Von Brian Horowitz.
Welche Lehren können wir aus dem 20. Jahrhundert im Hinblick auf US-Präsident Trumps Plan zur Umsiedlung der Bevölkerung des Gaza-Streifens ziehen?
„Die Massenumsiedlung einer Bevölkerung ist ein schwerwiegender chirurgischer Einschnitt und nur dann zu rechtfertigen, wenn er nicht nur kosmetische Gründe hat, sondern dann, wenn die Alternative Chaos und Zerstörung wären.“ – Joseph Schechtman, 1953.
Der Vorschlag von Präsident Trump, die gesamte Bevölkerung des Gaza-Streifens in benachbarte Länder umzusiedeln, hat einen Sturm der Entrüstung verursacht. Ausländische Staats- und Regierungschefs, UN-Vertreter und Experten haben das Vorhaben als ethnische Säuberung, einen Bruch internationalen Rechts und als Kriegsverbrechen verurteilt. Doch in den Jahren vor und nach dem Zweiten Weltkrieg wurde seitens der kaiserlichen Mächte, der jungen internationalen Organisationen und globaler Führer, die im Rahmen der Weltordnung handelten, die nach dem Versailler Vertrag auf den auseinanderbrechenden großen multiethnischen Reichen gründete, sowohl freiwillige als auch erzwungene Bevölkerungsumsiedlungen als Mittel zur Vermeidung künftiger Kriege betrachtet.
Tatsächlich sahen sie es nicht nur als notwendig und legal an, sondern auch als moralisch gerechtfertigt und vorteilhaft. Für den britischen Außenminister Lord Curzon, der 1923 den Vertrag von Lausanne aushandelte, war die Umsiedlung ganzer Bevölkerungen die „Beseitigung alter und tief verwurzelter Ursachen von Streit“ – eine Maßnahme, die die Grundlage für die Existenz von Nationalstaaten widerspiegelte und die den einzelnen Völkern eine politische Stimme gab.
Ein drängendes Problem für die Post-Versailles-Weltordnung entstand vor allem dann, wenn ein Teil des Volkes eines Nationalstaates sich in der Falle von Landkartenzeichnern und den Realitäten verteidigungsfähiger Geographie wiederfand – auf dem Gebiet eines anderen Nationalstaates. Das Problem war besonders dort akut, wo diese ethnischen Minderheiten in Kriege zwischen dem Nationalstaat ihrer ethnischen Zugehörigkeit und ihrem Geburtsland verwickelt wurden.
Um sowohl nationale Entrechtung zu vermeiden als auch zukünftige Kriege zu begrenzen, war die Antwort auf solche Probleme – wenn es denn praktikabel war – die Umsiedlung der Bevölkerung. Das erste international genehmigte Beispiel für die „Entmischung von Bevölkerungen“ nach dem Ersten Weltkrieg war der freiwillige Austausch der jeweiligen ethnischen Minderheiten zwischen Bulgarien und Griechenland. Danach sanktionierte der Vertrag von Lausanne den zunächst erzwungenen Austausch von Griechen in der Türkei und in den Türken in Griechenland. Obwohl 1,6 Millionen Menschen während dieses Prozesses endloses Leid erfuhren, wurde dies letztendlich allgemein als akzeptabel angesehen, da der Austausch eine neue Realität schuf, in der sich ethnische, religiöse und kulturell monolithische Bevölkerungen bildeten, wodurch Gewalt und Konflikte ein Ende fanden.
Joseph Schechtmans unpopulär gewordene Thesen
Um die Komplexität von Migration, Flüchtlingen und Bevölkerungstransfer zu verstehen, bedarf es dringend eines fähigen Historikers. Glücklicherweise haben wir einen: Joseph Schechtman, ein russischer Jude, der bahnbrechende Bücher wie „European Population Transfers, 1939–1945“ (1946); „Population Transfers in Asia“ (1949); „The Arab Refugee Problem“ (1952); und „The Refugee in the World: Displacement and Dislocation“ (1964) verfasst hat. Schechtman glaubte an die Nützlichkeit des massenhaften Bevölkerungstransfers, den er als nützliche Lösung für blutige Streitigkeiten unter Nationen ansah. Er stellte in seinen Werken ein politisch schwieriges Thema so dar, dass es von Staatschefs, Politikern und einfachen Leuten verstanden werden konnte.
