Eins haben die Bildungsreformen der letzten Jahre auf jeden Fall geschafft: die Lehrer im Schulsystem weitgehend zu entmachten, mit sehr bedenklichen Folgen für die Qualität desselben.
Freie Schulwahl der Eltern, Inklusion, Machtzuwachs der Elterngremien, Konkurrenz der einzelnen Schulen um Schüler, Psychologisierung des Unterrichts mit einer Tendenz, den Schüler grundsätzlich als Opfer seiner Verhältnisse zu sehen, Reformitis, Dominanz des Bildungsverwaltungsapparats: Alles schwächt die Position des Lehrers, setzt ihn tendenziell permanent ins Unrecht: Er verlangt zu viel, er verlangt zu wenig, er zensiert zu lasch, er zensiert zu streng, er setzt sich durch, er setzt sich nicht durch: Egal was er macht, es ist potenziell falsch.
Gesetze und Erlasse füllen die Fächer im Lehrerzimmer in einer Geschwindigkeit, dass man kaum mit dem Lesen nachkommt. Das Resultat bei den Kollegen scheint mir eher eine gewisse Dickfelligkeit zu sein. Dabei wird der Chor der Forderungen immer lauter: Lehrer müssen natürlich Sozialarbeiter, Vorbilder, Fachleute, eierlegende Wollmilchsäue des Geistes sein. Es gibt ja so viel zu tun: Gender, Digitalisierung, Umwelt, Arbeitswelt, alles muss seinen Platz finden, es fragt sich nur, in welchen Stunden.
Schulen, die auf „Kunden“ angewiesen sind
Dabei konkurrieren Schulen durchaus um Schüler: Melden sich zu wenige an, drohen Aufhebungen von Klassenteilungen oder Abordnung von Lehrkräften. Und so füllen sich die Lokalzeitungen mit Bildern von Abschlussklassen in Frack und Abendkleid, von Schulleitern, die Auszeichnungen in die Kamera halten: Grüne Schule, Europaschule, Toleranzschule, Gold in der Matheolympiade und so weiter und so fort, man muss ja Werbung für sich machen. Was so gut wie nicht vorkommt, ist die Richtige-Rechtschreib-Schule oder die Großes-Einmaleins-Plakette.
Was hat das aber mit der Notengebung zu tun? Ein ist klar: Auf der Ebene lokaler Buschtrommeln ist erst einmal die Schule die beste, die am problemlosesten Berechtigungen vergibt, das heißt Schüler nicht aussortiert. Eine strengere Notengebung, wie sie von der Öffentlichkeit häufig gefordert wird, zumindest, solange das nicht dem eigenen Kind in die Quere kommt, ist nicht im Interesse der Schule, die auf „Kunden“ angewiesen ist.
In der öffentlichen Kritik steht dabei vor allem die Vergleichbarkeit der Abituraufgaben. Einen Versuch der Gleichschaltung durch eine Kommission haben neulich erst Bayern und Baden-Württemberg sabotiert.
Wenn’s nicht gar der Papa macht?
Was dabei nicht berücksichtigt wird, ist, dass die Zeugnisendnote sich nur zu einem Bruchteil aus der Abiturprüfung ableitet. Die Halbjahresleistungen werden aufaddiert, mündliche Leistungen einbezogen, Formate wie GFS (gleichwertige Feststellung von Schülerleistungen, eine Art von Referaten) verbessern meist den Schnitt.
Die schriftliche Abiturprüfung ist für die allermeisten Schüler nur noch ein relativ irrelevanter Teil des ganzen Notenmarathons.
Über die Rolle der Subjektivität der Bewerter bei Prüfungen gibt's Untersuchungen ohne Ende. Was nun für das Schriftliche wahr ist, gilt umso mehr für das Mündliche. Da werden Leistungen bis auf zwei Stellen hinter dem Komma ausgerechnet, wobei eine gute Leistung im Mündlichen erst einmal in Wohlverhalten und Häufigkeit der Meldungen besteht, fast ungeachtet des Blödsinns, der dabei nicht selten verzapft wird. Und: Die Bewertung des Mündlichen hängt meiner Beobachtung nach massiv vom Klassenniveau ab.
