Antje Sievers / 01.10.2018 / 16:00 / 5 / Seite ausdrucken

Auf der Spur der Schwarzen Brüder

Armut ist zweifelsfrei nicht das Erste, was bei einem Aufenthalt am Lago Maggiore ins Auge sticht. Wenn bei Bucherer in Locarno die Brillis im Schaufenster funkeln, dass man davon fast Kopfschmerzen bekommt; wenn in den Chocolaterien das sattbraune, duftende Hüftgold lockt und in den Grotti, den lokalen Restaurants, die Vorspeisen bei 25 CHF anfangen (Kastaniencrespelle mit Ziegenkäse und Tessiner Berghonig), fällt einem der Begriff Armut nicht so ohne weiteres ein.

Und doch war die Armut hier lange Zeit ein Thema, um die Ecke in den schwer zugänglichen Tälern, dem Centovalli, dem Maggia- und dem Verzascatal. Die Bergwelt hier ist einsam und herzzerreißend schön, wilde Flüsse und Wasserfälle stürzen gnadenlos zu Tal und sorgen für Canyonlandschaften, die den Vergleich mit Montana und Arizona allemal aushalten. 

Die türkisblaue Verzasca hat man mittlerweile durch einen 220 m hohen Staudamm am unkontrollierten Überlaufen gehindert. Auch aus anderen Gründen wird das Verzascatal das „Wildeste Tal der Schweiz“ genannt. Das ist nicht nur dem unverständlichen italienischen Dialekt mit seinen verschluckten Endvokalen und seinen für das Romanische gänzlich unüblichen Umlauten zu verdanken – die Berge, im Italienischen sonst „monti“, heißen hier in einer Art Plattitalienisch „mött“. Das von tief abfallenden, felsigen Bergen umgebene Wildwassertal ist ein Refugium für seltene Tier- und Pflanzenarten, wie die blau-grüne Smaragdeidechse, die aussieht, als käme sie direkt vom Amazonas; die unter Umständen tödlich giftige Aspisviper und riesige Greifvögel.

Wer sich eine Vorstellung davon machen will, wie einfach die Bewohner dieser Täler einmal lebten, muss nur einen Blick auf ihre Häuser, die „Rustici“ werfen. Kommt man geradewegs aus dem kunstbeflissenen Ascona oder dem mondänen Locarno, könnte die Überraschung beim Anblick dieser Urbauten kaum größer sein. Etwa so, als käme man aus Manhattan herüber nach New Jersey, um festzustellen, dass die Bewohner dort noch im Pfahlbau leben.

Oben wurde geschlafen, unten gekocht und gelebt

Aus roh zurechtgehauenem, graugeflecktem Felsgestein aufgeschichtet, drängen sich die urtümlichen Häuschen dicht an dicht in den Dörfern zusammen, auf den ersten Blick eher beklemmend als malerisch. Als die ersten Höhlenbewohner auf die Idee kamen, sich doch vielleicht eine auf die Dauer etwas komfortablere und weniger feuchte Wohnstatt selbst zu konstruieren, dürften diese Behausungen ungefähr so ausgesehen haben wie die Tessiner Rustici. Über einer simplen, einstöckigen Konstruktion durabler Stützbalken werden die flachen Steine nahezu lichtdicht zu vier Wänden mit maximal zwei winzigen Fensterluken aufgeschichtet. Und zwar als Trockenmauerwerk, will sagen ohne Mörtel, was ich als Tochter eines Maurer- und Fliesenlegermeisters einfach nicht kapieren kann. Oben wurde geschlafen, unten gekocht und gelebt, im Winter beschränkte man sich auf unten, weil es oben zu kalt war. Aber das Ganze hielt. Sogar mehrere hundert Jahre lang.

Das Leben dieser Bergbauern bestand in einfachster Subsistenzwirtschaft. Ein Maisfeld, ein kleiner Weinberg, ein Obst- und Gemüsegarten, ein paar Ziegen. Die Verzascana nera, die schwarze Verzascaziege, ist mittlerweile durch Nachzucht wieder zu bewundern. Die Glücklichsten konnten es sich leisten, ein Schwein zu mästen, das zu Anfang des Winters geschlachtet wurde und für ein Jahr für Wurst und Schinken sorgte. Die krümelige weiße Schicht auf der echten Tessiner Salami – lerne ich bei dieser Gelegenheit – besteht übrigens aus veritablem Schimmel.

Grundnahrungsmittel war Polenta, berühmt war „Mazzafam“, der Hungertöter aus Kartoffel-Polentamischung. Hinzu kamen die Edelkastanien, die einem bei Wandern nur so um die Füße rasseln und sich im Oktober beinahe schaufelweise einsammeln lassen. Was man auch tun sollte, denn kreuzweise angeschnitten und drei Minuten in der Mikrowelle geröstet, schmecken sie köstlich mit kühlem Weißwein. In vergangenen Jahrhunderten waren sie noch kein Snack, sondern überlebenswichtig – man buk aus ihrem Mehl Brot und Kuchen, die köstlichen Früchte landeten in Suppen und Eintöpfen, all das wird heute noch betrieben und ist absolut empfehlenswert. Man ließ überhaupt nichts aus, was die Natur hergab, fing Forellen und Singvögel, sammelte Beeren und Pilze.

