Bevor wir etwas weiterphilosophieren, kommen wir erst einmal zum Fundstück des heutigen Tages: Um neu geschaffene Stellen besetzen zu können, hat die Bundespolizei die Anforderungen an Bewerber gesenkt. Bei den Deutschtests für den mittleren Dienst sei zum Beispiel die Fehlertoleranz im Diktat angehoben worden (Wie man hört, sind nun ein Fehler pro sieben Wörter genehmigt. Aber warum sieben? Wegen den sieben klassischen Planeten? Sieben Todsünden? Sieben Geißlein? Klingt auf jeden Fall esoterisch!) Um das quasi plastisch vorstellbar zu machen: Eine Normseite besteht aus 30 Zeilen. Jede Zeile dürfte so 10 bis 15 Wörter haben. Also wären auf der Seite circa 50 bis 60 Fehler tolerabel. Nicht schlecht, Herr Specht, da würde schon eine Menge rote Tinte verspritzt.
Beim Fitness-Test seien Weitsprung und Liegestütze durch einen Pendellauf zu ersetzen. Was sagt man da? Ich selbst würde sowieso nicht bestehen, weil ich nicht weiß, was ein Pendellauf ist. Und außerdem: Karl der Große konnte auch nicht schreiben, aber, so liest man, kräftig dreinschlagen. So what! Nun, zurück zum Sprachverfall!
Die Defizite im Sprachlichen beschränken sich keineswegs nur auf die Orthographie, schlimmer noch ist der beobachtbare Zusammenbruch der Syntax, der auf einen Mangel an Satzlogik hinweist, die Tempi durcheinanderbringt, Beziehungen verwirrt und kaum mehr in der Lage ist, mehr als einen Nebensatz einzufügen, ohne dass sich das komplette Satzgefüge chaotisiert, dergestalt, dass der arme Korrektor rote Tinte verspritzen muss ohne Maß und Ziel, um seiner endlichen Bestimmung gerecht zu werden, wobei er aber darauf achten muss, den Verfasser des vorgelegten Textes nicht zu entmutigen.
Weniger kleistisch in einfacher Sprache ausgedrückt: Ein langer Satz ist schlecht. Ein langer Satz ist falsch. Niemand versteht ihn. Schade!
(Ganz nebenbei: Einen Vergleich von Herrn Maaßen mit Michael Kohlhaas kapiert auch keiner mehr.)
„Das“ oder „dass“ bleiben ein Rätsel
Wenn nun, wie unser Rückgriff auf Humboldts Sprachtheorie nahelegt, auch der individualisierte Geist als eine Art Prägestempel des sprachlichen Ausdrucks aufgefasst werden kann, dann liegt der Verdacht nahe, dass, wenn der Ausdruck Mängel aufweist, es auch mit dem Geist, oder sagen wir moderner, mit der Intelligenz, nicht immer so weit her sein kann. Der IQ soll ja sinken, auch in unseren Breiten. Keine Sprachlogik, keine Logik, so einfach scheint der Befund. Und wer die früher übliche Satzzerfledderei im Lateinunterricht mitgemacht hat, kann ein Liedchen von Sprachlogik singen, zumal damals in ferner Vergangenheit die Korrekturgepflogenheiten simpel waren: 0 Fehler 1, 1 Fehler 2 und so weiter, bei kürzeren sogenannten Extemporalia, unangekündigten schriftlichen Tests. Würde man das heute machen, dann dräuete das Amtsgericht und um den Polizeinachwuchs im Staate wär es schlecht bestellt.
