Hubert Geißler, Gastautor / 13.06.2020 / 10:00 / Foto: Bundesarchiv / 17 / Seite ausdrucken

Aus dem Heldenleben eines deutschen Lehrers (2): Die Not mit den Noten

In meinen letzten Berufsjahren war ich als Kunsterzieher an württembergischen Gymnasien tätig. Davon abgesehen, dass in diesem Zeitraum BW zum schieren Entsetzen seiner Bildungspolitiker dramatisch im bundesdeutschen Ranking abgerutscht ist, glaube ich doch, dass einige meiner Eindrücke aufs gesamte System übertragbar sind. Nota bene: Baden-Württemberg, die Brutstätte deutschen Erfindergeistes und Heimat einer gefühlten Hälfte seiner Genies, fiel in einem Bildungsvergleich deutscher Bundesländer von einem Spitzenplatz ins Mittelfeld zurück.

Getestet wurden in der Studie „Bildungstrend 2015“ des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) die Leistungen von Neuntklässlern aller Schulstufen in Deutsch, Englisch und Französisch. Der Slogan „Wir können alles außer Hochdeutsch“ wurde zur selbsterfüllenden Prophezeiung. Was folgte, war kein Rauschen im Blätterwald, es war ein Sturm. Die komplette deutsche Presse stürzte sich auf das Thema, die Kommentare zu den Artikeln gingen in die Hunderte. Tenor: Wir haben’s gewusst oder geahnt; die Politik hat seit Jahren das Schulsystem verbockt.

Die erste Reaktion war natürlich die wechselseitige Schuldzuweisung der politischen Parteien. Ging das Elend in BW nun mit Frau Schawan (CDU, jetzt Vatikan) schon 2004 los, oder hat erst die rotgrüne Landesregierung mit ihrer „Reformitis“ den Karren in den Dreck gefahren, indem sie mit ihrer finanziellen Bevorzugung der Gemeinschaftsschule nach dem Vorbild der sozialdemokratischen Gesamtschulen das traditionelle dreigliedrige System kaputtgespart, wenn nicht gar absichtlich ausgehungert hat? Betroffenheit quer durch die politischen Lager, mit dem Finger gezeigt wurde tendenziell auf den politischen Gegner.

Mit jeder schlechten Zensur machen sich Lehrer angreifbar

Die nächste Ebene der Ursachenforschung zeigt schon eine interessantere Relation auf: Je weniger ein Bundesland sein Schulsystem einer stressigen Dauerreformierung unterzogen hat, desto besser scheint dieses im Leistungsvergleich abzuschneiden. Trotz aller struktureller Unterschiede kommen die Bayern und Sachsen, die sonst ja in der unmittelbaren Vergangenheit wegen ihrer reaktionären Bockigkeit eine eher schlechte Presse hatten, noch relativ gut weg.

Die von oben her verordneten Reformen der letzten Jahre gehen immer mit einem tsunamiartigen Anschwellen behördlicher Verordnungen und Anweisungen einher, die in einer Fülle die Postfächer der Schulleitungen und Lehrer verstopfen, dass sie kaum noch gelesen, geschweige denn in aller Ruhe umgesetzt werden konnten. Schon allein die Bestimmungen zur Einrichtung eines Chemieraums zum Beispiel sind ein Werk mit mehreren hundert Seiten. Verordnungen zur Durchführung von Klassenfahrten sind so gestaltet, dass jeder verantwortliche Lehrer am liebsten die Finger davon lassen würde.

Dazu kommt die allgemeine Verrechtlichung der Schule, vor allem der Notengebung. Mit jeder schlechten Zensur machen sich Lehrer angreifbar: Alles kann anwaltlich eingeklagt, alles muss im Detail begründet und nachgehalten werden. Keine Schwierigkeiten sichert nur gefällige Benotung.

Die eher kleinstädtischen Schulen, an denen ich gearbeitet habe, haben durchaus funktioniert. Die Leitungen waren zugewandt und kompetent, die Kollegen/innen engagiert, die Disziplin in der Regel gut und das außerunterrichtliche Angebot ein breites: Ein Schüler, der wollte, wurde gefördert. Ich möchte allerdings nicht wissen, wie es bei den „Söhnen Mannheims“ oder am mittleren Neckar aussieht, wo sich die Bevölkerungsstruktur der des Ruhrgebiets annähert.

