Vorweg eine historische Überlegung. Es dürfte kaum bestritten werden, dass der Zeitraum von circa 1800 bis in die 30er Jahre des 20. Jahrhunderts, zumindest in der westlichen Welt, in gewisser Weise, nicht nur was Philosophie und Literatur, sondern auch Wissenschaft und Technik anbelangt, von Deutschland stark geprägt, wenn nicht dominiert wurde.
Was für eine Art von Grundbildung haben aber unsere Heroen der Wissenschaft und Technik durchlaufen? Erstaunlicherweise die meisten das Humboldtsche humanistische Gymnasium, eine Veranstaltung, die sich fast monoman auf die Vermittlung von Übersetzungsfähigkeiten in den Alten Sprachen konzentrierte und die sogenannten Realia nur peripher streifte.
Was für Heutige als Spezialausbildung für Theologen noch hingehen könnte, brachte damals alles hervor: Pfarrer, Professoren, Beamte, Wissenschaftler, Militärs, einfach alles, was ein bestimmtes Bildungsniveau verlangte.
Idealistisches und weltfremdes Konstrukt
Das klassische Gymnasium ist für jeden realistisch denkenden Menschen eine Veranstaltung der Vermittlung hochgradig irrelevanter Kenntnisse, die von Humboldt aus einer protestantisch-theologischen Tradition wohl unter dem Einfluss des seinerzeit herrschenden Philhellenismus und der Tendenzen der romantischen Sprachwissenschaften als – von heute aus betrachtet – idealistisches und weltfremdes Konstrukt für 150 Jahre zur schulpolitischen Norm wurde: Kaum Naturwissenschaften, weitgehende Ignoranz gegenüber modernen Fremdsprachen, keine wirtschaftlich verwertbaren Kenntnisse, sondern permanentes Übersetzen von antiquierter Literatur ohne jeden aktuellen Bezug und schon gar ohne jede gesellschaftskritische Relevanz.
Also weg damit, war die Devise in den 1960ern, und bis auf museale Relikte ist das humanistische Gymnasium auch verschwunden. Nicht einmal reaktionäre Verteidiger desselben scheinen richtig zu verstehen, was da eigentlich dran war. Ganz einfach: Das war dran, was jetzt verloren ist.
An der Stelle mal wieder eine kleine Geschichte. Anfang der 1980er hatte ich eine Art von Schnupperstipendium an einem College in Oxford bekommen. Keins der weltberühmten, aber ich war da. Austausch mit englischen Studenten wurde organisiert. Einmal sprach ich mit einem jungen Mann, der klassische Philologie studierte. Ich war selbst an einem humanistischen Gymnasium gewesen, zeitbedingt natürlich sehr skeptisch gegenüber dem Schultyp, und fragte ihn, was er denn beruflich im Auge habe. Er meinte, das wäre überhaupt kein Problem: Banken würden zum Beispiel sehr gerne Altphilologen einstellen, auch jede Art von politischen Organisationen. Ich war baff erstaunt. In Deutschland führte Altphilologie in der Regel nur zum Lehramt der Altphilologie.
Die Engländer schienen das ganz anders zu sehen. Ein aktuelles Beispiel für diese andere Sicht ist der leibhaftige Gottseibeiuns und EU-Zerstörer Boris Johnson. Zitat aus Wiki: „Danach verbrachte er von 1982 bis 1983 ein „Gap Year“ in Australien – er unterrichtete Englisch und Latein an der Geelong Grammar School, einem Eliteinternat in Victoria. Von 1983 bis 1987 studierte Johnson Klassische Altertumswissenschaft am Balliol College der Universität von Oxford.“
„Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt“
Erstaunlich, oder? Man mag ja von dem guten Boris halten, was man will, aber gegenüber den tristen Verlautbarungen unserer Kanzlerin sind seine Reden ein Genuss und entbehren nicht des typisch englischen schwarzen Humors. Bücher hat er auch geschrieben, war in der Finanzwirtschaft tätig und im Journalismus: Ein wahrer Tausendsassa in vielen Rollen, für den ihn offensichtlich die Altphilologie qualifiziert hat.
Es ist ein Allgemeinplatz, dass die Schule „Denken“ lehren soll. Nun verläuft im Allgemeinen das Denken im Medium der Sprache, und es ist zu vermuten, dass eine defizitäre, verarmte Sprache auch nicht unbedingt ein Vehikel eines differenzierten Denkens sein kann. Dabei stelle ich nicht in Abrede, dass es andere Formen von „Intelligenz“, Denken, geben kann: Mathematische, soziale, oder auch sowas wie musikalische oder bildnerische Intelligenz. Die dominante Wertigkeit des sprachlich gebundenen Denkens dürfte aber jedem einleuchten. „Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt“, ich weiß nicht mehr, von wem dieser Spruch ist, ich glaube Wittgenstein, aber da ist auf jeden Fall einiges „dran“.
