Religion oder ideologischer Religionsersatz? In jedem Fall ist eine vorherrschende Weltanschauung so etwas wie das Betriebssystem einer Gesellschaft. Jeder Zeitgeist bestätigt dies. Und das aktuelle Betriebssystem des Westens scheint gerade schadhaft zu sein.
Sagt Ihnen der Name Le Bon etwas? Gustave Le Bon? Ihnen bestimmt. Mir bisher nichts. Ich bitte um Nachsicht. Wir hatten ihn nicht im Schulunterricht. Aber jetzt kenne ich ihn, und ich verspreche Ihnen: Er ist atemberaubend aktuell. Er war Arzt. Unter seinen frühesten Kindheitserinnerungen schimmert die Revolution von 1848 hervor, die nach dem Ende des allerletzten Bourbonen, des Bürgerkönigs Louis Philippe, den späteren Diktator Napoleon III. nach oben spülte, er erlebte den Zusammenbruch von dessen aus Größenwahn und Monomanie gebauten Kartenhauses der Macht und sah, wie die vermeintlichen Befreier der Menschheit, die Kommunarden von Paris das Palais des Tuileries und die Bibliothek des Louvre niederbrannten. Annette Heinisch hat ihn für mich ausgegraben und die Welt erklären lassen. Denn die bloße Beschreibung des täglichen Irrsinns, der Herrschaft der Inkompetenz, und des Labyrinths aus ebenso närrischen wie zunehmend gewalttätigen Irrwegen in der deutschen Politik wird allmählich langweilig. Heinisch sagt deshalb nicht mehr nur, dass es so ist. Sie fragt, warum es so ist und klappt ein riesiges Buch der Geschichte auf. Und siehe: Die menschliche Geschichte ist eine endlose Religionsgeschichte. Und hier kommt Le Bon ins Spiel:
„Nicht nur dann ist man religiös, wenn man eine Gottheit anbetet, sondern auch dann, wenn man alle Kräfte seines Geistes, alle Unterwerfung seines Willens … dem Dienst einer Macht … weiht ... .
Mit dem religiösen Gefühl sind gewöhnlich Unduldsamkeit und Fanatismus verbunden. … Die beiden Eigenschaften sind bei allen in einer Gruppe vereinigten Menschen wiederzufinden, wenn irgendein Glaube sie erhebt. Die Jakobiner der Schreckenstage waren ebenso tief religiös wie Katholiken der Inquisition, und ihr grausamer Eifer entsprang der gleichen Quelle.
Die Überzeugung der Massen nimmt die Eigenschaften blinder Unterwerfung, der grausamen Unduldsamkeit und des Bedürfnisses nach Verbreitung an… Der Held, dem die Masse zujubelt, ist in der Tat ein Gott für sie. Napoleon war es 15 Jahre lang, und keine Gottheit hat eifrigere Anbeter gehabt; auch sandte keiner die Menschen leichter in den Tod.“
Glaube und Grundrechenarten
Le Bon starb 90-jährig 1931. Er musste nicht mehr erleben, wie die gewaltige Wahrheit seiner Argumentation seinen letzten Satz in diesem Zitat zu einer naiv anmutenden Untertreibung geraten ließ. Annette Heinisch findet ein Wort, mit dem Sie die Funktion der Religionen, deren Marionette der Zeitgeist heute ist, in die Alltagssprache der auf das I-Phone starrenden Generation übersetzt:
„Vereinfacht gesagt, ist die Religion sozusagen das Betriebssystem einer Gesellschaft. Mit dieser Software wird die Hardware, also die hard power, gesteuert.“
An dieser Stelle will ich einflechten, dass ich selbst ein gläubiger Mensch bin, lutherischer Protestant, mit Einsicht in meine Begrenztheit, mit großem Respekt vor den Leistungen und Lebensentwürfen meiner Vorfahren und stets im Wissen um deren Begrenztheit, aber zugleich ein fröhlicher Nutzer der vier Grundrechenarten und ein faszinierter Untertan der unbestechlichen Naturgesetze. Daher kann ich als Erfahrungstäter zwar von dem wunderbaren Gefühl der Sicherheit reden, wenn man auf den Barrikaden im Kampf der vier Grundrechenarten und der Naturgesetze mit den immer martialischer auftretenden Zeitgeistreligionen steht.