Wie könnte man das beschreiben, was sich sprachlich als Defekte in der heutigen Schülergeneration zeigt? Auf der einen Seite zeigt unsere Sprache auf jeden Fall ab dem 18. Jahrhundert eine Zunahme sprachlicher Individualisierung. Goethe schreibt anders als Schiller, Kleist anders als Hölderlin. Die Sprache als Ausdrucksmittel wird individuell überformt, aber eben über-formt. Heutzutage wird sie eher unterformt, wir haben es häufig mit einer Art von defizitärer Individualsprache zu tun, wenn's nicht auch schon wieder eher ein kollektiver Slang ist, wie „Turcoteutonisch“ oder dergleichen. Diese speziellen, oft jugendsprachlichen Phänomene werden dann noch in den Formen des Rap in die Köpfe gehämmert und gelten als „megacool“.
Ich habe noch grammatische Strukturen selbstverständlich am Latein gelernt und diese aufs Deutsche übertragen. Heutzutage wird, obwohl sie bis zum Überdruss gelehrt wird, deutsche Grammatik einfach nicht mehr beherrscht: „Das“ oder „dass“ bleiben ein Rätsel, „dieser“ und „jener“ ebenfalls, der Konjunktiv, die Möglichkeitsform, wird völlig unmöglich. Geredet wird nur noch direkt, nicht indirekt und wo auf dem Pausenhof die Worte fehlen, wird auch schon mal gerne zugeschlagen.
Die Welt wird sehr, sehr eindimensional
Ein besonders trübes Kapitel ist die historische Dimension der Sprache. Ich musste in meiner Praxis als Lehrer leider feststellen, dass ältere Texte schon mittlerer Komplexität nicht mehr verstanden werden. Ich spreche hier nicht von Kant oder Heidegger, nein, schon Schillertexte sind kaum mehr dechiffrierbar. Abgesehen davon, dass damit kulturelles Erbe droht, definitiv in der Versenkung zu verschwinden, fällt auch eine geistige Dimension zunehmend aus.
Keinem würde es einfallen, aktuelle politische Probleme ohne ihre historischen Hintergründe verstehen zu wollen (obwohl Reden und Verhalten gerade bundesdeutscher Politiker/innen das befürchten lassen), und keiner würde zur Erklärung zum Beispiel biologischer Phänomene auf die Evolutionslehre verzichten. In der Deutschdidaktik wird das faktisch immer mehr getan. Sprache ist zunehmend nur noch ein funktionell gedachtes Kommunikationsmedium, das am besten durch Piktogramme ersetzt wird. Caesar wird zu einer Art Sparringspartner für Asterix und Obelix, und die Gladiatorenkämpfe finden im Dschungelcamp statt. Die Welt, auch die Sprache als Teil derselben, wird sehr, sehr eindimensional; wir leben immer mehr und mehr auf einer flachen Erde. Wer aber nie gelernt hat, Entwicklung zu denken, dem dürften auch Inspirationen für die Zukunft nicht gerade in den Schoß fallen.
Das Fremde der Vergangenheit geht verloren, weil es nicht mehr verstanden und durchfühlt wird. Noch im besten Fall wird Geschichte im Säurebad der Kritik entsorgt und bleibt als Schlagwort erhalten. Dass heute schon protestierende Bauern als „Nazis“ bezeichnet werden, weil sie ihre Gülle nicht selber saufen und Weihwasser auf die Felder schütten, zeigt das ganze Dilemma ahistorischen Denkens.
Dekadenz einer korrumpierten Individualsprache
Und die Qualifizierung des CO2 als universeller Gottseibeiuns zeugt von einem Rückfall in ein magisches Weltbild, also in das des vorreformatorischen Mittelalters und seiner Kinderkreuzzüge. Savonarola lässt grüßen, aber den kennt auch keiner mehr.