Seitdem sind seine Arbeiten jedoch in Ungnade gefallen. Auch wenn es verlockend sein mag, groß angelegte demografische Trennungen als saubere und effektive Lösung zu betrachten, hat die gewaltsame Umsiedlung von Menschen von einem Ort zum anderen eine Vielzahl tragischer Folgen, für die sich einzusetzen heutzutage als Tabu gilt – auch wenn es womöglich Leben retten kann. Natürlich waren Umsiedlungen in der Vergangenheit meistens keine sonderlich geordneten Prozesse.
Nehmen wir die Geschichte der Juden, die während des Ersten Weltkriegs von der russischen Armee vertrieben wurden. Eine Tragödie, die von Tod durch Erschöpfung, Hunger, Zerstörung und Verlust von Eigentum sowie Misshandlungen auf der Wanderung in die Sicherheit erzählt. Aufgrund ineffektiver Regierungen, der Gelegenheit, Rache zu üben, und der Möglichkeit, das Hab und Gut eines anderen zu stehlen, ist solch eine Umsiedlung in der Regel mit enormem Leid verbunden. Sicherlich kann man das nicht mit dem vergleichen, was derzeit unter den Bewohnern des Gazastreifens diskutiert wird, die sich trotz wiederholtem Beginnen von Kriegen und entsprechenden Niederlagen gegen ihren mächtigeren Nachbarn nun mit dem amerikanischen Angebot konfrontiert sehen, ihr Leben anderswo wieder aufzubauen.
Hitler und Stalin als schlechte Beispiele
Das Geschmäckle an der Idee einer Umsiedlung ist natürlich die Tatsache, dass solche im letzten Jahrhundert oft durchgeführt wurden, um weniger hochgesteckte Ziele zu erreichen. So drängten die Nazis mit ihren Truppen nach Osten und benannten Teile Polens und Tschechiens um, um die slawische Bevölkerung umzusiedeln und Platz für Volksdeutsche zu schaffen. Nach dem Krieg hatte Stalin seinen eigenen Plan: Er verschob die Grenzen nach Westen, wobei die Ukrainer die Polen, und die Tschechen und Polen die Deutschen verdrängten.
Nach dem Zweiten Weltkrieg gingen ähnliche Entwicklungen mit einer globalen Dekolonialisierungswelle einher, die die Logik des Ethno-Staaten-Modells erweiterte, das die Welt am Ende des Ersten Weltkriegs übernommen hatte. 1947 tauschten Inder und Pakistaner die Bevölkerung, wobei eine Million Menschen getötet wurden. Die Gründung des Staates Israel und ihre Folgen führten dazu, dass 750.000 Palästinenser im gesamten Nahen Osten vertrieben und mehr als 850.000 Juden gezwungen wurden, ihre Häuser im Irak, Iran, Syrien, Ägypten, Libanon und anderswo zu verlassen. Und natürlich gab es die Opfer des Holocaust sowie die DPs (Displaced People = Vertriebene Menschen, auch: Sh'erit ha-Pletah), die Überlebenden des Versuchs der Nazis, die Welt von Juden zu säubern, die sich in den späten 1940er Jahren und danach auf den Weg nach Israel machten. Niemand bei klarem Verstand würde eine dieser Bevölkerungsbewegungen als ideal bezeichnen. Die Alternative schien damals (und auch heute noch) noch weniger ideal: nämlich Massenmord.
