Henryk M. Broder / 06.10.2011 / 21:09 / 0 / Seite ausdrucken

Auferstanden aus Ruinen

Die Politik der deutschen Kanzlerin und ihrer Regierung gegenüber dem Euro kann man am besten mit einer jüdischen Anekdote erklären. Da sitzt ein alter Jude in einem Zug und jammert vor sich hin. An jeder Station wird das Jammern lauter und lauter. Bis schliesslich ein anderer Reisender es nicht mehr aushält und fragt: “Was haben Sie denn? Kann ich Ihnen irgendwie helfen?” - “Mir kann keiner helfen”, sagt der alte Jude, “ich sitz im falschen Zug, und mit jeder Station wird die Rückreise länger”.

Um den Euro zu retten, macht die deutsche Kanzlerin einen Rettungsschirm nach dem anderen auf. Inzwischen weiss niemand mehr, ob es um Millionen, Milliarden oder Billionen geht, auf ein paar Nullen mehr oder weniger kommt es längst nicht mehr an. Aber nicht nur die wirtschaftlichen Konsequenzen sind unabsehbar, die politischen sind es auch. Nachdem dreizehn Angeordnete der schwarz-gelben Regierungskoalition in der vergangenen Woche gegen eine weitere Aufstockung eines Konstrukts mit dem Namen “European Financial Stability Facility”, abgekürzt EFSF, gestimmt hatten, kam es in der Koalition zu einer regelrechten Hexenjagd gegen die “Abweichler”, die nicht so gestimmt hatten, wie es von ihnen erwartet wurde.

Vorher schon hatte nach einer Probeabstimmung in der CDU-Fraktion der Kanzleramtsminister Ronald Pofalla, ein treuer Diener seiner Herrin, einen der “Abweichler” angegiftet: “Ich kann deine Fresse nicht mehr sehen…, du machst mit deiner Scheiße alle Leute verrückt.”

Unter der Führung einer ehemaligen Aktivistin der “Freien Deutschen Jugend” der DDR, die für “Agitation und Propaganda” zuständig war, verwandelt sich die Bundesrepublik in eine Volksdemokratie, in der die Parlamentarier gegenüber der Regierung verantwortlich sind und nicht umgekehrt. Ging es damals gegen “Reaktionäre” und “Agenten des Imperialismus”, die der Maxime widersprachen, dass die Partei immer Recht hat, so geht es heute gegen Neinsager, die sich der Einsicht verweigern, dass die Politik der Regierung “alternativlos” sei.

Willkommen im Neuen Deutschland.

© Die Welwoche, 6.10.2011

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