Ein mittelmäßiger Schüler in einer schwachen Klasse wird eher besser zensiert als in einer leistungsfähigen. Und die GFS: Ehrlich gesagt, ist das meistens ein mehr oder weniger gutes Umformulieren eines Wikipedia-Artikels. Was sollen die Schüler denn auch machen, wenn's nicht gar der Papa macht? Zudem bietet das Internet – die Themen sind ja bekannt –, ein reichhaltiges Angebot an Lösungen für jede denkbare Aufgabe.
Gezielte Paukerei auf Prüfungen
Und die schriftlichen Tests: Wenn sie zu schlecht ausfallen, werden sie kassiert und die Lehrkraft bekommt Rechtfertigungsprobleme. Man darf aber nicht vergessen: Für den Lehrer sind Noten eine Art Maginotlinie des Unterrichts, die letzte Disziplinierungs- und Verteidigungsmöglichkeit, die er eigentlich hat. Aber davon später.
Die letzten Schuljahre sind eine gezielte Paukerei auf Prüfungen. Dazu eine Anekdote: Bei einem Konvent der Kunstlehrer in meinem Sprengel wurde über die Abiaufgaben gesprochen: Unter anderem war ein Thema Gebäude des japanischen Architekten Ando. Eine Kollegin meinte, die Schüler würden am Ende des Schuljahrs jede Türklinke in einem Andobau kennen, aber Romanik und Gotik nicht unterscheiden können. Der Befund lässt sich extrapolieren.
Eine weitere Anekdote: Ich habe mal in der 12. Klasse Bühnenbilder entwerfen lassen. Prüfungsaufgabe war ein Entwurf zur Venusbergszene aus dem „Tannhäuser“. Ich gab vorher eine kurze Einführung in die Oper. Keiner der Schüler kannte auch nur den Namen von Richard Wagner. Absolut keiner, nie gehört! Wohlgemerkt: Das waren keine dummen Kinder, das ist das Ergebnis eines Systems, das sich mehr und mehr auf sogenannte „Kompetenzen“ kapriziert und ansonsten zur Ermahnungspädagogik entartet.
Der Begriff „Bulimielernen“ dürfte bekannt sein. Reinstopfen und zum Test auskotzen und dann vergessen.
Noten nur am Ende des Schuljahres
Es kann nun der Eindruck entstehen, ich wäre grundsätzlich gegen Noten und Leistungsbewertung. Bin ich aber nicht, wenn einige Punkte berücksichtigt würden:
- Bewertet wird am Schluss! Was soll diese endlose Notenabschichtung mit ihrem Dokumentationsstress und ihrer Scheinobjektivität? Eine Prüfung am Ende, am besten schriftlich, müsste reichen. Es zählt nicht, was ein Schüler irgendwann mal gewusst hat, sondern was auf Dauer „hängengeblieben“ ist, gerade in den MINT-Fächern.
- Jahresnoten sollten nur darüber Auskunft geben, ob der Schüler dem Jahresstoff überhaupt folgen kann oder zu folgen bereit ist.
- Lehrende und Prüfende sollten getrennt werden. Warum keine Prüfungsaufgaben durch die Universitäten stellen, korrigieren können ja immer noch die Lehrer? Detaillierte Korrekturanweisungen gibt es ja inzwischen flächendeckend.
Lesen Sie am nächsten Samstag: Was bleibt eigentlich von Unterrichtsinhalten?
Teil 1 finden Sie hier.
Teil 2 finden Sie hier.