Um zwei meiner Thesen voranzuschicken, soviel:
- Die Grenzen der Sprache lassen sich auf jeden Fall durch die Kenntnis weiterer Sprachen differenzieren und erweitern. Das Mittel dazu ist reflektiertes Übersetzen.
- Humboldt spricht davon, „dass Sprache die unendliche Bemühung des Geistes ist, den artikulierten Laut zum Träger des Gedankens zu machen.“ Also ist Sprache ein Weg, zu dem wie auch immer verstandenen Geistigen zu kommen, ergo auch ein Weg zu (wissenschaftlicher) Intuition.
Man sieht hier schon, dass man bei der Betrachtung der Probleme nicht um ein bisschen (Trivial-)Philosophie herumkommt. Wie bei einem Rückgriff auf die Romantik unvermeidlich, dürfte es auch ein bisschen esoterisch werden.
Aber gleichviel. An einem System, das funktioniert hat, wie dem Humboldtschen Gymnasium, muss etwas dran gewesen sein. Rein rational ist sein Erfolg nicht erklärbar. Davon in der nächsten Folge.
Lesen Sie am nächsten Samstag: Denken lernen, aber wie?
Teil 1 finden Sie hier.
Teil 2 finden Sie hier.
Teil 3 finden Sie hier.
Teil 4 finden Sie hier.
Teil 5 finden Sie hier.
Teil 6 finden Sie hier.
Teil 7 finden Sie hier.
Teil 8 finden Sie hier.
Teil 9 finden Sie hier.
Teil 10 finden Sie hier.
Beitragsbild: DonkeyHotey Flickr CC BY 2.0 via Wikimedia Commons
@ Fr. U. Schneider: Herzlichen Dank für Ihre wohl gemeinten Worte. Eigentlich ist jetzt freie Zeit! - Humboldts Vermächtnis ist eben das genaue Gegenteil von Sparten-Denken. Vernetztes interdisziplinäres Denken ist angesagt! Das dazu notwendige Wissen kann man sich ja aneignen, wobei man erwarten darf, daß altruistisch Wissen auch weitergereicht wird, ohne den eigenen Stellenwert zu überhöhen. Man hat kein besseres, nur anderes Wissen und lebenslanges Lernen heißt vorrangig ebenso, sich das Wissen der anderen anzueignen, und nicht ein Leben lang zu lernen, daß Schwarz und Weiß nicht zum Spektrums gehören. Zu des Pudels Kern: Es gibt viele Ursachen! So mir die Frage gestellt würde, was die drei besten und nutzvollsten Erfindungen der letzten 25 Jahre aus D-Land wären, ich bin dahingehend absolut ahnungslos und wüßte ad hoc keine Antwort. Es liegt am System (S) an sich und seiner Regelungskreise. Ein S, das funktioniert, muß einen entsprechenden Output hervorbringen können! Es kann sich durch Eigenschwingungen jedoch auch selbst zerstören bzw. bei gestörter Regelung total blockieren. Soweit, bis sich der PC-aufhängt und der Affengriff erforderlich ist. Gleichfalls beste Grüße.
In der britischen Serie "Lewis" gibt es die Figur des DS Hathaway, zum Ende hin befördert zum Detective Inspector. Wenn ich mir eine Folge anschaue, liegt immer das Händi griffbereit. Dieser Hathaway ist eine zerquälte Figur mit klassischem, sogar theologischem Bildungshintergrund. Es fällt immer etwas an Wissensbrocken für mich ab, so daß Wikipedia angeworfen wird. Natürlich wird diese Eggheadedness auch ironisiert, aber gäb es das überhaupt hierzulande im TV? Dazu bräuchte es wohl Mut und eine andere Form von "Haltung".
Ich sprach neulich privat mit einer netten jungen Dame, von Beruf Ärztin. Es ging nicht um Medizin. Als ich sagte: Nun gehen wir in medias res, erntete ich einen fragenden Blick und sah mich zu einer Erklärung gezwungen...Nein, Bildung behindert nur die Unterwerfung unter das neue Nichtdenken, ist total von gestern, bourgeois und rechts. Wir haben doch Erika, Greta, Anna-Lena, all die anderen Kobolde und nicht zuletzt Lügen-Klaus...Wozu noch Bildung, gar humanistische? Frei nach Orwell: Dummheit ist Bildung.