Schechtmans vergebliche Bemühungen zur Rettung der Juden
Joseph Schechtman war ein Produkt dieser Geschichte – und ihr aufmerksamer Beobachter. Kind einer jüdischen Familie in Odessa, geboren im Russischen Reich des Jahres 1891, war Schechtman zu großen Teilen russifiziert, soll heißen: er lebte in einem russischen kulturellen Umfeld. Neben den gängigen Sujets von Puschkin, Dostojewski und Tolstoi geriet Schechtman unter den Einfluss des aufgehenden Sterns des Zionismus, Vladimir Jabotinsky, der ebenfalls aus Odessa stammte. 1918 schickte die zionistische Bewegung Schechtman nach Kiew, wo er sich der neugebildeten ukrainischen Regierung anschloss, der Rada. Der junge Schechtman wurde Zeuge der anti-jüdischen Pogrome, die 1918 ausbrachen und 1919 und 1920 an Intensität zunahmen. Er floh 1921 nach Berlin, wo er sich den russischen Emigranten anschloss, die dem bolschewistischen Kommunismus entkommen waren. Mitte der 1920er zog er nach Paris, als die Mark ihren Wert verlor und schrieb mehrere Bücher über die Gewalt gegen Juden in der Ukraine.
Seine Verbindung zu Jabotinsky wurde enger, der zu dieser Zeit der Anführer eines militaristischen Zweiges geworden war, der als Revisionismus (Ha-Tzohar) bekannt war. Mitte der 1930er schickte Jabotinsky Schechtman nach Polen, wo der Revisionismus populär geworden war. Die Revisionisten versuchten, mit der polnischen Regierung die geheime Umsiedlung von Juden nach Palästina auszuhandeln. Abgesehen von illegalen Anstrengungen schlugen alle Versuche, die geringe Anzahl von Ausreise-Zertifikaten zu erhöhen, die die Briten ausgesellt hatten, fehl. Die Briten weigerten sich, ihre Politik zu ändern, die die jüdische Emigration nach Palästina in den späten 1930ern begrenzte. Jabotinsky rief dazu auf, freiwillig Juden aus Osteuropa zu evakuieren, doch kein Land erklärte sich dazu bereit, mehr als eine symbolische Anzahl von Juden aufzunehmen. Jabotinskys weitgehend nicht ernst genommene Vorhersage, dass dies einen Massenmord an den europäischen Juden durch die Nazis zur Folge haben werde, erwies sich in der Folge als Tatsache.
Schechtmans Emigration in die USA
1941 schaffte es Schechtman irgendwie, aus Europa in die USA zu entkommen, wo er sich einer Glückssträhne erfreuen konnte. Jakob Robinson, der Direktor des Institutes für Jüdische Angelegenheiten, beauftragte ihn, eine dreibändige Studie zur Geschichte von Bevölkerungstransfers zu schreiben; mit Schwerpunkt auf den Jahren 1939 bis 1942. Laut Gil Rubin, einem Gelehrten in Fragen von Populationstransfers, war Robinson bei der Diskussion über die Zukunft nach dem Krieg ein führender Kopf: Wie würden Minderheitenrechte und insbesondere die jüdische Frage aussehen? Rubin merkt an, dass die Wahl von Schechtman zunächst seltsam schien, da Schechtman schließlich keine Erfahrung auf dem Gebiet der Demographie hatte. Aber "Schechtmans Studie war die erste und detaillierteste zu diesem Thema."
Schechtman wurde dann rekrutiert, um an Franklin Delano Roosevelts „Projekt M“ (für Migration) mitzuwirken, ein Unterfangen zur Gestaltung der Nachkriegsweltkarte durch Umsiedlungsprogramme, beinhaltend auch die Umsiedlung sowohl der überlebenden europäischen als auch der amerikanischen Juden über den gesamten Globus, um ihre künftige Konzentration in einem neuen Nationalstaat zu verhindern. Diese Operation wurde durch das Office of Strategic Services (Amt für Strategische Dienste), dem Vorläufer der CIA, geleitet, unter der Mitarbeit führender US-amerikanischer Akademiker der Columbia University und der University of Chicago. In jedem Fall wird Schechtmans Rolle im „Projekt M“ seitens der Gelehrten als bedeutsam eingeschätzt, da seine Arbeit am Projekt – obwohl sie Juden für Umsiedlungen „aussuchte“ – seine Überzeugung stärkte, dass die Priorität auf staatlichen Interessen liegen sollte und die Nutzung von Umsiedlungsprogrammen als nationale Strategie bestätigte.
