Ende Juni 2018 schafften es zwei bemerkenswerte Meldungen in die deutschen Leitmedien: Eins der größten Unternehmen des Landes, die Deutsche Bahn, will fürderhin darauf verzichten, von Bewerbern um Ausbildungsplätze oder Jobs ein schriftliches Bewerbungsschreiben einzufordern. Die andere Nachricht bestand in einem Loblied auf die auffallende Pünktlichkeit der italienischen Staatsbahnen.
Für einen wertekonservativ angehauchten Leser dürften diese beiden Fakten in einem gewissen Zusammenhang stehen. Jahrzehntelang galt Italien als das Land der Verspätungen. „Domani, forse“ und „komm ich heut nicht, komm ich morgen“ war in unserer nordischen Vorstellungswelt so untrennbar mit dem Land, in dem die Zitronen blühn, verbunden, dass man sozusagen den Fahrplan gar nicht zu studieren brauchte und sich gewöhnlich mit der exzellenten Qualität des Espressos in den Bahnhofsbars tröstete.
Italien, das war spätestens nach Mussolini das Land der Streiks und des „dolce far niente“, man kannte es gar nicht anders. Und nun diese plötzlich Revolution: Pünktlichkeit jenseits des Brenners. Und das ganz im Gegensatz zu den endlosen Verspätungen hier in Deutschland. Wer öfter mit der Bahn durch die Republik gefahren ist weiß, dass Ankunftszeiten nur noch ein unverbindlicher Vorschlag sind, dass Anschlüsse zu verpassen fast die Regel ist, und man froh sein muss, nicht wegen Wetterkatastrophen oder sonstigen Widrigkeiten in der Pampa ohne Möglichkeit der Weiterfahrt zu landen.
Ist korrektes Schreiben eine Spezialfähigkeit?
Wird nun etwa in Zukunft die Bahn von funktionalen Analphabeten betrieben? Spielt die minimale Beherrschung basaler Kulturtechniken, wie Lesen und Schreiben keine Rolle mehr? Ist der Verzicht auf schriftliche Bewerbungen ein Ausdruck finaler Resignation vor einem nicht mehr revidierbaren Verlust einst selbstverständlicher Fähigkeiten? Stellt man sich diese Fragen, dann kommt einem der Gedanke, dass es beim gegenwärtigen Lehrlingsmangel offenbar reicht, einen Schraubenzieher zu halten und ein Anschreiben sowieso nichts mehr über die sprachlichen Fähigkeiten eines Bewerbers aussagt:
Ich selber habe als Deutschlehrer Hunderte von Bewerbungsschreiben nicht korrigiert, sondern renoviert, wenn nicht restauriert und das auf den Ebenen aller Schulstufen. Man kann sich die „Dinger aus dem Netz runterziehen“, was nicht immer das Schlimmste verhindert und an der Abfassung solcher Schriftstücke dürften ganze Familien und Nachbarschaften beratend mitgewirkt haben. Irgendeinen Lehrer gibt’s immer im Bekanntenkreis, der mal „drüber gucken“ kann. Also besser drauf verzichten, wenn die Aussage solcher Schreiben gegen Null tendiert.
Oder steckt da schon der Verdacht dahinter, dass korrektes Schreiben eine Spezialfähigkeit ist, die man keineswegs allgemein voraussetzen kann? Berliner und Münchner Polizeischüler sollen sich da unrühmlich hervorgetan haben, aber wenn jeder, der nicht mehr korrekt schreiben kann, keine Arbeit bekommt, dann bleibt am Ende alles liegen. Einen Schraubenzieher oder einen Gummiknüppel kann auch ein funktioneller Analphabet bedienen und als „Saftschubse“ im ICE braucht’s keinen Duden.
