedrückt hatte. Da war die Sache geklärt. Ein gewisses Selbstbewusstsein ist durchaus nötig, wenn man seine Interessen durchsetzen will, sonst wird man zum „Arsch der Truppe.“

Und wenn Argumente nicht helfen, sollte man sich schnell aus der Firma verabschieden, „etwas Besseres als den Tod wird man überall finden.“

 

Hubert Geißler stammt aus Bayern und war Lehrer für Kunst/Deutsch/Geschichte. Die beschriebenen Situationen sind realistisch und gehen auf Gespräche mit seinem Bruder, einem Machinenbautechniker, zurück. 

Die erste Folge dieser Beitragsserie finden Sie hier.

Die zweite Folge dieser Beitragsserie finden Sie hier.

Die dritte Folge dieser Beitragsserie finden Sie hier

Die vierte Folge dieser Beitragsserie finden Sie hier.

Die fünfte Folge dieser Beitragsserie finden Sie hier.

Die sechste Folge dieser Beitragsserie finden Sie hier.

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Die siebte Folge dieser Beitragsserie finden Sie hier.

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Die elfte Folge dieser Beitragsserie finden Sie hier.

Foto: Tim Maxeiner

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Hjalmar Kreutzer / 11.01.2020

Einfach danke für die vielen schönen Geschichten, die für sich selbst sprechen.

Christian Feider / 11.01.2020

Montage wie hier beschrieben geht doch eigentlich noch… einfach mal einer Dauerauslandsstelle für einen Konzern oder freelance durchziehen, das unter lokalen Bedingungen ist dann der richtige Spass,wo auch ein “Ticket und ein Koffer und ein Taxi” nicht helfen, den dortigen Bedingungen so einfach zu entgehen… meine Erfahrung ist,das an grossen Durchgangsflughäfen wie zb Dubai oft in den Kneipen sehr ruhige Expats (nicht zu verwechseln mit Managern) sitzen und man nur einen Blick auf das Gegenüber zu werfen braucht um zu wissen,auch der Kollege hatte wieder einen “tollen” Job hinter sich aber eine Klasse Serie ! dank dafür,erinnert an viele Begebenheiten auf dem Weg

Dirk Kern / 11.01.2020

Das ist eine tolle Serie mit Berichten über die wahren Helden unseres Wirtschaftslebens. Ich dirfte viele solcher sympathischer Menschen kennenlernen und erinnere mich an sie sehr gerne, im Gegensatz zu manchem aufgeblasenen und wichtigtuerischen Managertypen. Vielen Dank dafür. Wäre schön, wenn es diese Veröffentlichung einmal als Buch zu kaufen gäbe.

Max Wedell / 11.01.2020

Da erinnere ich mich an die Schilderung eines Kollegen, der einmal in Libyen noch zur Ghaddafizeit in einem IT-Projekt eingesetzt war. Nach Feierabend fuhr er mit Kollegen durch irgendein gottverlassenes Kaff, um sich das Land ein wenig anzuschauen. Ein Polizist sprang ihm auf einmal vors Auto, Polizeikontrolle. Der Polizist hatte wohl schnell erkannt: Ausländer. Genau vor so einer Situation hatte man die Herren Programmierer gewarnt. Wenn ihr nicht euer letztes Hemd verlieren wollt oder wegen irgendwelcher Kinkerlitzchen mal ne Woche in einer gottverlassenen Zelle bei Wasser und Brot verbringen: Unbedingt Gas geben und ab durch die Mitte! lautete der von libyschen Kollegen in dringlichem Ton vorgetragene Rat. Und so geschah es dann auch. Freude, entkommen zu sein, kam allerdings aufgrund einsetzenden Beschusses von hinten nicht auf, eher Panik. Nachdem man beim Hotel angekommen allerdings die Schußtreffer im Heck untersucht hatte, war die Erleichterung übergroß, das Abenteuer überlebt zu haben. Die restlichen Tage wurden lieber ein wenig mehr Überstunden im Projekt gemacht als das Land noch näher zu erkunden.

Otto Nagel / 11.01.2020

Herr Geißler, so einfach können Sie sich hier nicht verkrümeln !  Das “Heldenleben eines Schraubers” hat das Zeug, mit weiteren Fortsetzungen zur “Lindenstraße” von achgut zu werden. Eine große Fangemeinde haben Sie ja !

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