Fred Viebahn / 11.09.2011 / 15:52 / 0 / Seite ausdrucken

Auf CNN gibt’s keine Spielfilme!

Am 10. September 2001 gingen meine Frau und ich in Southampton, England zusammen mit etwa zweitausend anderen Passagieren an Bord des gerade bei der Lloyd Werft in Bremerhaven vom Stapel gelaufenen Achtzigtausendtonnen-Kreuzfahrtschiffs “Norwegian Sun”. Die Jungfernfahrt sollte über Le Havre, Cobh (Irland), Glasgow, Reykjavik, St. John’s (Neufundland) und Halifax (Nova Scotia) führen, um am 26. September in New York einzutreffen. An der Nachbarpier lag die Queen Elizabeth 2 der Cunard-Reederei, zu der Zeit das einzige regelmäßig den Atlantik überquerende Passagierschiff, auf dem auch wir bereits mehrmals von Amerika nach Europa und umgekehrt geschippert waren. Von London hatten wir in unserem Leihwagen zwei Freunde aus Virginia mitgenommen, die die sechstägige Nonstop-Crossing nach New York auf der QE2 gebucht hatten, die am selben Tag kurz vor der “Sun” ablegen sollte. Wie verabredet sahen wir um Punkt vier Uhr nachmittags durch unseren Feldstecher, wie sie uns vom Heck aus zuwinkten und lustige Grimassen schnitten, während wir vom Balkon unserer Backbordkabine Tücher schwenkten; da die beiden kein Fernglas dabei hatten, erübrigte sich für uns das Faxenmachen.

Am späten Nachmittag verließen wir Southampton im Kielwasser der QE2; in der Abenddämmerung verloren wir sie bald aus den Augen. An Bord der “Sun” herrschte aufgekratzte Stimmung, wenn auch nicht die trunkene Ausgelassenheit, die auf Karibikkreuzfahrten überhand nehmen kann; dafür war das Durchschnittsalter der Gäste zu hoch.  Mehrere Kapellen spielten, und wir, meine Frau und ich, schmausten und tanzten bis tief in die Nacht. Das Ankern in Le Havre am nächsten Morgen verschliefen wir, während viele unserer Mitpassagiere bereits in Bussen nach Paris oder zu nordfranzösischen Sehenswürdigkeiten saßen; wir bedauerten es nicht, denn wir kannten die Stadt und Umgebung bereits, mußten uns das nicht wieder antun, und in Paris hatten wir mal monatelang gelebt. Wir bestellten uns ein spätes Frühstück in die Kabine und guckten, während wir am Gebäck knabberten, auf das verregnete Hebekranterrain des Hafens. Eigentlich wollten wir uns einen faulen Anbordtag machen, spazierten kurz nach eins dann doch auf einen kleinen Regenschirmbummel in die Stadt und riefen von dort um zwei unsere Tochter an, für die vierzehn Tage zuvor das erste Semester ihrer Graduate Studies in Kunstgeschichte begonnen hatte. Es war acht Uhr morgens an der US-Ostküste, und sie war auf dem Sprung, zur Uni zu fahren.

“Hier ist grauenhaftes Wetter”, sagten wir, obwohl es uns eigentlich nicht besonders auf den Wecker ging—was man so am Telefon über den Ozean hinweg sagt, wenn’s sonst nicht viel zu erzählen gibt.

“Und hier ist es wunderschön”, erwiderte sie, “klarer blauer Himmel, angenehme Temperatur, einfach paradiesisch. Nach dem Seminar fahre ich aufs Land zum Reiten.”

Kurz vor drei schlenderten wir wieder zum Schiff. Die ersten Ausflugsbusse kehrten soeben zurück, und die Decks füllten sich mit gutaufgelegten Menschen. Nach einem Umweg über die Cafeteria, wo wir dem üblichen Sortiment an Fischen, Fleischen und Salaten schlecht widerstehen konnten, zogen wir uns auf unsere Kabine zurück. Für den Abend war der erste Kapitänsempfang angesagt, da wollten wir Abendkleid und Smoking inspizieren, ob sie die Reise im Koffer unverknittert genug überstanden hatten oder das Bügeleisen brauchten.

Ich war im Bad, als ich meine Frau rufen hörte: “Unglaublich! Das darf doch nicht wahr sein!” Ich stürzte ins Zimmer zurück. “Ist was passiert?” Sie hatte den Fernseher angemacht, und auf dem Bildschirm nahm der Horror seinen Lauf.

“Ist das ein Spielfilm?” Das konnte doch nur ein Spielfilm sein—so scheinbar realistisch und doch in Wirklichkeit irreal wie fast ein halbes Jahrhundert zuvor das Orson Welles-Hörspiel “War of the Worlds”...

“Auf CNN gibt’s keine Spielfilme.”

