Archi W. Bechlenberg / 14.07.2019 / 06:25 / Foto: Infrogmation / 18 / Seite ausdrucken

Attentat mit Musik

Was tut sich eigentlich so auf dem Buch- und Musikmarkt? Als Leitkulturbeauftragter habe ich mich in den Gewerken Lesen und Hören umgetan. 

Ein neuer Krimi liegt vor, erschienen im Vaginini Verlag. „Tote Syrer rauchen nicht“ ist thematisch auf der Höhe der Zeit und an Spannung schwer zu übertreffen. Um was geht es?

Der syrische Flüchtling Hussein fristet ein freudloses Dasein in Berlin. Obwohl er alle nötigen Papiere druckfrisch vorweisen kann, verweigert man ihm die Anerkennung als Spezialist für kieferchirurgische Minimalinversion. Ohne Anerkennung hat Hussein keine Chance, in seinem erlernten Beruf tätig werden zu können. Kein Wunder, dass der einst in seiner Heimat hoch geachtete Mediziner immer mehr ins Abseits gerät. In seiner Verzweiflung beginnt er, mit Drogen zu handeln, zuerst ist es nur Marihuana im Görlitzer Park. Darüber lernt er eine Reihe aktiver Politiker kennen, doch die sind offenbar nicht daran interessiert, ihren Händler zu verlieren. Niemand setzt sich für ihn ein. So kommt, was kommen muss;  bald bietet Hussein auch harten Stoff an: für einen zwielichtigen Visegrad-Europäer vertreibt er unverzollte Zigaretten rund um den Alexanderplatz. Damit ist sein Schicksal besiegelt, Müllmänner finden ihn als grässlich verunstaltete Leiche im Hinterhof eines Kreuzberger Hinterhauses. Kann Kommissarin Nicola „Nicki“ Schreier den oder die Täter ermitteln? Eine schwere Aufgabe, ausgerechnet jetzt, wo sie selber psychisch nicht auf der Höhe ist, leidet sie doch unter der Trennung von ihrer langjährigen Partnerin Birte, die infolge einer Geschlechtsanpassung seit vier Wochen Egbert heißt und nach Wuppertal gezogen ist, wo sie in einer Fourth-Foot-Boutique gebrauchtes Schuhwerk feilbietet. Die Kommissarin erkennt jedoch, dass der komplizierte Fall sie von ihren privaten Problemen abzulenken in der Lage ist, und so heftet sie sich mit aller Kraft auf die Spur der Täter. Und bald steckt sie mitten im Umfeld einer rechtsradikalen Nichtraucherorganisation (Motto: „Deutsche Mädel rauchen nicht! Und Burschen auch nicht!“)... 

Sollten Sie, liebe Leser, sich verwundert fragen, ob ich einen an der Murmel habe oder ob Sie in der Inhaltsangabe des nächsten ARD Tatorts gelandet sind: beides kann ich guten Gewissens verneinen. Den toten Syrer habe ich mir ausgedacht, aber geben Sie zu, Sie haben beim Lesen gedacht: „Muss ich mir diesen  Mist jetzt auch noch hier antun lassen?“ Denn ohne Frage könnte das tatsächlich eine Episode aus einem beliebigen öffentlich-rechtlichen Sender beschreiben. 

Papier aus verantwortungsvollen Quellen

Wie gut, dass es auch Krimis gibt, die deshalb thrillen, weil sie nahe an der Realität sind und Geschichten erzählen, die nicht irgendeinem politischen Kalkül in Richtung Volkserziehung folgen. So eine Geschichte ist „Das Attentat“, nach „Die Ministerin“ und „Der Fonds“ der dritte Polit-Thriller von Frank Jordan, dem Schweizer Autor, der eigentlich Monika Hausammann heißt. Erschienen ist „Das Attentat“ wie die beiden früheren Romane wieder bei Lichtschlag, was für sich schon eine Garantie dafür ist, dass das Buch nie von einer öffentlich-rechtlichen Anstalt verfilmt wird. Da nützt es auch nichts, dass es auf Papier aus verantwortungsvollen Quellen gedruckt wurde.