@Magdalena Hofmeister: Vielen Dank, Frau Hofmeister, für Ihren wunderbaren, zutreffenden und auf hohem sprachlichen Niveau formulierten Leserbrief! Ich empfinde alles so wie Sie (mit blutendem Herzen) und genieße die alten Filme, die noch durch geschliffene Dialoge bestechen, ebenfalls sehr. Sie zeigen überdeutlich, was wir haben verwahrlosen lassen und inzwischen verloren haben. Auch die Sprachkunst der klassischen Literatur des 19. Jahrhunderts zeigt uns eine heutige gewisse Proletarisierung selbst der Hochsprache. Es trägt vieles dazu bei. Sicherlich auch die Bilder- und Videoflut, die unsere Medien überschwemmt. Ich stelle auch fest, dass die Menschen kaum noch lesen, d.h. anspruchsvollere Bücher, die den Verstand herausfordern. Dazu haben sie entweder keine Lust oder nicht genügend Ausdauer. Selbst von Akademikern habe ich gehört: Ach nö, lange Artikel zu lesen (ich hatte die Achse empfohlen) ist auch nicht so meins, ich hör mich lieber im Internet um, was da so "gesagt" wird. Der Mensch ist bequem, und wenn es einen gemütlicheren und einfacheren Weg zum vermeintlichen Ziel gibt, dann wählt er den. Oder genauer: Einfach zu viele lassen sich dazu verführen. Das unsägliche Gequatsche der Selbstdarsteller im Fernsehen trägt auch nicht zur Verfeinerung der Sprache bei, modische Anglizismen machen das Desaster komplett.
Ein Professor für Chemie hat auf die Frage, was ein künftiger Chemiestudent in der Schule lernen sollte, geantwortet: "Sprachen, Geschichte und anderes. Chemie bringen wir ihm bei."
Hallo Herr Geissler, das ist nun mal deutsch, extrem abräumen, extrem wegräumen, entweder oder - anstatt sowohl als auch -kaputt geht immer. Ich für meinen Teil würde grundsätzlich drei Jahre Latein empfehlen, als Grundlage der Sprachen. Interessant müsste der Unterricht sein, gleichfalls mit der Herleitung anderer Sprachen. Der Vorteil ist die nahe Sprachverwandtschaft. Es öffnet sich ein anderes Fenster im Oberstübchen, weil die schon bekannte Vernetzung vorhanden ist >> s. Herleitung (Aha!) @B. Oelsnitz: Danke für den Einwand zur Intelligenz und besonders für den letzten Satz. Das ist des Pudel's Kern! FG.
„Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt“. In Zusammenhang mit diesem Satz wäre zu bedenken: 1. Jede Sprache basiert auf der persönlichen Welt-Erfahrung des diese Sprache benutzenden Individuums. 2. Diese persönliche Welterfahrung ist immer auch eine emotionale Erfahrung der Welt. Daraus folgt: Die Grenzen der Sprache und der Welt sind immer auch emotionale Grenzen, die mich ermuntern oder hindern, weitere Welt-Erfahrung zu machen. Emotionale Grenzen in mir bestimmen, was ich mit Sprache ausdrücken kann/will, welche Themen (Bereiche der Welt) ich meide, mit welchen Worten ich die Welt beschreibe. Emotional offene Menschen haben ein offenes Verhältnis zur Welt und zur Sprache, sie sind neugierig und haben die Fähigkeit, Themen aus unterschiedlichsten Perspektiven zu betrachten und zu „beworten“. Sie bemühen sich um sprachliche Präzision. In jedem Gespräch begegnen sich in den Sprechenden immer auch mehrere „emotionaler Welten“, welche durch Sprache ausgedrückt werden. Im Endeffekt ist jedes Streitgespräch ein Streit mit Worten um Emotionen. Deshalb sind zum Beispiel „Talkshows“ oft so öde, weil schnell sichtbar wird, wo die emotionalen Grenzen zum Thema verlaufen, um die dann vermeintlich „sachlich“ gestritten wird, woraus dann ein Drehen im Kreis wird. Bundestagsdebatten bieten in dem Zusammenhang guten Anschauungsunterricht dafür, dass der Satz „Die Grenzen meiner Emotionen sind die Grenzen meiner Sprache, sind die Grenzen meiner politischen Welt, sind die Grenzen meiner Fähigkeit, unterschiedliche Perspektiven einzunehmen und Argumente verstehen und gelten lassen zu können“. Die eigene Sprache zu erweitern und fremde Sprachen kennen zu lernen, ist immer auch eine Erweiterung und Differenzierung des emotionalen Zugangs zur Welt. Ich werde auf diese Weise immer wieder reich beschenkt.