Für ein kleines Kind ist eine schlechte Note Liebesentzug

Doch zuerst einmal ein paar unterhaltsame Geschichten, die Grundsätzliches deutlich machen. Ein Oberstufenlehrer an einer Waldorfschule unterrichtet in der Regel von der 9. Klasse bis zum Abitur (wo der Autor zuvor unterrichtete, Anm. d. Red.). In einem Gymnasium hat man es auch mit Fünftklässlern zu tun, für mich erst einmal ein ganz neues Klientel. Es ging alles gut: Vermutlich wegen meiner fast schon, vom Standpunkt der Kinder aus betrachtet, „großväterlichen“ Ausstrahlung konnte ich mich der Zuneigung der Kleinen fast nicht erwehren. Alle wollten mir in der Pause Bilder ihrer Katzen, Ponys, kleinen Geschwister, Traktoren ihrer Opas und Dreizentnerkarpfen, die sie am Wochenende gefangen hatten, zeigen. Schon das ist eine bemerkenswerte Erfahrung: Die Intensität, mit der die Kinder Kontakt und Zuwendung suchen und dabei leider manchmal auch ausgebremst werden oder wegen der dominierenden Leistungsorientierung ins Leere laufen, ist überwältigend. Wohl gemerkt, ich habe Kunst unterrichtet, ein nicht gerade zentrales Fach, das aber auch benotet werden musste und in den Jahresschnitt einging.

Machen wir uns nichts vor: Für ein relativ kleines Kind ist eine schlechte Note, und das ist schon eine Drei oder Vier, ein Ausdruck von quasi Liebesentzug. Schon die jüngsten Schüler waren fixiert auf die Benotung. Kaum hatten sie ein paar Striche auf dem Blatt gemacht, liefen sie nach vorne, um zu fragen, ob das nun eine Eins geben würde.

Der Zwang zur Vergleichbarkeit der Aufgabenstellungen würgt tendenziell die Kreativität der Schüler ab. Der Kunstlehrplan ist, etwas zynisch gesagt, auf jeder Entwicklungsstufe ein verdünnter Aufguss des Bauhausvorkurses von Johannes Itten und wegen der wenigen Stunden zum Teil kaum realisierbar. Die Vorstellung, etwas Abprüfbares vermitteln zu wollen, geht meiner Meinung nach an den Bedürfnissen der Schüler vorbei. Einmal wurde mein Unterricht vorverlegt, das Sekretariat konnte mich aber nicht informieren, weil ich, wie häufig, mein Handy vergessen hatte und ging davon aus, dass ich rechtzeitig kommen würde.

Als ich eintraf, war meine Fünf schon eine Stunde am Wirken. Die Kinderchen hatten den ganzen Unterrichtsraum verkabelt, sie wussten, wo das Zeug war und bedienten sich begeistert ihres Lieblingswerkzeugs, der Klebepistole. Thema war der gemeinsame Aufbau einer Art von Burg aus Papier und Holz. Da wurde gepappt, geschnitten und gewerkelt, dass mir angst und bange wurde und der Raum sah hinterher aus wie auf der Titanic vor dem Untergang. Deutlich war aber der massive Tätigkeitstrieb der Kinder, dem offensichtlich zu wenig nachgekommen wird.

Grundsätzlich eine Art Rollenkonflikt

Der lähmt sich in den oberen Klassen zunehmend ab. Der Lehrer selbst wird von einer Bezugsperson zu einem, der einen bewertet. Das erzeugt eine zwar meist freundliche, aber spürbare Distanz. Gefeilsche um Punkte gehört zum Alltag und verdirbt in gewisser Weise die rein menschliche Beziehung.

Als Waldorflehrer war ich das nicht gewohnt. Prüfungen gibt es dort nur am Ende der Schulzeit, als Schulfremdenprüfung vom Staat gestellt. Als Lehrer arbeite ich da eher mit den Schülern gegen einen unbekannten „Feind“, die Prüfung und die Prüfer. Beim Staat ist man das in Personalunion, was grundsätzlich zu einer Art Rollenkonflikt führt.

Dazu wieder ein Geschichtchen, auch aus der Fünf. Ich hatte festgestellt, dass Grund- und Aufrissezeichnen ein äußerst beliebtes Thema war. Nicht im mathematisch-technischen Sinne, sondern eher als Phantasieprodukte. Ein Junge fragte mich, ob er ein DIN-A0-Blatt (etwa Tischgröße) haben könne. Das gab es und er bekam es. Er fing an eine Art Grundriss eines Kreuzfahrschiffes zu zeichnen. Als er damit fertig war, wollte er ein zweites Blatt. Das setzte sich über Monate fort, die Arbeit entwickelte sich zunehmend zu einer Art Thorarolle.