Um was geht es? Nicht um Lavendel, nicht um Basilikum, nicht um eine Tote, die im Netz eines bretonischen Fischers landet, auch nicht um eine strafversetzte Kommissarin, die aus Paris nach Nizza abkommandiert wird und dort den Tod eines Pariser Immobilienhais untersucht, dem eigentlich niemand nachtrauert, aber Mord ist nun einmal Mord. „Das Attentat“ beginnt turbulent, kaum werden zwei Personen vorgestellt, sind sie auch schon hin. Ein russischer Finanz-Oligarch stürzt samt Gattin und der Crew mit dem Privatjet ab. Da das nicht irgendwo über der Taiga oder dem Ural, sondern über der Schweiz passiert, wird der Fall von den dortigen Behörden untersucht. Der Leser weiß allerdings mehr als die Schweizer. Das Flugzeug ist nicht einfach so vom Himmel gefallen; ein Saboteur an Bord hat die Elektronik deaktiviert, und damit er etwas von den 10 Millionen Dollar hat, die er als Honorar für die Tat bekommt, ist er rechtzeitig mit dem Fallschirm abgesprungen. Die Frage: „Wer war's?“ hat sich somit bereits nach einigen Seiten erledigt, dafür steht nun die Frage „Wer hat es bezahlt?“ im Raum.

Wie bereits in den beiden vorher erschienenen Thrillern trägt auch „Das Attentat“ wieder den Untertitel „Kein Fall für Carl Brun“. Brun, leitender Ermittler des Schweizer Nachrichtendienstes, muss hier wieder einmal erleben, dass es bei Fällen mit politischer Brisanz keineswegs darum geht, Täter zu ermitteln und der Strafverfolgung zuzuführen. Ein russischer Oligarch ist nun einmal nicht einfach nur eine Privatperson, erst recht nicht, wenn seine Frau nicht nur attraktiv, sondern auch noch eine einflussreiche Politikerin ist. Oder war. Oder ist?

Ein abgestürztes Flugzeug als Büchse der Pandora

Der Fall ist heikel, was den Schweizern schnell klar wird. Was und wie weit darf ermittelt werden? Ist es nicht besser, den Absturz Absturz sein zu lassen und die Akte zuzuklappen? Da stehen dem Nachrichtendienst auf einmal mächtige Kräfte auf den Füßen, die es gar nicht schätzen, wenn sich ein abgestürztes Flugzeug als Büchse der Pandora entpuppt, in der sich so ziemlich alles befindet, was unsere Gegenwart und Zukunft bestimmt. Brun und sein Team bleibt nichts anderes übrig, als inoffiziell weiter zu ermitteln. Und das wird alles andere als Routine.

Es gibt etwas, das weitaus grausiger ist als Schilderungen von blutigen Leichen, sadistischen Morden und psychopathischen Killern: die Realität. Und mit dieser konfrontiert uns Frank Jordan in „Das Attentat“. Nicht durchgeknallte Ripper, sondern NGO, EU-Kommissare, Politfunktionäre, Lobbyisten, Banker, Wirtschaftsbosse lehren uns das Grauen, und da sie das zumeist geschickt und von den Medien gedeckt tun, merken wir davon nichts. Oder wenn doch, dann zu spät. 

Frank Jordan beweist auf 550 spannend zu lesenden Seiten, dass er eine gut recherchierte Geschichte in meisterhafter Sprache erzählen kann, mehr noch, dass er zugleich, ohne Zeigefinger, politische Ideen und Standpunkte vermitteln kann, denn nicht von ungefähr erscheinen die Bücher um Carl Brun in einem Verlag, der sich libertären Ideen verbunden zeigt. 

Gut möglich, dass Leser des Buches nach der Lektüre die alltäglichen Politik- und Wirtschaftsnachrichten in den staatlichen Medien mit anderem Verständnis aufnehmen werden. Denn mal ehrlich: Niemand von uns glaubt doch wirklich, dass alles genau so ist, wie es uns erscheinen soll. Oder?

Und jetzt zur Musik

Bereits im März erschien eine ungewöhnliche CD, die ich Ihnen wärmstens ans Ohr legen möchte. Eingespielt hat sie das norwegische Håkon Kornstad Trio. Kornstad, 1977 in Oslo geboren, gehört seit langem zu den innovativsten Musikern Skandinaviens, der auch international große Anerkennung genießt. Bugge Wesseltoft, Pat Metheny und Joshua Redman gehören zu den Musikern, die mit ihm aufgetreten sind und Platten eingespielt haben, und ein weltweites Publikum kennt ihn von Festivals in den USA, Canada, Brasilien, Japan, China und weiteren asiatischen Ländern.