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Guten Morgen, mögen Sie eigentlich Kinder? Frage ich mal ganz provokativ! Die Curriculen lassen im Prinzip den Lehrern sehr viel Freiheit, das nur zum Inhalt eines Jahresziels. Wie Sie das machen und wie Sie zensieren, obliegt ihrer überzeugenden Begründung. Ihre Nr. 3 ist mit Verlaub daneben geraten. Sie haben es mit heranwachsenden Kindern zu tun, die mehreren Entwicklungsphasen gegenüberstehen und bis zum Schulabschluss auch von Ihnen als dritte Person, nach den Eltern ( wenn existierend) prägend sind! Nr. 1 ist auch möglich. Begründen müssen Sie es halt! Setzen Sie Ihren Unterrichtinhalte inter- vielleicht auch transdiziplinär in sog. Projekte,. Diese dauern sowieso schon länger, wenn Sie den Stoff zusammen bündeln. Erfordert am Anfang viel Arbeit in der Vorbereitung, aber dann läufts von selbst und Sie können tatsächlich kleine " Kaffeepausen" einlegen. Eine gut angelegte Mappe spart die Arbeitszeit für die folgenden Klassen, auch wissend im Hinterkopf, dass sich das Wissen alle 5 Jahre verdoppelt. Sie haben natürlich recht, 'reinstopfen von Wissen in kürzester Zeit, obwohl mehr Zeitstunden gegeben sind Diese aber mit der Erziehung der Kinder mehr zu tun haben als früher( Eltern arbeiten). Da ist der Knackpunkt. Die Ausbildung im Lehramt bezieht sich auf die Wissensvermittlung. Es fehlt die Pädagogik!!!! Die " Reformitis" liegt seit 40 Jahren auf Halde. Im übrigen sind Reformen nur Sparmassnahmen.------Auch wenn Schüler nur noch den japanischen Türgriff im Auge haben, die Kollegin hätte vomals vielleicht Projekte der Kulturgeschichte starten können und einen Wagner, der geht nicht nur mit Musik, sondern auch im Kontext mit Geschichte oder eine kleine Reise.Viel spannender, wenn man die Musik nicht mag. Ich mag sie aber. Übrigens, der meiste Stress hängt tatsächlich mit dem Umgang dieser Generationen zusammen. Sehr anstengend. " Dei Koh häv vergeten, dass sie calv wesen is"= Plattdütsch = Die Kuh hat vergessen, dass sie ein Kalb gewesen ist.
Wenn ich "Lehrende" und "Prüfende" am Artikelende lese - lösche ich alle drei Artikelteile aus meinem Gedächtnis. Denn wer die deutsche Sprache so verhunzt - ist ein "Leerer", kein Lehrer.
"Er verlangt zu viel, er verlangt zu wenig, er zensiert zu lasch, er zensiert zu streng, er setzt sich durch, er setzt sich nicht durch: Egal was er macht, es ist potenziell falsch.": Knapper formuliert: Jeder Lehrer ist ein kleiner Trump.
Derjenige Lehrer, der als schlechteste Zeugnisnote allenfalls mal eine 4 erteilt, bekommt selten Probleme. Wer aber die Schüler nach ihren tatsächlichen Leistungen beurteilt, hat schnell Schüler, Eltern, Kollegen und Schulleitung gegen sich und wird seines Lebens nicht mehr froh. Man kann sich selbst ausrechnen, für welchen Weg sich die meisten entscheiden. Es dürfte aber auch klar sein, was das für das Bildungsniveau im besten Deutschland aller Zeiten bedeutet. An Zeugniskonferenzen haben vor allem Leute Spaß, die Sinn für absurdes Theater haben. Ich spreche aus 25 Jahren Unterrichtspraxis.
Ermahnungspädagogik, wie treffend. Leute, die noch nie etwas gearbeitet haben, lehren die reine Leere vom Sozialismus, dem Bessermenschen und dem Muttikulturalismus.
Danke für diesen Bericht (für alle Zustandsberichte). Viele Punkte, die von Ihnen genannt werden, teile ich zu 100%. Gerade die derzeitige Diskussion zum Rassismus und den Denkmälern und deren Zerstörung zeigt, wo unsere Gesellschaft steht. Wir verlieren sukzessive unsere Allgemeinbildung, deren Grundlagen aus den Schulen kommen müssten (Geschichte, Sozialwissenschaften, Erdkunde, Politik, ...). Blöder Spruch, aber wohl wahr: "Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr". Das mit Wagner kann ich total nachvollziehen. Sehen sie es so: es wird weiterhin eine gebildete Schicht geben, die bestimmt und eine Schicht, die schlicht etwas doof ist. da kann man z.B. Migranten besser einpassen. Hmmm. Könnte leicht rassistisch sein. Als alter weißer Mann sollten Sie sich nicht so viel Gedanken machen. Ihre und meine Kinder gehören sicher eher zur gebildeten Schicht.
Das Kaiserreich hat fähige Abiturienten hervorgebracht mit echter Allgemeinbildung. Seltsam, seltsam...