Als die Norwegian Sun am Abend Le Havre verließ, lachte an Bord niemand mehr. Zwar blies der norwegische Kapitän seinen Empfang nicht ab (im Gegensatz zum britischen Kapitän der QE2, wie wir später von unseren Freunden hörten), und die überwiegend älteren Herrschaften hatten sich trotz allem in Schale geworfen und zu Festessen und Sekt von dem Irrwitz getrennt, der in ihren Kabinen über die Fernseher flackerte, aber viele befanden sich kopfschüttelnd in einer eher tranceartigen Verfassung. Die meisten Passagiere waren Amerikaner, und davon wiederum ein Großteil aus New York, New Jersey, dem Washington-Baltimore-Philadelphia-Korridor und den Neuenglandstaaten. Während die Kellner Sekt herumreichten, wurden die ersten besorgten Spekulationen laut—über Freunde, Verwandte, Bekannte, die in den Twin Towers oder deren Umgebung entweder arbeiteten oder gelegentlich zu tun hatten. Meine Frau und ich dachten an Freunde im nicht weit entfernten SoHo-Bezirk, und wir überlegten, wen wir im Pentagon kannten. Es war ein stiller Empfang, selbst die Kapelle enthielt sich allzu forschfröhlicher Melodien. Wir klatschten nur einmal—als der Kapitän bei seiner Begrüßungsrede ankündigte, man arbeite daran, auf dem Schiff eine kostenlose Telefon- und Internetbank für Kontakte in die USA einzurichten.

Am nächsten Tag, als wir in Cobh, Republik Irland, festmachten, standen die Leute des Städtchens mit ernsten Gesichtern Spalier an der Gangway, um uns Passagieren ihr Beileid auszusprechen. “We are so sorry”, sagten sie, “so sorry!” Wir liefen ein bißchen ziellos durch die Gassen, riefen unsere Tochter an, sobald an der East Coast der Morgen dämmerte; sie berichtete, daß bei Freunden in New York der Trümmerstaub durch die Ritzen in die Wohnung gedrungen sei, daß andere Bekannte wegen des geschlossenen Himmels über Amerika fern von zuhause festsäßen—aber was war das schon gegen mehrere tausend Ermordete?

Es dauerte weitere zwei Wochen, bis wir wieder in den U.S.A. landeten—zwei Wochen, in denen sich das Bordleben und die Landausflüge überraschend schnell “normalisierten”; zu sehr erschienen auf dem fernen Meer die Terroranschläge immer noch wie Albträume, von denen man sich beim Aufwachen nur freizuschütteln brauchte. “Unglaublich”, sagten wir zwar allzu oft, manchmal unisono, und blieben dann ein paar Sekunden stumm, in denen uns keine Wahl blieb, als die “unglaublichen” Fernsehbilder wieder und wieder in unseren Köpfen abzuspulen… wo sie mit brutaler zweidimensionaler Unerbittlichkeit liefen, egal wie schwer es für uns war, uns die Zerstörungen in drei Dimensionen vorzustellen.

Oder eigentlich vier Dimensionen, wobei die vierte Dimension im Geruch lag. Da der New Yorker Hafen für zivile Schifffahrt gesperrt blieb, mußte die Norwegian Sun Boston anlaufen. Dort mieteten wir uns ein Auto und fuhren erstmal heim nach Virginia, packten aus, konnten es immer noch nicht fassen. Doch wenige Tage darauf, Anfang Oktober, fuhren wir zu einer Podiumsveranstaltung nach New York. Von unserem Hotel in SoHo war es weniger als eine halbe Stunde Fußweg zum eingestürzten World Trade Center. Und so gingen wir an diesem schönen Herbstabend die Bowery hinunter. Bei den Erinnerungen, wie wir in den vergangenen Jahrzehnten ein halbes Dutzend Mal zur grandiosen Aussicht vom hundertsiebten Stock hinaufgefahren waren—alleine, mit Freunden, mit Eltern, mit unserer Tochter—, stockten uns ein paarmal die Schritte.

In Chinatown schien alles seinen gewohnten Gang zu gehen, bis sich zwischen die süßsauren Aromas der vielen Restaurantküchen ein eher brennender Geruch mischte und anfing, unsere Nasen zu überwältigen. Kurz darauf erschienen die ersten Klebezettel an Laternenpfählen und Verkehrsschildern, dann die Tafeln mit den Fotos der Vermißten, der Opfer, untermalt vom Knattern der Preßlufthämmer, dem Rumpeln der Bagger und Bulldozer, mit denen weitergesucht wurde. Wir gingen weiter, vorbei an den Ruinen der Gebäude, die ausgebrannt, aber nicht eingestürzt waren, vorbei an Polizisten und Arbeitern; niemand hielt uns auf. Über allem, immer penetranter, lag dieser stechende Gestank von Zerstörung und Tod, der uns, mit unseren überreizten Schleimhäuten, eigentlich längst hätte in die Flucht schlagen sollen. Aber wir konnten nicht anders als einen Fuß vor den anderen setzen, bis wir plötzlich dastanden, niesend, hustend, und mit tränenden Augen auf die schiefen, unheimlichen, gotisch-kathedralischen Bogenstümpfe starrten, die letzten erkennbaren dreidimensionalen Überreste jener Türme, die einst zu Aufschwung und Fortschritt aufgerufen hatten.

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