Was zeichnet Håkon Kornstad nun besonderes aus? Es ist die ungewöhnliche Auswahl seiner „Instrumente“. Er spielt nämlich nicht nur Saxophon, er besitzt auch eine ausgebildete Tenorstimme. Zwei Welten vereinen sich in seiner Kunst, die des skandinavisch geprägten Jazz und des romantischen klassischen Gesangs. Das neue Album mit dem Titel „Im Treibhaus“ (eine Anspielung auf Wagners Wesendonck-Lieder) enthält daher Kompositionen von Schubert, Tosti, Verdi, Mascagni, Lalo, Grieg und Manuel de Falla. Unterstützt wird Kornstad von seinen beiden Mitmusikern Frode Haltli am Akkordeon und Mats Eilertsen am Contrabass, kurz: in einem wirklich ungewöhnlichen Umfeld. Das ist zeitgenössische Kammermusik, wie man sie so wohl noch nicht gehört hat. Wie das klingt, können Sie auf der Website Håkan Kornstads genießen. Wer, wie ich, dem Jazz ebenso viel Liebe entgegen bringt wie der Klassik, findet in dieser wirklich ungewöhnlichen Platte 42 Minuten Ohrenschmaus vom feinsten. Im Herbst kann man das Trio live in Hamburg (Elbphilharmonie, 2. Oktober) und Hannover (Gartenhaus im Hinterhaus, 3. Oktober) erleben.

Håkon Kornstad Trio
Im Treibhaus
Grappa Musikforlag
Website
 https://www.kornstad.com/  

Eine Kritik auf BR-Klassik 

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Leserpost

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Johannes Keil / 14.07.2019

Vielen Dank für den Buchtip. Ich habe aber mit „Die Ministerin“ angefangen. Und es liest sich spannend und gut! Und auch der Hinweis auf den Blog habe ich gerne genutzt!

Manni Meier / 14.07.2019

Oh Mann, Mr. Bechlenberg, da haben Sie aber echt Schwein gehabt, dass ich Sie doch noch entdeckt habe. Meine sonntäglichen Besuche auf der Achse sind nämlich seit einer gewissen Zeit ehr nur noch sporadischer Natur. Und auch heute wollte ich das Brodersche Blöckchen bereits nach der einigermaßen anstrengenden Lektüre der Liebesbeichte eines ihrer ebenfalls zigarrerauchenden und katzenliebenden Kollegen wieder verlassen und scrollte ehr gewohnheitsmäßig noch mal durch. Als das überfliegende Lesen Gewohnter stolperte ich natürlich sofort (die “Die alte Kanaille” Gainsburg, oder die Zwillinge Torkel und Tryggve gekochte Lemminge verspeisend, die mit jeweils zwei Scheiben salzigem Rentierschinken umwickelt sind, noch im Hinterkopf) über zwei nie gehörte Wortschöpfungen “Leitkulturbeauftragter” und “Vaginini Verlag” - das wird doch nicht… Und tatsächlich! T’ja Glückwunsch und Danke für den Literaturhinweis. Habe nämlich gerade den aus den oberen Regalbrettern geklaubten, aber zu Unrecht der Trivialliteratur zugerechneten Hans-Helmut Kirst; “Gott schläft in Masuren” beendet, und lechze nach lohnendem Lesestoff. Da kommt mir die Empfehlung eines 550 Seiten “Schmökers” gerade recht. Werde nächsten Sonntag langsamer scrollen, in der Hoffnung wieder einen echten Bechlenberg zu entdecken.

Prisca Kawubke / 14.07.2019

Danke für die beiden Tipps. Mal eine kleine Anekdote zum Thema syrischer Arzt-Flüchtling, es sei mir erlaubt, auch wenn es hier nicht ganz passt. Meine Cousine, die seit nunmehr über 25 Jahren nicht mehr in Deutschland lebt und in Groß-Britannien Medizin studiert hat, hat vor zwei Jahren mal überlegt, zurück nach Deutschland zu kommen. Parallel zu ihrer Bewerbung in einem Berliner Krankenhaus musste sie (obwohl sie in der Zwischenzeit nie die deutsche Staatsbürgerschaft abgelegt hat) einen Sprachtest machen, zusammen mit Ausländern, die ebenfalls als Ärzte in Deutschland arbeiten wollten. Naja, als Muttersprachlerin hat sie das geforderte B2-Level natürlich bestanden. Nach dem Test stand sie mit einem Syrer, der im Zuge der Flüchtlingskrise seit 2015 nach Deutschland kam und Arzt ist, noch draußen. Er hatte den Sprachtest ebenfalls bestanden. Meine Cousine dachte also, sie könne sich etwas mit ihm unterhalten, müsste mit B2-Level ja möglich sein. Nach ungefähr drei Sätzen hat sie es sein lassen. Sie meinte, dass kein Gespräch mit ihm möglich war. Er war der deutschen Sprache schlicht nicht mächtig. Sie kritisierte mir gegenüber, wie lasch in Deutschland generell die Hürden wären, um als ausländischer Arzt eine Erlaubnis zu praktizieren zu bekommen. Dieser syrische Arzt durfte von da ab in Deutschland als Arzt arbeiten. DAS ist die Realität. Übrigens: Meine Cousine lebt mittlerweile in Kanada, wo es ihr nach vielen, sehr vielen zu nehmenden Hürden nun erlaubt ist, als Ärztin in einem Krankenhaus zu arbeiten.