Bei manchem mag sich der schreckliche Verdacht regen, dass das Absinken eines formalen Bildungsniveaus auch mit Katastrophen wie dem Berliner „Fluchhafen“ oder die von ausgewiesenen Dyskalkulatoren berechneten Kosten der Elbphilharmonie zu tun haben könnte. Die Bildungskatastrophe findet nicht nur am Ende der intellektuellen Nahrungskette statt. Die Abiturientenquote strebt gegen fünfzig Prozent und hat mit der Folge des Absinkens der einstigen Standards, wie später zu zeigen sein wird, längst die Universitäten erreicht.
In Krankheit flüchten und aufgeben
Dazu das Zitat eines Schülers im Kommentar zu einem bildungskritischen Artikel:
„Das hätte ich oder jede andere Schüler ihnen auch sagen können. Ich kenne durch den Freundeskreis einige, die nach dem Abi völlig ausgebrannt waren. Und wenn jetzt jemand denkt, der hätte doch auch einen Realschulabschluss machen können. Denkste! Alle wollen Jobs und denken, sie haben mit dem Abi bessere Chancen. Ich gehöre übrigens dazu. Schulstress nimmt immer weiter zu. Liegt sowohl an den Lehrern als auch an Plan, den Eltern die Druck machen, die Leistungsgesellschaft und einer selbst, dass man später ein Versager ist.“
Die Fundstelle ist mir leider verloren gegangen, das Zitat ist aber original und unkorrigiert. Ich denke, ein Kommentar erübrigt sich.
Sei dem wie es wolle: Die Epoche des Bildungsoptimismus scheint definitiv am Ende zu sein; es häufen sich die Bekenntnisse ausgebrannter, hilfloser Lehrer, die angesichts der Inklusionsforderung, der Heterogenerität der Schülerschaft aufgrund von Massenimmigration und eines rapiden Autoritätsverfalls resignieren und letztlich sich in Krankheit flüchten und aufgeben.
Sprachverfall wird zum Sprachwandel
Neben fehlenden mathematisch-naturwissenschaftlichen Kenntnissen, was zum baldigen Aussterben des geschätzten deutschen Diplomingenieurs führen wird, sind es vor allem sprachliche Defizite, die bemängelt werden. Evaluiert wird so gut wie nur noch das Leseverständnis, bei einer kritischen Betrachtung der Textproduktion bestünde die Gefahr, dass sich die Korrektoren die Haare büschelweise ausraufen. Sprachrichtigkeit spielt nun in den immer detaillierter werdenden Korrekturanweisungen für Prüfungen eine immer geringere Rolle: Das Problem verschwindet, weil es sich auf die Zensuren nicht mehr gravierend auswirkt. Landesvater Kretschmann hält ja auch Rechtschreibung für ein Problem, das durch Korrekturprogramme bereits gelöst ist.
Die Wissenschaft, wenn Pädagogik überhaupt im engeren Sinne als Wissenschaft gelten kann, was ich, wie gesagt, bezweifle, scheint in der Defensive: Sprachverfall wird zum nicht aufhaltbaren Sprachwandel umstilisiert: Ein Kollateralschaden eines Bildungssystems, das zunehmend zum sozialpädagogischen Reparaturbetrieb an einer immer weniger domestizierbaren Schülerschaft wird, die aber leider mit dem Bild des edlen Wilden bei Rousseau eher wenig zu tun hat. Denglisch und Jugendsprache sind schon längst auch in konservative Medien eingezogen.
Aber auch das verzagte schulpolitische Roll-Back mit seiner erneuten halbherzigen Leistungsbetonung, das allenthalben zu beobachten ist, scheint nicht, jedenfalls nicht auf die Schnelle, zu Erfolgen zu führen. Schulpolitik ist ein Politikum. Mit ihr werden durchaus Wahlen gewonnen oder verloren. Doch den Bürokraten geht’s ein bisschen wie Goethes Zauberlehrling: Ist die Überschwemmung mal da, lässt sich das nicht einfach rückgängig machen.
Lesen Sie nächsten Samstag: Ein Blick zurück.
Teil 1 finden Sie hier.
Teil 2 finden Sie hier.
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Teil 8 finden Sie hier.
Teil 9 finden Sie hier.