Zurück zur Sprache. Deren historische Dimension ist stark verbunden mit der romantischen indoeuropäischen Sprachforschung. Die Tatsache, dass sich im humboldtschen Bildungssystem der Sprachvergleich nicht auf moderne Sprachen, sondern auf die alten bezogen hat, birgt einiges an Potenzial, das hier nicht angemessen besprochen werden kann. Nur kurz ein Hinweis: Steiner meint, dass das geistige Feld der Sprache auf jeden Fall ein historisches wäre. Nicht ganz unlogisch, wenn man „Geist“ auffasst als über der konkreten Aktualisierung existierendes, ausgedehntes Phänomen, und zwar im Raum und in der Zeit. Hegels „Weltgeist“ ist da zumindest eine Denkfigur. Fassen wir zusammen:
Das humboldtsche Bildungskonzept scheint gerade durch die Betonung der historischen Dimension der Sprache in der Orientierung auf den Unterricht in den klassischen Sprachen das Formelement der Sprachbildung ungeheuer zu fördern. Was Humboldt aus dem Kontext des Neohumanismus und -klassizismus initiiert hat, dürfte in der Wirkung tiefer gehen, als diese Reform als zeitbedingte Modeerscheinung vermuten lässt.
Mit der Revision dieses Bildungssystems ab den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts verschwindet allgemein die historische Dimension der Sprache im Unterricht zusammen mit dem in der Praxis des Übersetzens realisierten Sprachvergleich. Das hat als Folge oder zumindest als Begleiterscheinung eine Dekadenz in der Sprachformung, die zu einer korrumpierten Individualsprache führt. Sprachförderung kann daher nicht nur auf einem verhaltenstherapeutisch-behaviouristischen Einpauken von Regel beruhen, sondern müsste das spracherzeugende Feld, die überindividuelle Formkraft stärken.
Lesen Sie am nächsten Samstag in der letzten Folge: I have a dream.
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@Wiebke Ruschewski. Sie haben das gut veranschaulicht.
Wichtig ist es freilich, die Satzzeichen mitzusprechen: „Das ist richtig.“ → „Krass korrekt, aalda“ • „Woher kommst du?“ → „Wo du komme, fragdisch“ • „Sei still!“ → „Tustu helstu Maul halde, figgdisch“. Sonst wird man nicht verstanden.
Im Prinzip ein eher sprachphilosophischer Beitrag. Anfangs noch mit konkreten Bezügen, später dann stark theoretisch. Eigentlich etwas für Fachleute. Meine Kritik (ich befasse mich grundsätzlich erst dann mit der dt. Sprache, wenn sie von den Opinionleadern und Multiplikatoren so stark versaut wird, daß offensichtliche logische Verwirrungen die Folge sind) liegt eher bei der täglichen falschen Anwendung. Beispiel: wenn jemand 2000€/mon verdient, ich aber 4000, dann könnte man sagen, ich verdiene einmal mehr als er, also zweimal soviel. 6000 wäre dann zweimal mehr, also dreimal soviel usw. Logisch richtig wäre demzufolge, daß "fünmal mehr" bedeutet: sechsmal soviel. Glauben Sie mir: so ist es nicht gemeint. Man fragt sich da nicht nur, wer zum ersten Mal einen solchen Unsinn geredet hat, sondern auch, wer das nachplappert. Ich kann Ihnen zumindest sagen, wer das nachplappert: Kleber, Buhrow, Slomka, Will, Maischberger undundund. Inzwischen ist "dreimal soviel wie . . ." praktisch ausgestorben. Ebenfalls ausgestorben: die indirekte Rede (ersetzt durch das Konditional) - "ich dachte, du wärst nicht zu Hause" statt " . . . seist nicht zu Hause", die Vorvergangenheit: "gestern ist auf dem Marktplatz eine Bombe explodiert - sie ist in einem Papierkorb deponiert worden" statt " . . . war . . . deponiert worden". Hier noch einige unfreiwillig komische Formulierungen deutscher Journos: n-tv: " der aufgefundene Schädel birgt ein grausames Geheimnis." (Grausam kann ein Mensch sein, ein Geheimnis nicht). Nochmal n-tv, Videotext: " . . . er konnte seinen Feinden nicht her werden" (abfotografiert), dann gibt es da " die entlegende Karibikinsel" (tv Welt), wieder im TV: " . . . der Ingenieur hat in der Flugzeughaut einen Spalt entdeckt; Spalten beeinträchtigen die Aerodynamik des Flugzeugs", Tele 5 Videotext: "Bund beratet sich am Donnerstag", nochmal TV: " Der Bericht aus der Forensik ist vielversprechender", und so geht es heiter weiter. Mehr Platz hobinet . . .