Hunger und im schlimmsten Falle Seuchen

Sobald aber eine Dürre- oder Regenperiode die Ernten bedrohte, war die Not im Nu groß. Riesengroß. Denn dann brachen nicht nur Hunger und im schlimmsten Falle Seuchen aus, dann schlug die Stunde skrupelloser, von keinerlei Moral belasteter Menschenhändler. Diese zogen durch die bitterarme Region und handelten den verzweifelten Bauern ihre Söhne ab, je schmächtiger und jünger, desto besser. Für eine einmalige Ablösesumme und ansonsten nur Kost und Logis wurden die Knaben nach Mailand verfrachtet, um dort Kamine zu kehren, eine ungesunde, ja mörderische Arbeit in sklavenartigen Verhältnissen. Viele Eltern sahen ihre Söhne niemals wieder.

Die Schriftstellerin Lisa Tetzner hat diesen Stoff im Jugendbuchklassiker „Die Schwarzen Brüder“ verarbeitet, und verfilmt wurde er mit Moritz Bleibtreu in der Hauptrolle des Schurken Antonio Luini. Das Buch hat ein Trost spendendes Ende: Der verloren geglaubte Sohn kehrt als junger Lehrer mit seiner Frau ins Verzascatal zurück, gründet die erste Schule und macht sich stark für den Straßenbau, der den Fortschritt bringen soll. In der Realität ließ die neue verkehrstechnische Erreichbarkeit die Menschen in Scharen aus den engen Tälern fliehen, weil das Leben einfach zu hart war. Das „Museo dello Spazzocamino“, das Schornsteinfegermuseum, erinnert noch heute an diese pechschwarzen Zeiten.

Heute sind die einst menschenleeren Täler vom Tourismus belebt, vom Wohlstand erhalten und bestens in Schuss. Die Rustici, winterfest gemacht, schick ausgebaut und mit jedwedem Komfort der Neuzeit einschließlich W-Lan ausgestattet, sind beliebte Feriendomizile und selbst Wohnhäuser für Schweizer, die auf allzuviel Platz verzichten können.

Die Täler sind ein begehrter Tummelplatz der Sportler und Wochenendausflügler; Paraglider, Biker, Wanderer, Kletterer, Paddler, Schwimmer und Sonnenbader sind unterwegs. Die ganz Mutigen springen von der bezaubernden zweibogigen Brücke über die Verzasca bei Lavertezzo etliche Meter in die Tiefe, die völlig Durchgeknallten lassen sich am Bungeeseil vom 220 m hohen Staudamm herunter fallen.

Dennoch, wenn man die Dorfplätze mit ihren Kieselsteinbelag betritt, mit den grauen Rustici und den Brunnen, die wie Einbäume aus ausgehöhlten Felsquadern bestehen, dann steht die Zeit so still wie nur irgend möglich.

Von Antje Sievers erscheint aktuell in der Achgut Edition das Buch Tanz im Orient-Express – Eine feministische Islamkritik

 

Sie lesen gern Achgut.com?
Zeigen Sie Ihre Wertschätzung!

via Direktüberweisung
Leserpost

netiquette:

martin ruehle / 01.10.2018

@Andreas Mertens Wie man aus einem sehr lesenswerten Artikel über die Geschichte der Täler am Lago Maggiore zu einer “Abrechnung” mit GEZ und pipapo kommen kann, erschließt sich mir in keiner Weise und wäre ggf. von einem russischen Wissenschaftler, der durch seine Experimente an Hunden in der Verhaltensforschung eine gewisse Bekanntheit erlangte erklärbar… . Danke Frau Sievers für Ihren eindrucksvollen Artikel über das bisweilen sehr harte Leben der Tessiner Bergbauern. Wer als Wanderer oder kulturinteressierter Tourist die Einsamkeit der Berge und Schluchten des Centrovalli, Verzasca oder Valle Grande bereist kann nur erahnen, unter welchen erbärmlichen Lebensumständen die Menschen noch bis vor einigen Jahrzehnten dort lebten. Es gibt nur wenige Orte in Mitteleuropa, wo man die Kargheit der Lebensbedingungen früherer Generationen und gleichzeitig die unvergleichliche Schönheit der Natur und Landschaft so nah beieinander erleben kann. Nochmals Danke für ihren eindrucksvollen Bericht! m.r.

Frances Johnson / 01.10.2018

Toll, der Bericht! Herzlichen Dank!

Andreas Mertens / 01.10.2018

Also ein Wiederaufguß der ARD Verfilmung von 1984. 1984 kriegten wir das zu 100% aus GEZ Geldern “beschert” Heute serviert die StudioCanal Deutschland. Da fragt man sich gleich, wieviel davon aus Geldern der Filmförderung stammen (auch so eine Art GEZ für Unverkäufliches).  Googelt man “Studiocanal Deutschland + Filmförderung” kriegt man in 73.100 Treffer in 0,43 Sekunden.