Gabriele Schulze / 14.07.2019

@Hjalmar Kreutzer: genau, Feind liest mit! Aber wer weiß, Herr Bechlenberg - vielleicht dient Ihr Skript doch als Inspiration für den einen oder anderen Tatort-Schreiber. Und er traut sich, subversiv etwas von der unbequemen Realität unterzubringen. Zum Beispiel ein deutsches Freibad als Tatort….Danke für Håkon Kornstad und schöne Grüße an Django.

Johannes Schuster / 14.07.2019

Kriminelle Flüchtlinge sind nur die Ausführungsgehilfen, - rechtlich gesehen - die Kriminellen (Anstifter) sind Deutsche - bitte ! Das deutsche Unterbewußtsein betreibt diesen Import um für sich eine Begründung zu erhalten, ein totales System errichten zu dürfen. Wenn dieses System dann gerechtfertigt ist, nachdem der Staat nach rechts gewandert ist, wird auch diese Maske der Teddybären fallen und die Welt hat das alte Deutschland wieder.

Thomas Taterka / 14.07.2019

Es war immer mein ,- zugegeben - “kindlicher Glaube”, daß die Welt bewohnbarer und ein wenig freundlicher wird durch intelligente Musik als durch Parteitage. Oder auch : zur Teilnahme einladender ! Darum habe ich entschieden mehr Zeit , rauchend auf dem Sofa liegend , Klängen lauschend , verbracht,- als mit Zankereien , und wenn ich womöglich eines Tages dafür hängen soll, bitte ich um die Gnade, als unverbesserlicher Narr , -nach meiner Wahl ,“hinausbegleitet” zu werden .

Ilona G. Grimm / 14.07.2019

Hallo Herr Bechlenberg, ich habe tatsächlich gedacht, dass Ihnen irgendjemand irgendwas in Ihr Müsli gekippt haben muss. Und habe nur die ersten ca. zehn Zeilen Ihres Beitrag gelesen und mich dann ausgeklinkt. Etwas später dann dachte ich, so ein Spinner ist der Archie W. Bechlenberg doch gar nicht und habe auch den Rest gelesen. Wie bin ich nun erleichtert! Und das Buch ist schon gekauft. Danke für den Tip!

R.E,Rath / 14.07.2019

Hallo, Herr Bechlenberg - nur ein ergänzender Hinweis: Der Egbert hat sich halb in Birte zurückwandeln lassen - er ist jetzt sein eigener Zwilling und wohnt von ihr getrennt in List auf Sylt.

Jens Richter / 14.07.2019

@Hjalmar Kreutzer Fast genau so einen Tatort habe ich kürzlich gesehen: in der Rahmenerzählung werkelt ein syrischer Kinderarzt in einer (schwarzen) Putzkolonne. Man hatte seine Examina einfach nicht anerkannt. Dann kommt der Clou. Endlich wird seinem Asylgesuch stattgegeben. Der Kinderarzt jubelt und teil dem Heimleiter mit, dass er seine Familie nun endlich nachkommen lassen würde. Der Heimleiter nimmt ihm jede Hoffnung, denn das grausame System zwingt sie alle in eine private Krankenversicherung, Kostenpunkt €7.500 Euro monatlich. Erbittert und enttäuscht beschließt der Facharzt, in seine Heimat zurückzukehren. Wenn ich mich recht erinnere, war’s ein Frankfurter Tatort.

Wiebke Lenz / 14.07.2019

Ich danke Ihnen, Herr Blechenberg, aufrichtig für diese Rezensionen. Beides hört sich für mich durchaus interessant an: Zum Einen, da ich eine “Leseratte” bin (und deshalb von der Buchhandlung meines Vertrauens vom “bösen Haus” spreche - ich darf nur mit einem begrenzten Budget hinein) und zum Zweiten, da ich auch für (in meinen Augen) anspruchsvolle Musik ein Vermögen ausgeben könnte - so ich dieses hätte.

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