In seinen Schriften behielt Schechtman ein gewisses Maß an Objektivität und Distanz bei, war jedoch insgesamt für die staatlichen Bemühungen zur Förderung ethnischer Einheitlichkeit. In „Postwar Population Transfers in Europe“ schrieb er: „Im Großen und Ganzen befürwortet der Autor die Umsiedlung ethnischer Gruppen als Lösung für Nationalitätsprobleme, die sich auf andere Weise als unlösbar erwiesen haben. Er glaubt jedoch, dass nicht alle in dieser Studie behandelten Bevölkerungsumsiedlungen als gleichermaßen gerechtfertigt angesehen werden können und dass einige von ihnen überhaupt nicht gerechtfertigt waren. Er betont auch, dass die enormen Schwierigkeiten und Leiden in den frühen Phasen einiger Umsiedlungen durch vernünftige Planung und Organisation hätten abgewendet werden können, und dass die Umsetzung der durch die Entscheidungen der Potsdamer Konferenz angeordneten Umsiedlungen in erheblichem Maße „humanisiert“ wurden – und zwar durch eben diese Entscheidungen. Die Potsdam-Konferenz, aus der durch Vereinbarungen von Stalin, Truman und Churchill/Attlee die Pläne für ein Nachkriegs -Europa hervorgingen, beschloss auch die Evakuierung ethnischer Deutscher aus der Tschechoslowakei nach Deutschland nach dessen Niederlage.
Die Nachkriegszeit und die Israelfrage
Schechtman teilte im Großen und Ganzen die Weltanschauung der Versailles-Ära und glaubte, dass erzwungene Bevölkerungstransfers mehr Probleme lösten als sie schufen. Er zeigte Sympathie für das sowjetische Nachkriegsprojekt: „Die sowjetische Regierung hatte sich offenbar das Prinzip der Umsiedlung ethnischer Bevölkerungsgruppen als Mittel zur Lösung komplizierter territorialer und nationaler Probleme angeeignet. […] Die sowjetischen Führer versuchten, die Ursache des polnisch-russischen Grenzkonflikts zu eliminieren, indem sie klare ethnische Abgrenzungslinien schafften und Minderheiten beseitigen, deren bloße Existenz immer Stoff für irredentistische Propaganda und Aktivitäten liefern würde.“ Die Ansicht, dass ethnische Minderheiten eine Wunde sein würden, die niemals heilen könne, motivierte viele andere Umsiedlungen in Europa, Asien und im Nahen Osten. Schechtman behauptete, dass die Bemühungen der Staaten, Konflikte durch die Beseitigung der Ursachen von Streit zu verhindern, sinnvoll seien. In jedem Fall unterstrich Schechtman, dass Umsiedlungen zu den Fakten des Lebens in den Nachkriegsjahren gehörten, als die Länder, die ihre Zukunft in einer Welt der Nationalstaaten ohne bedeutende nationale Minderheiten definierten.
Als die Frage Israels und Palästinas in den Fokus geriet, blieb Schechtman konsequent. Seine Position entsprach größtenteils der der israelischen Regierung, welche besagte, die Juden seien angegriffen worden, hätten den Krieg gewonnen und seien nicht bereit, zum Status quo ante zurückkehren, der die drohende Vernichtung überhaupt erst ermöglicht hatte. Die Palästinenser mussten nun in den Gebieten, in denen sie sich wiederfanden, von ihren arabischen Brüdern assimiliert werden. Es gab keine Rückkehr in die Dörfer, die, wie er zugab, gar nicht mehr existierten, weil sie im Krieg oder durch den neu gegründeten israelischen Staat zerstört worden waren. Schechtman führte des weiteren 1961 in seinem Buch „On The Wings Of Eagles“ aus, dass die Juden der arabischen Länder selbst Opfer gewaltsamer Vertreibung gewesen waren, und dass deshalb die etwa 350.000 Juden aus arabischen Ländern, die in den frühen 1950er Jahren nach Israel kamen, einen Standard für Bevölkerungsaustausch darstellten.