Claudia Maack / 01.10.2018

Das Tessin war wirklich sehr arm. Oft sah die Familie den Vater länger als ein halbes Jahr nicht, weil er “unten” in der Lombardei arbeitete. Im Winter kamen die Tessiner Männer zurück und statteten u.a ehrenamtlich in mühevoller Arbeit   die kleinen Tessiner Dorfkirchen aus. Da die Dörfer sich keine teuren Materialien leisten konnten, wurde Holz wie Marmor bemalt und imposante Gipsattrappen gebaut. Als Vorbilder dienten die prächtigen Mailänder Kirchen. Wenn man heute die Tessiner Dorfkirchen betritt, sieht man auf den ersten Blick die viele Arbeit nicht, die drinsteckt. Ich besuche diese Kirchen immer wieder gerne und denke an den Fleiß und die Hingabe der Tessiner Bergbewohner und freue mich über ihren heutigen Wohlstand.

Roland Müller / 01.10.2018

Dieser für verrückt erklärte Hasardeur Favre mit seinem Tunnelbau am Gotthard hat es möglich gemacht, das sich der Ticino vom Armenhaus der Schweiz in das Gegenteil verkehrt hat.

Leserbrief schreiben

Leserbriefe können nur am Erscheinungstag des Artikel eingereicht werden. Die Zahl der veröffentlichten Leserzuschriften ist auf 50 pro Artikel begrenzt. An Wochenenden kann es zu Verzögerungen beim Erscheinen von Leserbriefen kommen. Wir bitten um Ihr Verständnis.

Verwandte Themen
Antje Sievers / 26.02.2019 / 16:15 / 17

Die Zwangstaufe von Barmbek

Es muss in der sechsten Klasse gewesen sein. Im Religionsunterricht, in dem man zwar wenig über Religion, aber stets viel über den Lehrer lernen konnte.…/ mehr

Antje Sievers / 01.01.2019 / 14:30 / 10

Der Erdrutsch

Mein Mann hat mich für zwei Tage mutterseelenallein am Lago Maggiore zurückgelassen. Er muss nach Hause und arbeiten gehen, da nützt alles nichts. Und was…/ mehr

Antje Sievers / 01.12.2018 / 17:00 / 15

Laila Mirzo: „Nur ein schlechter Muslim ist ein guter Muslim”

Dieser Tage sandte ich mein Buch „Tanz im Orientexpress – eine feministische Islamkritik“ an Laila Mirzo nach Linz in Österreich und es kam sogleich ein Buch zurück: Mirzos „Nur ein…/ mehr

Antje Sievers / 22.10.2018 / 17:00 / 6

Bunt ist es da, wo Frauen verschleiert werden

Der Wandsbeker Markt ist das Einkaufsparadies des Hamburger Ostens, des traditonellen Wohngebietes des Proletariats, während in den Villengebieten des Westens, in Blankenese und Othmarschen Unternehmer,…/ mehr

Antje Sievers / 21.10.2018 / 10:00 / 5

Peccioli: Kunst und Katzen

Toskana-Touristen kennen Pisa und Lucca, Florenz und Siena, Pienza und Montepulciano. Aber wer kennt eigentlich Peccioli? Die kleine Stadt liegt zwischen Pisa und Volterra, steht in keinem…/ mehr

Antje Sievers / 26.06.2018 / 14:00 / 7

Aus aktuellem Anlass: Bauchtanz-Irrtümer

To whom it may concern: Seit einer guten Woche ist mein Buch „Tanz im Orientexpress – eine feministische Islamkritik" auf dem Markt, und die Erinnerungen werden wach.…/ mehr

Antje Sievers / 09.06.2018 / 06:20 / 39

Die Ernüchterung der ehrenamtlichen Helferinnen

Sie geben Deutschkurse und dolmetschen. Begleiten bei Behördengängen, helfen bei der Wohnungssuche und beim Asylverfahren, organisieren Freizeitangebote für Jugendliche und Nähkurse für Frauen: Ehrenamtliche Flüchtlingshelfer.…/ mehr

Antje Sievers / 04.03.2018 / 14:30 / 25

Ich back mir eine Sugar-Mama

„Sabine, 52, heiratet Mahmoud, 25. Kann das Liebe sein?", fragt Zeit Online „Bezahlen ältere Österreicherinnen Flüchtlinge für Sex?" fragt man in den HNA Auch das Schweizer Newsportal 20min.ch behauptet…/ mehr

Meine Favoriten.

Wenn Ihnen ein Artikel gefällt, können Sie ihn als Favoriten speichern.
Ihre persönliche Auswahl finden Sie Hier
Favoriten

Unsere Liste der Guten

Ob als Klimaleugner, Klugscheißer oder Betonköpfe tituliert, die Autoren der Achse des Guten lassen sich nicht darin beirren, mit unabhängigem Denken dem Mainstream der Angepassten etwas entgegenzusetzen. Wer macht mit? Hier
Autoren

Unerhört!

Warum senken so viele Menschen die Stimme, wenn sie ihre Meinung sagen? Wo darf in unserer bunten Republik noch bunt gedacht werden? Hier
Achgut.com