Irgendwie hatte ich das Gefühl, ihn nicht stören zu sollen, der Rest der Klasse war schon bei anderen Themen. Die Zeichnung war originell, man hätte die unbemerkt in einer Documenta unterbringen können. Mir war er sehr gewogen: Auf jedem Blatt gab es mindestens eine Bar mit Raucherlounge. Wie gesagt, nach einigen Monaten dachte ich mir, dass da doch mal eine Art Themenwechsel erfolgen sollte. Ich versuchte ihn zu überreden. Er sah mich mit verständnislosen Augen an und machte einfach weiter. Ein aufgeweckter Mitschüler kam zu mir ans Lehrerpult und flüsterte mir zu: „Herr Geißler, Herr Geißler, I kenn dean seitm Kendergarta. Gäben Sies auf!“ (Orginalton Ostalb)

Kämpfe um die Gymnasialempfehlung

Was hätte ich tun sollen: Auf den Tisch hauen? Eine Sechs geben? Vermutlich arbeitete das Kind irgendetwas ab, von dem ich keine Ahnung hatte. Warum sollte er nicht das Recht haben, nach seinen Impulsen vorzugehen? Jeder Künstler nimmt das für sich in Anspruch, warum nicht er? Ich habe ihn weitermachen lassen, natürlich, mich aber damit deutlich außerhalb des Lehrplans und jeder Vergleichbarkeit der Note gestellt.

Ich möchte hier auf ein Dilemma hinweisen, das vor allem Junglehrer und Referendare betrifft: Wenn die den Lehrerberuf nicht nur aus pragmatischen Gründen ergreifen und schon vor Studienbeginn die Höhe der zu erwartenden Pension ausrechnen, dürfte doch bei den meisten ein gewisser Idealismus vorliegen. Sie mögen ihre Fächer und haben eine positive Vorstellung von der Arbeit mit Kindern/Jugendlichen. Der Aufprall auf die Realität ist oft grausam, die Feststellung, dass sie eher Feststeller von Berechtigungen sind als Erzieher, desillusionierend. So wenig ein studierter Apotheker im Grunde mehr ist als ein Fachverkäufer der Pharmaindustrie, so wenig ist ein Lehrer im Kern etwas anderes als ein Notenvergeber, platt gesagt, er soll die Schafe von den Böcken trennen und Lebenschancen zuweisen.

Das schmerzt nicht wenige, die naiverweise dachten, ihre Schüler wären ihre Freunde und man würde im Einvernehmen mit den Elternhäusern das beste für das Kind herausholen. Die Kämpfe um die Gymnasialempfehlung in bayrischen Grundschulen, das endlose, im Zweifelsfall vor Gericht ausgetragene Gezerre um Punkte und Noten sprechen eine andere Sprache. Der Lehrer ist erst einmal Bewertungsbeamter, er vergibt Rechtstitel, Studienberechtigungen, in zweiter Linie kann er mal ganz nett sein. Die Vorstellung, einem Uniprofessor oder Chefarzt klar zu machen, dass sein Sprössling ein perfekter Fliesenleger wäre, macht sofort klar, dass das auf Kabarett oder Zimmerschlacht hinausläuft, im besten Fall auf Privatschule. Ebenso schwierig ist es, einem jüngeren Schüler zu vermitteln, dass er seine Vier bekommt und ich ihn trotzdem mag.

Kurz: Die Schule vermittelt Berechtigungen, dann vielleicht noch Sekundärtugenden wie Pünktlichkeit und Anpassung: Bildung kommt eher nach all dem unter ferner liefen, wenn man ehrlich ist. Doch davon nächstes Mal ein Mehreres.

Teil 1 finden Sie hier.

Lesen Sie nächsten Samstag: Prüfen und Strafen.

Foto: Bundesarchiv CC BY-SA 3.0 de via Wikimedia

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Stefan Hofmeister / 13.06.2020

„Die Vorstellung, einem Uniprofessor oder Chefarzt klar zu machen, dass sein Sprössling ein perfekter Fliesenleger wäre, macht sofort klar, dass das auf Kabarett oder Zimmerschlacht hinausläuft, im besten Fall auf Privatschule.“ Meine Große hat mit Ach und Krach eine Gymasialempfehlung (Bayern) bekommen, die Lehrerin meinte, Realschule wäre besser. Jetzt ist sie mit 17 eine der besten Schülerinnen, perfekt dreisprachig, hochintelligent usw. (diskutiert mit mir über Philosophie etc.) Bei der Kleinen gab es problemlos die Gymnasialempfehlung, sie ist jetzt 14 und da schauen wir mal, wie es sich weiter entwickelt. Hoffentlich zum Positiven … Ist aber vielleicht auch ein Durchhänger, in dem Alter … Dieses System taugt nichts.

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