Schechtmans Thesen fallen in Ungnade
Doch während die internationalen Organisationen wie die Vereinten Nationen und die meisten politischen Gespräche weiterhin die Ordnung der ethnisch basierten Nationalstaaten nach dem Ersten Weltkrieg als gesetzt ansehen, werden die grundlegenden Prämissen dieser Ordnung inzwischen in Frage gestellt, insbesondere unter den Wissenschaftlern, die versuchen, die Standards der „internationalen Gesetze“ und „Menschenrechte“ durch die kollektiven „Rechte“ der „Völker“ auf „Selbstbestimmung“ in Form von Nationalstaaten zu ersetzen. Wissenschaftler, die heute im Zusammenhang mit Fragen der Migration, Bevölkerungstransfers und Flüchtlingsstudien über Schechtman schreiben (zum Beispiel Mark Mazower, Laura Robson und Geoffrey Levin), äußern scharfe Kritik, bis hin zu vollständiger Ablehnung.
Professor Mark Mazower (Columbia University) kontextualisiert Schechtmann und bedauert dessen Standpunkt. Er schreibt: „Schechtman träumte davon, das Problem der Minderheiten im Nahen Osten und Südasien durch allumfassende angeordnete Bevölkerungstransfers vollständig zu beseitigen. […] Obwohl allumfassende Vereinbarungen schwer zu erreichen waren – oft, weil die betroffenen Staaten nicht hinreichend gute Beziehungen hatten – Schechtmans Abneigung gegenüber Minderheiten und sein Wunsch, sie verschwinden zu lassen, passen besser in die Stimmung der Nachkriegsjahre als die Alternative.“ Andere, wie der palästinensische Akademiker Nur Masalha, haben Schechtman als zentralen Ideologen zionistischer Propaganda über „demographische Transformation Palästinas“ dargestellt:
„Eine der Initiativen des Transfer-Komitees [im Jahr 1948] bestand darin, Dr. Joseph Schechtman, einen rechten, zionistischen, revisionistischen Führer und Experten für „Bevölkerungstransfer“ einzuladen, damit er sich deren Bemühungen anschließe. 1952 veröffentlichte Schechtman eine propagandistische Arbeit mit dem Titel „Das arabische Flüchtlingsproblem“. Seitdem wurde Schechtman zum einflussreichsten Propagandisten des zionistischen Mythos des „freiwilligen“ Exodus.“ (Hervorhebung durch den Verfasser).
Ob Schechtmann tatsächlich zum einflussreichsten Propagandisten des zionistischen Mythos des „freiwilligen Exodus“ wurde, ist fraglich. Nichtsdestoweniger weisen Forscher ihm die Bestimmung unser heutigen Vorstellungen von Israel in Bezug auf die Ethik und die Praxis von Bevölkerungsumsiedlungen zu.
Die Nazikeule
Seine Kritiker beklagen auch, dass seine Ideen bezüglich der Behandlung von Minderheiten Ähnlichkeiten mit nationalsozialistischen Konzepten trügen. Anstatt Schechtman mit der Politik der Nazis gleichzusetzen, wäre es zutreffender zu sagen, dass das, was seinem Denken, einschließlich seiner Sympathie gegenüber staatlicher Macht, zugrunde liegt, sein Verständnis des Zionismus war. Seine Überzeugungen lagen im Revisionismus und dessen Anziehungskraft auf Herzls Überzeugung: Als nationale Minderheit waren Juden in Gefahr; ihre Verfolgung würde nicht enden, bis sie ein Land erwürben, in welchem sie die Mehrheit bildeten. Das Ziel für Schechtman war immer ein jüdischer Staat, in dem sich Juden verteidigen konnten. Die Umsiedlung einer feindlichen Bevölkerung, die diesem Projekt den Krieg erklärt hatten, wurde zu einem notwendigen Mittel zum Zweck.
