
@Chris Deister. Ewige Schande der USA wegen des Kriegseintritts? Ist Ihnen die Zimmermann-Depesche bekannt?
Herr Röhl, das sollten Sie besser wissen. Es wundert mich immer wieder, wie angeblich auf- und abgeklärte Post-Intellektuelle marxistischer Propaganda aufsitzen. Zwei Gegenthesen: 1a. (Nicht nur) das deutsche Bürgertum bzw. große Teile davon haben einen Großen Krieg nicht nur für schädlich; ja, angesichts der damaligen internationalen (ökonomischen und intellektuellen) Verflechtung geradezu für unmöglich erachtet. (Das aus den gegenseitigen Ärgereien blutiger Ernst wurde ist -diametral zu den Ergebnissen der Pariser Vorortdiktate- unseren lieben Nachbarn anzulasten, der Finger deutet insbesondere Richtung Frankreich und Albion. Ach ja, und der Kriegseintritt der USA gereicht eben jenen zu ewiger Schande, aber das nur am Rande.) 1b. Im deutschen Adel waren die Haltungen vermutlich gemischter, be- bzw. entsteht der Adel doch per definitionem als Kriegerkaste (Churchill als prototypisches Beispiel). Aber auch er (der Adel) hatte ja etwas zu verlieren (wie der deutsche Kaiser und der russischer Zar erfahren mussten), ihn trieb wohl nicht unwesentlich völkisch-nationale Kräfte in den eigenen Landen (zumindest der Zar hat sich in einer seiner letzten Depeschen gegenüber dem Kaiser so geäußert). Man macht im Übrigen regelmäßig die Beobachtung, dass die Hüter der „schimmernden Wehr“ letztere ungern riskieren, in der Regel ist es die Politik oder ein aufstrebender Potentat, die/der die zögernden Generäle in die Schlacht schickt. 2. Der friedliebende Arbeiter ist eine Mär, mit der mal ein- für allemal aufgeräumt werden muss. Wenn man sich Biographien des „kleinen Mannes“ aus jener Zeit anschaut, dann wollte weder der Torfstecher aus der Heide, noch der Kohleförderer aus Wales wieder zurück an alte Wirkungsstätte. Für beide war der Krieg vielmehr Gelegenheit zum sozialen Aufstieg –oder zutreffender: für ein menschenwürdiges Leben (nicht notwendigerweise der Krieg selbst, aber die Zeit danach). Folgerichtig liest man häufig Dinge wie „my grandfather was a coalminer before the war, but he never went back to that profession” – wenn dem Kriegsfeuer die Nahrung entzogen wird, dann durch meuternde Mannschaften (und hat dann prompt zum Kriegsende geführt [Russland 1917 und Deutschland 1918]). Persönlich glaube ich, dass es nicht der schwärmerische Jugendliche oder Intellektuelle ist, der einen Krieg am Laufen hält. Denn wenn die Einschläge im wahrsten Sinne des Wortes näher kommen und der Sieg nicht in Sicht ist ist man bereit auch schnell wieder Frieden zu machen – wie europäische Auseinandersetzungen seit der Zeit der Kabinettskriege gezeigt haben. Nein, es ist der Arbeiter (ja, so was gab es mal…), der mit Versprechungen oder auch tatsächlichem Ausbruch aus seinem bisherigen Dasein bei der Stange gehalten wird. Mit der organisierten Arbeiterschaft sieht es auch nicht anders aus: es war ja nicht nur die deutsche Arbeiterschaft, die im „Burgfrieden“ in den Krieg eingebunden wurde; französische und englische Funktionäre waren selbstverständlich bereit mit ihren deutschen Kollegen über ein Kriegsende zu reden… ...wenn und nachdem die Deutschen kapitulieren (vgl. die Autobiographie von Hermann Molkenbuhr; der Sozialdemokrat erteilte einem solchen Ansinnen eine Abfuhr). Die internationaaaaaa-le Solidari-tääääät? Von wegen. Ebensowenig wie Frauen sind Arbeiter die besseren Menschen. Tatsächlich muss man, um sich dem Phänomen WW I zu nähern, an das Phänomen „Nation“ ran (und dem Rachedurst von Franzosen, der Perfidie und Kurzsichtigkeit Albions, dem Panslawismus Russlands und den Neid aller zusammen und dem geradezu mysteriösen Fehlen bzw. Wegbrechen der Friedens- bzw. Deutschenfreunde) – und das ist in Zeiten der NWO Anathema. Nur: mit ideologischen Scheuklappen kann man keine Wissenschaft betreiben. Konnte man noch nie. Abschließend eine kleine Geschichtsanekdote: Alfred Nobel ist bekannt für die nach ihm benannte Stiftung, deren Ausgangspunkt und Herzstück der Friedensnobelpreis war und ist. Der Anlass für die Errichtung der Stiftung lieferte eine –huch!- Deutsche, in die der Herr Nobel unsterblich verliebt war. Sie war jedoch bereits einem Baron versprochen und lehnte sein (Nobels) Ehegesuch ab. (Heute würde man sagen „dumme Kuh, laß‘ dieses adlige Landei fahren und heirate den Milliardär!“. Früher war eben doch alles besser…) Ihr Name: Berta von Suttner („die Waffen nieder!“). Sie wurde zwar nicht Nobels Frau, brachte ihn aber dazu, den später so benannten Nobelpreis ins Leben zu rufen.
Man kann Fritz Fischer und seine Schüler ja gern kritsieren, aber man sollte doch nicht übersehen, daß sie seinerzeit gegen die in Deutschland vorherrschende Lehrmeinung argumentierten, die deutsche Regierung wäre völlig unschuldig am Ersten Weltkrieg gewesen. Und das ist noch unsinniger als die These von der deutschen Alleinschuld. Zudem gilt es in der Weltkriegsforschung nachgerade als guter Ton, zunächst einmal vor der eigenen Tür zu kehren. Da hat Clark als Angelsachse vor allem den alliierten Anteil an der Kriegsschuld thematisiert. Das sollte freilich für deutsche Historiker und Publizisten Anlaß sein, die kaiserliche Regierung nicht weniger kritisch zu behandeln.
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