Aber wie gruselig das Gemetzel werden wird, zeigt Heinischs Begriff: Es ist ein Aufstand gegen das Betriebssystem. Und die Menschheitsgeschichte desillusioniert hier leider. Der Weg der Inquisitionen von Giordano Bruno bis zu den Leichenbergen des 20. Jahrhunderts deutet nicht auf eine wesentliche Humanisierung der Menschheit hin. Frieden ist nach Heinisch so lange, so lange die Besitzer eines Gartens sich über die Grundzüge der Anlage und die Freiräume jedes Einzelnen von ihnen bei der Gestaltung desselben einig sind. Versucht eine mächtige Eigentümerpartei aber die Dekonstruktion der Anlage zu Lasten aller Anderen zu erzwingen, dann beginnt der Kampf. Noch ist Deutschland in dieser Hinsicht ein Kindergeburtstag, aber die Mienen werden zusehends strenger und das Vokabular schneidender.
Annette Heinisch fragt nun mit den Worten des 1968 geborenen kanadischen Anthropologen Joseph Henrich: „Warum haben die westeuropäischen Gesellschaften nach etwa 1500 so viel von der Welt erobert? Warum brach Ende des 18. Jahrhunderts in derselben Region Wirtschaftswachstum aus … und löste die Wellen der Globalisierung aus, die noch heute über die Welt hereinbrechen?“, greift wieder zur vergleichenden Religionsgeschichte und endet im jüdisch-christlichen Gedankenkreis.
Sie ersticken an ihrer inneren Widersprüchlichkeit und Maßlosigkeit
Dessen Institutionen mögen abstoßende und teils verbrecherische Auswüchse gehabt, also genau die Hilfsmittel zur Absicherung der Macht der Glaubensverwalter installiert haben, wie sie in den atheistischen, diesseitsbezogenen Zeitgeistreligionen auch festzustellen waren oder gerade im Aufbau sind – in der Bundesrepublik von heute z.B. in Gestalt von staatlich geförderten Denunziationsbüros für neuzeitliche Hexenanzeigen. Aber sie brachte Regeln des Zusammenlebens hervor, die sich als stabil und entwicklungsoffen erwiesen haben.
Dieser Ideenkreis mündete in nichts weniger als in die Aufklärung und mit ihr in die Autorität des analytischen Denkens und das Vertrauen in die Freiheit des Einzelnen und in dessen grundsätzliche Fähigkeit, diese Freiheit verantwortlich zu nutzen – sowie das Wissen um die Bedrohtheit dieser Freiheit. Dazu zitiert Annette Heinisch Dietrich Bonhoeffer:
„Dummheit ist ein gefährlicherer Feind des Guten als Bosheit. Gegen das Böse läßt sich protestieren, es läßt sich bloßstellen, es läßt sich notfalls mit Gewalt verhindern, das Böse trägt immer den Keim der Selbstzersetzung in sich, indem es mindestens ein Unbehagen im Menschen zurückläßt. Gegen die Dummheit sind wir wehrlos. … Gründe verfangen nicht; Tatsachen, die dem eigenen Vorurteil widersprechen, brauchen einfach nicht geglaubt zu werden … und wenn sie unausweichlich sind, können sie einfach als nichtssagende Einzelfälle beiseitegeschoben werden. Dabei ist der Dumme im Unterschied zum Bösen restlos mit sich selbst zufrieden; ja, er wird sogar gefährlich, indem er leicht gereizt zum Angriff übergeht … Soviel ist sicher, daß [die Dummheit] nicht wesentlich ein intellektueller, sondern ein menschlicher Defekt ist. Es gibt intellektuell außerordentlich bewegliche Menschen, die dumm sind, und intellektuell sehr Schwerfällige, die alles andere als dumm sind. … [Man gewinnt] weniger den Eindruck, daß die Dummheit ein angeborener Defekt ist, als daß unter bestimmten Umständen die Menschen dumm gemacht werden, bzw. sich dumm machen lassen. … Bei genauerem Zusehen zeigt sich, daß jede starke äußere Machtentfaltung, sei sie politischer oder religiöser Art, einen großen Teil der Menschen mit Dummheit schlägt. … Man spürt es geradezu im Gespräch mit [dem Dummen], daß man es gar nicht mit ihm selbst, mit ihm persönlich, sondern mit über ihn mächtig gewordenen Schlagworten, Parolen etc. zu tun hat. Er ist … in seinem eigenen Wesen mißbraucht, mißhandelt. So zum willenlosen Instrument geworden, wird der Dumme auch zu allem Bösen fähig sein und zugleich unfähig, dies als Böses zu erkennen.“
Ich beendete die Lektüre dieser eigentlich bedrückenden Untersuchung von Annette Heinisch aber mit optimistischen Gefühlen. Erstens macht es froh und dankbar, dass es tapfere Menschen wie Annette Heinisch gibt, die sich trauen, sich dem Wespennest unserer neuen Religionen zu nähern und ihnen den Spiegel der Geschichte vorzuhalten. Zweitens aber belehrt uns die vergleichende Religionsgeschichte auch über die Achillesfersen der Religionen. Zwar haben alle Sekten der Neuzeit die von ihnen prophezeiten und ausgebliebenen Weltuntergänge überlebt – soviel zur Faktenresistenz von echtem Glauben. Aber: Sie sind verwundbar. Einerseits ersticken sie an ihrer inneren Widersprüchlichkeit und Maßlosigkeit wie die Hitlersche und die Stalinsche Religion – oder sie geraten in Krisen, weil ihre Priesterschaft die gepredigten Regeln im gelebten Leben nicht einhielten. So der ungezügelte Hedonismus der Renaissancepäpste, der Luther nach seiner Reise nach Rom 1511/12 zu der Aussage veranlasste: „Wenn es eine Hölle gibt, dann liegt sie unter Rom“.