Sicherlich entging es Schechtman nicht, dass ein Bevölkerungstransfer, obwohl potentiell und real tödlich, Menschen auch retten konnte, einschließlich solcher, die Angriffskriege führten und verloren. Das Schicksal der Deutschen beispielsweise, die nach dem Zweiten Weltkrieg aus der Tschechoslowakei in Zugwaggons gepfercht nach Westen geschickt wurden, erscheint tragisch, allerdings bewahrte die Umsiedlung sie vor Rachemorden und anderen Akten der Vergeltung, die ebenfalls ihren Tribut zollten. Schechtman sah die Umsiedlungen der Nachkriegszeit auch als vorteilhaft für den Frieden auf dem Kontinent an. "Den polnischen Staat mit Millionen von leidenschaftlich nationalistischen Deutschen zu belasten", schrieb er, "hätte nicht nur die Existenz Polens, sondern den Frieden Europas bedroht."
Umsiedlungen als „Dekolonialisierung“
Trotz weiterer solcher Fälle in den Jahren danach waren Umsiedlungen im Laufe der Zeit als Instrument der Staatsverhandlung weitgehend diskreditiert. In den späten 1940er und frühen 1950er Jahren mochte Schechtmans Standpunkt möglicherweise sowohl als praktisch als auch gerecht gegolten haben, aber das Staatensystem des Zweiten Weltkriegs und seine erkenntnistheoretischen Prämissen wurden in den frühen 1960er Jahren immer weniger salonfähig. Und das, obwohl es weiterhin im großen Maßstab Umsiedlungen gab, wie etwa während des algerisch-französischen Krieges, als französische Staatsbürger und Juden Algerien in großer Zahl verließen – diesmal unter dem Banner der Dekolonialisierung, mit unterschiedlichen und inhärenten Gruppenrechten für die Nachkommen der „Unterdrückten“ und der Nachkommen der „Kolonisatoren“ und ihrer Verbündeten.
In der Welt der postkolonialen Theoretiker wurden Schechtmans Bücher, mit ihren Topoi der Krise des Krieges und des sozialen Zusammenbruchs als Bedingungen für Umsiedlungen, die einfach auf dem Status von Mehrheiten und Minderheiten beruhen, die wiederum auf einem Recht auf Nationalstaaten, basierend auf romantischen Ideen des Volkskörpers aus dem 19. Jahrhundert, als obsolet angesehen. Schechtman selbst erkannte die Verschiebung. Er schrieb 1963:
“Die beiden grundlegenden Tendenzen der [internationalen Politik der Nachkriegszeit] sind der Schutz der Rechte und Grundfreiheiten des Einzelnen sowie der Gründung und Erhaltung der Demokratie. […] Der neue Standpunkt wurde auf dem Glauben gegründet, […] dass ein universeller, im Gegensatz zu einem regionalen oder Gruppenansatz zum Schutz der Rechte des Individuums die Ursachen der Irritation auf Seiten der von Minderheitenverträgen gebundenen Staaten beseitigen würde. Da das implizite Stigma der Minderwertigkeit nun fehlte, wurde erwartet, dass die Staaten eher bereit sind, gleiche Verantwortung gegenüber ihren eigenen Bürgern zu übernehmen.“
Zypernkonflikt und Balkankrieg
Der alte Ansatz der Minimierung ethnischer und religiöser Diversität war in den sogenannten regelbasierten Systemen der Staaten im Rahmen des kalten Krieges nicht länger statthaft. Schechtman erkannte an, dass Staaten nicht willkürlich Menschen aus ihren Ländern hinauswerfen und aus ihren eigenen Bürgern Flüchtlinge machen konnten, selbst dann nicht, wenn das Verhalten bestimmter Minderheiten der Mehrheit den allerletzten Nerv kostete.
Kurz nach Schechtmans Tod führte dann der Konflikt auf Zypern zum Transfer griechischer bzw. türkischer Zyprioten in die nördlichen respektive südlichen Teile der Insel. Im letzten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts verzeichneten weitere Bevölkerungsaustausche infolge des Konflikts im ehemaligen Jugoslawien. All diese Kriege, ganz zu schweigen von denen des 21. Jahrhunderts, hätten Schechtman wahrscheinlich dazu gebracht, seine Meinung zu überdenken.
