Gastautor / 13.04.2012 / 08:15 / 0 / Seite ausdrucken

Auf Tuchfühlung in der Oberlausitz

Susanne Schädlich

Eine Landpartie ins Naherholungsgebiet von Berlin gefällig?  Geflutete Tagebaurestlöcher mit Strand und Segelbooten, rollende Hügel, Zittauer Gebirge, Lausitzer Bergland, Königshainer Berge, Dreiländereck. Perlen wie Zittau und Görlitz. Oder das Haus Schminke vom Architekten Hans Scharoun in Löbau. Der Ausflug lohnt sich. „Löbau hält vielfältige Angebote zur Erholung und Bildung parat“, heißt es auf der Internetseite der Stadt.

Und wahrhaftig, in den Genuß kam ich vor ein paar Wochenenden auf dem Antikmarkt am Rande der Stadt in einer Halle. Eintritt 1,50 Euro. Ich zahle. Gleich wird klar, hier gibt es mehr Ramsch als Antikes. Kinderspielzeug, Klamotten, Geschirr, Tafelsilber, der übliche Trödel. Fast gelangweilt bin ich von der Hundertsten Kitschtasse. Ich hebe den Blick.
An der hinteren Wand hängt ein Metallschild. Leicht angerostet, grün mit schwarzer und roter Aufschrift. Dann lese ich: Kommt zur NSDAP – wer Hilfe brauche, nur melden. Der Aufruf irgendeiner Ortsgruppe von anno dazumal. Hier zum Kauf.

Töpfe, Schüsseln, Klosetts, Lampen, alte Öfen, Sensen, Schaufeln… Und, klar, eine Fahne der Deutschen Demokratischen Republik, eine überlebensgroße Fotografie von Stalin, Uniformjacken. Abzeichen mit Lenin drauf.  Hammer und Sichel. Natürlich, sind ja auf’m Land im Osten der Republik. Ich lausche einem Gespräch. Der Typ hinterm Stand erzählt einem anderen,  sein Schwiegervater habe damals rübergemacht. Aber wenn er Grenzsoldat gewesen wäre, hätte er abgedrückt.

Noch mehr Klimbim. Zwischen allem möglichen dann ein schwarzer Ledermantel. SS-Gürtelschnallen, Schächtelchen mit Adressen wie Horst Wessel Platz. NVA-Bataillone und eine kleine SS-Wachmannschaft könnte ich ausrüsten. Nur notdürftig, wenn überhaupt, sind die Hakenkreuze und SS-Runen überklebt.

Plötzlich will ich hier raus. Muß mich durch die Gänge kämpfen. Irgendeiner ißt Erbsensuppe. Es riecht nach Kaffee. Vor mir ein Stand. Geschirr und Gläser und… Und ein Melitta-Kaffeefilter. Ich frage nach dem Preis. 10 Euro.  Alte Taschenuhren in einer Vitrine. So eine als Geschenk für jemanden, denke ich. Dann sehe ich diesen Anstecker. Ich lese die Gravur: Ein Volk, ein Reich, ein Führer. Mein Blick wandert zum hinteren Teil des Standes. Zwei Zeitschriften nebeneinander. Auf dem einen Titelbild Adolf Hitler vor dem Eiffelturm. Auf dem anderen - Trenkerberge und eine Heim ins Reich-Schlagzeile. Antik und verblichen. Daneben ein in Metall gestanzter Kopf, vier geklebte neongelbe Punkte unter der Nase. Adolf Hitler. Ein Junge, nicht älter als 11 Jahre alt, fragt den Mann, der vorhin schon zehn Euro für den Kaffeefilter verlangt hatte, „Sagen Sie, haben Sie auch SS-Dolche?“ „Klar.“ Die beiden verziehen sich in eine Ecke. 

Ich gehe an den Rand des Tisches. Stahlhelme, Bierkrüge in Schwarz-Weiß-Rot – mit vier neongelben Punkten - das Hakenkreuz trotzdem unverkennbar. Abzeichen, Schächtelchen, Bilder, Anstecker, Messer, Teller und was weiß ich – alles unverkennbar gekennzeichnet. Suchend blicke ich mich nach jemandem um, bei dem ich mich beschweren könnte. Zum Mann in der Ecke sage ich: „Hören Sie, dürfen Sie diese Nazidevotionalien verkaufen?“

Natürlich. Erstens: die Symbole seien abgeklebt. Zweitens diese Dinge gehörten zur deutschen Geschichte, oder etwa nicht? Drittens, es gebe eine ganz klare Regelung im Grundgesetz.
Der Mann zitiert wie am Schnürchen: „Erlaubt ist der Handel und das Ausstellen, wenn das Propagandamittel oder die Handlung der staatsbürgerlichen Aufklärung, der Abwehr verfassungswidriger Bestrebungen, der Kunst oder der Wissenschaft, der Forschung oder der Lehre, der Berichterstattung über Vorgänge des Zeitgeschehens oder der Geschichte oder ähnlichen Zwecken dient.“
Paragraph 86, Absatz 3. Warum regt das alles eigentlich niemanden mehr auf?

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