Und so die bei Flugreisen erwischten Flugreisen-Gegner. Und manchmal, freilich sehr selten, gehen Religionskrisen auch friedlich über die Bühne. Einmal durfte ich dabei sein. Im Herbst 1989. Ich kann mich daran gut erinnern.
Dies ist Arnold Vaatz' Vorwort zu:
Annette Heinisch, Gunter Weißgerber, Arnold Vaatz: Der moderne Staat, 268 Seiten, Hier der Link zum Buch.
Arnold Vaatz ist ehemaliger Bundestagsabgeordneter und ehemaliger DDR-Bürgerrechtler. Er war von 2002 bis 2021 einer der stellvertretenden Vorsitzenden der CDU/CSU-Bundestagsfraktion.
Nun, 1989 hat „ das Volk “ der Religion der herrschenden Einheitskaste und deren Klerus ( Politbüro ) nicht geglaubt. Aber wie sieht das heute aus ?
Mindestens 70 % der „ Bevölkerung “ glauben der Propaganda der Herrschenden Politkaste und deren Vasallen. Und darum wird es keine zweite
Revolution geben.
Das Zitat von Herrn Bonhoeffer ist sensationell und aktueller denn je.
Dass Le Bons Werke tatsächlich gut benutzt wurden konnte man auf dem Beispiel von Edward Bernays sehen. Ich bin relative sicher, dass nicht wenige Probleme der Gegenwart den Ursprung in der Verbreitung und Perfektionierung der Methoden haben, die Edward Bernays so erfolgreich benutzt hat. Ich denke, schaut man sich alle die Ahnungslosen in den Medien, die aber sehr viel über die Art der Propaganda wissen, versteht man, dass weder Demokratie noch Menschenrechte überhaupt etwas bedeuten. Ob sich das ändern lässt?
Demokratie und Freiheit sind nicht die erfolgreichsten Betriebssysteme in der Evolution der Menschheit. Man kann entgegenhalten, dass Demokratie noch nicht lange existiert. Demokratie ist wie jedes andere System eine Idee, die den anderen Ideen darin unterlegen ist, dass sie das schwierigste System ist, weil sehr viele entscheiden dürfen und sollen. Dies widerspricht der Natur und somit dem Wesen des Menschen. Mensch will sich über die Natur erheben und bleibt doch Natur, wenn Lebensraum knapp wird und/oder Nahrungskämpfe stattfinden (siehe z.B. Preiskrieg, Zölle, Embargos, antifaschistischer Schutzwall, Brandmauern, mex.-amerikan. Grenzzaun). Le Bons „Psychologie der Massen“ prangert übrigens die fehlende Bildung als Trigger für Beeinflussung durch „Halbverrückte“ an. Gustave Le Bon hat noch ein weiteres Werk geschrieben, was kaum wer in der latent sozialistischen Bildungslandschaft Mitteleuropas kennt, „Psychologie des Sozialismus“ (1898/1903). Dort steht u.a.:„Der Sozialismus ist eine Folge der Demokratie, da Demokratie große soziale Ungleichheit schafft.“ Resümierend stellt Le Bon fest, dass der Sozialismus entsteht, weil „das Bürgertum durch seine Gleichgültigkeit, Furcht, Egoismus, Willensschwäche, Mangel an politischem Sinn und Initiative hervorbringt“.
ein CDUler beschwert sich über die CDU? Erstaunlich.