Trumps Vorschlag aus Schechtman-Perspektive
Was würde Schechtman über Trumps Vorschlag sagen? Schechtman hätte 1953 wahrscheinlich so reagiert: „Die Entfernung potenziell gefährlicher ethnischer Minderheiten selbst ist natürlich keine absolute Garantie für Frieden und Stabilität. […] Aber es steht fest, dass in jeder zukünftigen, endgültigen Ansiedlung, die Europa und der Welt Frieden bringen soll, die ethnische Homogenität politischer Einheiten eine Faktor von erstrangiger Bedeutung sein muss. Bevölkerungstransfers sind nur gerechtfertigt, wenn sie zu diesem höheren Ziel beitragen.“ Mit anderen Worten: an Orten, an denen der Frieden sonst nicht erreicht werden kann, kann die Reduzierung beträchtlicher nationaler Minderheiten als „höheres Ziel“ verteidigt werden.
Trumps Forderung, die Bevölkerung des Gazastreifens in die Nachbarländer zu verlegen, repräsentiert den Wind der Geschichte des 20. Jahrhunderts, der in die denaturierte Sprache der internationalen Institutionen des 21. Jahrhunderts zurückweht. Es bleibt abzuwarten, ob sich der Plan des US -Präsidenten realisieren lassen wird. Obwohl es für die Bürger der Vereinigten Staaten und anderer internationaler Körperschaften ein Anathema ist, wäre Trumps Vorschlag für Schechtman, der ethnische Konflikte und das Überleben von Staaten als Nullsummenspiel begriff, absolut sinnvoll gewesen. Die Bevölkerung des Donbas, der Ukraine, von Russland, Israel nach dem 7. Oktober, Gaza und dem palästinensischen Westjordanland würden dieser Sichtweise wohl alle zustimmen, auch wenn sie sich wahrscheinlich nicht einig wären, wer wohin gehen soll.
Dieser Beitrag erschien zuerst auf tabletmag.com.
Professor Brian Horowitz hat den Sizeler Family Lehrstuhl für jüdische Studien an der Tulane Universität inne.
This story originally appeared in English in Tablet magazine, at tabletmag.com, and is reprinted with permission.
Das kann man nicht vergleichen, Herr Horowitz. Die Deutschen hatten den Krieg, den sie angefangen und ausgeweitet hatten, verloren und den Holocaust auf dem Gewissen und waren wehrlos, die Polen konnten sich auch nicht wehren. Die Deutschen mussten und konnten zusammenruecken in ihrem Land. Hier aber sprechen wir von einer Terrororganisation, und deswegen will niemand sie haben, auch nicht das Westjordanland. Es gibt an sich nur einen Ort, wo sie hingehoeren: Iran, denn das ist der Staat, der sie immer wieder aufbaut. Aber Iran will sie auch nicht. Im Endeffekt sind sie zu dumm, zu erkennen, wer ihnen im Notfall medizinische Hilfe zukommen liess, wenn sie sie brauchten, und wer sie veraechtlich als useful idiot behandelt. Kapitulieren koennen sie auch nicht, denn im Islam gibt es nur Hudna. Hudna ist nebenbei das, was man versucht, Putin aufzuschwaetzen. Hudna / Waffenstillstand dient der Wiederbewaffnung. Nur ist der nicht bloed. Jemand muss DT das erklaeren, doch das duerfte schon geschehen sein. Der Holocaust an den Juden ist ihr Schutzengel, aber das checken sie nicht. Ohne den Holocaust waeren sie vielleicht schon tot. Alle. Der Holocaust hat bewirkt, dass man das so nicht macht, Das ist an sich absurd, weil die Betroffenen gern noch einen Holocaust haetten, aber an Juden. Irgendwann kriegen sie den auch, aber an sich selbst, denn lange gucken sich das Realisten nicht mehr an. Und mit DT wird es wohl wieder etwas realistischer zugehen. Wir haben auch den Massenmoerder lieb wird endlich auslaufen zusammen mit Snow White Woke von Disney. Hoffe ich. Ich sollte mal wieder Chopin hoeren, von Vladimir Horowitz gespielt, das einzig Positive, das mir dazu einfaellt. Feige sind sie auch. Geiseln halten ist zutiefst feige.