Die Abschaffung von Rechtschreibung und Grammatik wird meist damit begründet, dass das Regelwerk dazu da sei, die "Schwachen" der Gesellschaft, v.a. Migranten, zu unterdrücken. Doch ausgerechnet mit der Abschaffung des Regelwerks wird jedem und gerade den Schwächsten die Teilhabe verweigert. Wenn ausgerechnet die Schule den wissbegierigen Jugendlichen absichtlich den Zugang zu Kant (Rassist), Lessing (Atheist), Goethe (Frauenverächter) versperrt - wo, wann und wie sollen sie jemals lernen, selbstständig zu denken?
Herr Geißler, nun auch noch Humboldt! Ihre Goethe (und Schiller) Kenntnisse fand ich schon wenig überzeugend. Und nun diese formelhafte, gänzlich ahistorische Ausführung zu Humboldt. Haben Sie sich schon mal Gedanken darüber gemacht, welche Funktion im Bildungsprozess Humboldt der Sprache zumaß und was wir heute für Möglichkeiten haben, von denen Humboldt nicht die leiseste Ahnung haben konnte? Wenn es um "die Erzeugung eines Universums in der Individualität einer Person" (auch aus der Erinnerung zitiert) geht, geht es schon lange nicht mehr ausschließlich um Sprache und schon gar nicht um Arabesken einer überkomplizierten Sprachstruktur. Sonst müssten die Navajos ja bei den Nobelpreisen hervorragen .... nein, Angelsachsen mit ihrer einfachen Sprachstruktur dominieren. Schon mal was vom Leitermodell Wittgensteins gehört? Wie auch immer, eigentlich schätze ich Ihre Artikel. Bei aller meiner Kritik will ich nicht übersehen, dass sie nicht nur unterhaltsam und den "common sense" bestätigend sind, ja ich gestehe Ihnen durchaus solide Fachkenntnisse zu. Das mag meine ätzende Kritik manchmal überdecken. Letztlich ziehe ich doch den Hut vor Ihnen. Sie treffen die Erwartungen und Bedürfnissee der Leser viel besser als ich es jemals könnte. Und dass Akademiker immer streiten müssen, ist ja bekannt.
Sehr geehrter Herr Geißler, von Beginn an verfolge ich ihre Beiträge auf diesem Blog und bin immer wieder beeindruckt von Ihren Gedanken. Aus einer Familie stammend, in der es einige Lehrer*innen (wie ich dieses Schluckaufsternchen hasse!) gibt – mein Vater war Lateinlehrer auf einem privaten Gymnasium – , habe ich dennoch die mich unterrichtenden Lehrkörper*innen (!) nicht gerade bis auf einige Ausnahmen geliebt. Heute jedoch in der Erinnerung habe ich ihnen sehr viel zu verdanken, und ich gedenke ihrer mit Hochachtung, jedenfalls den meisten. Immer wieder lese ich die deutschsprachigen Autoren der vergangenen Jahrhunderte bis zurück zu Hartmann von Aue oder dem Nibelungenlied. Ob die heutige PISA-Generation diese überhaupt noch verstehen kann, wage ich nach Ihrem Text zu bezweifeln. Wie viele großartigen Gedanken, wieviel Freude und Glück (jawohl!) wird dem auf Sparflamme gebildeten Nachwuchs damit entgehen!
Betreffend Fitness-Test: Früher gehörte das Stangenklettern bei der Rekruten-Aushebung für die Schweizer Armee selbstverständlich dazu, musste aber vor Jahren abgeschafft werden, weil "heute kaum noch einer nach oben kommt", so die Aussage eines Militärarztes.