Masse und Mächtige sind „meinungsflexibel“. Je nachdem, wie der Wind der Massenmedien weht. Heute gegen „Rechts“, was das auch immer gemäß Zeitgeist bedeuten soll, morgen für „Rechts“. Individueller und gesellschaftlicher Opportunismus sind massenmeinungsoffen. Alles nur eine Frage des aktuellen Programms respektive adaptierten Algorithmus, Stichwort: NPC. Non-Player-Charakter (NPC-Meme), zu Deutsch: Nicht-Spieler-Charakter ist ein Internet-Meme, Der Autor kannte bis vor kurzem „Psychologie der Massen“ respektive dessen Autor nicht und darf hier einen Artikel schreiben? Nicht gut. Zur Orientierung: Wesenszüge der Masse nach Gutave Le Bon: Eine Masse ist grundsätzlich impulsiv, beweglich, irritierbar, suggestibel, leichtgläubig, besessen von schlichten Ideen, intolerant und diktatorisch. Der Geist der Massen ist konservativ („Konservativismus der Masse“), leichtgläubig gegenüber alten, skeptisch gegenüber neuen Ideen und Idealen. Es existiert eine spezifische „Religiosität der Massen“, die die Religiosität einzelner Individuen außerhalb der Masse bei weitem übertrifft. Das Individuum kann in der Masse in moralische Höhen aufsteigen oder in Tiefen hinabsinken (meist Letzteres). Es existiert eine allen Massenbestandteilen eigene „Massenseele“. Die Masse denkt nicht logisch, sondern in Bildern, die häufig durch einfache Sprachsymbolik hervorgerufen werden. Die Masse ist nur wenig kreativ und vermindert intelligent. Sie denkt einseitig grob und undifferenziert. Die Masse ist leicht erregbar, leichtgläubig und sprunghaft. Ihre Emotionalität ist schlicht. Weiteres für den Autor: Theodor Fontane (1819 – 1898]: „Das Sensationelle gilt und nur einem strömt die Menge noch begeisterter zu, dem baren Unsinn.“ Der Psychologe Solomon Asch (1907 – 1996) wies mit seinen Versuchen nach: „Für die meisten Menschen hat die Anpassung an das, was andere sagen und tun – egal wie objektiv falsch oder absurd es ist –Vorrang vor der Anpassung an die Realität und der Entdeckung der Wahrheit.“
Ja, da hat (der leidgeprüfte) Bonhoeffer wohl tatsächlich des Rätsels Lösung formuliert, wie es sein kann, dass wieder einmal so viele studierte, gestandene Menschen- in meinem Umkreis kenne ich beispielsweise zwei Marhematikprofessoren – Eins und Eins nicht zusammenzählen können, wenn es darauf ankommt. Sagte mir erst doch gerade erst so ein MINT-Bonbon auf die düstere Wahl-Vorhersage einer Unternehmerin hin, es würden sich im Februar vermutlich wie üblich die Weiterso-Parteien im Amt bestätigt fühlen: „Ja, was will man da auch sonst wählen, man hat ja keine Alternative!“
Ich komme aus dem Facepalmschlagen kaum noch heraus. Natürlich nur innerlich. Ich versuche, mich in Gesprächen charmant vorzurobben. Beharrlich, aber sehr freundlich und vor allem tolerant zu bleiben, versuchend, die Genese der Denkblockaden zu verstehen. Oft sind es Vorprägungen, die durch wokes Gaslighting (oder Hasslighting) aktiviert werden (als „antifaschistisch“ geframede Konditionierung in der DDR, das die Antifa durch Knöpfchendrücken aktiviert, die Ablehnung der Opposition läuft also reflexhaft ab, erkennbar am Schaum vor den Mietmäulern sowie bei denen, die reflexhaft Parolen „gegen Rechts“ nachkläffen.) Ich gebe es trotzdem nicht auf, die Meinungsfreiheit zu verteidigen, wo ich gehe und stehe, denn: „Freedom is the freedom to say, two plus two equals four. If that is granted, all else follows“ (Orwell). Im Gespräch bleiben, die Spaltung nicht zulassen, manchmal kann man jemanden tatsächlich umdrehen. Ich habe schon zwei Multiplikatoren derart mit Liebe „geimpft“… langer Prozess, aber der Erfolg, so er sich einstellt, ist überwältigend!