EU Kommission und Parlament nach Gaza umsiedeln und die Pallis nach Brüssel. Dann ist die maximale kulturelle Vielfalt erreicht und billiger wird die ganze Sache auch, da die Hilfsgelder dann in Brüssel bleiben.
Ein paar hundert Millionen stehen in Afrika und Asien in den Startlöchern. „Wir schaffen das“. Wer ist wir und wer will das schaffen? Sicher nicht die vergewaltigten, getöteten und gemesserten Doitschen. Oder doch? Nach der letzten Wahl kommen mir da sehr große Zweifel… ich hoffe nur, dass es wenigstens die Richtigen trifft… und vor allem die, die während Corona-Blockwarte und Kinderjäger waren, alte Menschen verprügelt haben. Ich habe ja als Beispiel die Fahndung nach dem Tankstellenräuber gepostet. Nach über 3 Monaten kommt trotz vieler Bitten erst die Bild-Fahndung… unfassbar dieser „Staat“!
@Ilona Grimm, es geht ja um Lösungen. Ich drückte aus, dass ich Verbundenheit mit der Herkunftsregion der Familie nachvollziehen kann, dass man hier individuelle Lösungen verhandeln kann, dass ein ewiger islamisch begründeter Besitzanspruch jedoch auch ein potentiell ewiges Problem darstellen könnte. Mehr nicht. Ich bewundere Ihr Wissen über die Geschichte des Heiligen Landes, doch Ihre Antwort passt recht wenig zur Intention meines Kommentars und die Überheblichkeit in Ihrem letzten Satz passt wenig zu Ihnen, meine ich.
Sehr geehrte Frau Sabine Drewes, die deutsche Kulturleistung im Osten können Sie anhand von Fotos aus Breslau, Danzig, Neisse, Warschau usw. – gemacht 1945 – oder noch besser Auschwitz bewundern. Das Raubgut bis heute in Deutschland.
Sehr geehrter Herr Johann Georg Hamann, die Verwandten der Deutschen, die Sie bemitleiden, haben 5,5 Millionen Polen zwischen 1939 und 1945 ermordet. Dazu Juden, Weißrussen, Ukrainer, Russen, Griechen und viele mehr. Wie stellen Sie sich das Zusammenleben mit den Deutschen in Schlesien, Pommern oder Ostpreußen nach 1945 vor? In jeder polnischen Familie wurde jemand von den Deutschen ermordet. Im Herbst 1944 hat die „ritterliche“ Dt. Wehrmacht innerhalb von paar Wochen 140.000 Zivilisten in Warschau brutal ermordet – Babys, Kinder und Frauen inklusive. Patienten in Krankenhäusern bei lebendigem Leibe verbrannt. Polnische Städte, Kulturdenkmäler, Krankenhäuser usw. wurden in Schutt und Asche gelegt. Millionen Bücher wurden verbrannt, Antiquitäten geraubt. Eine Plastik aus der Werkstatt Veit Stoß, aus der Nähe Krakaus, können Sie heute im Landesmuseum in Düsseldorf bewundern (Inventar-Nr. P 1987-5). Sie ist bis heute nicht zurückgegeben. Meine Onkel waren im Krieg und danach in amerikanischer/sowjetischer Gefangenschaft. Ich habe in den 70er mit Nazis und Waffen SS Mitgliedern gesprochen. Aber auch mit Vertriebenen aus Ostpreußen, Pommern und Schlesien. Die meisten haben volles Verständnis für ihr Schicksal gehabt. Als Oberschlesier dt. Abstammung kann ich Ihnen viel darüber erzählen. Bei der Umsiedlung wurden die Deutschen aber nicht massenhaft ermordet. Punkt. Und heute? Abgesehen von der nicht geleisteten Wiedergutmachung durch die Deutschen ist das Verhältnis zwischen den Völkern fast ganz normal. Den Grund für die Vertreibung kann man kurz beschreiben: „01.09.1939“.
Wäre Ihr Opa (und viele mehr) an dem Tage zu Hause geblieben, gäbe es keine Vertreibung. Aber er (und andere) träumte vom 1000-jährigen Reich.
Das ist meiner Ansicht nach kein guter Artikel, der ethnische Säuberungen als positiv darstellt.