Ich wusste nicht, dass Göring das Gericht erfunden hat. ;-) Zu dem Verzicht auf Bewerbungsschreiben habe ich zwei andere Ideen: 1. Personalmangel. 2. Unlust, das zu lesen. Beim persönlichen Vorstellungsgespräch, zu dem dann anhand des CV geladen wird, trennt sich die Spreu vom Weizen. Notfalls kann ein kleines Diktat eingeflochten werden.
Die Scham ist vorbei - so hieß ein populäres "Frauenbuch". Und so kömmt es mir vor: sie ist leider vorbei. Es gibt ein ausgeprägtes Selbstbewußtsein durch begütigendes gesellschaftliches Nannytum - da braucht es keine Scham mehr. "Alles gut" lautet der Wahlspruch. Dergestalt sediert, sind die Insassen dann auch willfährig.
Oberprima-Deutschunterricht Ende der 1960er: Für jeden Kommafehler im Aufsatz musste man in der Berichtigung die fehlerhafte Stelle nunmehr richtig schreiben und zusätzlich die jeweilige Kommaregel angeben... WENN man dann in der Berichtigung einen anderen Rechtschreib- oder Kommaregelfehler machte, musste man eine "zweite Berichtigung zur ersten Berichtigung" machen. Ich hatte es seinerzeit mal auf eine "dritte Berichtigung zur..." gebracht. OK, sichalich aus häutiger Sicht etwas extrehm aber irgentwie bedänkenzwert.
Man liest es und ist ratlos. Wir haben jetzt also eine Generation mit Abitur, die an die Universitäten drängen, aber eigentlich nichts oder wenig können. Da wird ihnen auch nicht viel beigebracht, weil auch dort das Halbwissen Einzug gehalten hat. Mmh... Politolog/innen, Soziolog/innen und Gender-Forscher/innen sind Leute, die sich eine Gesellschaft leisten kann, wenn auf der anderen Seite genügend Leute stehen, die tatsächlich Werte schöpfen. Eine Gesellschaft muß wirtschaftlich zerbrechen, und daran hängt am Ende alles, wenn die Zahl der unproduktiven Hofnarren ins unermeßliche wächst. Hofnarren sind keine Leute, die die Rente anderer erwirtschaften. Sie waren schon immer Transferempfänger, abhängig von der Laune des Hofherren.
Der zitierte Schüler schreibt was von "ausgebrannt" sein, von "Leistungsstress" und "Leistungsgesellschaft". Boah ey ! Wie passt das mit dem heruntergefahrenen Bildungsstandarts zusammen ? Bei 50% Abiturientenquote kann ja wohl von Stress nicht die Rede sein, oder reden sie hier nicht von Lernstress ? Was stresst die lieben Kinderlein denn dann so schlimm ? Ich verstehe das echt nicht - bitte um Aufklärung.
@Raphael Yohanan Gruber: Ich bin ein Geschichts- und Englischlehrer an einem Gymnasium, also nicht einmal ein Deutschlehrer. Um das von Ihnen angesprochene 'Gejammer von Lehrern' hier einmal fortzuführen: Ich würde in Ihrem recht kurzen Text an 19 (!) Stellen sprachliche Verstöße anstreichen. Vielleicht hat der Autor des Artikels ja doch recht?
Vorneweg: Entschuldigen Sie, aber ich muss Sie leider korrigieren, denn es heißt "Nazi Göring"! Im Zeitalter der elektronischen Kommunikation wird Sprache schlichtweg überbewertet, genau wie Gesetze. Wenn dann ein Migrantenspross in dritter Genaration das deutsche Grundgesetz nicht versteht: kann er doch nix dazu, kriegt er eben die "GehenichtinsGefängnis" Freikarte, weil er ja nix dafür kann. Und genau, wie bei den Palästinensern, hat jeder Migrantenspross auch in der Xten Generation immer noch einen Flüchtlingsstatus. Sorry, aber für mich ist diese ganze Diskussion nur ein Abgesang auf die Bundesrepublik Deutschland.